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People | 27.11.2018

Wovon Schwalben träumen

Die promovierte Biologin, Schreibpädagogin und Autorin Daniela Meisel legt mit ihrem neuesten Roman, inspiriert von der Willensstärke ihrer Großmutter, ein Stück niederösterreichische Zeitgeschichte vor. Geschrieben in einer Sprache, die einem noch lange im Herzen nachklingt.

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DANIELA MEISEL. Aufgewachsen in Baden, lebt die Autorin mit ihrem Mann und den drei Kindern in Pfaffstätten. (© Elisabeth Novy)

Die junge Wissenschaftlerin Marie bekommt von ihrem 20 Jahre älteren Freund und Uni-Professor einen Heiratsantrag. Obwohl die Beziehung gut läuft, fühlt sich Marie unfähig, zu antworten. Der Professor setzt ihr ein Ultimatum und Marie sperrt sich für die Entscheidung in die Wohnung ihrer verstorbenen Großmutter ein. Anhand von Fotos, Schmuck und anderen Erinnerungsstücken resümiert sie das Leben dieser selbstbestimmten Frau: Es sind die 1930er-Jahre, eine fiktiver Ort namens Engen im Waldviertel. Katholisch geprägt und konservativ. Hier wächst Freda in einem Gasthof als uneheliches Kind auf. Der Vater, ein Grafensohn, enttäuscht darüber, dass Freda kein Stammhalter wurde, kümmert sich nur selten um die Tochter, heiratet letztlich eine andere Frau und zieht nach Wien. Von der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt, findet Freda im neuen Mitschüler Benjamin einen Freund – eine erste zarte Liebe keimt auf. Benjamin ist Jude, der Krieg zieht herauf, die Familie verschwindet. Aber das willensstarke Mädchen lässt sich nicht brechen und fordert später ihre Rechte als Frau ein ...

Der Roman „Wovon Schwalben träumen“ erzählt von dem Wunsch, Träume leben zu dürfen – abseits von Geschlechterrollen, Tradition oder Herkunft. „Er ist vom Leben meiner wilden und freien Großmutter inspiriert, die schon früh ihre Rechte als Frau einforderte. Ein Umstand, den ich bei jungen Frauen heute oft schmerzlich vermisse“, sagt Daniela Meisel, die 2017 den Niederösterreichischen Anerkennungspreis für Literatur erhielt.

 

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Wild und unangepasst. Die Großmutter im Waldviertel der 1930er-Jahre

Niederösterreicherin: Frau Meisel, wie haben Sie die Geschichte Ihrer Großmutter erfahren? 

Daniela Meisel: Meine Großmutter, die ich immer sehr bewunderte, starb 2000, ich war damals 23 Jahre alt. Sie konnte sehr gut und schwungvoll erzählen und so habe ich ihr immer gerne zugehört. Meine Mutter hat dann noch die Lücken gefüllt.

Wie konnte in diesem damaligen Umfeld ein derart unangepasstes, ja modernes Mädchen heranwachsen?

Als uneheliches Kind hatte sie so viel Gegenwind, aus dem sie wohl die Kraft und den Mut zur Rebellion entwickelte.  Die Mutter wollte eine junge Dame aus ihr machen, die Mitschüler und Eltern haben sie und auch ihre Mutter ausgegrenzt. Da kann man sich entweder ducken oder fürs Aufstehen entscheiden – wie meine Großmutter. Und da war dann noch der Vater, der einen Sohn wollte. Also hat er versucht, seine Tochter umzuerziehen, in dem er ihr immer wieder Mutproben aufgegeben hat. Einerseits wollte er einen Sohn aus ihr machen, andererseits hat er ihr die Freiheiten eines Sohnes aber nicht gewähren wollen. Mein Urgroßvater war für mich eine sehr interessante Figur, weil dieses offene Ausleben einer Feindschaft dem Weiblichen gegenüber, das trägt sich ja in Generationen fort ...

Im Roman überlässt Fredas Mutter die Entscheidung darüber, ob der Vater nach seiner gescheiterten Ehe in Wien wieder in der Familie aufgenommen wird, der Tochter. Sie lehnt ab, der Vater stirbt. Wie konnte Freda mit dieser „Schuld“ umgehen?  

Der Roman ist keine Biografie, er lehnt am Leben meiner Großmutter. Eine Figur hat ja auch immer ein Eigenleben, sie lenkt sich ein Stück weit selbst. Es hat mich aber verwundert, dass das, was ich mir ausgedacht habe, dann doch so nah an der realen Figur dran war. Ich bin über ein Bild gestolpert, wo meine Großmutter eine selbstgenähte Hose trägt, das sah genauso aus, wie ich mir Freda vorgestellt habe! Ich bin mir nicht sicher, wie viel ich intuitiv erfasst habe – oder habe ich das Bild schon einmal gesehen? Wie ich meiner Mutter erzählt habe, was ich geschrieben habe, hat sie ganz oft gesagt: „Das war eh so.“ Aber zur Frage über die „Schuld“ – wie sie damals tatsächlich damit umging, kann ich nur vermuten. Im Roman hilft Benjamin Freda zu begreifen, dass sie keine Schuld an dem Tod des Vaters trägt. Und ja, ich denke meine Urgroßmutter hat irgendwann begriffen, wie stark dieses Kind war.

War auch Ihr Großvater seiner Zeit voraus, in dem er als Schuldirektor „weibliche Pflichten“ übernahm? 

Unbedingt. Meine Großmutter hat von ihm eingefordert, fünf Jahre warten zu müssen, bevor sie ihn heiratet, damit sie sichergeht, dass die Liebe noch da ist. Dann hat sie von ihm verlangt, dass sie ihr Leben lang Vollzeit arbeiten kann. Er war Lehrer und hat sich an den Nachmittagen um die Kinder gekümmert, eingekauft und geschaut, dass die Hausaufgaben gemacht sind. Im Ort hat das natürlich nicht jeder gutgeheißen, dass der Herr Schuldirektor diese Dinge erledigt, während seine Frau arbeitet, aber da hat sie sich nie was dreinreden lassen. Das Wunderbare an dieser Übereinkunft war, dass beide miteinander glücklich wurden. Das hat eine enorme Vorbildwirkung, denn oft befürchten Männer ja, der Feminismus würde ihnen etwas wegnehmen. Aber meine Großeltern lieferten ein Beispiel dafür, wie gewinnbringend es sein kann, wenn beide Partner aufeinander zugehen.

 

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"Meine Großmutter forderte schon 

früh ihre Rechte 

als Frau ein."

Daniela Meisel

Wie erlebten Sie die Recherche über die Zeit des Nationalsozialismus im Waldviertel?

Ich hatte Erzählungen der Familie und die Geschichten meiner Großmutter im Kopf. Als mein Großvater, ihr wichtigster Partner, schon tot war, hat sie mir dann von diesem Jungen, ihrer Jugendliebe erzählt, der im Buch Benjamin heißt. Dann habe ich mir über die Geschichte des Waldviertels Bücher besorgt, denn mir war klar, dass ich den aufkommenden Nationalsozialismus thematisieren muss. Es hat immer geheißen, im Waldviertel sei der Antisemitismus ganz plötzlich gekommen und es habe keine Vorzeichen gegeben – grad waren die jüdischen Mitbürger gute Freunde und am nächsten Tag hat die Ausgrenzung begonnen. Das konnte ich nicht glauben. Ich dachte wirklich, über solche Märchen sind wir hinweg. Dann habe  ich mir Vorträge angehört, Interviews geführt. Und mein Misstrauen hat sich bestätigt ...

Zu Benjamin, der mit seiner Familie über Nacht verschwunden ist. Wissen Sie, was aus seiner Familie geworden ist? 

Meine Großmutter hat mir erzählt, dass während des Krieges eines Tages die Wanduhr stehen blieb. Da hat sie gewusst, ihr Freund – er hatte einen anderen Namen – ist tot. Das hat mich sehr berührt, aber ich habe es bewusst nicht im Roman verwendet. Dafür wäre es zu pathetisch gewesen. 

Im Titel „träumen Schwalben“, in Fredas schicksalsschwersten Stunden sitzt ein Habicht am Fenster, Freda träumt vom Fliegen – Ihre Großmutter wohnt im letzten Stock eines Hochhauses, „dem Blau so nahe wie möglich“. Ist das ein Zufall oder ein Synonym für Freiheit? 

Ganz klar ein Synonym für Freiheit. Allerdings wollte meine Großmutter tatsächlich Pilotin werden. Vor kurzem hab‘ ich die Schlagzeile gelesen: 30 Jahre Frauen im Cockpit. Da war sie einfach zu früh dran.

In wie weit hat Sie Ihre Großmutter in Ihrem Frausein inspiriert?

Ihr Mut inspiriert mich heute noch und dass sie nie aufgehört hat, zu träumen. Jungen Frauen heute wird doch vermittelt, dass wir Gleichberechtigung haben und dann gibt es oft ein böses Erwachen. Man merkt, dass das mit der Gleichberechtigung oft nur auf dem Papier steht. Man wähnt sich in Sicherheit und denkt, man muss seine Rechte nicht mehr einfordern, aber die Zahlen und die Lebensrealität sprechen eine andere Sprache. Man stolpert da so rein, weil wir ja heute viel gleichberechtigter wirken. Mir fehlt dieser Moment, wo junge Frauen darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Realität der Gleichstellung keine ist, dass man nachdenkt, was man einfordern darf und soll, und dass das nicht im Gegensatz zu einer glücklichen und erfüllten Beziehung stehen muss, ganz im Gegenteil. 

Haben Sie – wie im Roman – den Herzschlag Ihrer Großmutter nach Ägypten gebracht?

Das macht meine Tochter. Sie ist von Ägypten fasziniert seit sie fünf ist. Da denke ich mir manchmal, das kann doch kein Zufall sein ...

 

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Picus Verlag

ISBN 978-3-7117-2071-9

Lesungen der Autorin auf: www.daniela-meisel.com