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People | 01.07.2020

"Ego-Shows langweilen mich"

Reflexionen aus zwei Interviews. Warum der Kulturpreis ihrer Familie noch wichtiger ist, über die Rolle des Publikums und ihre Zukunft sprachen wir mit Regisseurin Christina Gegenbauer aus Herzogenburg.

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Regisseurin Christina Gegenbauer aus Herzogenburg (© Matthias Köstler)

Zweimal haben wir uns getroffen. Das erste Mal vor Corona, persönlich, in einem Café. Christina Gegenbauer erzählte begeistert von der Produktion, in der sie seit Monaten mit ganz viel Herz steckte. „Am Boden“ heißt das Stück, das die Kulturpreisträgerin des Landes Niederösterreich im Mai in der Bühne im Hof inszenieren sollte.

Das zweite Mal trafen wir uns am Telefon. Der Artikel musste aktualisiert werden. „Am Boden“ fiel Corona zum Opfer. Das schmerzte alle Beteiligten. 

Schön war, dass wir bei diesem Telefonat schon ein Bild zu der 31-jährigen, reflektierten Regisseurin mit dem fokussierten Blick hatten.

Schön ist, dass die Herzogenburgerin erneut knietief in drei Produktionen steckt: Im Herbst inszeniert sie „Ichglaubeaneineneinzigengott. Hass“ von Stefano Massini am Landestheater Coburg, 2021 „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert am Theater Hof, Deutschland, und „Die Verwandlung“ nach Franz Kafka am Tiroler Landestheater Innsbruck. 

NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie geht es dir?

Christina Gegenbauer: Es gab schon bessere Zeiten. Am schwierigsten ist die Unsicherheit. Wenn Theater in den digitalen Raum wandert, dann ist das nur eine Variation des Theaters. Das Theater ist ein Resonanzraum der Gesellschaft; ich bin bereit, neue Erzählformen zu finden, vieles neu zu denken. Aber: Das kollektive Erlebnis, wenn Akteurinnen und Akteure und Publikum im selben Raum sind, ist unersetzbar.

Wie kamst du zum Theater?

Der Schlüssel war die Schultheatergruppe. Ich bin unseren Lehrerinnen und Lehrern dankbar für das Experimentieren, Proben, Szenen schreiben, Improvisieren. Wir sind auf Theaterfestivals gefahren: nach Wien, Innsbruck, Riga. Ich hatte auch das große Glück, dass ich mit einer Kollegin und einem Kollegen ausgewählt wurde, um bei der großen EU-Erweiterung Österreich in Recklinghausen bei den Ruhrfestspielen zu vertreten. Da gab es Workshops für Theater, Zirkus, Fotografie, und besonders toll war es, so viele Jugendliche aus anderen Ländern kennenzulernen, mit ihnen zusammen zu arbeiten, zu erfahren, wie Kultur Sprachbarrieren überwindet. Das war für mich als 15-Jährige extrem aufregend und dort sind tatsächlich Freundschaften fürs Leben entstanden.

Du bist damals auf der Bühne gestanden, wieso wurde es doch die Regie?

Das würde ich heute niemandem zumuten (lacht). Ich habe großen Respekt vor Schauspielerinnen und Schauspielern: Es gehört viel dazu, eine gute Performance abzuliefern, sich dem Publikum auszuliefern. Ich liebe es zu proben. Der Prozess ist mit ein Grund, warum ich mit meinem Job so glücklich bin. Ich habe neben dem Studium (Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Anm.) Regieassistenz gemacht; meine erste Arbeit war bei Stephanie Mohr für „Die Räuber“ am Stadttheater Klagenfurt. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.

 

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Mit der Landeschefin. Kulturpreis-Verleihung in der Sparte Darstellende Kunst (© Adam Samorajski / Kulturpreis des Landes NÖ)

Wie war es, das Zepter selbst zu übernehmen?

Das ist erstaunlich einfach, wenn man sich auf den Inhalt konzentriert. Am Staatstheater Nürnberg habe ich mit zwei Kammerschauspielern „Gift. Eine Ehegeschichte“ inszeniert. Da hatte ich das Gefühl, dass sie mich an den ersten Tagen ein bisserl getestet haben. Das ist ihr gutes Recht. Aber ich konnte ihr Vertrauen gewinnen. Das war eine sehr schöne, intensive  Zusammenarbeit.

Es bedarf so viel, einen künstlerischen Beruf ausleben zu können, man steckt dafür so viel zurück. Da will jeder das Beste geben, niemand nimmt es auf die leichte Schulter. Es zählt immer das gemeinsame Endergebnis. Ego-Shows interessieren mich weder im Leben noch auf der Bühne. Das finde ich langweilig.

Du hast mit 30 am Burgtheater Regie geführt. Ist das für dich „wow“ oder ein Theater wie die anderen?

Dieses „oh Burgtheater!“ kommt eher von außen. Auch dort wird mit Wasser gekocht. Ich mache in meiner Arbeit keinen Unterschied, ob ich am Burgtheater inszeniere oder ein freies Projekt habe. Die großen Unterschiede liegen in den Budgets und der Infrastruktur. Große Theater sind wie Schatzkisten; da arbeiten viele Expertinnen und Experten, von Lichtdesignerinnen und -designern bis hin zur Garderoberin und zum Garderober, schon der Requisiten- und Kostümfundus ist ein Paradies.

Wie reagierte deine Familie auf deinen beruflichen Weg?

Seit ich den Kulturpeis gewonnen habe, kann sie sich damit abfinden, dass ich keinen vernünftigen Job mehr ergreifen werde (lacht). Ich freue mich über den Preis, dass meine Arbeit gesehen wird, aber ich glaube, meine Familie freut sich noch mehr.

 

"Die Kraft des

Theaters ist: 

Es basiert auf 

intellektueller und emotionaler Ebene."

Christina Gegenbauer, Regisseurin

Wie wichtig ist dir die Interaktion mit dem Publikum?

Für die Zuschauerinnen und Zuschauer machen wir‘s ja! Den meisten ist es gar nicht bewusst, welch großen Einfluss sie auf das Gelingen einer Vorstellung haben. Die Menschen auf der Bühne sind unglaublich sensibel, die nehmen alles auf. Das Schöne am Theater ist, dass man in einer hohen Vielschichtigkeit alle Extreme zeigen kann, an denen das Publikum andocken kann. Es werden Assoziationen, Gedanken, Gefühle hervorgerufen. Die Kraft des Theaters ist: Theater basiert sowohl auf intellektueller, als auch auf emotionaler Ebene.

Hattest du je einen Plan B?

Auch einen Plan C und D (lacht). Aber heute nicht mehr. Was mich interessieren würde, wäre die Verantwortung für ein Ensemble, einen Spielplan zu übernehmen. Ich glaube, dass man größere Gestaltungsmöglichkeiten hat, wenn man weiß, wie ein Haus funktioniert. Ja, ich habe Respekt vor so einer Aufgabe. Aber auch genug Mut, Expertise und Empathie, um mich ihr zu stellen.