Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 23.11.2018

„Ich wachse schön in meine Haut“

Schauspielerin Susanne Wuest brilliert in internationalen Filmen und Serien. Ihr Antlitz ist schön, wirkt fast fragil, im Inneren pulsiert eine zielstrebige „Leistungssportlerin“ mit klaren Prinzipien.

Bild 1811_N_1811_N_Coverstory_SWuest6_c_Alicia Kassebohm_Susanne Wuest Nobi Talai1.jpg
(© Alicia Kassebohm / Nobi Talai)

Sie wusste, was sie will, noch bevor sie wusste, wie es heißt. „Jedes Buch, das ich als Kind las, spielte ich nach“, sagt sie. Um Schauspielerin zu werden, setzt sie mit 15 alles auf eine Karte: Sie packt ihre Sachen und zieht aus. Aus einem gutbürgerlichen Haus mit zwei jüngeren Schwestern in Leobersdorf, Bezirk Baden, nach Wien.

Heute lebt Susanne Wuest in Berlin und London, in mehr als 50 Filmen spielte sie bereits (siehe Info). Als sich endlich eine Lücke in ihrem Kalender auftut, greifen wir sofort zu. Die Belohnung: ein Gespräch mit einer Schönheit, die gleichsam Feinfühligkeit und reflektierte Charakterstärke auf der Zunge trägt – und dabei auch noch über sich selbst zu scherzen vermag. 

NIEDERÖSTERREICHERIN: Sie spielen in László Nemes’ „Sunset“ („Napszállta“), der für den „fremdsprachigen Oscar“ nominiert werden soll. Wie haben Sie die Dreharbeiten in Ungarn erlebt?

Susanne Wuest: Ungarn steht mir sehr nahe. Ich habe auch jahrelang an der Grenze, am Neusiedler See, gewohnt. Diese beiden Länder, Ungarn und Österreich, haben so viel gemeinsame Geschichte, sie gehören für mich zusammen. Das merkt man an der Mentalität und an der Küche.

Die Situation war bei den Dreharbeiten noch nicht so schlimm wie jetzt, aber man wusste, in welche Richtung es geht. Umso überraschter war ich, wie gut die Stimmung in Budapest war, wie sehr diese Stadt blüht. Ich finde es tragisch, was gerade politisch passiert; man sollte aus der Geschichte gelernt haben. Vielen Kulturschaffenden wurde bereits der Geldhahn abgedreht.

Wenn die Menschen Vorgänge nicht nachvollziehen können, beginnen sie, in Parallelwelten zu denken. Da glauben sie, es braucht jemanden wie einen Trump oder einen Orbán (ungarischer Ministerpräsident, Anm.), der westernmäßig reinreitet und Ordnung schafft. Es gibt nur diese Figuren nicht wirklich. Das ist Populismus. Ich will aber nicht aufhören, daran zu glauben, dass das ein vorübergehender Unsinn ist. Außerdem: bestes Paprikahendl der Welt (lacht)!

 

Bild neu1811_N_Cover_SWuest_c_Pauline Darley_0034.jpg
(© Pauline Farley x mytheresa)

Vegetarierin sind Sie also nicht?

Nein, aber meine Ernährung ist zu 85 Prozent tatsächlich fleischlos. Das ist aber kein Problem, es gibt so eine fantastische vegetarische Küche und ich koche selbst viel. Schweinefleisch esse ich seit Jahren nicht mehr.

Warum?

Dieses unfassbare Leid in der Massentierhaltung ist für mich nicht vertretbar. Es stellt sich überhaupt die Frage: Wie gehen wir mit Leben um? Was für eine Gesellschaft will man sein? Eine Gesellschaft, die verschwenderisch mit Ressourcen umgeht und die ignorant gegenüber Leid ist? Was in Syrien passiert, ist absoluter Irrsinn und wir schauen alle zu. Oder wir schauen alle weg. Wir sollten doch schon weiter sein.

In einem Interview zum Film „Der Mann aus dem Eis“, der zu Ötzis Lebzeiten spielt, sagten Sie, wir hätten uns nicht viel vom steinzeitlichen primitiven Verhalten entfernt …

Null. Wir haben die Arroganz, zu denken, dass wir eine entwickelte Hochkultur sind. Ich verbringe nur so viel Zeit auf Facebook wie nötig; da kommt gestern ein Video in meiner Timeline, das einen Wahnsinnigen zeigt, wie er mit dem Jeep in eine Herde Emus fährt. Einfach zum Spaß. Was sind wir für eine Gesellschaft, dass wir solche Individuen hervorbringen, die so etwas Psychopathisches tun, sich dabei filmen lassen und auch noch Applaus dafür ernten? So etwas wäre keinem Neandertaler eingefallen. Aber: Wir werden nichts ändern können, solange wir uns nicht um die Menschen kümmern, die so etwas in sich tragen.

 

Bild 1811_N_Coverstory_SWuest7_c_Port au Prince Pictures Gmbh_ab-bild.dePremiere Iceman München.jpg
AUF ÖTZIS SPUREN. Mit „Der Mann aus dem Eis“-Team André Hennicke (l.) sowie Regisseur Felix Randau und Schauspielkollege Jürgen Vogel (© Port au Prince Pictures GmbH / ab-bild.de)

Sie bekamen schon als Kind Ihr erstes Angebot für eine Rolle. Sie durften es aber nicht annehmen …

Ich habe es mit zehn, elf tatsächlich zu einem Casting für einen ORF-Krimi nach Wien geschafft. Danach hat die Regisseurin sogar bei uns daheim angerufen, aber meine Eltern haben abgelehnt. Sie wollten kein arbeitendes Kind. Ich war aufgewühlt, irritiert, traurig. Ich habe mir geschworen, es wird nie wieder jemand anderer eine Entscheidung für mich fällen, deren Konsequenz ich selber zu tragen habe. Ich wusste: Bei der ersten Gelegenheit bin ich von Zuhause weg.

… und das geschah auch. Wie?

Ich bin mit 15 über Nacht nach Wien zu meiner Großmutter. Ich sagte zu ihr: Entweder bin ich jetzt hier oder ihr wisst nicht, wo ich bin. Ich habe mir neben der Schule Arbeit gesucht und ein gutes Jahr bei ihr gelebt, bis ich etwas Eigenes hatte.

Sie haben mit kleinen Jobs hinter der Bühne begonnen, bis Sie eine Chance bekamen, auf die Bühne zu gehen. Und zwar ohne Schauspielausbildung.

Als ich 18 war, begegnete ich Klaus Maria Brandauer bei einem Vorsprechen. Er hat mich engagiert und wollte mich mit ans Max Reinhardt Seminar nehmen. Ohne Prüfung. Ich habe viele Leute von dort kennengelernt und sie beobachtet. Schließlich habe ich entschieden: Egal wie groß die Verlockung ist, das ist nichts für mich.

Wow! Und dann?

Dann ging ich nach Berlin – und war arbeitslos (lacht). Aber für mich war klar, Schauspiel kann man nicht lernen. Auch nicht unterrichten. Ich hatte vor ein paar Monaten ein Angebot von einer Universität in Asien  und habe nach langem Nachdenken abgelehnt. Da gibt es keine Formel, jeder Mensch ist anders. Andererseits glaube ich, dass jeder spielen kann, wenn man ihn hinführt. Ob jemand gut wird, das hat nur mit der Person zu tun.

Sie spielen vorrangig in packenden, ernsten, auch verstörenden Filmen. Haben Sie auch Lust auf Komisches?

Absolut! Wahrscheinlich kriegt es dann auch etwas Verstörendes (lacht). Ich bin daran interessiert, Dinge zu tun, die eine Wahrheit in sich haben. Und jede Wahrheit ist hässlich, wenn man nur nahe genug rangeht.

 

Bild 1811_N_1811_N_Coverstory_SWuest10_c_18Gray.jpg
BRANDNEU. In Viktor Chouchkovs „18 % Gray“ spielt Susanne Wuest Frida. Ein Autounfall bringt sie mit dem Hauptprotagonisten Zack zusammen. Premiere ist Anfang 2019. (© Chouchkov Bros.)

Sie spielten die Hauptrolle in „Ich seh Ich seh“. Der österreichische Horrorfilm gewann zahlreiche Preise. Öffnete er Ihnen internationale Wege?

Viele glauben, wenn man das und das erreicht, dann passiert etwas Großes. Das stimmt nicht. Man muss konsequent sein, das ist härtest­e Arbeit, die ich seit mehr als 20 Jahren leiste. Da steckt viel Disziplin, eine Sportlermentalität dahinter. Es geht immer Schritt für Schritt. Man muss sich ständig an der Frage orientieren: Ist der nächste Schritt die höchste Qualität, die ich leisten kann – und zwar ungeachtet dessen, wie viel Geld dahinter steht. Jeder einzelne von den 55 Filmen ist ein Puzzlestück. Ich möchte nicht einem eine größere Bedeutung geben als den anderen. 

Es existieren von Ihnen wunderschöne Fotos in Mode. Wie gefällt Ihnen die Rolle als Model?

Ich werde das oft gefragt und das ist ein Riesenkompliment: Aber ich habe nie gemodelt (lacht). Ich habe eine Nähe zu Designern, weil ich deren Arbeit großartig finde. Aber die Fotostrecken, die erscheinen, promoten tatsächlich jeweils einen Film. Mit Ausnahme der Strecke von Pauline Darley (siehe Cover), für die mich Mytheresa ausstattete; uns verbindet eine besondere Beziehung. Vor Jahren sprach mich Pauline in einem Pariser Fastfood-Laden an, fragte, ob sie mich fotografieren darf. Ich konnte kaum Französisch, sie wenig Englisch und trotzdem: Seither treffen wir uns regelmäßig und machen gemeinsam Fotos.

 

 

Bild 1811_N_1811_N_Coverstory_SWuest9_c_Susanne Wuest Iris van Herpen1.jpg
IN TRAUMROBE VON IRIS VAN HERPEN. Bei den London Fashion Awards. (© privat)

Man findet kaum etwas über Ihr Privatleben …

Das spielt sich nur auf Flughäfen ab (lacht).

Haben Sie Zeit für eine Beziehung oder sogar die Vision von Kindern und Familie?

Wenn man sich entschließt, in der Öffentlichkeit zu stehen oder weil es ein Teil dessen ist, was man macht, hat man nicht das Recht, die Entscheidung für jemand anderen zu fällen. Familie und Lebenspartner, solange die andere Person nicht ebenfalls in der Öffentlichkeit steht, müssen heilig sein. Man muss sich ein paar Geheimnisse bewahren (lacht).

Wie ist Ihre Beziehung zur Heimat?

Meine Familie lebt nach wie vor in Niederösterreich; ich liebe und vermisse sie. Wir telefonieren viel, aber das ist nicht dasselbe, wie wenn man zusammensitzt. Zu Weihnachten bin ich aber sicher wieder bei ihnen.

Die schönsten Momente – was fällt Ihnen dazu ein?

Egal wie viel Geld, wie viele Preise man bekommt, die kann man alle in eine Box am Dachboden stellen. Was bleibt, sind die Menschen, mit denen man Zeit verbracht hat, wie dieses besondere Team von „Sunset“. Die schönste Premiere habe ich mal bei einem Regisseur erlebt: Wir haben alle gemeinsam in seinem Keller die Fernsehausstrahlung angesehen.

Oder erst vor wenigen Monaten bei der Pariser Fashionweek: Ich hatte das unglaubliche Privileg, dass mich Dolce & Gabbana eingeladen hat, in einer Suite ihre Haute Couture-Modelle zu sehen. Diese unglaublichen Kleider, präsentiert wie in einem Museum – ich bin dort rausgeschwebt! Sich berühren zu lassen von Kunst, Literatur, Film, Theater, das ist das Schönste, wozu ein Mensch fähig ist. 

Welche Rollen lehnen Sie ab?

Jede Darstellung von Menschen, die ein bösartiges Klischee wiedergibt. Ich hatte erst so einen Fall. Ich sollte eine Frau spielen, die unscheinbar ist und der Rolle war zugeschrieben, dass sie übergewichtig ist. Was ist das für ein widerliches Vorurteil?! Ich habe eine Verantwortung, so einen Scheiß mach‘ ich nicht.

Sie haben kaum Zeit für Urlaub, wie schöpfen Sie Energie?

Hierfür habe ich eine privilegierte und eine weniger privilegierte Lösung (lacht). Entweder ich sage alles ab für den restlichen Tag, schalte mein Handy aus und setze mich in den nächsten Park. Manchmal entfliehe ich der Hektik einer Stadt zwischen zwei Terminen auch in der Kirche. Das ist ruhiger als ein Café. Die andere Variante ist – und dafür sind Berlin und London perfekt – Freitag ans Meer fahren und bis Montag aufs Wasser schauen. Wir sollten alle öfter das Handy abdrehen.

Zukunftsvisionen?

Es muss nicht leichter werden, auch nicht schwerer, ich würde gerne diesen Weg weiterverfolgen. Alles, was in den letzten Jahren passiert ist, hat so viel Qualität, so viel Tiefe. Ich habe das Gefühl, ich wachse gerade so schön in meine Haut rein – mit Ende 30.

 

Bild 1811_N_1811_N_Coverstory_SWuest8_c_mytheresa.com Venedig DG 3 2018.jpeg
VENEDIG. Mit „Sunset“ („Napszállta“) beim Filmfestival – in Dolce & Gabbana. László Nemes‘ Film erhielt dort den Kritiker-Preis. (© mytheresa.com)

Zu sehen in …

„Sunset“, Regie: László Nemes, Kino­start Herbst/Winter 2018

„Parfum“, streng geheim gehaltene ZDF­neo-Serie (ab 14. November 2018, danach weltweit auf Netflix) 

„Lore“, US-Serie auf Amazon (Episode „Hinterkaifeck“)

„18 % Gray“, Regie: Viktor Chouchkov, Filmstart 2019

Auswahl aus der Vergangenheit:

„Licht“ (Barbara Albert)

„Der Mann aus dem Eis“ (Felix Randau)

„Ich seh Ich seh“ (Veronika Franz, Seve­rin Fiala)

„Antares“ (Götz Spielmann)