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People | 19.03.2019

Oma tanzt. Wir auch?

„Wir haben es in der Hand unser Leben zu verändern. Vergebung hilft auch unserer nächsten Generation“, sagt Paula Molte. Eine Familiengeschichte im Wandel der Zeit. Intim, ehrlich – und mit dem Schicksal versöhnt.

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(© Angelica Pral-Haidbauer)

552 Seiten lagen da vor mir. Querlesen wollte ich, zur Vorbereitung auf das Interview. Hineingefallen bin ich. Hin­eingefallen in eine Zeit, die irgendwann zu meiner wurde. Ich erlebte das heimelige Gefühl der Kinderjahre, eingebettet in die bedingungslose Liebe einer Großmutter; die wild-verwirrenden Jugendjahre der 1970er- und 1980er-Jahre und die schmerzvolle Sprachlosigkeit, als sich die Eltern Philomenas das Leben nahmen. Dementsprechend respektvoll sah ich meinem Termin mit der Autorin, die unter dem Pseudonym Paula Molte ihre Geschichte niederschrieb, entgegen. Doch dann kam es anders. Ich treffe eine empathische, offene Frau, die mit ihren 58 Jahren eine überaus jugendliche Ausstrahlung hat, die sich – bepackt mit zwei Fotoalben – auf ein ehrliches, intensives Gespräch mit mir einlässt. Und wir lachen viel. Ein stilles Einvernehmen zweier Töchter, Mütter und Großmütter.

Ihre Geschichte beginnt mit den Jugendjahren ihrer Großmutter, in der „Bratnerstroß‘n“ in Baden. Oma, Jahrgang 1908, wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf, klaubte vorerst die Tennisbälle der Reichen, verdingte sich später als deren Dienstmagd, und brachte ihr Trinkgeld dem verwitweten, arbeitslosen Vater, der zehn Kinder zu ernähren hatte. Trotz aller Entbehrungen beweist diese Frau eines: Haltung. In schweren Kriegszeiten bleibt sie eine gepflegte Erscheinung, hat nur ein schönes Kleid – und sie tanzt! Voll Lebenslust. Oma wird 1934 schwanger, heiratet, bleibt bis zu ihrem Lebensende Dienstmagd – aber sie ist frei, weil sie immer ihr eigenes Geld verdient. Und sie hat eine Vorliebe für die französische Sprache, vom Lavoir über das Souterrain bis zu ihrer Combinaige vom Palmers. Wien ist nahe. Oma hasst die Nazis. Oma ist eine starke Frau mit einem großen Herzen für die Jugend und tolerant gegenüber deren Spinnereien. Oma ist die geliebte Bezugsperson der Autorin – die nach schweren Schicksalsschlägen versucht, auch ihr Leben weiter zu tanzen. Denn die Eltern der psychosozialen Beraterin begingen Doppel-Selbstmord.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Sie haben Ihrer Protagonistin den Namen Philomena gegeben. Dieser steht für Freundin, Mut und Stärke, übersetzt „die Freundin des Mutes“. Brauchten Sie viel Mut dieses Buch zu schreiben?

Paula Molte: Mein Vater wollte für mich einen außergewöhnlichen Namen. „Philomena“ ist ähnlich selten wie mein eigener. Mut?  Nein, denn es hat mich geschrieben. Ich verlor beim Schreiben jedes Zeitgefühl, brachte so Ordnung in mein innerliches Chaos. Das Schönste aber war, meine ursprünglichen kreativen Fähigkeiten ausleben zu können. Mutig würde ich mich nicht bezeichnen, denn ich tue einfach, packe auch dort an, wo andere zaudern.

 

Impressionen
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Schule in Baden (privat)
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Dienstmagd in Peterhof, Baden 1937 (privat)
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Zusammenhalt. Ein Neugeborenes kommt nach Hause. (privat)

„Wohlbehütet sollte ihr erstes Kind aufwachsen“, schreiben Sie über Ihre Eltern. Warum aber fand das Kind seine emotionale Heimat bei der Oma?

Vielleicht weil meine Eltern nicht in der Lage waren, meine Schreie zu hören. Ich bin überzeugt, sie wollten mir Liebe geben, aber das haben sie beide nicht geschafft. Für ein Lob musste ich etwas leisten, meine Mutter war völlig überfordert. Bei der Oma habe ich mich angenommen gefühlt, bedingungslos. Da war das Strahlen in ihren Augen, das Lachen, ihre enge Beziehung zu mir. Mein Vater war ein gebildeter Mann in bester Position. Neureich könnte man sie bezeichnen, also hatten sie das Geld, monatelang auf Reisen zu gehen. Zeiten, die ich bei meiner Oma verbringen durfte, in absoluter Vertrautheit.

Sie legen mit Ihrem Buch ein erlebtes Stück Zeitgeschichte der letzten 57 Jahre vor und gehen dabei in kleinste Details. Wie konnten Sie das alle so genau erinnern?

Es ist offensichtlich meine intensive Wahrnehmung, die ich bereits als Kind hatte. Auch während meiner Berufszeit als Kleinkindpädagogin war es mir wichtig das Kind in all seinen Facetten wahrzunehmen. Zudem sind meine Erinnerungen ja von tiefer Emotion geprägt. Ich spürte den Stoff am Diwan meiner Oma ebenso sowie kalte Zeiten im ungeliebten Haus meiner Eltern. 

Ihre Eltern wohnten später im Innviertel. Inwieweit zeigte sich Ihr Vater von einem vom Krieg geprägten Gedankengut beeinflusst? 

„Da musst du durch“ – dieser Spruch war in seiner härtesten Ausprägung einzulösen. Ob beim Wandern oder Skifahren – ich musste durch, auch als ich mir sechsjährig den Fuß gebrochen hatte. Er hat aber nicht nur mir, sondern auch sich selbst alles abverlangt. Leistung war alles. Er war körperlich stahlhart und ging dabei über jedes gesunde Maß hinaus. Bis zum „Endsieg“ den Gipfel erreichen, koste es, was es wolle! Faschistoid insofern, als dass er selbst bei Tisch rassistische Bemerkungen über Juden oder „Neger“ machte. Ich hatte bereits mit zehn Jahren ein großes Gerechtigkeitsgefühl und habe mich gegen seine Ausgrenzungen gewehrt – was mich sehr früh politisiert hat. Rücksichtsvoller wurde er erst im Alter.

Das war wohl ein großes Konfliktpotenzial zwischen Ihrer Oma, die das Progrom in Baden hautnah erleben musste, und Ihrem Vater ...

Ja, aber meine Oma hat nie darüber sprechen können. Sie schwieg. Natürlich waren auch in Baden Kinder aus der Schulklasse meiner Mutter einfach verschwunden. 

 

Er erhebt auch die Hand gegen die Tochter, die Mutter schweigt. Warum?

Sie sagte: „Zuerst kommt der Mann, dann die Kinder.“ Sie hatte Angst, ihren Mann zu verlieren, oder dass er auch ihr gegenüber gewalttätig würde. In ihrer Hilflosigkeit wollte sie diese eigenartige Art der Sicherheit nicht verlieren. Ihre einzige große Freiheit – gegen den Willen des Vaters – war es, den Führerschein zu machen und mit mir und später auch mit meinen Brüdern nach Baden zur Oma zu fahren. Da hat sie schon im Auto „das kleine Wegerl im Helenental“ gesungen. Es war das Schönste für uns, die Mutter einmal so frei und entspannt zu sehen.  

 

 

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Geliebte Oma mit der Urenkelin im "Schlossergässchen) (privat)

Gab es für Sie einen Zeitpunkt, sich mit dem Erlebten aussöhnen zu können?

Ja, so um den 70. Geburtstag meiner Mutter herum. Ausgerechnet bei einem Dachbodenausbau fand ich einen näheren Zugang zu meinem Vater. Auch deshalb, weil ich mich selbst nicht mehr belasten wollte. Ich wollte keine Wut mehr empfinden, mich von den Schuldzuweisungen ihm gegenüber befreien. Diesen Rucksack wollte ich ablegen – natürlich mit therapeutischer Hilfe.

Dann kam jener Tag im Mai 2016 als Ihr Vater (85) die Mutter (81) erschoss, und sich selbst richtete. Gab es zuvor Ahnungen, Anzeichen?

Für mich schon. Es war immer düster im Haus meiner Eltern. Es war nicht mein Elternhaus. Meine Mutter hat oft davon gesprochen, nicht ohne meinem Vater sein zu können. Sie waren ein Team, in tiefer Abhängigkeit von einander. Auch wollte sie kein Pflegefall werden, wie ihre Mutter. Als mein Schwiegervater starb, hat meine Enkeltochter die Namen der Familienmitglieder aufgeschrieben. Die Lebenden in gelb, den gerade verstorbenen Opa in grau. Daneben schrieb sie meine Eltern auch in grau – obwohl sie ja lebten. Auch während eines Medi­tationstanzes in einer Gruppe sah ich meine Eltern im Licht. Das war schon heftig. Daraufhin hab ich mit meinen Eltern über meine Ängste gesprochen – aber sie haben es strikt weg gewiesen. Drei Monate später gingen sie aus dem Leben – ohne Abschiedsbrief. Einfach so. Ein letzter Akt ihrer Selbstbestimmung.

Monate nach dem Tod Ihrer Eltern haben Sie begonnen, Ihre doch sehr intime Familiengeschichte aufzuschreiben. Wie wurde das von der restlichen Familie aufgenommen?

Mein Mann und unsere Tochter haben mich sehr unterstützt, auch meine Brüder und meine Schwiegermutter waren dafür. Durch das Buch haben sich auch Teile unserer Familie in Kottingbrunn bei mir gemeldet. Dieses neue Aufeinanderzugehen ist schön. 

Wie gehen Sie in Ihrer Familie mit dieser Geschichte um? 

Es klingt unglaublich, aber ich habe mir einen Mann gesucht, bei dem ich mich von Anfang an geliebt und geborgen fühlen durfte. Wir leben seit 33 Jahren in einer gleichberechtigten Ehe, einer gelebten Partnerschaft in beiderseitiger Freiheit. Für unsere Tochter war es am schwersten, denn sie hatte ihre Kinder zu schützen. Das machte mich wütend. Aber Selbstmörder denken nicht an andere ... 

 

Bild 1903_N_Oma_Lesung.jpg
Lesung „Oma tanzt“. 1. April 2019, 19 Uhr, Theater am Steg in Baden; ISBN: 978-3-03830-420-3 Paramon Verlag