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People | 10.09.2019

Nach dem Schmerz kam das Erwachen

Mit einem Baby im Arm macht sich Filmemacherin Catharina Roland zur Expedition auf, trifft Visionäre und Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Es eint sie ein Ziel: die Rettung der Erde.

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(© Walk on Water Filmproduktion / Catharina Roland)

"Minztee?“, fragt sie und eilt in den Garten, um frische Blätter zu pflücken. In einem kleinen Ort im westlichen Wienerwald gackern ihre Hühner friedlich vor sich hin, Herr Pettersson nützt die Gelegenheit und huscht durch die offene Tür hinein. Der Kater macht es sich vor imposant blumigen Gardinen gemütlich. Catharina Roland strahlt: „Wenn ich diese Vorhänge anschaue, bin ich glücklich.“
Ihr Glück fiel nicht vom Himmel. Im Gegenteil. Am Anfang ihrer Geschichte steht tiefer Schmerz. Als sie ihren Tiefpunkt hinter sich lassen kann, macht sie sich mit ihrem Sohn, damals noch ein Baby, und Kamera zu einer Art spiritueller Expedition um die Welt auf. Ihr Ziel: das Bewusstsein für die Kraft positiven Denkens zu schärfen, den Menschen die Schönheit der Erde vor Augen zu führen, um sie retten zu können. Mittlerweile ist ihr zweiter Film erhältlich; für „Awake2Paradise“ traf Roland 26 namhafte Visionäre, Wissenschaftler und Zukunftsforscher: von der preisgekrönten Tiertrainerin Linda Tellington-Jones über den Hirnforscher Gerald Hüther bis hin zum Biologen Clemens G. Arvay.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Klimakatastrophe, verschmutzte Meere, schlechte Luft: Was können wir tun?
Catharina Roland: Es ist wichtig, in die Gänge bzw. aus unseren Alltagsmustern zu kommen und nicht darauf zu warten, dass Politik oder Industrie uns Lösungen servieren. Jeder kann Teil der Veränderung sein. Wir suchen so oft unser Glück im Konsum, aber die Tür zum Glück geht nach innen auf.
Charles Eisenstein (Kulturphilosoph, Anm.) sagte im Interview, „the most wasted land“ ist leider der Zierrasen. Aber stattdessen kann ich etwas anbauen. Oder ich kann die Landwirtschaftsindustrie zum Umdenken bringen, indem ich mit meinem Einkauf die Biobauern fördere. So motiviere ich Leute, die gerne Biobauern wären, aber bislang das Gefühl hatten, sie könnten damit nicht ihr Leben bestreiten. Meine Vision ist, dass die Landwirtschaft in die Hände jener kommt, die eine Beziehung zu ihrem Land haben.

Seit wann beschäftigt Sie die Zukunft unseres Planeten?
Seit meiner Kindheit. Mich haben die Berichte über den sauren Regen so bedrückt, dass ich Angst hatte, ob die Blätter im Frühling wieder aufgehen.

Wie sind Sie aufgewachsen?
Im 14. Wiener Gemeindebezirk – in einem Haus mit Garten; Mamis Garten ist bis heute einer der schönsten für mich. Wir waren viel am Land, auf einem Bauernhof und bergsteigen. Es war eine Kindheit ohne Handy, das war wunderbar! Ich kenne keine Eltern, die nicht verzweifelt sind, weil ihre Kinder ständig am Handy hängen. In San Francisco habe ich mit dem Psychotherapeuten John Gray über die Sucht nach digitalen Medien geredet: Im Hirn passiert nämlich die gleiche Reaktion, ob nun einem Süchtigen die Drogen oder das Handy weggenommen werden.

Also weg mit den Handys?
Die neuen Medien sind toll, aber wir haben noch nicht gelernt, damit umzugehen. Ich finde: Eine Stunde am Tag reicht für Kinder.

Was wollten Sie als Kind werden?
Biobäuerin oder Schauspielerin – so steht es in einem Volksschulaufsatz (lacht). Tatsächlich wollte ich unbedingt aufs Land.

Aber es kam nicht ganz so, wie geplant …
Vor rund 20 Jahren habe ich mich in ein Haus neben einem Schloss in Ollersbach verliebt, seither bin ich Niederösterreicherin. Vier Jahre habe ich dort mit meinem Partner gelebt, bin dort schwanger geworden – und kurz nach der Geburt hat er sich von mir getrennt.  Ich war verzweifelt, hatte das Gefühl, versagt zu haben.

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Herzensteam. Catharina Roland mit Sohn Moritz

Eine schmerzhafte Zeit, über die Sie auch in Ihrem Film offen reden …
Ich kenne kaum jemanden, der nicht ein ähnlich schmerzliches Erlebnis hatte. Umso wichtiger ist es, darüber zu sprechen. Bis heute schreiben mir viele Mütter, der Film habe ihnen Mut gemacht. Ich stand damals als freie Regisseurin allein mit einem Kind da – und habe doch begonnen, das zu machen, was ich als meine Lebensaufgabe spürte.

Wie ist Ihnen das gelungen?
Es war ein ganz dramatischer Moment, nachdem mein Partner gegangen war: Mein Sohn Moritz schlief, ich bin in den Regen hinausgelaufen und habe bei Donner und Blitz „Hilfe“ in den Himmel gebrüllt. Am nächsten Morgen entdeckte ich, dass ganz in der Nähe, wo wir gewohnt haben, Sessions mit dem Buch „Ein Kurs in Wundern“ (von Helen Schucman, Anm.) abgehalten wurden. Ich habe begonnen zu lesen, da sind unglaubliche Erkenntnisse herausgekommen: eine Befreiung von alten, negativen, sabotierenden Gedankenmustern.
Ich finde es spannend, mit den eigenen Gedanken zu experimentieren: Spüre ich Ärger und Verzweiflung, baut es eine Nebelwand um mich herum auf. Aber wie fühlt es sich an, wenn ich den gleichen Gedanken in einen positiven umwandle, selbst wenn ich noch nicht hundertprozentig überzeugt bin? Unser Gehirn ist wie ein Computer; es braucht schon Übung, Gedanken umzuprogrammieren. Das funktioniert nicht von heute auf morgen, aber vielleicht auf übermorgen (schmunzelt).

Sie sagen, wir alle sollten vom Kopf ins Herz, vom Verstand ins Fühlen kommen. Geht das in einer Welt, in der wirtschaftlicher Erfolg über allem zu stehen scheint?
Einer der größten Irrtümer ist, dass die Wirtschaft immer weiter wachsen muss. Das kann nicht funktionieren, unser Planet hat begrenzte Ressourcen. Es braucht ein neues Denken und Fühlen. Schon jetzt haben unsere Böden weit mehr als die Hälfte an Nährstoffen und Mineralien eingebüßt.

Was ist die Motivation für Ihre Filme?
Wir könnten hier im Paradies leben. Ich wollte herausfinden, was alles schiefgelaufen ist, warum wir einander bekämpfen, warum wir die Natur und einander ausbeuten und die Erde zerstören. Ich weiß, dass die Menschen ihr Verhalten ändern können. Mir wurde klar: Ich muss mein Können als Regisseurin nützen, um das Bewusstsein der Menschen zu heben. Da war Moritz gerade einmal ein Jahr alt. Ich habe ihn teilweise nach Südafrika auf Drehs mitgenommen und bin stillend am Set gesessen (lacht). Ich habe so deutlich gespürt, was ich tun will, da war plötzlich so viel Energie und auch von außen so viel Unterstützung da, dass ich mir ein Kamera-Equipment gekauft habe – und losgezogen bin, um meine Fragen zu stellen.

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PARADIES DAHEIM. Am Wolfgangsee

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BLAUE WUNDER. Auf der Insel Capri

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LOS HAITISES. Nationalparkpark in der Dominikanischen Republik

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VIELE FRAGEN. An den Biologen  und Buchautor Clemens G. Arvay

Wie geht das als Alleinerziehende?
Ich hatte zuvor als Werberegisseurin Geld gespart, das habe ich in die Reisen investiert. Moritz war zunächst in einem Waldkindergarten, dann in einer Montessori-Schule. Als ich die Leiterin gefragt habe, ob ich ihn mitnehmen kann, hat sie sofort gesagt, auf solchen Reisen wird er viel mehr lernen als in der Schule. Sie gab uns Aufgaben mit: Er hat Aufsätze über die Reisen geschrieben, wir lernten Mathematik, als wir Rüdiger Dahlke (Mediziner und Psychotherapeut, Anm.) in Bali besuchten (lacht). Nach jeder Reise war ich dann froh, wenn ich einen Werbejob hatte.

… und was Sie verdient haben, …
… habe ich in meine Filmprojekte gesteckt. Oder in Moritz’ Kindergarten und Schulausbildung. Wir sind nach Maria-Anzbach gezogen, wo vor der Haustür ein Waldkindergarten gegründet wurde. Da war ein Bach, ein Tipi mit einem Lagerfeuer, die Kinder sind auf Bäume geklettert, haben Boote aus Holz gebaut. So entwickeln sie ein ganz anderes Bewusstsein; die Fähigkeit, sich im Raum zu bewegen, den Gleichgewichtssinn zu entwickeln, hängt stark mit unserem mathematischen Bereich im Hirn zusammen. Es ist so wichtig für Kinder, möglichst viel in der Natur zu sein, sich gatschig zu machen, barfuß zu gehen. Wir lernen nicht nur mit dem Kopf, sondern mit unserem ganzen Wesen.

Was braucht es dafür?
Schulen, wo gewaltfreie Kommunikation gefördert wird und ein Bildungssystem, in dem Kinder ihr Potenzial entfalten können, in dem Lehrer geschätzt und so ausgebildet werden, dass sie nicht ihre Lebensfrustration auf die Kinder projizieren. Wenn wir unter Stress sind, sind wir im Kampf- oder Fluchtmodus oder in ohnmächtiger Erstarrung. Wenn wir von Stresshormonen durchflutet sind, können wir auch kein Mitgefühl entwickeln. Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt klar: Wir lernen durch Begeisterung; sie ist wie eine Düngergießkanne, die dazu führt, dass sich neue Neuronen-Vernetzungen bilden können.

Ihr erster „Awake“-Film war in Bestsellerlisten, der zweite, „Awake2Paradise“, hatte im ausverkauften Wiener Gartenbaukino Premiere. Es sind dies keine „klassischen“ Dokus, sie enthalten bewegende Zitate und spirituelle Momente. Was steckt dahinter?
Außer einer Szene, in der es um die Herkunft eines Burgers und um Tierhaltung geht, ist der Film bewusst hochschwingend, liebevoll, voller Hoffnung. Ich beschäftige mich mit Lösungen: Wie können wir zu glücklichen Menschen werden, die in Harmonie mit der Natur leben? Aber alles im Film ist praktisch erfahrbar; es geht darum, zu einem neuen Bewusstsein zu kommen.

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(© Suzy Stöckl)

Catharina Roland

… wuchs in Wien mit zwei Geschwistern auf. Ihr Großvater ist der Gründer der Dr. Roland Maturaschule, die zunächst ihr Vater und heute ihr Bruder führt. Sie studierte Regie am Max-Reinhardt-Seminar sowie Publizistik, Psychologie und Theaterwissenschaft. Sie macht Werbefilme, arbeitet als Theaterregisseurin sowie als Sprecherin. Roland absolvierte unter anderem eine Ausbildung als Yoga-Lehrerin sowie zur „Awakening Coach“; derzeit macht sie gemeinsam mit ihrem Sohn Moritz (16) eine Ausbildung in Psychosomatischer Kinesiologie. Sie lebt mit ihm und ihrem Partner im westlichen Wienerwald.
Film-Infos: www.awake2paradise.com