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People | 08.03.2019

Frauenfilm ist keine Kategorie

In Niederösterreich gedreht, vielfach ausgezeichnet: „L‘Animale“ wühlt auf, macht Mut, zu sich selbst zu stehen. Filmemacherin Katharina Mückstein und Schauspielerin Sophie Stockinger im Talk.

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(© E. Okazaki

Im Wiener Wald und in den Föhrenwäldern von Wiener Neustadt dreht Mati ihre Runden. Auf dem Motorrad und im Kreis um sich selbst. Auf der Suche nach ihrer Identität, an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

Katharina Mückstein sezierte mit „L’Animale“ elegant das Zerrissensein zwischen inneren Sehnsüchten und äußeren Zwängen; ein Konflikt, der weder im Film, noch in der Realität nur Teenager betrifft. „L’Animale“ wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt das ganze Ensemble den Diagonale Schauspielpreis. In sechs Kategorien war er beim Österreichischen Filmpreis nominiert, Bernhard Fleischmann erhielt die von Valie Export kreierte Trophäe für die Beste Musik. Direkt vor der Verleihung im Wiener Rathaus trafen wir die Filmemacherin und ihre Hauptdarstellerin Sophie Stockinger, für die sie das Drehbuch geschrieben hatte, zum Interview: über Angst und Mut, über das viel zu enge Korsett der Geschlechterrollen und Zukunftsprojekte.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Dein erster Spielfilm „Talea“ (2013) hat euch zusammengeführt. Wie?

Katharina Mückstein: Ich hab‘ für „Talea“ ein 14-jähriges Mädchen gesucht, das die Tochter von Nina Proll spielen sollte. Sophie war beim Casting gleich die zweite, danach habe ich noch an die 100 Mädchen gesehen. Sie war ein Highlight! Eigentlich war sofort klar, dass ich mit ihr arbeiten will.

… und bei „L’Animale“?

Katharina: Die Hauptrolle habe ich für sie geschrieben. Ich hatte schon andere Stoffe in der Schublade, aber ich wollte sehr gerne noch einmal mit Sophie drehen, bevor sie erwachsen ist. Die Herausforderung war, eine echte Verwandlungsrolle zu schreiben. Ich habe sie in vielen guten Produktionen gesehen, aber immer wieder gedacht: Sie kann mehr, sie braucht eine komplexe Rolle, um sich weiterzuentwickeln.

Sophie, wie hast du euren gemeinsamen Anfang erlebt?

Sophie Stockinger: Ich fand‘s schon beim Casting cool; ich habe zuvor ausschließlich Theater gespielt (etwa im Kinderensemble „gut gebrüllt“, Anm.) und da erstmals den Reiz des Films entdeckt. Die Zusammenarbeit war eine super Zeit, Katharina hat mir sehr viel beigebracht, es wurde eine Freundschaft daraus – und auch ein sehr erfolgreicher Debütfilm.

Wie ist Sophies Arbeitsstil?

Katharina: Das hat mich schon bei „Talea“ beeindruckt: Obwohl Sophie noch ein Kind war, hat sie gearbeitet wie eine Erwachsene. Pragmatisch, an Lösungen interessiert und immer spielfreudig und diszipliniert. Sie hat dieses große Talent und ist eine intelligente, strukturierte Person.

Und umgekehrt?

Sophie: Ich mag Katharinas Genauigkeit in allen Belangen sehr. Ob das jetzt die Vorbereitung ist, Licht, Ausstattung und Kamera … Das fängt schon beim Drehbuch an; sie hat eine klare Vision von dem, was sie erzählen will und welche Stilmittel sie einsetzt, um gewisse Effekte zu erzeugen, ohne dass es je so ist „wie mit dem Vorschlaghammer“. Man kann „L‘Animale“ ansehen und ihn toll finden oder sich wirklich damit beschäftigen und feststellen: Dieser Film ist voll kleiner Details, in diesem Film liegt die ganze Welt.

Du gehst also mit genauen Vorstellungen ans Set?

Katharina: Der Drehbuch-Prozess ist ein langer, bei „L’Animale“ waren es zwei Jahre und ich weiß nicht, wie viele Versionen. Dann folgte die Vorbereitung. Nach drei Jahren intensiver Beschäftigung mit der Geschichte, wär‘ ich schön blöd, wenn ich nicht genau wüsste, was ich will (lacht).

 

L'Animale
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Im Wandel. Motocrossfahrerin Mati (Sophie Stockinger) mag ihre Rolle plötzlich nicht mehr. (© L'Animale)
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Sophie Stockinger, Julia Franz Richter (© L'Animale)
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Mutter-Tochter. Sophie Stockiger und Kathrin Resetarits (© L'Animale)

Es gibt eine ganz besondere Szene mit Franco Battiatos Song „L’Animale“, der auch für den Filmtitel verantwortlich ist. Was ist der Hintergrund?

Katharina: Ich habe durch meinen Partner (sie ist seit zwölf Jahren mit Flavio Marchetti liiert, Anm.) einen starken Italien-Bezug und liebe italienische Autorenmusik. Franco Battiato fasziniert mich schon lange: Er ist Musiker, Autor, Filmemacher, Philosoph. Ich habe gerade am Drehbuch gearbeitet und nach langem wieder sein „L’Animale“ gehört. Da hatte ich bereits viele Tierbezüge in der Geschichte, mir war klar, dass es um das Tier in uns geht, darum, dass das „Natürliche“ und das „Zivilisierte“ gegeneinander arbeiten. Plötzlich höre ich den Liedtext und denke mir: Das könnten alle meine Figuren singen! Ein Lied im Film so zu verwenden ist teuer, wir hatten viele interne Diskussionen und irgendwann hieß es: Diese Szene wird entweder ein meisterhafter Moment oder sie ruiniert den Film. Ich habe daran festgehalten und freue mich bis heute jedes Mal, wenn ich diesen Moment und die Gesichter der Menschen im Kino sehe.

Was sagt der Film „L‘Animale“?

Sophie: Dass man sich niemals, egal wie alt man ist, mit vorgegebenen Strukturen abfinden soll. Dass man den Mut aufbringt und auch das Risiko eingeht, schwierige Zeiten zu erleben, um zu sich selbst zu finden. Mati (die jugendliche Hauptfigur, Anm.) stellt sich die Frage, ob sie ihr altes, zwanghaftes Scheinleben weiter erfüllen soll, ob sie überhaupt glücklich ist oder ob sie etwas anderes probieren will. Wenn der Film endet, ist nicht gesagt, dass sie ihren Weg zu Ende gegangen ist, dass sie dann weiß, wer sie ist. Es bleibt eine Suche, man sollte sich nicht mit Schwarzweiß-Antworten abfinden.

Katharina: Es war mir ein Anliegen, einen Film zu machen, der das Allerpersönlichste mit dem Politischen verbindet. Das interessiert mich am meisten: auf die Menschen und ihre Gefühle zu schauen und sie in einen Kontext der Gesellschaft zu setzen. 

Ich will zeigen, dass wie wir uns fühlen, der Ursprung für unser Verhalten ist. Es spielt eine Rolle, ob wir uns unterdrückt und eingesperrt oder frei und selbstbewusst fühlen. Solange wir uns unterdrückt fühlen oder uns sogar selbst unterdrücken, werden wir immer Angst vor dem Unbekannten haben. So positionieren wir uns auch gesellschaftlich, so wählen wir. Bei aller Emotionalität ist es mir wichtig, dass „L’Animale“ auch politisch gelesen wird: Es ist unsere Verantwortung, wie wir anderen gegenübertreten, ob wir offen sein können.

Wie erlebt ihr selbst Angst und Mut?

Katharina: Ich habe wahrscheinlich vor den gleichen Dingen Angst wie andere: vor Ausgrenzung, vor Zurückweisung. Gleichzeitig versuche ich immer wieder den Mut zu fassen, nicht daran zu denken, was andere von mir denken, um frei zu sein, das tun zu können, was ich für richtig halte – und zu meinen Maßstäben und Überzeugungen zu finden.

Angst ist insbesondere für Frauen ein großes Thema; wir werden dazu erzogen, uns ständig in Frage zu stellen, uns vieles nicht zuzutrauen. Ich wünsche mir so sehr, dass wir weniger an uns zweifeln, dass wir sagen: Ja, ich schaffe das – und erst später darüber nachdenken, was es dafür braucht. Dass wir ganz bewusst eine Art von Selbstermächtigung in uns und anderen Frauen vorantreiben.

 

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Selfie bei der Gala des Österreichischen Filmpreises: Filmemacherin Katharina Mückstein, Schauspierin Sophie Stockinger und Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi

Der 8. März ist der Internationale Frauentag. Was haltet ihr davon?

Sophie: Ich finde das gut; der Frauentag soll Bewusstsein dafür schaffen, dass es noch immer strukturelle Diskriminierung gibt. Ein Problem habe ich mit Frauenbeauftragten: Das klingt, als wäre es reine Frauensache, die Gleichstellung zu erreichen. Als würde das Männer nichts angehen. Solidarität innerhalb der Frauengemeinschaft ist wichtig, aber es kann nicht darauf reduziert werden. Es geht die ganze Gesellschaft etwas an.

Katharina: Der März kann Frauenmonat sein, wenn die anderen Monate Gleichstellungsmonate wären. Es macht mir Angst, dass man das Thema auf Frauen reduziert. Es geht um so viel mehr. Die enge Vorstellung von Geschlechterrollen ist für alle Menschen schlecht. Wie geht es Männern mit der Vorstellung von Männlichkeit, was müssen Buben alles aushalten? Bei „L’Animale“ war es mir auch ein Anliegen zu erzählen, dass enge Geschlechterrollen auch für Männer bedeutet, dass sie nicht authentisch sein können. Bis heute dürfen Männer nicht zeigen, wenn sie empfindlich und emotional sind. Auch das ist eine Art Verstümmelung, die zu Hilflosigkeit – und schließlich zu Gewalt führen kann.

Wie erlebt ihr das bei der Arbeit?

Sophie: In Filmen wird die Gesellschaft gespiegelt. Das bedeutet, dass ich auch mal Rollenbilder, die ich im realen Leben nicht mehr sehen will, als Schauspielerin bestätigen muss. Da komme ich schon manchmal in einen Konflikt mit mir selbst, wenn Frauen als schwach oder als weniger wert dargestellt werden. Der Film mit Katharina war ein gemeinsamer Prozess, aber so ist es natürlich nicht immer. Noch bin ich in der privilegierten Situation, dass ich studiere. Wenn ich eines Tages davon leben will, werden wir sehen, wie ich mich positionieren, wie weit ich meinem Wertekompass folgen kann.

Wie ist es hinter der Kamera?

In Österreich wird der Großteil der Fördermittel an Männer vergeben; man sieht zwar viele Frauen in der Branche, aber sie bleiben oft dort stecken, wo sie mit ganz kleinen Budgets arbeiten. Bei großen, hochbudgetierten Spielfilmen finden sich wenig Frauen, das ist auf der ganzen Welt so. Das zeigt ein strukturelles Problem.

Immer wieder war ich auch in Wettbewerben die einzige Frau, wurde als exotisch empfunden. Es geht auch darum, wie über die Filme gesprochen wird. Wenn meine Arbeit als Frauenfilm bezeichnet wird, muss ich fragen: Haben Sie den Film vor mir als Männerfilm bezeichnet? Was soll diese Kategorie bedeuten? Wir sind noch lange nicht an einem Punkt, wo wir als Filmemacherinnen als „normal“ gesehen werden. Man sollte sich doch auf die Sache konzentrieren können: Ist der Film gut oder nicht, nur darüber sollten wir reden können.


Sophie Stockinger, geboren 1997, wuchs in Wien auf. Sie studiert an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Zu sehen in: „L’Animale“ (2018), ORF-Serie „Walking on Sunshine“ (2019), „Grenzland“ (Landkrimi, 2019). Sie dreht ab März ein neues Projekt. Nur so viel darf verraten werden: eine ORF/BBC-Koproduktion mit historischem Stoff.

Katharina Mückstein wuchs in Bad Vöslau auf, studierte zunächst Philosophie und Gender Studies und absolvierte ein Regiestudium an der Filmakademie der Uni Wien. Ein Auszug ihrer Arbeiten: „Talea“ (2013), „Holz Erde Fleisch“ (Produzentin, 2016; Regie: Sigmund Steiner), „L’Animale (2018). Sie arbeitet gerade an der Doku „Feminism WTF“ und schreibt an zwei neuen Drehbüchern.