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People | 25.06.2019

Frauen brauchen bessere Rollen

Ihr Leben bekam zur Matura eine neue Wende: Sie wurde Mama, blieb ihren Zielen dennoch treu. Nun dreht Schauspielerin Mathilde Graf einen Thriller, bei dem sie nicht zufällig bei der Produktion mitmischt.

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(© Jan Frankl) "Ich wollte schon als Volksschulkind Schauspielerin werden und hatte nie einen Plan B."

Die Wiese ist bewusst nicht überall gemäht. Wir spazieren vorbei an bunten Oasen für Bienen, wo die Natur tun darf, wie sie will. Mathilde Graf geht voraus, geheimnisvoll deutet sie auf üppige Sträucher, die scheinbar die Grenze des Grundstücks markieren. „Dahinter ist mein erstes Theater.“ Wir schlüpfen zwischen Zweigen und Blättern durch und stehen vor einer großen, überdachten Terrasse aus Holz. Ihre Bühne? „Ja!“, strahlt sie. „Ursprünglich war das eine Liegeterrasse für Frauen, die nach einer Krankheit zur Erholung hier waren. Das Haus gehörte einmal meiner Urgroßmutter. Hier bin ich als Kind aufgetreten, Eltern und Freunde waren das Publikum.“

Geburtshaus in Niederösterreich. Es ist in vielerlei Hinsicht ein bedeutungsvoller Ort, an dem wir die Schauspielerin Mathilde Graf treffen dürfen. Nicht nur weil das Haus in Kasten bei Böheimkirchen einst ein idyllischer Rückzugsort mit besonders guter Luft für Frauen war. Es ist seit vielen Jahrzehnten das Refugium der Familie aus Wien, in dem die 29-Jährige sogar geboren wurde. Geplant war das so nicht, „passiert ist das wahrscheinlich, weil meine Mama grundsätzlich in allem sehr gechillt ist“, schmunzelt sie. Jedenfalls war Mathilde Graf Töchterchen Nummer drei eines Mediziner-Ehepaars. Die Hebamme steckte im Stau, der Vater schaffte es gerade noch rechtzeitig vom Wandern nach Hause, um seiner Frau bei der Geburt beizustehen.
Mit dem Selbstverständnis, mit dem Mathilde Graf auf die Welt kam, schmiedete sie schon in der Volksschule einen konkreten Lebensplan. „Wir haben einen Kinderzirkus gespielt; es war großartig. Ungefähr 200 Leute sind gekommen, sie haben gelacht – und ich beschloss sofort, Schauspielerin werden zu wollen.“
Niemals gab es einen Plan B. Bis heute nicht. Diese Entschlossenheit half ihr, ihre Ziele zu verwirklichen, selbst als die Natur auch bei ihr tat, wie sie wollte: Sie wurde in ihrem Schulabschlussjahr schwanger. „Dabei hatte ich konkrete Pläne: Ich wollte maturieren, eine Weltreise und dann die große Karriere machen“, erinnert sich Mathilde Graf. „Aber als meine Tochter dann da war, war das neue Leben sehr schnell selbstverständlich.“

Leben & Fernsehen.
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(© Viktória Kery-Erdélyi) Mathilde Graf im Garten ihres Geburtshauses in Kasten bei Böheimkirchen.
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(©) Hubert Mican/ORF Als Iveta in der ORF-Serie „CopStories“ (3. Staffel)

Matura-Baby. Die junge Dame, heute übrigens fast zehn Jahre alt, kam aber nicht minder spektakulär als zuvor die Frau Mama. Die Geburtswehen setzten nämlich ausgerechnet am Tag der mündlichen Matura ein. „Ich war topvorbereitet, bis zum Herbst hätte ich nicht gewartet“, erinnert sich Mathilde Graf, die nur wenige Tage später als frischgebackene Mutter der Prüfungskommission Rede und Antwort stand.
Als ihre Tochter ein Jahr alt ist, beginnt sie die lang ersehnte Ausbildung an der Schauspielschule Krauss; ihre und die Familie ihres Partners unterstützen sie. Ob sie dafür aufs unbeschwerte Jungsein und Feiern verzichten musste? „Selbst das habe ich gemacht – und dafür dann in Kauf genommen, in den frühen Morgenstunden heimzukommen und nach einer Stunde Schlaf das Kind zu versorgen“, verrät sie.

Papierlos in Liebe verbunden. Ihr Freund – er ist heute Immobilienentwickler – und sie blieben bis heute ein Paar. „Elf Jahre sind es schon“, sagt sie stolz. „Je länger wir zusammen sind, desto enger halten wir zusammen.“ Die Hochzeitsglocken brachten die beiden bewusst nie zum Läuten. „Die Ehe ist kein Modell für mich. Wozu dieses Papier? Man kann sich auch so lieben und verbunden sein – und das werden wir mit einem Kind ohnehin ein Leben lang sein.“
Sowohl von ihrem Partner, als auch von ihrer Familie habe sich Mathilde Graf stets bestärkt gefühlt, den richtigen – wenn auch mit so vielen branchenbedingten Unsicherheiten gesäumten – Weg gewählt zu haben. Ein ernüchternder Start sei es nach Abschluss der Ausbildung allemal gewesen. „Da hagelt es keine Angebote, man hat noch keine Beziehungen, keine Empfehlungen.“ Schnell habe sie realisiert, dass nichts wichtiger ist, als ins Tun zu kommen. „Ich hab‘ da aber eine starke Zuversicht, dass man mit Dranbleiben weiterkommt. Ich habe in kleinen Theaterproduktionen gespielt, kleine Fernsehrollen in Deutschland gemacht und wenn nichts los war, auch mit Kollegen im Wohnzimmer gespielt, nur um kontinuierlich drinnen zu bleiben.

CopStories. Ihre Konsequenz machte sich bezahlt: In der dritten Staffel der Serie „CopStories“ spielt Mathilde Graf eine der Hauptrollen. „Iveta ist eine spannende Figur: eine junge Frau, die bewusst eine Gefahr auf sich nimmt, weil sie dem Mädchenhandel ein Ende setzen will“, schildert sie. Mit ihrer ehemaligen Russischlehrerin trainiert sie unermüdlich einen Akzent; da sind brutale Szenen, in denen sie gefesselt gefoltert wird. Wenn ihr auch der Spagat zwischen Realität und Spiel emotional gut gelingt, so bringt sie die Rolle doch zum Grübeln: „Ich habe mich in der Vorbereitung viel mit Mädchenhandel und Prostitution auseinandergesetzt, viele Dokus gesehen. Ein Gedanke begleitete mich oft: In dem Moment, in dem ich diesen Film drehe, ist das für viele junge Frauen beinharte Realität.“

"Frauen müssen endlich aus den ewigen Opferrollen in den Filmen raus."
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(© Viktória Kery-Erdélyi) Taffe Schönheit. Schauspielerin Mathilde Graf
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(© Viktória Kery-Erdélyi) Erste Gehversuche. Das Gartenhaus hieß einst „Liegehalle“ und diente zur Erholung von rekonvaleszenten Frauen, Mathilde Graf nutzte es in Kindertagen als Bühne.

Raus aus der Opferrolle. Im Juni startet Mathilde Graf mit Dreharbeiten für eine österreichische Produktion, über die sie leider vorerst nichts verraten darf. Hingegen gewährt sie Einblick in ein Projekt, das sie im Idealfall noch 2019 mit Freundin Sigrid Spörk zu drehen beginnt.
Ein packender Streifen mit Frauen in den Hauptrollen soll es werden; dass sie dabei in der Produktion mitmischt, ist ein bewusster Schritt. „Ich habe kürzlich wieder eine aktuelle Statistik über Oscar-Filme gelesen. Darin ging es um einen Längenvergleich von männlichen und weiblichen Textpassagen. Natürlich haben die Männer weit mehr.“ Wie viele brillante Schauspielerinnen es auch gibt, noch immer seien die Drehbücher männerlastig geschrieben. „Ihr“ Kinofilm hingegen soll die Frauen auch aus der ewigen Opferrolle holen. „Das wird ein Psychothriller, in der eine sehr dunkle Seite der Frau dargestellt wird.“

Wordrap mit Mathilde Graf

Lachen kann ich … über jeden noch so kleinen Blödsinn – vor allem mit meinem Freund, meiner Tochter und mit Freundinnen.

Traurig macht mich … sehr schnell etwas. Ich bin sehr emotional. Das heißt: Ich kann über Kleinigkeiten herzlich lachen, aber das geht auch in die andere Richtung. Traurig und nachdenklich macht mich beispielsweise, wie die Menschen mit der Umwelt umgehen, der Klimawandel, die Sorge, wie lange es unseren Planeten noch so geben wird .

Angst machen mir … leider Schlangen.

Das habe ich bereut … Ich bereue immer wieder Dinge, aber dann auch nicht wirklich. Denn aus jedem Fehler kann man – selbst wenn es Monate oder Jahre dauert – etwas mitnehmen.

Dafür gebe ich gerne Geld aus … Eigentlich lebe ich gerne reduziert; ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Aber mein persönlicher Luxus ist hochwertige, frische Naturpflege für meinen Körper.