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People | 17.09.2019

Moontalk

Es klingt nach Science-Fiction – und doch ist es der wissenschaftliche Alltag der niederösterreichischen Weltraumarchitektin Sandra Häuplik-Meusburger. Wir warfen mit der Dozentin einen Blick in das zukünftige, außerirdische Leben ...

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(© Moonvillage Design Studio TU Wien / Baris Dogan, Julia Oblitcova) MOON VILLAGE. Ein Dorf, in dem Menschen zusammen leben und arbeiten.

Am 12. April 1961 flog Juri Gagarin als erster Kosmonaut in den Weltraum. Genau 108 Minuten dauerte seine Reise, der bis heute Hunderte Astronauten folgten. Vor genau 50 Jahren betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Seit 2016 arbeiten Wissenschaftler der europäischen Weltraumorganisation ESA an der Vision einer Basis für Raumfahrer aus aller Welt. Wird dieses Mond-Dorf als „achter Kontinent“ auch bald ein begehrtes Ziel für Weltraumtouristen werden? Wie kann ein Leben auf dem Erdtrabanten ausschauen? Welche Baustoffe stehen zur Verfügung? Zusammen mit ihren Studenten an der TU Wien lässt sich die Dozentin auf außerirdische, ungewohnte Rahmenbedingungen ein. Und weil sie weiß, dass für kleinere Kinder noch alles möglich ist, liebt sie ihre Zukunftsworkshops mit den Kids, die sie seit 2010 veranstaltet, so sehr. Unseren Moontalk führten wir per Skype – im Zimmer ihres sechsjährigen Sohnes – vor Astronauten, Robotern und Superman ...

NIEDERÖSTERREICHERIN: Frau Doktor, was fasziniert Sie am außerirdischen Bauen?
Sandra Häuplik-Meusburger: Allein die Vorstellung, die Erde verlassen zu können und Neues zu entdecken, ist faszinierend! Für mich als Architektin ist der Weltraum eine Art Labor, ein Forschungsfeld, in dem man Dinge sieht, die schon auf der Erde eine Herausforderung sind. Im Moment wohnen in einer Raumstation vielleicht zwei bis fünf Menschen. Wenn also so wenige auf engstem Raum zusammen sind, findet man sehr viel über sich selbst raus. Das war eigentlich der Grund, warum ich mich als Architektin gefragt habe, wie diese Räume sein müssten, damit sich Menschen wohlfühlen. Räume haben ja überall eine große Wirkung auf Menschen, in den extremen Bedingungen im Weltraum aber wird alles auf die Spitze getrieben.

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(© Kainerstorfer) WELTRAUMARCHITEKTIN. Dr. DI Ing. Sandra Häuplik-Meusburger

Sie haben einmal gesagt, „am Mond ist alles ein bisschen anders“. Es geht wohl um die Schwerkraft, die mit der Distanz zur Erde sinkt, um extreme Temperaturunterschiede, hohe Dosen ionisierender Strahlung, die Gefahr ungebremster Meteoriteneinschläge oder die Möglichkeit von Sonneneruptionen ...
Gerade vor Kurzem habe ich einen Vortrag zum Thema Sicherheit gehört. Wir leben in einer Zeit, wo – auch beim Bauen – alles extrem abgesichert ist, Gefahren müssen ausgeschaltet werden. Noch in den 1970er-Jahren war das anders. Mit den heutigen Sicherheitsbestimmungen wäre man damals nicht geflogen. Aber: „Ein bisschen anders“ ist gut (lacht). Nein, am Mond ist alles anders! Der Mensch kann eigentlich am Mond nicht überleben. Er braucht einen Raumanzug, ein Haus, er braucht Schutz. Da es ja keine Atmosphäre am Mond gibt, ist diese nur im Raumanzug oder im Habitat zu finden. Und ja, für die bemannte Raumfahrt ist eines der Hauptthemen am Mond die sehr gefährliche Strahlung. Zu uns auf die Erde kommt ja nur die Wärmestrahlung, weil uns die Atmosphäre und der magnetische Strahlengürtel schützen. Der Mond aber hat keinen Schutz. Es gibt immer wieder Sonnen­eruptionen, wo ganz schnell ganz schwere Ionen weggeschossen werden. Heute kann man jedoch, im Gegensatz zu den Apollo-Missionen, diese Sonnenstürme innerhalb von zwei bis drei Tagen vorhersagen. Man begibt sich also diese Zeit in einen Shelter, eine Art Bunker, bis man wieder das restliche Habitat nützen kann. Die ganze Station kann man nicht abschirmen, aber es gibt unterschiedliche Varianten des Schutzes. Im Moment sind die Stationen mit einer etwa einen Meter dicken Schicht Regolith, also Mondstaub, zugedeckt, wie ein Hügel.

Fliegt dieser Mondstaub von selber an?
Nein, das muss gebaut bzw. mit einem 3D-Drucker gedruckt werden. Das internationale Architekturbüro Norman Foster hat gemeinsam mit der ESA eine Raumstation geplant, wo lauter kleine Roboter die Struktur drucken.

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(© Moon Village Design Studio TU Wien / Baris Dogan, Julia Oblitcova) IM MOND GESCHÜTZT. Auf vier unterirdischen Ebenen gibt es Labore, Werkstätten und Wohnräume für bis zu 20 Wissenschaftler.

Wer soll denn in so einem Mond-Haus wohnen?
Im Moment ist dieses Moon-Village eine Idee, für die es unterschiedliche Nutzergruppen gibt. Einerseits die Wissenschaftler, die den Mond erforschen möchten, andererseits die neuen, privaten Unternehmer, die Geld verdienen wollen, zum Beispiel mit Weltraumtourismus. Dazu gibt es vom US-Unternehmer Robert Bigelow seit Längerem Prototypen für ein Weltraumhotel. Auch die internationale Raumstation soll jetzt wieder frei für Touristen werden. Man hat das ja schon auf der MIR-Station gemacht, wo man für viel Geld Touristen hingelassen hat.

Das wird aber nur sehr reichen Menschen möglich sein ...  
Ich glaube, das kostet Milliarden! Dennoch ist Tourismus sicher keine schlechte Idee; die Frage ist, wer zahlt. Ein weiteres Thema sind die Mining-Teams, welche am Mond Rohstoffe abbauen, wie etwa Helium 3, oder durch Kernfusion mehr Energie für die Erde gewinnen wollen. Ein Befürworter dazu ist der letzte Astronaut (und Geologe, Anm.), der am Mond war, Harrison Schmitt (83). Ich persönlich finde nicht, dass die Menschen dort herumgraben sollen. Das Tolle an dem Moon-Village ist, dass im Moment von der Idee her alles möglich ist. Man wird sehen, was dann wirklich gemacht wird. Mit meinen Studenten gehe ich in Richtung Forschung, denn ich finde, es muss nicht jeder zum Mond fliegen. Er ist schon so lange da, da muss man schon auf ihn aufpassen. Ich würde es fantastisch finden, wenn es eine Mondstation geben würde, die man für einige Tage besuchen könnte. Warum nicht? Weltraumtourismus ist aber auch auf der Erde ein Thema, denken wir an die Simulations-Habitate, wo man in China, den USA oder in Hawaii Astronaut sein kann.

Stimmt es, dass der Mond für die Raumfahrtnationen als „Sprungbrett“ für eine bemannte Mission zum Mars herhalten muss?
Wenn man einmal am Mond ist, kann man viel für eine Mission am Mars lernen, man kann den Ablauf einer Mission testen. Als Architektin und Ingenieurin kann man auch lernen, mit schwierigen Situationen umzugehen, denn: Man hat nur das, was da ist. Wenn also der Filter nicht auf den anderen draufpasst, dann muss man improvisieren. So etwas lernt man nur in solch einer Extremsituation, denn das kann man sich vorher nicht ausdenken. Ein weiteres Konzept dazu ist die Idee eines Weltraumflughafens am Mond, weil man vom Mond aus leichter zu anderen Planeten starten kann, denn man muss die Atmosphäre nicht überwinden, was weniger Treibstoff braucht. Dazu müsste es aber am Mond schon eine gewisse Infrastruktur geben.

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(© space-craft Architektur)

KITCHEN.
Alltägliche Funktionen neu denken: Essen und Waste-Management

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(© space-craft Architektur / Krljes)

Food Research Lab.
Kultivieren der Pflanzen

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Im EAC Space Station Simulator

Forscher des ESA rechnen damit, dass im Jahr 2040 circa 100 Menschen auf dem Mond leben könnten, 2050 sollen es sogar schon 1.000 sein. Halten Sie das für möglich?
Möglich ist es schon, realistisch aber nicht. Die Technik gibt es. Wenn man überlegt, mit welch einem Computer man vor 50 Jahren zum Mond geflogen ist! Dann haben sie in nur neun Jahren die gesamte Infrastruktur gebaut. Ich kann mir vorstellen, dass es China schafft, im Wettbewerb mit den USA. Schwierig wird es, wenn die Leute nicht an einem Strang ziehen. Ich denke, dass es Forschungsstationen am Mond geben wird, aber kein bewohntes Dorf. Wenn man schon die Erde verlässt, muss man woanders hin ...

Wohin zum Beispiel?
Eben zum Mars und weiter, oder ich setze mich in ein Raumschiff und fliege zum Jupiter. Ein Dorf am Mond macht irgendwie keinen Sinn.

Wie sollen sich die Menschen am Mond ernähren?
Also, die Astronauten essen auch heute ganz normales Essen. Auf den internationalen Raumstationen gibt es mehrere Menüs zur Auswahl. Das Ziel ist immer, dass man so wenig wie möglich mitnehmen muss, weil jeder Raketenstart teuer ist. Deshalb auch die Idee vom 3D-Druck aus Mondgestein. Man fliegt also mit wenig hin und verwendet das, was man am Mond vorfindet. Man muss einen Weg finden, wie man das Essen vor Ort produziert, dazu gehören die Pflanzen und auch das Waste-Management. Alles an Bord muss man so lange und in so vielen Varianten wie möglich nutzen, egal ob Möbel, Räume, Essen, Wasser. Da geht man nicht aufs Klo und spült literweise Urin weg – das muss wieder aufbereitet werden. Dieses Kreislaufdenken ist sehr interessant – auch für die Architekten.

Im interglobalen Moon-Village sollen das Know-how verschiedener Weltraumnationen wie etwa China, Russland, Indien, USA und ESA gebündelt werden. Könnte man sagen, das Leben auf dem Mond ist auch ein außerirdisches Friedensprojekt?
Ja, ich glaube das wäre die Wunschvariante. Deswegen ist ja auch die Idee des Moon-Village entstanden. Der Chef der ESA, Johann-Dietrich Wörner, hat das Wort „Village“ gewählt, weil er vom gemeinschaftlichen Charakter eines Dorfes ausgegangen ist. Ein Dorf, in dem alle zusammen arbeiten und einander helfen. Das hat sicher den Hintergrund, dass man auch bei der UNO schon länger bemüht ist, neben den bereits teilnehmenden Staaten, auch kleinere Staatengemeinschaften oder Entwicklungsländer ins Boot zu holen. Weil man sieht, dass dieses Weltraumthema ein großer Motivationsfaktor für Ausbildung sein kann, Kinder zu animieren, Mathematik oder Physik zu studieren. Nicht viele Länder haben das große Budget, aber sie könnten Teilbereiche liefern, wie etwa Kommunikations-Satelliten für das Moon-Village zu designen. Also ein gemeinsames Projekt von Erdbewohnern, nicht nur von Staaten. Bleibt die Frage: Wird es Stipendien für junge Wissenschaftler geben?

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(© space-craft Architektur)

Inspiration aus dem Weltraum.
Offene Räume und multifunktionales Design

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(© space craft Architektur / Krljes)

SPACE DENTAL.
3D-Technologie für Astronauten

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(© OEWF / Zanella-Kux)

AUF DEM MARS.
Simulation in der Wüste von Marokko

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(© Häuplik-Meusburger)

Moonwalker Lunar Base.
Eine mobile Forschungsstation auf dem Mond

Im Herbst startet die Science-Academy NÖ unter Ihrer Leitung einen eigenen Weltraumlehrgang ...
Also vorab: Ich freue mich so sehr auf diese Jugendlichen! Als ich die Bewerbungen mit den Motivationsschreiben gelesen habe, sind mir fast die Tränen gekommen, weil sie so entzückend geschrieben waren. Man spürt, wie sehr sie das unbedingt machen wollen, sogar Empfehlungsschreiben der Klassenvorstände oder Mathematikprofessoren haben sie beigelegt. Ja, es ist ein Pilotprojekt, wo die Jugendlichen an jeweils einem Samstag im Monat ganztags mit Wissenschaftler über ein spezielles Thema sprechen werden, von der Astrophysik, Biotechnologie bis zur Weltraumarchitektur. Das Wintersemester ist aber bereits ausgebucht ...

Hand aufs Herz: Wäre ein Mond-Village bezugsbereit – würden Sie dort einziehen wollen?
Einziehen nicht, aber für einige Wochen hinfahren, sehr gerne! Ein Urlaub auf dem Mond sozusagen. Am Mond stehen und auf die Erde schauen ...

Bücher
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erschien 2011.

Bereits 2011 interviewte Sandra Häuplik-Meusburger für ihren 300-seitigen Forschungsbericht „Architecture for Astronauts“ neun Raumfahrer und insgesamt sechs Stationen (Apollo, Saljut, Skylab, Spaceshuttle, MIR und ISS) in Bezug auf die Lebensbedingungen außerhalb der Erdatmosphäre.

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erschien 2016.

Bereits 2011 interviewte Sandra Häuplik-Meusburger für ihren 300-seitigen Forschungsbericht „Architecture for Astronauts“ neun Raumfahrer und insgesamt sechs Stationen (Apollo, Saljut, Skylab, Spaceshuttle, MIR und ISS) in Bezug auf die Lebensbedingungen außerhalb der Erdatmosphäre.

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(© ÖWF-Katja Zanella-Kux) Deployable Shelter Test. Dozentin Sandra Häuplik-Meusburger mit ihren Studenten beim Österreichischen Weltraumforum

Fly me to the moon!

Im Herbst startet die Science-Academy Niederösterreich unter der  wissenschaftlichen Leitung von Sandra Häup­lik-Meusburger einen eigenen zweijährigen Weltraumlehrgang. Die 14- bis 16-jährigen Teilnehmer werden dabei die Möglichkeit haben, sich mit Monden und Sternen zu beschäftigen und mit internationalen Wissenschaftlern in Kontakt zu treten. www.space-craft.at