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People | 09.10.2019

Teamwork

Bösartiges Mammakarzinom. Die Diagnose trifft eine Person, betrifft aber viele Menschen. Wie Familie Deim gemeinsam ihren nerven- und kräftezehrenden Kampf gegen den Krebs erlebte.

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In guten wie in schlechten Zeiten. Monika und Erich Deim (© Viktória Kery-Erdélyi)

Manchmal war mehr los, als ihnen lieb war. Da war das schöne Einfamilienhaus, dessen Garten und Untergeschoß mehrmals vom Hochwasser in Mitleidenschaft gezogen wurde. Einmal ertappten sie bei der Heimkehr vom Heurigen einen Einbrecher auf frischer Tat. Dennoch lebten Monika und Erich Deim mit ihrer Tochter Romana – sie ist mittlerweile selbst Mama – insgesamt ein harmonisches, geselliges Leben mit vielen Reisen. „Richtig gestritten haben wir in mehr als 30 Ehejahren vielleicht drei Mal“, lächelt Erich.
Den Kampf ab der Diagnose von Monika verglich einer der Ärzte einmal mit einer „Geisterbahnfahrt, die irgendwann vorbei ist“, erinnert sich Tochter Romana, mittlerweile selbst Mama. Wie sie näher zusammenrückte und diese scheinbar nie enden wollende „Fahrt“ gemeinsam überstand, erzählte uns die Familie daheim in Klosterneuburg.

Wie aus dem Nichts. Es war an einem ganz gewöhnlichen Tag unter der Dusche. „Plötzlich spürte ich knapp unter der Haut eine Erhebung; sie kam wie aus dem Nichts“, beschreibt  Monika Deim. Die gern gut organisierte Büroangestellte in einem Autohandel behält ihre Entdeckung für sich, vereinbart einen Arzttermin. „Ich hatte selbst keine Angst, wozu sollte ich die anderen narrisch machen?“ Ultraschall und Mammografie werden gemacht, als Monika aus der Garderobe zurückkehrt, erstarrt sie beim Anblick der beleuchteten Bilder. Sie erinnert sich an die Worte des Radiologen: „Jetzt müssen wir ein bisserl schnell sein.“ Schon die Struktur des Knotens lässt auf etwas Ernstes schließen. „Ich hörte, was zu tun sei, aber es war, als wäre das alles nicht meins, als würde ich neben dieser Szene sitzen.“

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Familienpower. Ehepaar Deim mit Tochter Romana (© Privat)

Es wird sofort eine Biopsie angeordnet, am Weg ins Spital ruft sie noch ihre Tochter an. „Es war die erste Woche bei meiner neuen Arbeit, aber ich musste sofort zu meiner Mama“, schildert Romana Harold, damals 25. Wenig später lautet die Diagnose: bösartiges Mammakarzinom. „Es nennt ja niemand die Dinge beim Namen, dabei will man einfach nur hören, ob es Krebs ist oder nicht“, sagt Monika Deim. Einen Funken Hoffnung hebt sie sich noch für das Tumorboard am Brustgesundheitszentrum auf, wo ein Ärzteteam über die Therapiemöglichkeiten informiert. „Als wir dorthin fuhren, schien die Sonne. Plötzlich dachte ich mir: Vielleicht habe ich doch nicht Krebs.“ Bei diesem Termin ist bereits auch ihr Mann dabei; nach dem ersten Schreck, gelingt es ihm, sich relativ rasch auf die neue Situation einzustellen. „Ich wollte nach vorne schauen und war froh, dass all die Schritte, die notwendig waren, schnell passierten“, schildert Erich, Maschinenbautechniker bei den Wiener Linien.

Offener Umgang. Für Monika Deim ist klar: Sie will keine Geheimnisse. „All meine Kollegen, und das sind in der Branche noch dazu zum Großteil Männer, sollten nicht irritiert sein, wenn es mir schlecht geht, wenn ich plötzlich ausfalle.“ Strukturiert, wie ihre Lebensweise sonst auch ist, setzt sie sich, mit dem Chef beginnend, mit allen einzeln zusammen und schildert ihre Situation.
„Ich dachte mir generell, wenn ich offen mit der Krankheit umgehe, wird es anderen auch leichter fallen, zu fragen, darüber zu reden.“ – „Aber die Menschen tun sich nun mal schwer damit. Viele verdrängen es lieber“, ergänzt ihr Mann. Die einen überraschten die Familie mit ihrem herzlichen Mitgefühl, andere mit ihrem Schweigen. „Ich muss gestehen, mir war auch lieber, wenn ich nur mit meiner Familie darüber geredet habe. Ich wollte nicht irgendwelche anderen Krebs-Geschichten hören; mein Kopfkino vorm Einschlafen war schlimm genug.“
Für Erich war es selbstverständlich, dass er seine Frau zu möglichst allen Terminen im Krankenhaus begleitet und auch beim Perückenaussuchen dabei ist; das habe freilich auch den Austausch erleichtert. Häufig sind sie zu dritt unterwegs; Tochter Romana bringt zudem als Physiotherapeutin medizinisches Wissen mit. „Wir hatten immer ein gutes Verhältnis zueinander“, beschreibt sie. „Aber was wir gemeinsam durchgemacht haben, hat das alles noch verstärkt.“ Besonders geschmerzt habe es, ihre Mutter während der Chemotherapie zu sehen. Monika Deim war zunächst der Knoten entfernt worden, danach folgten acht Chemotherapien sowie im Finale 25 Bestrahlungen. Die sonst scheinbar stets taffe Frau war antriebslos, müde, es quälten sie Übelkeit, Rückenschmerzen und vieles andere mehr. Eine „Raunzerin“ wollte sie aber nicht sein, sagt sie. „Immer wenn ich sie gefragt habe, wie es ihr geht, hat sie geantwortet: ,Es geht.‘ Das hat genervt“, gesteht Erich Deim, der oftmals den Wunsch verspürte, über den Haushalt hinaus mehr für seine Frau tun zu können.

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(© Viktória Kery-Erdélyi)

Lebensfallen. Nach gut einem Jahr ist ein Licht am Ende der „Geisterbahnfahrt“ zu sehen. Ein seltsames Gefühl der Leere stellte sich ein, erklärt Monika Deim. „Da wurde mir klar, dass ich etwas tun muss. Ich suchte mir eine Psychotherapeutin, mit der ich viele meiner Lebensfallen aufarbeiten konnte. Von ihr lasse ich mich bis heute unterstützen.“ So habe sie beispielsweise die Vision, über allem Kontrolle haben zu müssen, mittlerweile gut ad acta legen können. „Letztes Jahr haben wir meinen 50er gefeiert. Während ich beim Friseur saß, haben mein Mann und meine Tochter den Saal dekoriert – und zwar perfekt. So etwas wäre für mich früher unvorstellbar gewesen“, lacht sie.

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Ablenkung. Noch mit ganz kurzen Haaren nach der Chemo bei der Oper Klosterneuburg (© Privat)

Der Kampf geht weiter. „Also bist du wieder ganz gesund?“, entfährt es freudig der Autorin dieser Zeilen. „Hoffentlich bleibt es, wie es ist“, seufzt Monika Deim. Denn nach all dem folgte noch ein weiteres Kapitel ihres Kampfes gegen den Krebs.
Fast drei Jahre nach der Diagnose und zwar inmitten des Italien-Urlaubs bekommt sie einen Anruf von der Assistentin ihres Spezialisten. Die knappe Information: „Es gibt eine Veränderung bei ihrem Genbefund.“ Ein entsprechender Test wurde zuvor gemacht, unter anderem weil der Knoten damals so plötzlich aufgetaucht und so rasant gewachsen war. Das erste Ergebnis war „grau“, also nicht eindeutig; als Vorsichtsmaßnahme ließ sich Monika Deim damals die Eierstöcke entfernen.
2018 sitzt sie also erneut ihrem  Arzt gegenüber, der das Kuvert mit dem neuen Resultat öffnet. Dieses Mal ist es eindeutig: eine bestehende Genmutation sorge dafür, dass das Risiko, abermals an Brustkrebs zu erkranken bei 70 bis 85 Prozent liegt. „Ich hatte fast zwei Jahre lang Ruhe; die Nachsorge-Untersuchungen waren zwar nervlich aufreibend, aber ich hab‘ mich zunehmend damit getröstet, dass meine Erkrankung einfach Pech war. Und dann kam dieses Ergebnis …“, erzählt Monika Deim. Mit dem vermutlich bekanntesten Fall dieser Art im Hinterkopf, nämlich jenem der Schauspielerin Angelina Jolie, bittet sie um Bedenkzeit – für die Entscheidung, ob sie sich als präventive Maßnahme die Brüste abnehmen lassen will.
Ihr Mann, der im Interview, sonst gerne seiner Frau das Wort überlässt, sagt plötzlich bestimmt: „Bei einem so hohen Risiko war für uns aber eigentlich schnell klar, dass kein Weg daran vorbeiführt.“

"Was wir gemeinsam durchgemacht haben, hat unsere Beziehungen noch mehr gestärkt."

- Romana Harold

Lachen und Tränen. Ein Glück bei all der Dramatik: Der Gentest der Tochter Romana war negativ; „das war für uns alle eine Erleichterung, wo sie doch damals mitten in der Familienplanung war“, sagt Monika Deim und zieht sich ihre Bluse zurecht. „Schau, früher habe ich eher einfärbige Oberteile getragen, heute ziehe ich lieber gemusterte an.“
Nach der Mastektomie (Abnahme der Brüste) bzw. dem Brustaufbau kam es zu einer Komplikation, die bei einem geringen Prozentsatz der Patientinnen passieren kann: Es kam zu einer Nekrose. Monatelang musste die Wunde (entstanden durch abgestorbenes Gewebe) penibel gesäubert und versorgt werden, ehe sie erst vergangenen Sommer verheilte. „Die Frage gehörte zu unserem allabendlichen Ritual: Machen wir den Verbandswechsel vor oder nach dem Fernsehen? Erich hat sich um die Wunde gekümmert – er hat im Spital richtiges Lob dafür gekriegt, wie gewissenhaft er das gemacht hat“, lacht Monika Deim. Und dann, nach mehr als zwei Stunden Gespräch, bei dem sie jede Minute so gefasst war, füllen sich ihre Augen plötzlich mit Tränen: „Ich weiß nicht, wie man das alles ohne einen solchen Partner wie Erich schafft. Ich bin sehr dankbar.“


Monika Deim und ihre Tochter Romana veranstalteten am 5. Oktober ein „Pink Ribbon“-Frühstück mit Fachärztinnen und -ärzten in Klosterneuburg.

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(© Helmut Tremmel)

Info & Solidarität

Ein Auszug aus den Benefiz-Events im „Pink Ribbon“-Monat Oktober sowie der „4. Dancer against Cancer“-Ball in Niederösterreich:
Pink Ribbon Tour-Stopp 2019 auf Burg Perchtoldsdorf: 4. Oktober, Einlass ab 17:30 Uhr, Beginn um 19 Uhr, Eintritt: freie Spende; Modeschau, Show-Acts mit Michael Hufnagl, Vorsorge-Informationen, Pinkes Pausen-Shopping, After Show-­Party, Tombola, Riesenfeuerwerk.
www.perchtoldsdorf-for-pinkribbon.at

Pink Ribbon Frühstück Klosterneuburg (Raiffeisenfestsaal Rathausplatz 7):
5. Oktober, 9 bis 15 Uhr. Informationen über Brustkrebs, Erfahrungsaustausch (Betroffene und Angehörige), Vorträge mit Brustkrebsaktivistin und Bloggerin Claudia Altmann-Pospischek (Claudias Cancer Challenge) sowie einer Reihe von Fachärzten zu Themen wie Früherkennung, Prävention, Genetik und Brustkrebs, Plastische Rekonstruktion.

Aperitivo Italiano for Pink Dream (zugunsten der Österreichischen Krebshilfe) bei Sorelle Ramonda in Wöllersdorf:
10. Oktober, 19 Uhr, freie Spende; italienische Genüsse und Präsentation des Pink Dream-Benefizkleides.

4. Dancer against Cancer-Ball:
23. November Casino Baden. Die ehrenamtliche Initiative „Dancer against Cancer“ sammelt das ganze Jahr für die Österreichische Krebshilfe; bis heute konnten 950.000 Euro übergeben werden. Die Organisation wurde von Tanzschule-Chefin Yvonne Rueff (Bild oben, re.) und Matthias Urrisk in Wien aus der Taufe gehoben und ist heute auch in Nieder- und in Oberösterreich aktiv.
Infos & Tickets: danceraigainstcancer.com