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People | 04.04.2019

Von Möpsen, Foxln & der Extrawurstsemmel

Am 28. März feierte Lotte Tobisch ihren 93. Geburtstag. Ein bewegendes Gespräch voll pointierter Antworten in distinguiertem Burgtheater-Österreichisch und mit jugendlichem Esprit.

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(© Viktória Kery-Erdélyi)

Sie war ein schlimmes Kind aus gutem Haus, ein Albtraum für ihre Mutter, erzählt sie gern. Schlimm dann, wenn sie bei denen, die sich nicht wehren konnten, Unrecht witterte. Als ihre Familie gegen Ende des Zweiten Weltkrieges nach Bayern floh, blieb sie zurück und wurde Schauspielerin, „weil ich prinzipiell mal dagegen war und selber arbeiten wollte“. Ihre Karriere unterbrach sie für ihre große, skandalträchtige Liebe zu dem verheirateten Erhard Buschbeck. Bis zu dessen Tod dauerte das Glück an der Seite des Chefdramaturgen und stellvertretenden Direktors der Burg. Gelehrte und Intellektuelle, wie Zuckmayer, Günther Anders, Elias Canetti haben ihren Weg begleitet. Tobisch, die Bodenständige, verband auch eine enge Freundschaft mit Theodor W. Adorno, dem sie ein Stück Normalität ins Leben brachte, und der ihr im Gegenzug einen Aufsatz widmete: „Für Lotte Tobisch von Labotyn“. Für sie nahm der kritische Theoretiker und Linksintellektuelle sogar den Adelstitel der Baronin in Kauf.

Empathie. In den letzten Jahren engagiert sich die tatkräftig Gebliebene für soziale Projekte. Sie ist Präsidentin von „Künstler helfen Künstlern“, einem Altersheim für Künstler in Baden, sowie Ehrenpräsidentin der Österreichischen Alzheimer Liga. Auf einem Foto sieht man jene Grand Dame, die dem Opernball 16 Jahre lang organisatorische Eleganz einatmete, eine Armatur reparieren. „Ich war schon emanzipiert, da waren die Emanzen von heute noch nicht einmal konzipiert“, ihr kurzes Statement dazu. Angst vor dem Tod? Nein, da hält sie es mit Nestroy: „Es ist noch jeder gestorben, also werd‘ ich es auch überleben.“ Überhaupt hat sie sich zum Geburtstag jede Laudatio verbeten. „Ich gehöre zu den ausgestorbenen Möpsen, so sagte man in meiner Jugend“, erzählt sie pointiert, „aber mittlerweile sind die Möpse ja wieder modern. Dann kamen die Foxln – und neulich hab ich auch einen Foxl gesehen.“ Auch so kann man ein Leben zusammenfassen. Ein außergewöhnliches. Wir gratulieren! 

 

 

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DER GUTE TON. Lotte Tobisch dirigierte bei ihrer 90er-Feier im Marchfelderhof die K.u.K. Infanteriekapelle. (© Viktória Kery-Erdélyi)

NIEDERÖSTERREICHERIN: Philip Roth schreibt, das Alter sei ein Massaker. Sie sagen, Sie lieben es, alt zu sein ... 

Lotte Tobisch: Wissen Sie, jedes Alter hat seine Vorteile und seine Nachteile. Der unglaubliche Vorteil, wenn man so alt und unabhängig ist wie ich, ist, dass man nicht einmal noch Rücksicht auf sich selber nehmen muss. Dass man sagen kann, was man sich denkt, und dass es einem relativ wurscht ist, wenn irgendeiner beleidigt ist. Was kann mir schon passieren? Dass irgendeiner mir nicht zum Geburtstag gratuliert? Na, stellen Sie sich vor, das werde ich überleben! Im Übrigen kann ich Ihnen schon sagen: jung, schön, reich und g‘sund ist noch immer besser (lacht). 

Sie waren elf Jahre mit einem 37 Jahre älteren Mann in Beziehung. Glauben Sie an die lebenslange Liebe? 

Das weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, diese elf Jahre sind der Humus meines Lebens und wenn ich heute eine gewisse Art von Gelassenheit habe – allerdings nicht im täglichen Leben, da bin ich sehr g‘schwind jähzornig und unerträglich – dann schöpfe ich schon meine Gelassenheit dem Unglück oder den Katastrophen gegenüber aus diesen Jahren. Mit der Familie vom Buschbeck in Salzburg bin ich immer noch befreundet. Mit den Enkelkindern, die anderen sind ja schon tot. Der Buschbeck war ja auch ein enger Freund vom Georg Trakl, und wenn ich in Salzburg bin, dann besuche ich deshalb auch immer den Chef vom Trakl-Forum, den Dr. Hans Weichselbaum.

Haben Sie in Ihrem Leben je das „liebe Jesulein gekränkt“? 

Ja, und zwar schon damals, wenn man mir als Kind gesagt hat, dass das liebe Jesulein sich kränkt, wenn ich Tintenpatzen mach. Das hab ich schon mit acht Jahren nicht leiden können, wenn das liebe Jesulein sogar für Tintenpatzen aktiviert wurde! 

Sind Sie religiös?

Ich weiß es nicht. Man soll die Dinge auseinander halten. Glaube und Religiosität sind verschiedene Dinge. Ob man konfessionell glaubt oder in einer anderen Form. Ich glaube, dass das überhaupt Miteinanderreden die einzige Möglichkeit ist, die Welt noch irgendwie auf gleich zu bringen – und zwar alle miteinander, mit Freund und Feind. Im Zeitalter der Atombomben kann man sich nicht mehr leisten, zu sagen „mit dem rede ich nicht“. Was ist die Alternative? Atombomben schmeißen? Na, dann ist es aus!

 

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LETZTES FOTO. Mit der am 21. Februar 2019 im 102. Lebensjahr verstorbenen Jahrhundert-Sängerin Prof. Hilde Zadek (© Viktória Kery-Erdélyi)

Sie haben 1945 in Wien erlebt. Wie stehen Sie zur heutigen Flüchtlingssituation und der restriktiven Reaktion der Politik? 

Grauenhaft! Einfach grauenhaft! Ich verstehe nicht, dass Europa nicht begreift, was da los ist! Europa hat 740 Millionen Einwohner. Ist es denn da nicht möglich, in jedem Dorf eine Familie unterzubringen? Was soll man dazu eigentlich sagen? Natürlich müssen auch andere Länder Flüchtlinge aufnehmen. Schau‘n Sie, ich habe den Ersten Weltkrieg, die Ursünde des vergangenen Jahrhunderts, nicht erlebt, aber den Zweiten. Nachdem, was alles passiert ist,  der Holocaust, die Atombombe – ja was muss eigentlich noch alles passieren? Das frage ich mich ununterbrochen. Das geht so nicht, mit einfach zusperren ...

Sie sind immer noch ein Energiebündel. Was ist eigentlich Ihre Leibspeise?

Oh, ich bin ein sehr bescheidener Mensch! Ich trinke mit Leidenschaft gerne eine frische Buttermilch und habe etwas ganz besonders Ungesundes dazu gern: eine Buttersemmel mit einer Extrawurst. Das esse ich wirklich gerne. Damit können Sie mich glücklich machen!

Offenbar sind Sie mit guten Genen gesegnet. Wie halten Sie‘s mit Schönheitsoperationen? 

Was soll man dazu sagen? Wenn sie keine anderen Sorgen haben, so sollen sie‘s machen. Die Kosmetikindustrie will halt auch verdienen. Neulich war eine Reportage im Fernsehen, da hab ich von Herzen gelacht. Sie verkaufen jetzt schon eine Platinsalbe um 500 Euro! Die kann man sich ins Gesicht schmieren, aber das Geburtsdatum kriegen sie damit auch nicht weg! Wie heißt diese wunderbare jüdische Weisheit? Von den Jahren allein wird man auch älter (lacht). So ist es!