Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 09.04.2019

Nichts ist peinlich!

Diesen Artikel wird Vea Kaiser nicht lesen, weil sie lieber über andere Autoren liest. Spannendes erzählte sie trotzdem: über falsche Erziehung von Mädchen, ihre Begräbnispläne und ihr Eheglück.

Bild 1904_N_ME_VeaKaiser_3 hf_c_I.jpg
(© Ingo Pertramer)

In Wien steckte sie große Hoffnung. „Die Stadt war für mich ein Versprechen, dass es einen Ort gibt, an dem ich akzeptiert werde“, sagt Vea Kaiser. Traurig klingt sie nicht. Das „introvertierte Außenseiterkind“ aus dem Wienerwald, wie sie sich selbst beschreibt, wich längst einer reflektierten, selbstbewussten Frau. Und heute ist es umgekehrt: Da ist Sehnsucht aufs Land. Im März erschien der dritte Roman der jungen Bestsellerautorin: „Rückwärtswalzer“.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Ich bin mittendrinnen in Ihrem „Rückwärtswalzer“. Schade, dass in manchen Berichten zu viel von der Handlung verraten wird, finden Sie nicht?
Vea Kaiser: Das weiß ich nicht, ich lese nichts, was über mich geschrieben wird (lacht). Ich habe damit bei meinem ersten Buch 2012 aufgehört.


Warum?
Weil wenn ich kritisiert werde, macht mich das wahnsinnig traurig und wenn ich gelobt werde, macht mich das arrogant.


Sind Sie nicht neugierig?
Die Neugier ist eine der schönsten Eigenschaften des Menschen. Sie hat ihn dazu gebracht, die Höhle zu verlassen. Aber die Neugier hat auch Pandora dazu gebracht, die Büchse zu öffnen, die alles Übel in die Welt ließ. Ich will nicht so genau wissen, wie ich für andere Leute wirke. Es gibt doch auch nichts Peinlicheres als Autoren, die via Facebook auf Texte, die über sie geschrieben wurden, antworten. Da sage ich: Wenn du nicht damit umgehen kannst, gib keine Interviews. Vielleicht bin ich auch einfach faul (schmunzelt).
Das kann ich mir schwer vorstellen.
Der Punkt ist: Was soll ich so über mich lernen? Ich weiß, welchen Blödsinn ich den ganzen Tag erzähle. Andererseits habe ich das Glück, dass ich ausnahmslos mit Journalisten Interviews führe, die intelligent sind. Das heißt: Die schreiben im Idealfall eine Version von mir. Da lese ich lieber über Autoren, die ich nicht kenne.


Worum geht es im neuen Buch?
Für jeden um etwas anderes. Man könnte sagen, es geht darum, was macht man mit jemandem, der gestorben ist und einen Wunsch formuliert hat, der die eigenen Möglichkeiten übersteigt. Oder um eine Familie, die sich mit Vergangenheit und Schuld auseinandersetzen muss. Oder um den Generationenkonflikt zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart. Ich möchte niemandem eine Interpretation vorschreiben.


Ein Thema ist der Tod, mit dem Sie auch privat konfrontiert waren …
2016 habe ich binnen zwei Wochen drei sehr, sehr liebe Menschen verloren: meine Großmutter, die 80 war und meinen Griechisch-Lehrer, der Ende 40 war und eine Familie hinterlassen hat. Ganz schlimm war der Tod meines ehemaligen Mitbewohners mit 28. Da habe ich gelernt, dass der Tod jede Sekunde kommen kann. Die Geschichte wurde meine erste große Auseinandersetzung mit der Endlichkeit. Ich habe während der Arbeit am Roman mein Begräbnis geplant: von der Musik bis hin zu den Blumenarrangements.


Ernsthaft?
Ja (unbeirrt). Ich hoffe es nicht, aber sollte es sein, dass ich vorzeitig sterbe, sollen meine lieben Hinterbliebenen sich nicht um mein Begräbnis Gedanken machen müssen.
Das Sterben gehört zum Leben wie das Geborenwerden. Es geht heute viel um jung und schön, aber wir dürfen nicht den Fehler machen, uns für unsterblich zu halten. Wir müssen an morgen denken. Toll finde ich die großen Schülerstreiks. Da sagt eine junge Generation: „Ihr denkt zu sehr nur an euch!“ Dass wir Teil eines ewig weitergehenden Ganzen sind, sollten wir uns mehr in Erinnerung rufen.

Bild 1904_N_ME_Vea Kaiser3.jpg
"Ich bin gerne eine Frau Doktor, aber nur wenn ich das selbst erwirtschaftet habe." (© Viktória Kery-Erdélyi)

Wie stehen Sie zum Feminismus?
Er ist eine Selbstverständlichkeit – gerade für meine Generation. Selbstverständlich ist es für meinen Mann und mich, dass wir uns alles aufteilen: Rechte und Pflichten. Aber ich verzweifle auch oft, wenn man mich fragt, ob ich glaube, dass ich so erfolgreich wäre, wenn ich nicht so hübsch wäre. Ich hatte auch meine Erfahrungen mit grindigen Literaturkritikern, die dir die Hand auf den Oberschenkel legen und dir anbieten, dass sie was für dich tun können. Vor allem bei meinem ersten Roman. Das wagt jetzt keiner mehr.


Verhandeln, Ihre Arbeit gut verkaufen – wie haben Sie das gelernt?
Ich bin an den Herausforderungen gewachsen. Ich wurde anfangs hintergangen und habe mich damit – auch mit therapeutischer Hilfe – intensiv auseinandergesetzt und viel gelernt. Ich habe mir angewöhnt zu sagen: Ich kann was, ich brauche mich nicht zu rechtfertigen. Das Hauptproblem unserer Gesellschaft liegt daran, dass wir unsere Mädchen falsch erziehen. Läuft ein Bub laut durchs Lokal, ist er lebhaft. Tut das ein Mädchen, ist das eine Katastrophe. Wenn Buben weinen, ist das mittlerweile super, sie stehen zu ihren Gefühlen; wenn es Mädchen tun, sind sie hysterische Zicken. Wenn Mädchen erzogen werden, still und artig zu sein, dann ist doch klar, dass sie sich später als Frauen zunächst mal entschuldigen, wenn sie zum Chef reingehen und eine gute Idee haben. Wichtig ist, keine Angst vor dem Scheitern zu haben. So viele Frauen haben Angst, dass etwas peinlich wird. Beispielsweise wenn sie mehr Gehalt fordern. Was für eine furchtbare Kategorie! Dir hat nichts peinlich zu sein!

Bild 1904_N_Me_Vea_Cover_97834620.jpg
Neu. Vea Kaiser: Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger, € ca. 22,70. Verfügbar auch als E-Book (© Kiepenheuer & Witsch)

Ihre Romanfamilie ist aus dem Waldviertel. Wie sehr pocht in Ihnen das niederösterreichische Herz?
Meine Familie lebt in Niederösterreich, ich bin viel draußen. Wir haben gerade eine interessante Phase: Mein Mann ist halb Wiener, halb Süditaliener, er arbeitet in Wien, das Landleben ist für ihn keine Option. Wir wünschen uns Kinder, aber sie in der Großstadt großzuziehen, kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie das funktionieren soll.


Klassische Philologie – mit Schwerpunkt Altgriechisch. Wie kamen Sie auf dieses Studium?
Ich brenne für die klassische Philologie; ich habe gewusst, das wird mich glücklich machen, selbst wenn ich Immobilienmaklerin werde. Ich habe immer tausend B-, C-, D-Pläne gehabt; die Schriftstellerei habe ich nie ernsthaft als Berufswunsch angestrebt.


Was dann?
Ja, Immobilien haben mich gereizt oder die Gastronomie. Ich habe auch überlegt, neben dem Studium eine Lehre zu machen und einen eigenen Salon zu eröffnen: Ich wollte eine Friseurin sein, mit der man über Philosophie und Politik redet.
Nun schreiben Sie erfolgreich, die Treue zu Altgriechisch blieb  …
Ich habe gerade meinen Master fertig und will mein Doktorat anfangen. Eigentlich wollte ich mich ganz aufs Schreiben konzentrieren. Aber ich habe einen Arzt geheiratet und es gibt immer noch Menschen, die jetzt Frau Doktor zu mir sagen. Da bin ich Feministin! Ich bin gerne eine Frau Doktor, aber nur wenn ich das selbst erwirtschaftet habe (lacht).


Wie ist das Eheleben?
Wunderwunderschön. Ich merke, wie viel stabiler eine Partnerschaft ist, wenn du weißt, du kannst da nicht einfach rausgehen. Mit Kindern wird das wahrscheinlich noch verbindender.

Bild 1904_N_ME_NEU1VeaHochzeit_NE.jpg
MINI-AUSZEIT. Geheiratet wurde im Sommer mit richtig vielen Gästen in Italien – eine „big fat italian wedding“, wie Autorin Vea Kaiser via Instagram witzelt. (© Daniela Matejschek)

Wie geht Ihr Mann damit um, dass Sie so viel in der Öffentlichkeit stehen?
Mit stolz geschwellter Brust (lacht)! Was meine Kolumne in der Kurier-Freizeit betrifft, habe ich eine klare Regel: Alle Menschen, die da vorkommen, werden vorher gefragt.


Sie sind viel auf Lesereisen; wie erleben Sie das?
Ich freue mich immer irrsinnig, meine Leser kennenzulernen – nach Jahren des Eingesperrtseins im stillen Kämmerchen (lacht).


… und schöne Reaktionen?
Jeder, der mein Buch gern liest, macht mir damit ein Kompliment. Und es gibt besondere Momente. Ein 84-jähriges Pärchen aus der Schweiz hat mir geschrieben, dass sie sich das Buch gegenseitig vorlesen. Oder ganz junge Leser, 14-, 15-Jährige, die mir sagen, dass ich irgendwie Vorbild bin. Besonders berührt hat mich eine Frau, die mir erzählt hat, dass sie ihrem Mann während seiner Chemotherapie vorgelesen hat, weil mein Buch das einzige war, das ihn amüsiert hat …


Finden auch kritische Briefe einen Weg zu Ihnen?
Kritische Briefe schon und ich bemühe mich auch zu antworten. Aber mittlerweile habe ich einen Filter: meinen Assistenten. Beschimpfungen und Hassmails kommen nicht mehr zu mir.


Sie sind Rapidfan, wie kommt das?
Mein Großvater war glühender Rapidfan, bis heute gehe ich mit Freunden gern zu Matches. Dort sind wir nicht Schriftstellerin und ÖBB-ler, nicht Frau und Mann, nicht so viel Einkommen und so viel Einkommen, sondern Mitglieder desselben Vereins, die sich dasselbe wünschen: einen Sieg. Ich mag es, meine Leidenschaft in ein Fußballspiel zu stecken. Ein Sieg ist wichtig, aber es ist ein Spiel. Dass mein Buch ein Erfolg wird, ist wichtig. Aber am Ende des Tages soll es unterhalten. Beides entscheidet nicht über das Leben. Wir vergessen oft, was wirklich wichtig ist. Es ist nicht egal, wenn Frauenrechte beschnitten werden, es ist nicht egal, wenn man für Polizei­pferde Kohle hat, aber nicht um Frauenhäuser zu unterstützen. Es ist wichtig, dass man die Proportionen sieht.