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People | 13.07.2020

Reflexionen am Wasser

Sie legen den Fokus auf Neues und Nischenfunde und sind damit erfolgreich: das Intendanten-Paar Julia Lacherstorfer und Simon Zöchbauer über ihr „wellenklænge“-Festival in Lunz am See und über die Seele all ihrer Projekte – gut funktionierende Beziehungen.

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Experimentierfreudig und vielseitig. Julia Lacherstorfer spielt Geige – unter anderem mit „Alma“ – singt und komponiert, ihr Partner Simon Zöchbauer ist Trompeter („Federspiel“) und ebenfalls Komponist und Sänger. © Theresa Pewal

Viele Plan Bs wirbelten durch den Kopf. Aber wie gestaltet man ein Festival um, wenn noch nicht klar ist, ob es überhaupt stattfinden darf? Als dann die Corona-Richtlinien für Events kamen, musste es schnell gehen. „Wir haben die Arbeit von einem halben Jahr in wenige Wochen reingepackt“, sagt Simon Zöchbauer, Trompeter, Komponist, Sänger und Intendant des „wellenklænge“-Festivals.

Die Prämisse, dass die schöpferische Tätigkeit nicht durch die organisatorische zurückgedrängt werden soll, musste pausieren. „Das ist oft ein Balanceakt. Aber wenn wir nach Lunz am See kommen und diese Naturkulisse erleben, entschädigt das für so vieles“, beschreibt Intendantin Julia Lacherstorfer, selbst Violinistin, Komponistin und Sängerin.  

NIEDERÖSTERREICHERIN: Es ist das dritte Jahr eurer Intendanz. Wofür steht „wellenklænge“?

Julia Lacherstorfer: Wir bezeichnen uns als Festival für zeitgenössische Strömungen. Das bedeutet: Wir schauen in jedem Genre, welche Entwicklungen gerade passieren, sei es in der Singer-Songwriter-, in der Jazz-, der zeitgenössischen Volksmusik-Szene oder in der Klassik. Wichtig ist uns eine kreative, experimentelle Auseinandersetzung mit Musik. Wir haben kein Main­stream-Programm, wir bringen auch Nischenfunde und gehen nach unserer Intuition. Wir würden nichts buchen, wovon wir nicht überzeugt sind.

Simon Zöchbauer: Wir spielen nicht Beethoven und Mozart, die ich als Rezipient liebe. Wir geben hier Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne, die am Prozess der Weiterentwicklung von Musik beteiligt sind.

Weshalb habt ihr euch für „Verbunden & Vernetzt“ als Jahresmotto entschieden?

Julia: Soziale Netzwerke, reale und virtuelle, können uns Halt geben und aus der Bahn werfen, wenn man sich ausgeschlossen fühlt. Das bekam mit Corona noch mehr Aktualität. Wir wollen den Fokus drauflegen, dass alles mit allem verbunden ist. Wir greifen auch den Faden vom Vorjahr auf, wo es mit „Holzhören & Herzstimmen“ viel um ökologische und Naturthemen gegangen ist.

Simon: Wir machen beispielsweise einen Seerundgang mit Thomas Hein, dem Leiter des Wasserclusters Lunz. Er wird Impulsvorträge halten, dann gibt‘s Musik dazu und man genießt die Natur. Es geht darum, wie biologische Systeme zusammenhängen, wie da Entwicklung passiert. Auch wenn wir nicht immer direkt spüren, welche Auswirkungen unsere Taten haben, sie haben immer welche, im Großen und im Kleinen. Corona hat uns gezeigt, dass es nicht egal ist, was gerade in China passiert. Und es ist auch jetzt nicht egal, was in den USA passiert. Es ist wichtig, ein globales Bewusstsein zu entwickeln, wir alle sind gemeinsam auf der Erde da.

Ihr habt großen Aufwand betrieben, um das Festival coronatauglich umzugestalten. Wie ist euch das gelungen?

Julia: Wir haben ein System für Zweier, Dreier und Vierer-Gruppen entwickelt, dazwischen bleibt ein Platz frei; der Raster muss exakt eingehalten werden. Das bedeutet aber auch: Wir sind unter 50 Prozent unserer Kapazität.

Was passiert bei den Workshops?

Simon: In meinem Workshop geht es um Komposition, Improvisation und Klangkunst: Wie es als Musikerin und Musiker, als Klangkünstlerin und Klangkünstler gelingt, eigene Musik zu schaffen und sie auf die Bühne zu bringen. Viele kommen im Studium drauf, dass sie gerne Eigenes kreieren wollen. Die Intention ist, diese Leute zur eigenen musikalischen Stimme zu führen.

Julia: In meiner Musikwerkstatt – auf einem Biobauernhof – beschäftigen wir uns mit europäischer Volksmusik. Wir haben sonst auch immer einen Tanzreferenten, ihn und den Hausball mussten wir schweren Herzens absagen.

 

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Julia Lacherstorfer: "Wir gehen nach Intuition und würden nichts buchen, wovon wir nicht überzeugt sind." © Theresa Pewal

Ihr habt von Beginn an eine schöne Auslastung, woran liegt das?

Julia: Ein großer Teil ist dem zu verdanken, dass wir in ein sehr gut funktionierendes Festival einsteigen durften (gegründet von Suzie Heger, Österreichische Kunstpreis-Trägerin, Anm.).

Simon: Das war eine sehr gute Basis. Und dann reicht es aber nicht, ein tolles Programm zu machen. Ein Festival wird von mehreren Säulen getragen, die alle wichtig sind. Etwa auch, dass das Team eine gute Energie hat, wie man Inhalte vermittelt oder grafische Elemente ausschauen. Man kann auch nicht von Anfang an alles perfekt haben, aber wir bauen Schritt für Schritt weiter.

Ihr steht in unterschiedlichen Formationen oft gemeinsam auf der Bühne – und seid seit 2011 privat ein Paar. Wie geht ihr damit um?

Simon: Was ich vorhin über die Säulen gesagt habe, betrifft das ganze Leben: Jeder Bereich braucht genug Aufmerksamkeit. Du kannst nicht ein erfolgreicher Musiker sein und auf deine Beziehungen pfeifen. Im Gegenteil. Nichts was Bestand haben soll, geht ohne funktionierende Beziehungen. Wir investieren viel in uns persönlich, damit wir uns besser kennenlernen, in unser psychisches Verständnis, wo etwa unsere Triggerpunkte sind. Wir kümmern uns auch um uns, meditieren, machen Yoga.

Bei „Federspiel“ (Bläserensemble, Anm.) sind wir seit 16 Jahren zusammen. In starken Jahren verbringen wir mit Proben-, Reise- und Konzerttagen die Hälfte des Jahres miteinander. Wir gehen zu einem Supervisor, arbeiten daran, ein Klima zu haben, in dem man sich wohlfühlt.  Auch in unserer Beziehung ist es so, dass wir nicht aufgeben, wenn‘s mal schwierig ist.  Selbstreflexion ist essenziell, damit Beziehungen gelingen.

Julia: Wir schauen uns immer wieder unseren Status quo an; wenn wir merken, dass es ein Ungleichgewicht gibt, versuchen wir offen für Entwicklungen zu sein. Unser Leben ist kurz; es muss sich in Summe gut anfühlen.

 

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Magisch. Auf der schwimmenden Bühne entführen namhafte Künstlerinnen und Künstler sowie noch unbekannte Juwelen in virtuose Klangwelten. Für das Festival ab 17. Juli gibt es nur noch wenige Karten. Infos: www.wellenklaenge.at © Theresa Pewal

Wo steht ihr musikalisch gerade, wohin geht die Reise?

Simon: Ich habe 2019 mein erstes Soloalbum veröffentlicht; dabei habe ich mich mit der sakralen, spirituellen Thematik beschäftigt. Das zweite Album ist bereits im Entstehen, wofür ich gerade sehr brenne (geplant für 2022, Anm.).

Julia: Bei meinem Soloprojekt hat sich jetzt stark die feministische Komponente dazugemischt. Die war privat schon da, neu ist, dass sie in künstlerische Prozesse einfließt. Dass es Geschichten, Porträts, Erlebnisse von Frauen sind, die mich inspirieren. Beispielsweise bewegt meine Musik eine Freundin, einen Text zu schreiben. Ich lese ihn und denke mir: Das würde ich gerne vertonen. Dieser Aspekt des Spinnens – metaphorisch gesprochen – macht mich gerade total glücklich. Und dass mein erstes Soloalbum im Herbst erscheint, das ist eine richtig große Sache für mich.