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People | 02.05.2019

Ein Ozean der Pozenziale

„Ich heiße André, ich bin ein Bub, ich esse keine Bonbons und ich gehe nicht zur Schule.“ Mit diesem Satz pflegte sich der Sohn des in der Nazizeit aus Deutschland geflüchteten Pädagogen, Forschers und Malort-Gründers Arno Stern als Kind vorzustellen. Wir baten den heute anerkannten Freibildungsexperten André Stern zum Gespräch über das größte Geschenk des Lebens: unsere Kinder.

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© Delphine Royer

André Stern ist in Paris als Sohn zweier Pädagogen aufgewachsen. Bereits mit vier Jahren nimmt er Gitarrenunterricht beim Meister des Flamencos, dem Gitarristen Antonio Fenoy. Auf der Grundlage klassischer Musik und des Flamenco-Repertoires entwickelt er eine eigene Spiel- und Kompositionstechnik, wird Musiker, Komponist, Gitarrenbaumeister, Journalist und Autor. Einer breiten Öffentlichkeit wurde der Vater zweier Söhne (Antonin, 9, und Benjamin, 3) als Co-Autor und Protagonist des Films „Alphabet“ in Zusammenarbeit mit dem Austro-Filmemacher Erwin Wagenhofer bekannt, sowie durch seinen Bestseller „... und ich war nie in der Schule“. Sein aktuelles Buch „Begeisterung“ handelt davon, wie wir die Energie unserer Kindheit wieder­entdecken können.  

NIEDERÖSTERREICHERIN: Sie haben nie eine Schule besucht, mit drei Jahren anhand von Eiern das Alphabet entdeckt und konnten erst relativ spät flüssig lesen ...
André Stern: Also, mein Sohn Antonin konnte schon mit 2 1/2 Jahren flüssig lesen – ich erst mit 8 1/2 (lacht). Es war eben mein Zeitpunkt, reif für das Lesen zu sein, zum Glück hat man daraus keine Pathologie gemacht! Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Klasse mit Sechsjährigen und darin wären ein André und ein Antonin. Das ist ein Beispiel dafür, dass man Kinder nicht in diese künstlichen Kategorien teilen kann. Wir haben gelernt, dass Lernen etwas ist, was man TUT. Das stimmt nicht. Lernen ist etwas, das mit uns passiert! Wie haben Sie Ihre Muttersprache gelernt? Zu Ihrem Zeitpunkt, mit Ihrer eigenen Didaktik, da hat Sie niemand unterrichtet.

Wird Antonin eine Schule besuchen?
Nein, wir schicken ihn nicht in die Schule. Aber vielleicht will ja er, so wie ich das auch hätte können. Wir ersetzen nicht ein Dogma durch ein Dogma.

Das heißt, Kinder nicht in die Strukturen einer Schule zu pressen, sondern sie vielmehr einzuladen, Wissen zu entdecken?
Nicht einmal einladen, das würde ja heißen, Kinder wären scheu und wollen nicht. Kinder wollen! Sie sind Potenzial-Bomben! Das Problem ist, dass wir die Schule vom Leben trennen. Die wahre Welt da draußen mit all ihren Diversitäten ist die einzige reale Wirklichkeit. Die Schule entspricht nicht der Realität. Ich bin kein Schulkritiker, ich befürworte oder kritisiere keine Methode. Für viele Kinder ist diese Einrichtung ein Glück. Solange wir Glasglocken brauchen, in denen wir versuchen, Bedingungen zu schaffen, die gut sind für die Kinder, heißt das, dass ihnen unsere Welt diese Bedingungen nicht bietet.

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© Institut Arno Stern Sohn Benjamin lernt spielend Zahlen.
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Ein Gespräch im Zwischenstopp Paris-Innsbruck
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10-SAITIG. Flamenco-Virtuose und Gitarrenbaumeister

Aber auch Sie haben gelernt, stundenlang Gitarre geübt, sind ein Virtuose geworden und sprechen sieben Sprachen ...
Als Kind habe ich sehr diszipliniert gearbeitet und tue das immer noch, weil mich Musik begeistert. Auch die Sprachen haben mich interessiert, bei mir funktionierte die ASSiMiL-Methode (lacht). Unsere Kinder schreien uns doch ihre Ausdauer entgegen, wenn wir sie lassen. Schauen Sie, wenn ein Kind in sein Spiel eintaucht und stundenlang Steine übereinander setzt, das ist Fleiß. Wenn etwas aus unserer inneren Begeisterung herauskommt, dann entwickelt man eine unglaubliche Disziplin.

Sie leiten das „Institut Arno Stern, Labor zur Beobachtung und Erhaltung der spontanen Veranlagungen des Kindes“ und initiierten die Bewegung „Ökologie der Kindheit“. Der erste Kongress dazu fand im Vorjahr in Mauerbach statt. Was sind Ihre Ziele?
Wir haben bis jetzt die Kindheit falsch beleuchtet, und somit haben wir uns selbst verletzt. Was würde entstehen, wenn wir in eine neue Haltung gehen, die ich die „Ökologie der Kindheit“ nenne? Jeder trägt in sich ein verletztes Kind, indem ihm gesagt wurde „so wie du bist, bist du nicht in Ordnung“. Das beginnt schon mit der Frage: „Schläft das Kind durch?“ und dann die Eltern ihrem Kind mit der Haltung begegnen „Kind, ich hätte dich lieber, wenn du durchschlafen würdest“. Für das Kind bedeutet das, es muss sich verändern, damit es die Eltern ganz lieb haben. Das ist das Ende der Kindheit, denn es muss aufgeben, so zu sein, wie es seine Veranlagung ist, zugunsten dessen, was sich die Erwachsenen erwarten. Damit beginnt das Kind seine angeborenen Potenziale zu verlieren, bis am Ende nur mehr der Schatten dessen bleibt, was es hätte werden können. Dieses verletzte Kind, dem damals gesagt wurde, so wie du bist, bist du nicht okay, bestimmt die Art, wie wir uns später im Leben sehen – und auch wie wir unsere eigenen Kinder sehen. Dabei wollte das Kind nur eines hören: Ich hab‘ dich lieb, weil du so bist, wie du bist. Wenn wir es schaffen, dem Kind dieses Gefühl zu geben, dann sind wir in dieser neuen Haltung.

Sie sagen, Ihr Vater sei Ihr großes Vorbild, Sie möchten aber nicht so sein wie er ...
Mein Vater ist wunderbar! Er ist so sehr er, dass er mich eingeladen hat, so sehr ich zu sein, wie er „er“ ist. Das ist bedingungsloses Vertrauen.
In unseren Klassenzimmern finden sich Kinder vielerlei Herkünfte und Sprachen, die auf einen Level gebracht werden sollen. Haben Sie eine Idee?
Nein, ich habe keine, und ich finde es immer verdächtig, wenn einer eine Idee hat und die verkaufen möchte, denn das bedeutet: Ich habe eine Idee, die für alle funktioniert. Und die gibt es nicht! Diese Kinder sind so verschieden, dass die Kategorie Kindheit nicht mehr genügt, um sie zusammen zu bringen. Hier wird die Unmöglichkeit, sie nach Alter zu klassifizieren und so auf einen Level zusammenzubringen, sichtbar.

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"Statt Erziehung kann Beziehung, statt Profit kann Wert, statt Angst kann Liebe stehen." - André Stern
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© Sebastian Blutau „MEIN VATER, MEIN FREUND“. Mit dem großen Pädagogen Arno Stern

Stichwort digitale Welt, die zunehmend als Bedrohung empfunden wird ...
Ja, man macht uns Angst. Davor, dass die Kinder zu sehr in diese digitale Welt eintauchen. Da schießt man am Ziel vorbei und sieht die Baustelle nicht. Die ist Folgende: Unsere analoge Welt ist eine, in der Kinder nicht die werden können, die sie werden wollen. Kinder wollen Helden werden! Das können sie weder zu Hause noch in der Schule werden. Das ist kein Angriff auf die Schule, aber sie hat dieselben Bestandteile wie die restliche Gesellschaft. Also nirgends kann das Kind das sein, wonach es trachtet: ein Held. In welcher Welt können sie also ein Held sein? In der virtuellen! Wenn wir es schaffen, unsere analoge Welt so zu gestalten, dass sich darin die Kinder wie Helden fühlen können, dann haben wir kein Problem mehr.

Millionen Kinder in den Kriegsgebieten haben keine Chance auf Bildung. Man spricht von einer „verlorenen Generation“ ...
Bildung ist die Ablagerung all dessen, was wir erleben. Schauen Sie, Kinder spielen immer, auch im Krieg, mitten in den Trümmern. Spielen ist das allerbeste Lernwerkzeug. Ich arbeite eng mit dem Gehirnforscher Gerhard Hüther zusammen und wir wissen, dass Kinder nicht zwischen Spielen und Lernen unterscheiden. Sie haben diesen Trieb in sich. Über die Trümmer ihrer zerbombten Häuser fahren sie mit ihrem virtuellen Bagger und bauen neue Häuser, ihre Zukunft auf – somit bin ich sehr optimistisch. Eine glückliche Kindheit hängt nicht von den Bedingungen der Umwelt ab, sondern von der Beziehung zu ihren Eltern. Was aber entscheidend ist: Wir als Menschheit sind die Vorbilder für die Kinder dieser Welt. Wir sollten sie inspirieren, ihnen Dinge vorleben, die sie anziehend finden und die ihnen entsprechen – und sie nicht in eine Norm pressen, die wir als Standard gewählt haben.

Sie sagen, es wird keinen Frieden auf Erden geben, solange wir nicht im Frieden sind mit der Kindheit.
Ja, das ist mein allgemeiner Ansatz. Wir wollen eine Welt ohne Krieg, eine friedvolle Welt. Es liegt daran, wie wir mit unseren Kindern umgehen. Das Problem ist, wir führen ständig Krieg mit unseren Kindern. Allein wenn wir ihnen sagen, du musst wachsen, du musst Fortschritte machen, das ist doch ein Misstrauensantrag – das ist Krieg. Wir brauchen den Frieden nicht zu schaffen, wir müssen ihn leben. Kindern kann man die Toleranz nicht beibringen, weil sie die Intoleranz nicht kennen, und somit leben sie uns eigentlich eine bessere Welt vor. Wir alle wollen Kinder, die eines Tages glückliche Erwachsene sind, und wir wollen das so sehr, dass wir darüber vergessen, ihnen vorzuleben, was glückliche Erwachsene sind. Das ist die große Einladung an uns: das zu leben, was wir für unsere Kinder wünschen; das ist kein Luxus, das kostet kein Geld.

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Ökologie der Kindheit - Eine neue Haltung