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People | 19.02.2019

Ich stehe wieder fest

Vor exakt fünf Jahren starteten wir mit der Niederösterreicherin mit einer großen Coverstory über Ursula Strauss. Viel Trauriges, aber auch viel Schönes erlebte die beliebte Schauspielerin aus der Wachau seither.

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"Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, gibt es immer Lover und Hater", sagt Ursula Strauss (© Irina Gavrich)

Kräutertee, Espresso, Topfen-Marillen-Streuselkuchen am Tisch. Sie mag die Atmosphäre im Wiener Café West­end, sagt sie. Ursula Strauss lebt heute in Wien, mindestens das halbe Herz pocht aber immer am niederösterreichischen Donauufer, wo sie aufwuchs. Deswegen auch alle Jahre wieder ihr Festival „Wachau in Echtzeit“, regelmäßig an vielen Abenden ausverkauft. Und was sie sonst noch tut und bewegt …?

NIEDERÖSTERREICHERIN: Ganz aktuell: Du spielst in Adi Wojaczeks „Es wird besser“, einem international vielfach preisgekrönten Kurzfilm, die Mutter eines Burschen, der Cybermobbing-Opfer wird. Ein persönliches Anliegen?

Ursula Strauss: Adi Wojaczek ist ein wahnsinnig ehrgeiziger junger Filmemacher. Normalerweise sortiert mir meine Agentin vor, aber dieses Drehbuch habe ich direkt bekommen – und sofort gespürt, dass ich das machen will. Das ist gerade jetzt ein wichtiger Film: Die Jugendlichen sind viel mit Social Media konfrontiert. Unsere Generation hat sich einen gewissen Umgang damit erarbeitet, aber die meisten Kinder haben ihre Eltern längst überholt. Dieser Film muss in die Schulen!

Wie geht es dir mit Social Media? Auf Facebook bist du offenbar nicht mehr so aktiv.

Das war ich nie! Da gibt es Seiten, die tun so, als wären sie ich, aber das bin ich nicht. Ich habe generell soziale Medien lange abgelehnt und stehe ihnen noch immer kritisch gegenüber. Meine Arbeitswelt wird aber größer, auch in Richtung Deutschland. Dort herrschen andere Gesetze (schmunzelt) und mein PR-Berater, ein toller, spannender Mensch, sagte: „Frau Strauss, Sie müssen sich mit den Dingen, die heute passieren, auseinandersetzen, Sie müssen sich positionieren.“ In Deutschland ist es teilweise so extrem, dass Leute für Rollen nach der Anzahl ihrer Follower besetzt werden. Das ist absurd, damit kann ich nicht. Aber weil ich gerne fotografiere, habe ich mit Instagram angefangen. Versklaven lasse ich mich von diesem Tool aber nicht. Ich poste, was und wann ich will. So macht es mir Spaß.

Vielseitig

Ursula Strauss übernahm 2013 mit Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky die Präsidentschaft der Akademie des Österreichischen Films. Eine Auswahl der jüngeren Produktionen, in denen sie spielte: „Schnell ermittelt“ (Serien-Hauptrolle), „Maikäfer flieg“, „Pregau“, „Mein Fleisch und Blut“.

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(© Irina Gavrich)

Deine Beliebtheit bestätigen mittlerweile vier Romys. Kennst du auch die Kehrseite?

Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, gibt es immer Lover und Hater. Aber ich lese diese Postings bei Online-Artikeln nicht. Ich finde es in Ordnung, dass es das gibt, aber ich muss mir den Hass nicht abholen, das würde mir zu sehr weh tun. 

Wir leben in einer Zeit, in der das Wort Gutmensch, also zu versuchen ein guter Mensch zu sein, als Schimpfwort gilt. Da muss man sich warm anziehen. Soziale Kälte und ungefiltert seinen Hass abzugeben, sind momentan leider en vogue. Es darf viel Geld in die Rettung von Banken gesteckt werden, die ein paar Halawachln runtergeritten haben, aber sobald es um soziale Werte geht, um Migration oder um den Menschen selbst, wird jeder Euro umgedreht. 

Du stehst gegen Diskriminierung auf und unter anderem für Frauenrechte ein. Wie schätzt du die aktuelle Situation ein?

Die Demokratie in diesem Land ist fest verwurzelt, das heißt aber nicht, dass man nicht darauf aufpassen muss. Der Großteil hat ein warmes Herz und einen klaren Verstand; wir haben eine starke Zivilgesellschaft. Die Menschen leben gerne in Frieden und gehen gerne respektvoll miteinander um. Ein positives Beispiel ist die #MeToo-Debatte. Eine Gleichberechtigung haben wir damit noch nicht erreicht, aber über bestimmte Witze lachen nicht mehr so viele. Es hat sich etwas verändert. Ich bin statt eines „Gegen“ immer für ein „Für“: für die Kommunikation, für das Zuhören. Irgendwann gibt es hoffentlich eine Gesellschaft, in der sich Frauen und Männer respektvoll auf Augenhöhe begegnen. Aber dafür müssen noch Möglichkeiten geschaffen werden – bis dahin brauchen wir auch Quoten.

Du wolltest gerne, dass wir die Kopftuch-Ausstellung im Wiener Weltmuseum ansprechen („Verhüllt, enthüllt!“, bis 24. Februar, Anm.). Warum?

Weil sie so viele Dinge erklärt. Wir müssen wissen, was das für eine Tradition hat, um ein Urteil darüber bilden zu können. Männern mit Besitz­ansprüchen dem anderen Geschlecht gegenüber und mit patriarchalen Vorstellungen muss man etwas entgegenschleudern können. Wir müssen uns bilden, sonst haben wir keine Chance. Jede Frau sollte in diese Ausstellung gehen. Ich verstehe auch nicht: Wo sind all die Frauen in Österreich, wenn es um das Frauenvolksbegehren geht? So viele haben nicht unterschrieben, weil sie sich vor „radikalen Punkten“ gefürchtet haben. Aber wenn man keine radikalen Schritte geht, erreicht man selbst das Geringste nicht.

Frauen haben gekämpft und gelitten und das Frauenwahlrecht durchgesetzt. Doch viele waren dann überfordert, weil sie keine politische Bildung hatten. Eben das müssen wir von unseren Geschlechtsgenossinnen einfordern: sich damit auseinanderzusetzen, was wir den nächsten Generationen hinterlassen. Dieses Recht bedeutet auch eine Pflicht, eine Verantwortung.

Du engagierst dich für „Orange the World“, also gegen Gewalt an Frauen, sowie für die Kindernothilfe …

Es ist naheliegend, ich bin eine Frau: Ich weiß, wie es sich anfühlt in einem weiblichen Körper und wie es sich anfühlt, Übergriffen ausgesetzt zu sein. Ich weiß, wie es sich anfühlt, mit Kindern zu tun zu haben, denen es nicht gut geht. Ich habe Erzieherin gelernt, Kinder und Frauen – sie sind unmittelbar miteinander verbunden – habe ich zu meinem Thema gemacht.

 

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(© Irina Gavrich)

Wie gelingt dir Authentizität vor der Kamera? Trittst du aus deiner Realität heraus, bleibt Ursula Strauss da zu Hause?

Nein, sie hat die Kontrolle. Ich liebe extreme Verwandlungen, wie kürzlich bei den Dreharbeiten für einen Dornhelm-Kostümfilm (siehe Bild). Ich trug eine große Perücke, riesige Hüte, ein Mieder … Da nehme ich schon den Raum automatisch anders wahr, die Bewegungen verändern sich. Für mich ist das Entspannung, in eine andere Welt einzutauchen.

Ist das dein Antrieb?

Anfangs, als ich mich in meiner Haut noch nicht so sicher gefühlt habe, war das Spielen eine Art Flucht. Jetzt geht es um einen Lerneffekt. Es kann ein befreiender Vorgang sein, Schwächen, Ängste, Tränen loswerden zu können. Aber die Umstände sind oft auch anstrengend: wie zuletzt, als wir sechs Tage lang in einer eiskalten Berg­hütte in Deutschland drehten und ich eine Frau spielte, die entführt wurde. Wie schrecklich müssen solche Situationen sein, wenn sich schon die gespielte Realität so schlimm anfühlt?! Ich versetze mich in andere Menschen, in deren Welten. Ich empfinde diesen Beruf als Geschenk, weil er mich empathiefähiger macht. Weil ich mehr verstehe über andere, weil ich ihre Wahrheiten zulassen kann.

Reizt dich Hollywood?

Mich interessieren Projekte, Glamour reizt mich nicht, damit hat der Beruf auch wenig zu tun.

Es scheint, abseits der Filmsets nehmen das viele anders wahr.

Dieser Beruf hat viel mit Illusion zu tun und die funktioniert nur, wenn sie leicht daherkommt. Wenn du der Illusion die Anstrengung anmerkst, dann überzeugt sie nicht mehr. Insofern ist es ganz gut, dass man nicht die harte Arbeit sieht, die dahinter steckt (schmunzelt).

Wir, das Magazin NIEDERÖSTERREICHERIN, feiern unseren fünften Geburtstag. Dein persönlicher Rück- bzw. Ausblick?

Ganz oben auf der Liste steht: mehr Zeit für mein Privatleben. Rückblickend sage ich, dass all das, was passiert ist, selbst das Schlechte und das Traurige, hat mich stärker gemacht, nachdem es mir zuerst die Füße gebrochen hat (2014 hatte sie einen schweren Autounfall, wenig später starb ihr Vater, Anm.). Jetzt stehe ich wieder fest. Ich habe viel gelernt über mich und über das Krafteinteilen. Es waren die schwersten Jahre meines Lebens, aber seit gut eineinhalb Jahren ist es wieder lichter geworden, es darf wieder Leichtigkeit stattfinden, echtes Lachen und echtes Verbinden mit dem Gegenüber.

Wie gelang es „rauszukommen“?

Es braucht Zeit, bis man versteht, dass es Teil des Lebens ist, dass Verluste dazugehören, dass mein Papa trotzdem da ist, dass ich mich ihm ganz nahe fühlen kann. Die Familie, mein Mann, der mir täglich zur Seite gestanden ist, Zeit und Normalität haben geholfen.

Wie blickst Du in die Zukunft?

2019 wird ein intensives Drehjahr, darauf freue ich mich. Weiter …? Ich bin keine Planerin, ich bin chaotisch (lacht).

Das hätte ich bei deinem Arbeitspensum nicht vermutet.

Aber ich schaffe die größtmögliche Effizienz im Chaos – und bin dann hundertprozentig da. Mir selbst wünsche ich, dass ich gesund und glücklich bleibe. Sonst hätte ich gerne, dass es in fünf Jahren kein Plastik mehr gibt, dass noch mehr Frauen in wichtigen Positionen sind, dass keine Frauen durch häusliche Gewalt mehr sterben, dass niemand mehr den Klimawandel leugnet, dass die Schere zwischen Arm und Reich wieder kleiner wird …

Du bist feinfühlig und hast zugleich ein starkes Auftreten. Wie geht das?

Ich denke darüber nicht nach, sondern verbinde mich mit meinem Gegenüber. Ich habe keine Angst vor Menschen und definiere weder mich noch andere über Positionen. Ich sage auch einem hohen Politiker ehrlich, was ich mir denke, ich denke nicht in Machtgefügen.

Inspirierend!

Nicht nur. Es kann auch gefährlich sein (schmunzelt), aber bis jetzt ist es mir noch nie am Deckel gefallen.

Wie geht es dir mit der Bekanntheit?

Gut! Ich bin da langsam hineingewachsen. Ich kriege so viel Respekt, Liebe, positives Feedback. Natürlich auch Negatives, doch das macht einen zu einem ganzen Menschen, dass man das aushält. Aber dass ich das Herz von anderen Menschen berühren kann, das ist das größte Geschenk überhaupt. Natürlich kostet das auch viel Energie, aber ich habe eine Strategie, die lautet: Rückzug. Ich gehe nicht auf Partys, ich feiere zu Hause mit meiner Familie und meinen engsten Freunden.

Hast du dir schon mal gedacht: Ich hau‘ den Hut drauf?

Nein. Aber ich kenne existenzielle Ängste. Ich kenne Phasen, wo ich mir denke, jetzt bin ich zu alt. Aber ich streiche diesen Gedanken und sage: Es müssen einfach mehr Frauenrollen für jedes Alter geschrieben werden. Das regelmäßige Hinterfragen, ob das noch richtig ist, ob einen der Beruf noch befriedigt und glücklich macht, das ist notwendig. Selbstzweifel gehören dazu.

Dein Marlene Dietrich-Programm ist genial, du trittst nun auch mit Ernst Molden und Walther Soyka auf. Was bedeutet dir die Musik?

Ich habe das Singen immer geliebt, aber mich lange nicht getraut. Für mich ist das ein größerer Seelenstrip als das Spielen. Nach meinem Unfall ist mir der „Scheiß drauf“ reingefahren, weil ich mir denke: Was soll passieren?! Dann versinge ich mich halt oder hab’ mal einen Frosch im Hals, aber es macht mir so großen Spaß (lacht)! Ich bin mutiger geworden, weil es kann von einer Sekunde auf die andere vorbei sein. Das weiß man zwar, aber wenn man es so hautnah spürt, denkt man sich: Jetzt ist alles gut gegangen, ich muss was draus machen!

 

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Die Schauspielerin. 2019 kommt Dornhelms ORF/ZDF-Krimi „Liebermann“ ins Fernsehen, in Adi Wojaczeks „Es wird besser“ (Bild) spielt Ursula Strauss die Mutter eines Cybermobbing-Opfers.