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People | 23.12.2019

Die Hümmimuatta hat mich gestärkt!

Sonja Raab ist eine außergewöhnliche Frau. In Opponitz hat die Künstlerin, Schamanin und Autorin nach schweren Schicksalstagen die „GoldSpinnerei“ eröffnet. In ihren filigranen Arbeiten will sie das Heidnische mit dem Christlichen verbinden. Motivation: Seelenfeuer.

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(© Rainer Benatzky) MIT FEINSTER KLOSTERARBEIT jedem Wesen seine Würde geben – Künstlerin Sonja Raab

„Aus der Kirche bin ich schon vor über 20 Jahren ausgetreten. Seither interessieren mich nur mehr die Klosterarbeiten und die Architektur der klerikalen Bauten“, erzählt die Künstlerin, die am 11. August 1975 als Sonja Benatzky in Opponitz geboren wurde. Verheiratet mit ihrem Mattias, der „zehn Jahre jünger ist und optisch einem Wikinger ähnelt“, bezeichnet sich die dreifache Mutter auch als „Herzhex und Raabenweib“. Nominierungen zum „Löwenherz“-Preis des Landes NÖ, zum „Guten Geist“ in Niederösterreich oder auch die Verleihung des „Woman“-Awards 2012 für ihr soziales Engagement in der Flüchtlingshilfe durch Ministerin Doris Bures, weisen in besonderer Weise auf die spirituelle und mentale Kraft der dreifachen Mutter hin.

Meine Spiritualität.
Ich hatte immer schon ein großes Interesse an Eingeborenen und Ureinwohnern, besonders aus Nordamerika und Kanada. Meine Reise nach Ontario zu den Natives war daher auch eine Suche nach meinen spirituellen Wurzeln, ebenso wie die 20 Jahre, die ich mit schamanischem Wirken, wie Trancereisen, Traumfängerweben, Ritualen, Waschungen, Weitergabe von Wissen der Ureinwohner oder Schamanismus-Foren im Internet verbracht habe. Gefunden habe ich meine Wurzeln aber erst, als ich aus Kanada zurückkam und in der eigenen Familie nachforschte, denn ich stellte mir die Frage: Was gibt es in meiner Familie, in meiner Heimat, bei meinen Ahnen an Magie, Aberglauben oder Ritualen? So stieß ich schnell auf die Mostviertler Warzenwender, auf Stallbethen und Fraisenketten, das sind Ketten aus Knochen, Tierhaaren, Münzen, Krallen und Zähnen sowie christlichen Kreuzen und Medaillons, die gegen die 72 Arten der „Frais“ um den Hals oder an die Stalltür gehängt wurden. Als „Frais“ wurde damals alles zwischen Epilepsie und Hysterie bezeichnet, das nicht erklärt werden konnte. Auch hier gab es also Gebete, Sprüche und Rituale, die heidnisch und christlich zugleich sind, nach dem Motto: „Viel hilft viel!“

Meine Wiedergeburt.
Nach der Geburt des dritten Kindes bekam ich Kindbettfieber, es folgten Notarzt, Intensivstation, Antibiotikum-Kur und hohe Entzündungswerte. Der Arzt meinte damals, „zwei Minuten später eingeliefert und es wäre zu spät gewesen“. Nach diesem Schock war alles anders. Wir haben dem damals neugeborenen Kind (Finn-Loris,12), als ich es nach der Intensivstation wieder in die Arme gelegt bekam, weinend versprochen, dass wir ihm die Welt zeigen werden. Seither fahren wir jedes Jahr mit ihm an Orte, wo wir noch nie waren, und kamen so nach Frankreich, an die Ostsee, nach Kroatien und Slowenien, nach Prag und in die Eifel. In den zehn Jahren gesundheitlicher Probleme nach der Geburt unseres Sohnes, die mich ans Haus fesselten, entschied ich mich zu einer Operation, die letztendlich so befreiend war, dass ich sofort „irgendwas lernen“ und wieder einen beruflichen Einstieg finden wollte. Schon zwei Monate nach der OP habe ich im Stift Seitenstetten den Klosterarbeiten-Kurs gemacht, im September 2018 das Gewerbe angemeldet und die „GoldSpinnerei“ eröffnet.
 
Die Goldspinnerei.
Viele glauben ja ich würde „Gold spinnen“, also dass es ein eigenes Handwerk wäre, aber das stimmt so nicht. Ich habe den Namen deshalb gewählt, weil man schon ein wenig spinnen muss, wenn man sich stundenlang hinsetzt und eine Fitzelarbeit macht, die einem alles an Geduld und Hingabe abverlangt. Bei dieser Arbeit wird man bucklig und blind, sag‘ ich immer. Trotzdem ist es für mich das Beste, das ich jemals gemacht habe. Die GoldSpinnerei-Werkstatt befindet sich im Haus und ist verbunden mit dem „Zauberzimmer“, in dem sich alles befindet, was mit Magie und Hexerei, Schamanismus und Natur zu tun hat. Masken, Altar, Trommel, Rasseln, Räucherschalen, Tinkturen und Kräuter, die zum Trocknen an der Decke hängen, und vieles, vieles mehr ... Wenn ich arbeite, bin ich also verbunden mit Ahnen und Geistern, Tieren und Madonnen, Buddhas und Venusfiguren, Knochen und Wurzeln.

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"Schamanismus ist die Idee, dass alles belebt und beseelt ist. Und Klosterarbeiten sind der Gedanke, alles was einem heilig ist, was man als göttlich empfindet, zu schmücken. Die Krönung aller heiligen Dinge sozusagen."

- Sonja Raab

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"Schamanismus ist die Idee, dass alles belebt und beseelt ist. Und Klosterarbeiten sind der Gedanke, alles was einem heilig ist, was man als göttlich empfindet, zu schmücken. Die Krönung aller heiligen Dinge sozusagen."

- Sonja Raab

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"Schamanismus ist die Idee, dass alles belebt und beseelt ist. Und Klosterarbeiten sind der Gedanke, alles was einem heilig ist, was man als göttlich empfindet, zu schmücken. Die Krönung aller heiligen Dinge sozusagen."

- Sonja Raab

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"Schamanismus ist die Idee, dass alles belebt und beseelt ist. Und Klosterarbeiten sind der Gedanke, alles was einem heilig ist, was man als göttlich empfindet, zu schmücken. Die Krönung aller heiligen Dinge sozusagen."

- Sonja Raab

Der Ursprung der Klosterarbeiten.
Adelige Töchter, die etwas angestellt hatten, wurden manchmal ins Kloster geschickt und durften dort die „schönen Künste“ ausüben, das hieß, mit wertvollen Materialien wie Gold und Silber feine Arbeiten herstellen und Heiligenfiguren schmücken. Auch Nonnen haben in ihren Zellen diese Künste ausgeübt, in Hingabe an Gott. Sie nannten diese Aufgabe „mit den Händen beten“.
Ärmere Leute machten Klosterarbeiten mit Materialien wie Stroh, Papier oder Haaren. Schon während des Kurses machte ich klar, dass ich nicht bei Heiligenbildern und Madonnen bleiben werde, denn ich hab nicht viel mit den Heiligen am Hut. Nur die „Hümmimuatta“ Maria, die Mutter Gottes, die mag ich. Mit der kann ich gut! Zu ihr hab ich auch eine schamanische Reise gemacht, und sie hat mir immer geholfen, beim Helfen. Oft habe ich mich nämlich beim Helfen übernommen, aber dann war die Hümmimuatta da und hat mich gestärkt. Darum ist sie eine Ausnahme bei den Heiligen.

Allem sein Würde geben.
Ich mache Trancereisen zu Krafttieren, kommuniziere mit Bergen, Sternen und Bäumen, bin in einer Welt, wo alles belebt und beseelt ist und deshalb ein Baum genauso viel Wert hat wie ein Mensch oder ein Stein. Alles ist Teil eines großen Ganzen. Es ist eine Welt mit Göttern, Engeln, Dämonen, Geistern, Ahnen und Verstorbenen. Der Tod und das Leben, das Universum, die Erde – alles gehört zusammen und eines bedingt das Andere. Genau DAS möchte ich mit meinen Arbeiten zum Ausdruck bringen, deshalb vergolde und schmücke ich auch Tierschädel. Weil dieses Tier verdient hat, seine Würde zurück zu bekommen. Ich nehme Flohmarktschädeln, die von irgendeinem Jäger oder Sammler kommen, und schmücke ihre Aura, damit sie wieder in ihre Kraft kommen, auch wenn sie tot sind.

Das Heidnische mit dem Christentum verbinden.
Ich will eine Brücke schlagen, indem ich sage, dass alles heilig ist und alles wert ist, geschmückt zu werden. Nicht nur die Heiligen und das Christliche, Kirchliche, sondern die Natur, die Berge, die Flüsse, Steine, Tiere, die Toten und die Lebenden, das Wasser, die Luft, eben ALLES! Am meisten faszinieren mich allerdings Reliquien und Totenschädel, alte Gebeine und alles, was mit dem Tod zu tun hat, deshalb wäre mein großer Wunsch, einmal ein Skelett von einem Heiligen schmücken zu dürfen. Der Tod hat in meinem Leben oft eine Rolle gespielt und deshalb fasziniert er mich. Auch als Schamanin erlebte ich das Ritual des „Zerstückelns“, bei dem man sich in einer Trancereise komplett auflöst und neu zusammengesetzt wird. Tod und Wiedergeburt sind Themen, die mich sehr beschäftigen. Wenn ich in einer Kirche ein mit Klosterarbeiten geschmücktes Skelett sehe, dann fasziniert mich das extrem. Vor Kurzem fertigte ich einen Ahnenschrein für verstorbene Familienmitglieder einer deutschen Frau. In dieser besonderen Arbeit sah ich die Personen richtig vor mir, sie sprechen mit mir und sagen, wie ich es machen soll. Tief konzentriert und völlig abwesend arbeite ich da wie in Trance. Auch geschmückte Totenköpfe begeistern mich. Es erzählt so viel über den Verstorbenen, wenn er auf diese Weise aufbewahrt und gewürdigt wurde. In unserer Kultur wird der Tod ja ausgeblendet, er ist ein Tabu. In anderen Kulturen ist es völlig normal, die Toten nahe zu haben.  

Das Entstehen einer Klosterarbeit.
Es beginnt immer damit, dass ich von Kunden entweder einen Schädel, ein Bild, eine Heiligenfigur oder eine Madonna aus Familienbesitz bekomme, die geschmückt werden soll. Dann schaue ich mir an, welche Stoffe, Perlen, Drähte dazu passen würden und lege mir alles zurecht, was farblich und von der Größe her passt. Ich verwende nur vergoldete und versilberte Drähte, Swarovski-Perlen, Granatperlen, Süßwasserperlen, Halbedelsteine – also sehr hochwertiges Material. Mir wurde auch sofort, als ich den Kurs machte, eingebläut, ich solle immer nur ganz wenig Material verwenden, weil das sonst keiner bezahlen würde. Nun bin ich aber sehr verliebt in die russisch orthodoxe Kirche, die ich in Estland besucht habe, und liebe diesen Überschwang, das Pompöse. Da kann ich mich nicht zurückhalten! Ich beginne also damit, dass ich Hunderte kleine Blätter, Blüten und Ranken aus feinsten Drähten und kleinen Steinchen und Perlen anfertige, die dann rund um die Madonna, oder was man eben schmücken will, herumgewickelt oder angenäht werden. Das dauert mitunter bis zu 60 Stunden, in denen man mit viel Licht und feinen Pinzetten, manchmal mit Lupe, in absoluter Stille bucklig dasitzt und mit Millimetern kämpft. Drähte zurecht schneiden, Perlen auffädeln, Drähte zusammenwickeln, kleine Metallplättchen mit allerfeinstem Golddraht so lange umwickeln, bis man das Plättchen nicht mehr sieht und danach alles auf Karton nähen, der mit Brokatstoff oder Samt und Seide überzogen wurde. Borten festnähen, die Bilder dann rahmen und verglasen, Kistchen bauen, in die man die Arbeiten hinein­arbeitet und sie dann verschließt. Derzeit arbeite in an einer Ausstellung, die nächstes Frühjahr in Berlin Tempelhof (ufa Fabrik- internationales Kunstzentrum) stattfinden wird. Meine Werkstatt füllt sich deshalb gerade mit Schädeln und Figuren, Buddhas und Venusfiguren und allem, was sich sonst noch schmücken lässt.

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(c) Rainer Benatzky

Die GoldSpinnerei
Sonja Raab

Hauslehen 39
3342 Opponitz
E-Mail: [email protected]
www.goldspinnerei.at