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People | 26.11.2019

Gut unterwegs

Sie war lange eine Suchende: Im Schauspiel fand Julia Franz Richter ein Ventil für ihre Liebe zu Sprache und Literatur. Ins Kino kommt sie jetzt mit dem aufwühlenden Drama „Der Taucher“.

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(© Hilde van Mas) Wow. Julia Franz Richter vor der Linse der Tänzerin und Fotografin Hilde van Mas – in einem Modell der jungen Designerin Narbon Patricia

WORDRAP

Das wollte ich als Kind werden …  Tierpflegerin; ich wollte im Zoo arbeiten.
Musik, die mich sehr berührt … gerade aktuell: von Amanda Palmer – sie ist eine US-Frauenrechtlerin – „The Ride“ und „A Mother‘s Confession“.
Ein Film, der mich bewegt … Oh mein Gott, da gibt es viele! „Play“ von Ruben Östlund, „Das siebente Siegel“ von Ingmar Bergmann und ganz viele Filme von Agnès Varda …
Frauen, die mich inspirieren … Ingeborg Bachmann, Liv Stromquist, Doris Uhlich, Chris Kraus (Autorin, „I Love Dick“, Anm.), Alexandria Ocasio Cortez …
Das möchte ich gerne einmal machen …  Gerade sind es die kleinen Ziele, die nicht so weit weg sind. Morgen möchte ich beispielsweise in den Wald.

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(© Hilde van Mas)

Weit und breit kein Zelt, kein Wohnwagen, kein Mensch auf dem Campingplatz – nur ein einsamer Esel, der die ganze Nacht ins Ohr schmatzte. So verbrachte Julia Franz Richter die erste Nacht ihrer Albanien-Reise mit einer Freundin im Zelt. „Meine Neugier ist größer als meine Angst“, lacht sie.
Sie sei mal ein eher schüchternes Mädchen gewesen, sagt die Schauspielerin. Heute hat sie eine Ausstrahlung, dass man den Lokallärm im Interview vergisst – und reist gerne abenteuerlustig mit dem Rucksack. „Am liebsten bin ich mit dem Zug unterwegs. 2018 waren es Georgien und Armenien und letzten Sommer eben Albanien, das mit Abstand gastfreundlichste Land, wo ich bis jetzt gewesen bin“, erzählt sie.
Die gebürtige Niederösterreicherin ist noch keine 30, ihre künstlerische Karriere bekam in jüngster Vergangenheit viel Aufwind. Derzeit steht sie am Grazer Schauspielhaus auf der Bühne, sie spielte eine Hauptrolle im Servus TV-Familiendrama „Trakehnerblut“ und in Katharina Mücksteins preisgekröntem „L’Animale“. Im November kommt sie mit einem Film ins Kino, der tief unter die Haut gehen wird: „Der Taucher“. Sie spielt an der Seite von Starmimin Franziska Weisz  in Günter Schwaigers aufrüttelndem Kinofilmdebüt. Aus einer ungewohnten Perspektive nähert sich der Filmemacher dem Thema häusliche Gewalt …

NIEDERÖSTERREICHERIN: Die Frage hat vermutlich Tradition: Wieso Franz mit dem zweiten Vornamen?
Julia Franz Richter: (schmunzelt) Ich habe drei jüngere Brüder und war lange die Einzige, die keinen zweiten Namen hatte. Das hat meine Mutter immer gestört und sie sagte: „Such dir einen aus.“ In meiner Familie väterlicherseits hießen immer die ersten Kinder Franz: mein Urgroßvater, mein Großvater und mein Onkel. Und ich bin nun mal das älteste Kind (lacht).

Wie war dein Aufwachsen in Weigelsdorf (Ebreichsdorf)?
Meine Kindheit am Land war toll! Ich ging mit meinen Freundinnen zur Schule, half in einem Stall mit und durfte im Austausch dafür reiten. Mein Papa hat einen technischen Beruf, meine Mama war viel bei uns und macht jetzt ihr Studium fertig, sie hat Sozialarbeit studiert.

Eine Richtung, die auch dich immer interessiert …
Man glaubt ja immer, die Matura ist der Initiationsmoment. Keiner sagt dir, dass der richtige Struggle erst danach losgeht. Ich habe ein polyästhetisches Gymnasium gemacht und bin dann mit zwei Freundinnen nach Wien gezogen. Ich inskribierte schließlich Komparatistik, war aber lange am Suchen, was ich wirklich machen will. Da habe ich immer wieder ehrenamtlich in einer Suppenküche für Obdachlose gearbeitet. Junge Männer dürfen Zivildienst machen, auch junge Frauen sollten die Möglichkeit haben, auf diese Weise soziale Erfahrungen zu sammeln. Ich bekam einen so anderen Bezug dazu, wie die Stadt ist, in der ich lebe, wer privilegiert ist, wer ausgeschlossen ist. Da waren Menschen mit Suchtproblemen oder Menschen, die schwere Schicksalsschläge erlitten haben. Ich habe dort gelernt: Das kann jedem von uns passieren.

Wie ging es dir beim Studium?
Ich liebe Literatur, ich habe alles aufgesogen, aber es war mir zu theoretisch, ich suchte nach einem angewandten, praktischen Raum: dem Theater, das mich schon als Kind interessierte, wenn ich mit meiner Mama dort war. Ich habe mich aber nicht an eine öffentliche Schule getraut, also habe ich in Restaurants und Bars gearbeitet und zunächst privat Unterricht genommen.

Dann hast du es aber doch gewagt, wurdest in Graz aufgenommen – und spielst seither an mehreren Theatern. Wie erlebst du das?
Ich hatte starke Mentorinnen an der Uni; ich habe mich nie in Rollenbildern gefangen gefühlt. Diversität oder Stücke „cross-gender“ zu besetzen (vereinfacht: unabhängig vom Geschlecht, Anm.) war selbstverständlich. Nach dem Studium musste ich dann feststellen, dass es in den Theatern noch sehr wohl patriarchale Strukturen und den seltsamen Regie-Kult gibt, wo dieser große Mann seit Jahrzehnten unreflektiert und fest im Sattel sitzt. Ich dachte mir: „Oh Gott, ich war an der Uni in einer totalen Blase.“ Ich finde beispielsweise Häuser toll, die partizipativ arbeiten, also den Kontakt zu den Leuten suchen, auch um von diesem elitären Theater wegzukommen, hin zu einer gemeinsamen Stückentwicklung.

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ROLLENTAUSCH.
Die Mutter (Franziska Weisz) in den Armen der Tochter (Julia F. Richter)

(c) Robert Staudinger

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(c) Günter-Schwaiger-Film / Extrafilm

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DER TAUCHER. Häusliche Gewalt aus anderen Perspektiven. Kinostart: 29. November 2019

(c) Robert Staudinger

Bist du konkret in Situationen geraten, wo Grenzen überschritten wurden?
Ich war selbst nicht mit übegriffigen Leuten konfrontiert. Aber den Sexismus haben viele in der Sprache, ohne dass ihnen das bewusst ist. Bei klassischen Stücken ist eine gewisse Form von Sexismus oftmals immanent. So ein Gretchen (Frauenfigur in Goethes „Faust“, Anm.) ist ja keine besonders widersprüchliche Frauenfigur. Ich bin nicht für diese binäre Aufteilung von männlich und weiblich, aber es ist schwierig, hier auszubrechen. Manchmal denke ich mir: weg mit diesen Stücken!

Mutig. Die „Klassiker“ scheinen oft unantastbar …
Ich finde: aus dem Repertoire streichen oder sich eine klare andere Setzung überlegen. Wir spielen am Grazer Schauspielhaus gerade „Die Physiker“ (von Friedrich Dürrenmatt, Anm.) in Cross-Gender-Besetzung. Ich merke, wie unglaublich erleichternd das ist. Für mich ist das nicht einmal eine Männerrolle, sondern einfach eine Rolle; ich muss mich nicht verhalten, wie es diese komischen Zuschreibungen verlangen, sondern kann einfach spielen. Es ist auch so absurd, dass viele von uns oft Angst haben, bestimmte Diskussionen loszutreten, weil wir nicht „divenhaft“ erscheinen wollen. Da heißt es oft: „Die kommt jetzt wieder mit ihrem Feminismus.“ Dabei haben wir doch alle die Möglichkeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Es ist ja auch kein Frauenthema.
Genau! Ich hab‘ ganz viele männliche Kollegen, die auch keinen Bock haben, die ganze Zeit die super potenten Männer zu spielen; jede und jeder kann vom Feminismus profitieren.

Du bist fast zufällig zu einem „Tatort“-Casting und dann gleich zur Rolle in der Kultserie gekommen; dadurch ergaben sich auch deine Kinorollen …
Ich fand Theater und Film immer schon einander nah; es sind beides Räume, die man betritt, wo man sich „abgibt“ und sich dezidiert auf eine Geschichte einlässt. Ich gehe total gerne ins Kino, aber ich wusste, dass es nicht so leicht ist, einen Fuß in die Branche zu kriegen. Ich habe es auch nicht forciert, ich wäre es irgendwann in meiner gemächlichen Art angegangen …

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(© Hilde van Mas) Ich habe viele Kollegen, die auch keinen Bock haben, immer superpotente Männer zu spielen.

Du hast eine gemächliche Art? Du wirkst eigentlich voller Energie …
Ich bin unglaublich chaotisch und eine extreme Deadline-Prokrastiniererin (lacht). Wenn ich dann in einem Projekt bin, bin ich aber schon 120 Prozent engagiert.

Das hat es bei „Der Taucher“, der demnächst im Kino anläuft, sicher gebraucht. Worum geht es?
Tatsache ist, dass das eigene Zuhause für eine Frau noch immer der gefährlichste Ort ist. Häusliche Gewalt passiert deutlich öfter, als dass eine Frau auf der Straße von einem Unbekannten attackiert wird. Günter Schwaiger hat zuvor schon einen Dokumentarfilm zum Thema gemacht; es ging ihm, glaube ich, auch beim Spielfilm stark um die Perspektive der Frau, die Gewalt erfahren hat.

Du spielst die Tochter einer Frau (Franziska Weisz), die von ihrem (Ex-)Partner, einem Musiker mit Weltruhm, misshandelt wird. Wie ging es dir mit deiner Rolle?
Das ist ein Thema, mit dem man sehr verantwortungsvoll umgehen muss. Ich begegne dem immer wieder: im Gespräch mit Frauen unterschiedlicher Generationen oder sozialer Back­grounds. Zuletzt erzählte mir eine Frau, dass sie schon mehrmals in Gewaltbeziehungen war.  Für den Film habe ich mich mit einer Expertin in einem Gewaltschutzzentrum getroffen. In „Der Taucher“ geht es auch darum, dass sich das System oft umkehrt, dass die Kinder die Verantwortung für ihre Eltern übernehmen. Bei meiner Rolle war es wichtig, die Zwischentöne zu treffen, dass man sie nicht schwächer erscheinen, dass man ihr Ambivalenzen lässt.

Wie gehst du nach solchen Drehtagen nach Hause?
Ich verschwimme nicht mit der Figur. Ich fahre zu meinem Arbeitsplatz und vertraue darauf, dass ich das, was ich mir in der Vorbereitung angeeignet habe, abrufen kann. Aber: Die Themen bleiben. Als wir in München „Medea“ aufführten, hatte ich lange Albträume.

Hoffst du, dass man mit Filmen dieser Art etwas verändern kann?
Es ist schwer zu antizipieren, wie die Leute ihn aufnehmen werden. Aber ich würde den Beruf erst gar nicht machen, wenn ich nicht hoffen würde, dass man über die künstlerische Arbeit den Blick auf gesellschaftliche Probleme schärfen kann.

„Die Physiker“ in Graz, „Der Taucher“ im Kino – was ist außerdem aktuell bei dir?
Die Musik! Ich wollte immer schon eine Band, jetzt haben wir – mit zwei Freunden Clemens Wenger und Felix Hafner – ein Projekt  gestartet. Wir heißen „Franz“, die Idee stammt nicht von mir, sondern von den Boys (lacht).

Du hast auch wirklich eine besondere Stimme …
Das ist eigentlich witzig, weil ich eine funktionelle Dysphonie hab‘; meine Stimmbänder schließen nicht ganz, das sollte ja nicht sein. Deswegen klinge ich so, als würde ich viel rauchen. Ich bin auch bei einer tollen Logopädin. Das Sprechen ist ja ein ganzheitlicher Prozess. Ich habe mich oft zurückgenommen; sie hat mir dann gesagt: „Wenn du mit deiner Stimme und deinem Körper arbeitest und etwas zu sagen hast, dann nimm dir den Raum.“  Das Singen macht mir unglaublich Spaß, es macht mich freier!