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People | 05.11.2019

Mein Tod ist gestorben

Der Provokateur und „Tatort“-Polizeichef inszeniert Nestroy. Wir trafen Hubsi Kramar zum Talk.

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(© Vanessa Hartmann)

„Pension Fritzl“. Seine Mediensatire brannte sich ins Gedächtnis. Noch vor Prozessbeginn gegen Josef Fritzl, der seine Tochter im Keller festhielt und mit ihr Kinder zeugte, fand die Aufführung in Wien statt. Die Boulevardmedien wetterten gegen den Theatermacher und Aktionist Hubsi Kramar, er erhielt sogar Morddrohungen. Zur Premiere kamen mehr als 60 Fernsehstationen. „Ich hab‘ gesagt: Nur wer mir verspricht, die strukturelle Gewalt von Männern gegen Frauen zu beschreiben, dass das System hat und es nicht nur einen Fritzl gibt, bekommt ein Interview“, erinnert sich Kramar, 71. „Plötzlich kamen solche Fälle auch in anderen Ländern an die Öffentlichkeit.“
Schon 2000 verschaffte er sich und den Themen, die ihm stets Albträume bescheren – der Faschismus und der Holocaust – internationale Medienpräsenz: Er kostümierte sich als Hitler und fuhr zum Opernball. Gegen Ungerechtigkeiten wettert Kramar aktuell im Wiener Theater Akzent. Er führt Regie und spielt Nestroys „Frühere Verhältnisse“. Der belesene Mann, der den Tag mit einem Kopfstand beginnt und auf die Apfelessigkur schwört, schenkte uns ein fesselndes Gespräch.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie kommt man aus einer Großfamilie in Scheibbs ans Reinhardt-Seminar?
Hubsi Kramar: Mit Theater hab‘ ich lang nix am Hut gehabt. Dann hörte ich von Grotowski (Theaterreformer, Anm.), der war das Nonplusultra Ende der 1960er. Da hab‘ ich mir gedacht: Ich lerne ein paar Rollen und schau, ob ich reinkomm‘. Mein Vater hat gesagt: „Warum studierst nicht Medizin?“ Meine Mutter wollte Balletttänzerin werden, die war offen dafür. Dann sind da 500 Leute angetreten. Es gibt im Theater so Klischeerollen wie den Burschen vom Land – da fiel das Los offenbar auf mich.

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(© Karl Satzinger) Frühere Verhältnisse. Ab 6. November im Wiener Theater Akzent (www.akzent.at) – mit Julian Loidl, Tania Golden und Adriana Zartl

Also ziemlich unaufgeregt?
Ich hab‘ keine Idole gehabt; mir ist das wurscht, wenn der Papst reinkommt, Menschen sind für mich einer wie der andere. So war meine Erziehung. Man darf nur nie was gegen einen anderen machen. Das ist Respekt. Ich bin ja ein Taoist (chinesische Philosophie, Anm.).

Was bedeutet das für Sie?
Da gibt es nicht diese Geschichten vom lieben Gott. Wenn ich die Bibel schon anfange! Man isst nicht vom Baum der Erkenntnis, sonst kommt man in die Hölle. Ich soll nicht denken? Eine Herrschaftsideologie! Frauen sind schuld? An was?! Taoistisch bedeutet: Alles ist offen. Wer an der Unsicherheit zweifelt, ist verloren; der Tod ist Erlösung.

Sie haben auch Sterbebegleitung gemacht …
Das Wichtigste, was ich da lernte: Es sind nur die gut gestorben, die losließen. Das ist im Leben genauso: Besser man lässt all die Erwartungen an den Partner, an den Beruf, ans Leben los. Gestern ist nimmer, morgen ist noch nicht.

Woher rührt Ihr rebellischer Zorn?
In einer Großfamilie ist man sozial codiert; man hat ein Bewusstsein für Ungerechtigkeit. Zuerst habe ich unbewusst revoltiert, dann mich bewusst mit der Geschichte beschäftigt. Wie kam es zum Holocaust und zu Hitler, diesem Volltrottel? Es geht immer um Geldverteilung. Die einen lassen das Kapital arbeiten, die anderen arbeiten sich zum Krüppel. Jeder hat ein Talent, der eine putzt den Boden, der andere baut einen Weltraumroboter, aber wir sind gleichwertig. Viele sind neurotisch, kehren ihre Energie in Probleme. Sie gehen nicht offen in die Welt, dabei ist alles da, man muss nur wach sein.

Kennen Sie Angst?
Nein. Aber es gibt Verletzungen in den Menschen, die Ängste nähren. Man muss schauen, woher das kommt. Ich bin dankbar für mein Glück: Ich wurde nicht im Krieg geboren, konnte studieren, verliebte mich in die, die sich in mich verliebten.

Sie schauen jung aus mit 71 …
Ich mach‘ meine Stretches, achte auf meine Ernährung. Der Körper ist eine Maschine, muss gewartet werden. Ich reinige mich geistig mit Meditationen und viel Ausatmen. Wir haben den Rhythmus eines Meereswesens, ich hab‘s leicht: Ich fahre seit 50 Jahren jeden Winter nach Marokko. Die Leute leben oft kompliziert, aber wenn man Dinge, die nicht guttun, loslässt, ausatmet, den Fernseher weggibt …

Sie sind Oberst Rauter in „Tatort“?!
Das war auch Glück! Da hieß es: „Du bist ein bekannter Anarchist. Das wär‘ super, wenn du den obersten Polizisten spielst.“ So ist das eine Chuzpe (schmunzelt). Andere rennen, dass sie Rollen kriegen, das tat ich nie. Es kam immer was. Ich hab‘ sowieso mein ganzes Geld ins Theater gesteckt. Geld hat für mich keine Bedeutung, die Menschen können nie genug haben. Die Liebe ist wichtig, die kostet nichts.

Das klingt nach viel Leichtigkeit, aber Sie arbeiten viel …
Aber mit Lust – ich bin ja ein Spieler! Vielleicht habe ich‘s leicht, weil meine Eltern ein Liebespaar waren.

Sie inszenieren und spielen in „Frühere Verhältnisse“. Was sollen die Menschen mitnehmen?
Nestroy konnte die Menschen sehr gut satirisch beschreiben, die Geschichten sind so aktuell. Wir haben tolle Texte dazugeschrieben, beispielsweise zur Verlogenheit der Fernsehdiskussionen (im Wahlkampf, Anm.). Man muss seine Energie nicht verwenden, um reich zu werden. Wenn es jedem gelänge, dass er einem anderen hilft, das Leben besser zu bewältigen, hat das Leben einen Sinn.

Wie blicken Sie in die Zukunft?
Ich hab‘ geträumt, es klopft, vor der Tür steht der Tod mit der Sense. Ich sage: „Aha, ist es so weit?“ Er sagt ja und stirbt. Dadurch ist mein Tod gestorben (lacht). Das Training jeden Tag und alles andere braucht Disziplin; die Maschine wird halt älter. Ich sehe meine Zukunft aber positiv: Es ist eine Erlösung, wenn man nicht mehr sein muss.

Wirklich?
Ja, sicher. Ich geh‘ gern schlafen.

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(c) Vanessa Hartmann

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(c) Vanessa Hartmann

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(c) Vanessa Hartmann

IN KÜRZE

Hubert Kramar wurde 1948 in Scheibbs als siebtes Kind eines Arztes und einer Sport- und Englischlehrerin geboren. Er studierte am Max Reinhardt-Seminar und an der Harvard University und lernte etwa bei Jerzy Grotowski in Polen. Kramar ist Theatermacher, politischer Provokateur, Schauspieler (seit 2005 Polizeichef Rauter in „Tatort“) und schrieb selbst zig Theaterstücke. Er wohnt in Wien und im Burgenland und ist Vater eines Sohnes, 32.