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People | 14.11.2019

Step by step!

Die Sozialpädagogin Daniela Leinweber aus Flatz wanderte 1.014 Kilometer die atemberaubende Küste im Südwesten Englands entlang. Ihre Mission? Mit jedem ihrer 2.136.195 Schritte Geld für benachteiligte, junge Menschen, die nicht mehr in ihren Herkunftsfamilien leben können, zu sammeln.

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(© Daniela und Peter Leinweber) 999 MEILEN entfernt vom SoWo, dem Sozialen Wohnhaus in Neunkirchen, wo Daniela arbeitet.

„Bis vor einigen Jahren war ich mit meinen 142 Kilogramm ein absoluter Couchpotato. Meine Lebensqualität war im Eimer und ich merkte, dass ich selbst nur mehr Zuschauerin im Theaterstück meines Lebens war. Ich musste dringend etwas ändern und endlich schaffte ich den Turnaround und nahm kontinuierlich ab. Mit so einem enormen Übergewicht ist nicht viel möglich, so war es damals das ‚Gehen!‘ mit dem ich anfing. Mehr ging im wahrsten Sinne des Wortes nicht“, schrieb mir Daniela Leinweber – und mein Interesse war sofort geweckt. Denn: Wie schafft man einen Turnaround bei einem Übergewicht der Adipositas Stufe 3, wo für Daniela bereits das Stufensteigen eine massive körperliche Anstrengung war?  Sie schaffte es: Gemeinsam mit ihrem Mann Peter ging sie die Königsdisziplin der britischen Weitwanderwege, den South West Coast Path. Anders ausgedrückt: fast viermal die Höhe des Mount Everest – in einem Sabbatical von zwei Monaten ...

NIEDERÖSTERREICHERIN: Daniela, du hast geschrieben, dein Übergewicht hat Spuren in deiner Seele hinterlassen. Was war der Knackpunkt, dass du gesagt hast: stopp!
Daniela Leinweber: Tatsächlich kann ich mich daran noch genau erinnern. Ich versuchte, mich im Bett zu meinem Mann umzudrehen und es gelang mir nicht mehr, meinen Körper auf die andere Seite zu wuchten. In diesem Augenblick habe ich mich so geschämt, dass ich mir selbst versprochen habe, das ab sofort zu ändern. Ich wollte mich nie wieder so schlecht fühlen.

War es schwer, deinen Mann von deinem South West Coast Path-Vorhaben zu überzeugen?
Das eigentlich Schwere war, Peter davon zu überzeugen, dass ich es wirklich ernst meine. Als er dann realisiert hat, dass ich auch alleine auf alle Fälle gehen werde, konnte ich ihn relativ schnell für ein gemeinsames Abenteuer begeistern. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, mir an für ihn schlechten Tagen am SWCP unter die Nase zu reiben, dass er dies ja nur aus reiner Liebe zu mir machen würde, und er von alleine nie auf die Idee gekommen wäre (lacht).

Du hast Urlaube in den USA gemocht, weil vieles für übergewichtige Menschen ausgelegt ist. Warum dann die Entscheidung für Großbritannien?
In den USA gibt es keinen vergleichbaren Weg – für die klassischen Weitwanderwege dort, etwa den Appalachian Trail oder den Pacific Crest Trail muss man mindestens ein halbes Jahr einplanen und außerdem ist die Infrastruktur dort bei Weitem nicht so gut ausgebaut wie in Großbritannien, d.h., man muss oft im Shelter schlafen. Nun bin ich aber jemand, der gerne ein Bett und eine Dusche am Ende des Tages hat, das nennt man heute „Flashpacker“, was der SWCP am Ende eines jeden Tages möglich macht. Auch wollte Peter gerne am Meer gehen, einen durchgängigen Küstenweitwanderweg gibt es aber in den USA nicht. Da ich aber trotzdem in einem Land wandern wollte, wo ich mich gut in Englisch verständigen kann, da ich sehr schlecht im „mit Händen und Füßen reden“ bin, fiel die Entscheidung auf Großbritannien. Dort musste es dann schon der längste aller Fernwanderwege sein – wenngleich es doch eine große Herausforderung war.

999 Meilen
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(c) Daniela und Peter Leinweber

Godrevy Lighthouse

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(c) Daniela und Peter Leinweber

PORTLAND. Im Skulpturenpark

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(c) Daniela und Peter Leinweber

Überquerung des Emre Rivers

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(c) Daniela und Peter Leinweber

Geschäftiges Treiben in St. Ives

Wie hast du dich körperlich darauf vorbereitet?
Ich fing mit Gehen an, daraus wurde Nordic Walking und schließlich Wandern. Am Wanderweg nach Mariazell waren wir drei Tage unterwegs, am Alpannonia Weitwanderweg nach Ungarn knapp eine Woche und den UNESCO Welterbesteig Wachau schafften wir in nicht ganz zwei Wochen – es war also eine kontinuierliche Steigerung des Pensums. Vor dem SWCP waren wir dann jedes Wochenende irgendwo wandern, im Winter fingen wir mit den Wiener Stadtwanderwegen an und dann ging es immer mehr Höhenmeter hinauf. Allerdings trainierten wir entweder die Länge oder die Höhenmeter oder wir wanderten mit einem großen Rucksack, alles zusammen haben wir dann erst am SWCP gemacht, was die erste Zeit doch recht schwierig machte.

Wie hast du die erste Zeit unterwegs am South West Coast Path erlebt?
Anfangs waren wir absolut aufgeregt! Der erste Tag war auch noch gut bewältigbar, aber dann wurde das Terrain so schwierig, dass wir meist als erste in der Früh losstarteten und als letzte am Abend ankamen. Das allerdings hatte einen entscheidenden Vorteil: Wir kannten alle Wanderer auf der Strecke, denn früher oder später haben sie uns überholt. So waren wir selten alleine in den Unterkünften, sondern saßen abends mit Gleichgesinnten in herrlicher Kulisse zusammen – wobei wir keine weiteren „Thru-Hiker“, also komplette Durchwanderer, getroffen haben, denn viele machen das nur für ein oder zwei Wochen in Teilabschnitten. Die South West Coast Path Association, die sich um den Weg und die Anliegen der Wanderer kümmert, spricht übrigens davon, dass die ersten beiden Wochen die schwierigsten seien, was ich nur bestätigen kann.

Was hat dich am meisten beeindruckt?
Schwer zu sagen, es gab so viele großartige Momente, sei es der Facettenreichtum der Natur, tierische Begegnungen oder die Herzlichkeit der Briten. Wir haben die Welt viel intensiver erlebt, auf Kleinigkeiten geachtet und oft Dinge plötzlich mehr zu schätzen gewusst, z.B. eine Waschmaschine. Den Wert von frischer Wäsche erkennt man erst dann, wenn man keine mehr hat. Es war tatsächlich das Zusammenspiel von Fauna, Flora und der Offenheit der Menschen, die es zu etwas ganz Besonderem gemacht hat.

Du schreibst auch von einem falschen Bild, welches man von der Küste, an der die Rosamunde Pilcher Filme gedreht werden, hat ...
Ja, denn in den Pilcher-Filmen gibt es stattliche Herrenhäuser, gut situierte Menschen und traumhafte Küstenaufnahmen. Die traumhafte Küste gibt es tatsächlich, aber ansonsten zählt dieser Teil Großbritanniens zu den ärmsten Regionen des Landes. Obdachlosigkeit ist ein großes Thema in der Region, viele Häuser stehen leer oder sind in einem derart schlechten Zustand, dass man darin nicht mehr wohnen kann. Schiffe, Bänke oder Stege werden bei Nichtmehrgebrauch sich selbst überlassen – entsorgt wird hier nichts und das bietet oft ein bedrückendes Bild. Dennoch lebt die Region von den Pilcher-Touristen, also sind viele deutschsprachige Besucher in dieser Gegend unterwegs. Auch wird tatsächlich versucht, dieses verklärte Bild für die Touristen aufrecht zu erhalten, damit weitere kommen. Die Wahrheit dahinter erkennt man oft erst, wenn man zu Fuß durch die Gegend wandert und mit den Einheimischen plaudert, um einen besseren Blick für das große Ganze zu bekommen.

Wenn du in deinem Buch Resümee ziehst, sagst du: Es war einfach wunderschön – aber furchtbar war es auch ...
Ich vergleiche das manchmal mit einer Geburt. Gleich danach sagt man oft: „Ich bekomme nie wieder ein Kind“ und so ging es uns auch, wir wollten nie wieder auf eine Weitwanderung gehen. Doch die negativen Seiten werden immer mehr in der Erinnerung von den positiven Erlebnissen überlagert und man überlegt: „Vielleicht könnten wir mal wieder …“ Ich liebäugle im Moment mit Schottland, aber da muss ich meinen Mann noch überzeugen. Ansonsten bin ich heute sehr dankbar, dass wir die Möglichkeit hatten, dieses Abenteuer zu erleben und wir alles wie geplant durchziehen konnten. Wir sind immer noch sehr stolz auf uns, dass wir dies so gut geschafft haben und können jedem nur empfehlen, wenn er die Möglichkeit hat, sich einmal eine Zeit aus dem Alltag herauszunehmen und auf Wanderschaft zu gehen.

Warum hast du dein Buch geschrieben?
Bevor ich den Traum hatte, eine Weitwanderung zu machen, hatte ich schon den Traum, ein Buch zu schreiben. Ich schreibe, seit ich denken kann, hätte mir aber nie träumen lassen, dass es gerade ein Wandererlebnisbuch werden würde, denn schließlich wanderte ich jahrzehntelang ja nicht. Schließlich wollte ich die Leser aber mit auf diese beeindruckende Reise nehmen, denn der Path hat mir sehr viel gegeben und ich hatte das Gefühl, ich muss ein Stück zurückgeben. Mein Hauptanliegen ist aber, die Leute davon zu überzeugen, dass fast jeder so einen Weg schaffen kann. Oft bekommt man aus Reise­blogs oder Wanderbüchern den Eindruck vermittelt, dass man gut trainiert, schlank und fit sein muss, um so eine Wanderung überhaupt auch nur in Erwägung zu ziehen. Aber wenn ich das mit meiner Höhenangst, meinen kaputten Knien und meinem „geringfügigen“ Hang zum Sudern schaffe, dann kann das fast jeder. Man muss nur daran glauben, dann klappt das auch!

Walking does make a difference!
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(© Daniela und Peter Leinweber)

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(© Daniela und Peter Leinweber)

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(© Daniela und Peter Leinweber)

HARTLAND POINT. Einer von 53 passierten Leuchttürmen.

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(© Daniela und Peter Leinweber)

BERÜHMT. Die schwarzen Schafe von Baggy Point.

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(© Daniela und Peter Leinweber)

DURCH DICK UND DÜNN. Daniela und Peter Leinweber.

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(© Daniela und Peter Leinweber)

ANGEKOMMEN. Am Endpunkt South Haven.

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Leykam Buchverlagsgesellschaft ISBN 978-3-7011-8129-2 € 21 zzgl. Versandkosten

Persönliche Statistik

4 Grafschaften durchwandert
1.283 Kilometer gesamt
2.136.195 Schritte
35.031 Höhenmeter
Brücken: 302
Gatter öffnen und schließen: 880-mal
Zaunübertritte: 436
Stufen: 26.719
Leuchttürme passiert: 53
47 heiße Schokoladen getrunken
Verlorene Kilos: 9
Auf magische Weise zu Hause wiedergefundene Kilos: 10
Gesammelte Spenden für SoWo: € 5.536,70 und £ 15
von 362 Paten aus 12 Ländern

ABOUT ME
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DURDLE DOOR. UNESCO Weltnaturerbe

Daniela Leinweber (43) ist Mutter zweier Töchter. Sie lebt mit ihrem Mann im kleinen Örtchen Flatz am Fuße des Gösings und ist geschäftsführende Vorständin im Sozialen Wohnhaus Neunkirchen. Ehrenamtlich engagiert sie sich als Autorin bei der sozialen Straßenzeitung „Eibisch-Zuckerl“ und verfasste zahlreiche Texte sowohl zum Thema Reisen als auch im sozialpädagogischen Kontext.