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People | 20.03.2020

"Ich bin kein Welpe"

Aida Loos macht „Filterloos“: So heißt das aktuelle Programm der Kabarettistin und Zweifachmama und es steht für unverblümte Weltansichten, Feminismus und ein Leben endlich ohne Tschick.

Vielleicht war es einfach eine britische Touristin. Vielleicht nur Zufall. Jedenfalls gibt es da so eine Anekdote in Aida Loos‘ Vita, die hat‘s uns angetan: Sie arbeitete damals in der Gastronomie, eine beherzte Biertrinkerin beginnt mit ihr um die Anzahl ihrer Getränke zu feilschen. Aida Loos lässt sich erweichen, die angesäuselte Dame revanchiert sich, indem sie ihr aus der Hand liest. Dort sieht sie angeblich die große Liebe: einen bald auftauchenden Mann, der für sie noch dazu eine große Karriere in die Wege leiten soll.
Wenige Tage später lernt Aida Loos ihren heutigen Mann kennen, er erobert ihr Herz, übernimmt ihr Management und die leidenschaftliche Schauspielerin wagt sich auf die Kabarettbühne. Nur beim Geschlecht ihres ersten Kindes tippte die Wahrsagerin daneben …

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(© Vanessa Hartmann)

Wordrap

Das wollte ich als Kind werden … Schauspielerin.
Ein Geburtstagsgeschenk für Mama um zehn Euro  … Zehn Sachen aus dem 1-Euro-Shop.
Erfolg ist … dranbleiben!
Ein kostenloses Abenteuer … Sex und Wiener Leitungswasser.
Das traue ich mich nicht … Köpfler.
Darauf bin ich stolz … meine Familie.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Du bist mit deinem vierten Programm unterwegs, was hast du in der Gastro gemacht?
Aida Loos: Ich habe meinen Eltern zuliebe zunächst eine Hotelmanagement-Ausbildung absolviert, danach erst Schauspiel studiert. Man hat dort sehr an mich geglaubt; ich habe meine Reife in der Hälfte der Zeit geschafft und bin total motiviert zu Castings in Österreich und Deutschland. Aber es hieß: „Du bist zu exotisch.“ – Was sollte das heißen? Ich bin doch keine Mango! Die Gastronomie war dann ein Verzweiflungsakt.

… dafür hast du deinen heutigen Mann dort kennengelernt.
Ja, in einer Kneipe um fünf in der Früh (lacht). Ich habe zu der Zeit mein erstes eigenes Set von zehn Minuten für ein Casting geschrieben und Philipp vorgetragen. Er fand es total lustig und meinte: „Aida, dein Talent sitzt in der Ecke und heult. Lass die Gastro bleiben, schreib ein ganzes Programm, ich unterstütze dich.“

Wie war deine erste Premiere?
Das Schauspielhaus in Wien war ausverkauft; es hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es ging um Migration und Integration, ich habe viel über mich erzählt. Zum Beispiel was es bedeutet, eine Schauspielausbildung in einer persischen Familie zu machen, wo es genau vier Berufsmöglichkeiten gibt: nämlich Arzt, Anwalt, Ingenieur – oder Schande für die Familie (lacht)! Oder dass ich mit meinem Aussehen für „normale“ Rollen kein Leiberl hatte. Jetzt ist es für mich eine Genugtuung, wenn ich daran denke: Ihr hattet damals nicht die Eier, ich hab‘ sie! Ich kann heute Philippa Strache und Christiane Hörbiger spielen. Aussehen kann man leicht verändern.

Deine Parodie zu Christiane Hörbigers Unterstützungsvideo für Sebastian Kurz wurde zum viralen Erfolg (siehe YouTube). Wie war der Prozess dahinter?
Mir fällt es oft schwer, mich auf das Gesagte zu konzentrieren, weil ich zunächst alles andere höre: ein rollendes R, ein zischendes S oder dieses Pathetische wie bei der Hörbiger. Je ausgeprägter das ist, desto mehr bleibe ich dran. Im besten Fall trifft diese Komponente auf etwas, das mich wütend macht. Da reagiere ich schnell; das ist in der schnelllebigen Zeit notwendig. Ich hatte 24 Stunden, um das Absurde herauszufiltern, Pointen zu schreiben. In der Zwischenzeit hat meine Assistentin und Maskenbildnerin Lydia Hofmann alles besorgt, damit sie mich am nächsten Tag verwandeln kann. Sie ist eine Künstlerin!

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(© Vanessa Hartmann) Viel Herz. Aida Loos kann wütend und stark sein, am liebsten ist es ihr, wenn Tragik und Komik fusionieren.

Apropos Wut: In einem „Zeit“-Interview sagtest du, du warst ein wildes und wütendes Kind. Warum?
Ich war ein schwarzhaariges, pummeliges Kind, das immer zornig wurde, wenn mir jemand nicht passte oder ich irgendwo nicht hineinpasste; ich hatte auch mit Autoritäten ein Problem. Vielleicht würde man heute sagen, dass ich ADHS hatte. Außerdem war ich das rebellische Sandwichkind mit einem unglaublichen Sinn für Gerechtigkeit. Auch wenn meine Schwestern ungerecht behandelt wurden, wurde ich zur Löwin. Das ist geblieben, aber heute versuche ich, mich kunstvoll auszudrücken.

Du verschonst keine Couleur: Die Parodien reichen bis hin zu Maria Vassilakou. Wie sind die Publikumsreaktionen?
Meine Arbeit sehe ich als gelungen an, wenn ich um ein Eutzerl mehr positive als negative Kommentare kriege. Es muss mich nicht jeder mögen, ich bin kein Welpe. Ich finde es gut, wenn ich die Menschen aufwühle. Wenn sie einen Hasskommentar schreiben, freue ich mich, dass sie sich die Zeit nehmen, Wörter für ihre Wut finden und wenn die Frage kommt, ob sie das wirklich posten wollen, noch ‘mal auf ja klicken.

Du kommst klar mit Hass im Netz?
Ja. Und ich habe schon wirklich viel Böses über mich gelesen. Das reicht von: „Wen hat die gevögelt, dass die im Fernsehen sein darf?“ bis hin zu „Die soll zurück in den Iran, dort weiß man, wie man mit so goscherten Frauen umgeht“.

Trifft dich das nicht?
Nein, null. Ich reagiere nicht, lese auch nicht alles, ich freue mich, wenn eine Diskussion entsteht.

Du sprichst fünf Sprachen: Persisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Holländisch. Wie kommt das?
Das ist mir passiert (lacht). Ich lerne eine Sprache wie eine Parodie. Ich habe ein paar Monate in Holland gelebt und allen gesagt: Ihr müsst mit mir holländisch sprechen, mein Ohr muss sich damit füllen und dann kann ich das. Ich übe auch eine Hörbiger nicht vor mich hin, ich höre sie so lange, bis meine Ohren so voll sind, dass ich‘s einfach kann.

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(© Vanessa Hartmann) Daheim in Schwechat. Im Interview mit Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi

Schon genial …
Jeder hat irgendein Talent. Sonst habe ich nur sinnlose.

Welche?
Mit meiner Zunge ein Kleeblatt formen (lacht – und tut es tatsächlich).

Welchen Bezug hast du zu deiner Herkunft?
Lange war meine Herkunft nur meine Familie; wir waren in Wien in keiner persischen Community. Als ich das erste Mal mit 13 nach Teheran geflogen bin, war‘s  flashig. Plötzlich hatte ich nicht mehr dieses „ich passe nicht“, die waren wie ich. Das hat für mich viel in meiner Identität verändert. Aber ich fühle mich schnell irgendwo zu Hause, wo Menschen mit Herz sind. Ich kann nur mit Kälte nicht umgehen. Mit Menschen, die nicht einmal weinen, wenn sie Zwiebel schneiden. Die Trotteln sind ziemlich gerecht aufgeteilt auf der Welt, genauso wie die Leiwanden. Die muss man finden, dann ist die Heimatfrage nicht so gegeben.

Wieso Schauspielerin?
Ich wusste schon als Kind, dass ich das kann – und will! In Wahrheit ist das keine Frage des Könnens, sondern eine Frage des Müssens. Das, was du machen musst, darin wirst du erfolgreich sein.

Wenn du auch zunächst enttäuscht wurdest …
Das ist zehn Jahre her. Heute sehe ich die Veränderung: Proschat Madani spielt in „Walking on Sunshine“ (ORF-Serie, Anm.) eine Figur, bei der ihre Herkunft keine Rolle spielt.

Wie erzieht ihr eure Töchter?
Vor allem so, dass sie fröhlich sind. Wenn der Mensch fröhlich ist, dann setzt das Kräfte frei, das gibt Selbstvertrauen. Wir wollen, dass sie selbstbestimmt werden. Ich arbeite nicht gegen ihren Willen; ich will, dass sie viel wollen.

"Ich arbeite nicht gegen den Willen meiner Töchter.
Ich will, dass sie viel wollen."

Aida Loos, Kabarettistin

Du und dein Mann: Seid ihr quasi das Unternehmen „Aida Loos“?
Ja, wir machen alles gemeinsam. Ich mache das Kreative, Philipp das Organisatorische. Er handelt alles für mich aus, das könnte ich niemals. Wenn ich schreibe, mich wochenlang kaum blicken lasse, macht er alles mit den Kindern. Ich frage ihn auch ständig: Ich habe eine Idee, findest du das lustig? Der Prozess wie ein Programm entsteht, ist total verkopft und unlustig. Dafür ist „Filterloos“ das mutigste Programm bis jetzt.

Worum geht es?
Dass ich zum Rauchen aufgehört habe und um Hoden. Dass sie komisch ausschauen und dass Hitler nur einen hatte. Ich rede über die Luxussteuer auf Tampons, die jetzt gesenkt wird, und darüber, dass sich meine Mutter für mich schämt.

Wie hat sie bei der Premiere reagiert?
Sie hat einmal zu mir gesagt: „Aidaaa, wenn du noch mal redest über Hoden, ich komme nicht.“ Daraufhin habe ich mit Johannes Glück, mit dem ich die Lieder schreibe, einen Song namens „Ich komme nicht“ gemacht. Meine Mama war richtig froh darüber, weil jetzt wüssten endlich alle, dass sie sich eh dafür schämt (lacht). Sie hat akzeptiert, dass meine Themen nicht banal sind: Wir sprechen über Feminismus und  kriegen Panik, weil unsere Brüste nach dem Stillen hängen. Aber niemand redet darüber, wie hässlich Hoden sind. Da ist es vollkommen okay, dass Männer hängende, faltige Hoden zwischen den Beinen haben.

Bezeichnest du dich als Feministin?
Sicher, ich bin ja nicht deppert. Mein Personal Trainer hat zu mir gesagt: „Feministinnen sind Frauen, die ausschauen wie Männer, behandelt werden wollen wie Männer, aber Männer hassen.“ Er stellt sich ein Monster mit unrasierten Beinen vor, die es geschafft hat, sich von männlich geprägten Schönheitsidealen zu emanzipieren, lieber ihren Wonderbra verbrennt und dabei hysterisch wie eine Hyäne lacht – das ist es alles nicht. Ich hab ihm gesagt: „Stell dir vor, wie wütend du wärst, wenn du zum Bankomat gehst, 100 Euro abhebst, aber nur 70 Euro bekommst.“ Feminismus ist nicht Revanche, es ist nicht Männerhass. Es ist nur Gleichberechtigung.

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(© Vanessa Hartmann) Keine Tabus. In „Filterloos“ sinniert die Kabarettistin darüber, warum Brüste nicht, aber Hoden sehr wohl faltig hängen dürfen.

AIDA LOOS

… wurde 1980 in Teheran (Iran) geboren, als sie vier war, kam ihre Familie nach Wien. Sie ist das zweite von vier Töchtern. Aida Loos ist mit ihrem Manager verheiratet, sie haben zwei Töchter: Alma Roya (*2013) und Frieda Rumi (*2014). Die Familie lebt in Schwechat.
Der Durchbruch gelang der Schauspielerin mit ihrem ersten Kabarett-Programm „Hartes Loos“ (2012), dann folgen „Achtung! Fertig! Loos!“ (2016), „Glücksloos“ (2018) und „Filterloos“ (2019). Große Bekanntheit erlangt sie außerdem durch zahlreiche TV- und Radioshows wie Ö3-Wecker, „Was gibt es Neues?“ (ORF 1), „Die Tafelrunde“ (ORF III) oder „Sehr witzig?!“ (PULS4).
Demnächst in NÖ: 23. April, Schwadorf; weitere Termine: www.aidaloos.com