Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 23.07.2015

Aus Liebe zum Land

Klaudia Tanner, die erste Bauernbunddirektorin des Landes, im sehr privaten Talk über Kind & Karriere, über engagierte, junge "Farm-ups" und ihr Herzensanliegen: das Bewusstsein der Konsumenten für den Wert der Lebensmittel zu schärfen.

Bild Klaudia Tanner 221.jpg
Seit fünf Jahren als erste Bauernbunddirektorin Niederösterreichs im Amt: Klaudia Tanner (© Gabriele Moser/Bauernbund)

Für viele war sie als erste Frau an der Spitze eine Überraschung: Mittlerweile ist die Juristin Klaudia Tanner seit fünf Jahren Bauernbunddirektorin. Ein guter Zeitpunkt, um nachzufragen und ein erstes Resümee zu ziehen...

Frau Direktor, was waren bisher die vordringlichsten Aufgaben? 
In diesen fünf Jahren haben wir uns im Besonderen der Öffentlichkeitsarbeit gewidmet, weil nichts so notwendig ist, wie die KonsumentInnen zur Partnerin und zum Partner der Bauern und Bäuerinnen zu machen. Dabei haben wir uns bemüht, Ihnen ein realistisches Bild der Landwirtschaft – fernab vom Werbekitsch – zu zeigen. Ein weiterer Schritt war, den Bauernbund ins digitale Zeitalter zu führen, z.B. mit einem Facebook-Auftritt, verbunden mit Filmen, welche die Landwirtschaft in all ihren Ausformungen und ihrer Vielfalt darstellen.

Inwieweit haben sich die Anforderungen in dieser Zeit verändert?
Dass erstmalig eine Frau an der Spitze des Bauernbundes Niederösterreich steht, war für sehr viele eine Überraschung, mit der man erst zurechtkommen musste. Aber es ist uns gelungen, mit unserer Arbeit zu überzeugen. Auch in Oberösterreich gibt es mittlerweile eine Bauernbund-Direktorin. Generell ist jedoch zu sagen, dass das Leben an sich Veränderung ist, und diese geschieht wahrscheinlich nirgends so schnell wie im Bereich der Landwirtschaft. Die Menschen haben sich schlichtweg von der Landwirtschaft entfernt, nicht zuletzt weil es einen Strukturwandel gegeben hat. Früher sind viele aus dem Bereich der Landwirtschaft gekommen und hatten einen engeren Bezug. Deshalb war also unsere vordringliche Aufgabe, der Gesellschaft ein realistisches Bild der Arbeit der Bäuerinnen und Bauern zu vermitteln.

 

Bild Klaudia Tanner 033 Kopie.jpg
Ohne Frauenpower geht da nix: 45 Prozent der bäuerlichen Betriebe werden von Frauen geführt (© Gabriele Moser/Bauernbund)

Sie sind Mutter einer neunjährigen Tochter. Wie vereinbaren Sie einen doch sehr zeitaufwändigen Berufsalltag, der oft bis spät nachts andauert, mit Ihrer Familie?
Das ist eine tägliche Herausforderung, die, wie für viele Frauen, die berufstätig sind oder eine Führungsposition inne haben, nur dann zu meistern ist, wenn man einen Mann hat, der einem zur Seite steht, und den Rückhalt einer Familie. In meinem Fall sind das die Schwiegereltern und meine Eltern, die sehr viel an Betreuungsarbeit übernehmen. Die Herausforderung wird noch größer, wenn das Kind einmal krank wird, man selbst unter Druck steht und Termine nicht verschieben kann. Das funktioniert dann wirklich nur mit der Unterstützung der Familie. 

Aber Ihre Tochter Maxima ist auch stolz auf ihre Mama …
(Lacht)
Nicht immer! Vielleicht wäre es ihr das eine oder andere Mal doch lieber, wenn die Mama öfter daheim wäre, sie besucht ja erst die dritte Klasse Volksschule. Auch das muss man ganz offen zugeben. 

Es war zu beobachten, dass Ihnen die Jugend im Bauernbund sehr am Herzen liegt … 
Unsere Jungbäuerinnen und Jungbauern sind sehr motiviert. Was wir beitragen konnten, ist, dass wir im europaweiten Vergleich eine der jüngsten Land­wirt­schaften haben. Nach einer letzten Un­ter­suchung sind 10,7 Prozent der land­wirtschaftlichen Betriebsleiter unter 35 Jahre alt. Allein in Niederösterreich fin­den sich – so schwer es auch ist – immer noch 400 junge Damen und Her­ren, die einen Betrieb übernehmen und damit ein Start-up oder sagen wir Farm-up wagen. 

Derzeit ist ein neuer Stolz der Landjugend zu beobachten, der sich auch in vielen anderen Sektoren ausdrückt, wie in neu entdeckter Trachten-Kleidung oder der jungen Volksmusik … 
Ich denke, dass sich ein gewisser Stolz besonders auf unser Land Niederösterreich entwickelt hat. Hat man vor 20 Jahren noch gesagt, man stamme aus der Nähe von Wien, so sagt man heute stolz: „Ich bin NiederösterreicherIn“. Wenn es auch auf Grund der jetzigen Arbeitsmarktsituation eine Art Landflucht gibt, dann ist auf der anderen Seite – und das ist das Paradoxe – die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land ebenso groß. Je unüberschaubarer generell unsere Welt wird – nicht zuletzt auch durch die digitalen Medien –, umso größer ist die Sehnsucht, in einer überschaubaren Lebenswelt wohnen zu können, seine Nachbarn und sein unmittelbares Umfeld zu kennen – und das in einer wunderschönen, gesunden, sicheren Landschaft.

 

Bild Klaudia Tanner 342.jpg
Klaudia Tanner in ihrem Büro (© Gabriele Moser/Bauernbund)

Ein großes Anliegen ist Ihnen auch das Thema Lebensmittelabfälle: Erwin Wagenhofer rüttelte mit seinem Film „We feed the World“ bereits 2005 die Kinobesucher wach. Darin heißt es: „In Wien wird täglich eine Menge an Brot als Retourware vernichtet, mit der die zweitgrößte Stadt Österreichs, Graz, versorgt werden könnte.“ Global übersetzt in „Taste the waste“ von Valentin Thurn: „Die Lebensmittel, die wir in Europa und Nord-Amerika wegwerfen, würden ausreichen, um die Hungernden der Welt dreimal zu ernähren.“ …
Es war bereits bei meinem Amtsantritt mein Anliegen, den Wert der Lebensmittel in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn jemand sagt, Lebensmittel werden immer teurer, dann muss man wissen, dass noch nie so wenig vom Haushaltseinkommen für Lebensmittel ausgegeben wurde wie jetzt. Waren es in den 1950er-Jahren noch 44,8 Prozent des Haushaltsbudgets, so sind es heute nur mehr 12,1 Prozent. Erstmals haben die Ausgaben für Freizeit, Sport und Hobby mit 12,8 Prozent die Nahrungsmittel überholt. Wenn es stimmen würde, dass Lebensmittel so teuer sind, fragt man sich, warum mittlerweile 157.000 Tonnen an einwandfreier, hoch qualitativer, genießbarer Ware pro Jahr weggeworfen werden. Das macht im Schnitt vom Säugling bis zum Pensionisten pro Kopf 18,5 Kilogramm verschwendete Lebensmittel – mit einem Wert von 300 Euro pro Nase. Tatsache ist auch, dass sogar ein Zehntel des Restmülls aus originalverpackten Lebensmitteln besteht. Durch eine gewisse „Aktions-Mentalität“ sind Lebensmittel zum Wegwerfprodukt verkommen und werden nicht mehr als das gesehen, was sie sein sollen: Mittel zum Leben, welche uns die tagtägliche Arbeit der Bäuerinnen 365 Tage im Jahr schildern. Das ist ein Zeichen des Wohlstandes, das uns nachdenklich stimmen muss. 

Geht es dabei auch um das Mindest-Haltbarkeitsdatum?
Ja. Wir müssen in zahlreichen Kampagnen die KonsumentInnen anleiten, ihre Sinne wieder zu benützen: Riechen, Schauen, Schmecken. Vereinfacht gesagt: Woher soll das Joghurt wissen, dass es morgen abläuft? Auch der Handel sollte Lebensmittel nicht dazu benutzen, die Kunden in ihre Geschäfte zu bekommen. Dafür gäbe es andere Lockmittel, nicht die Lebensmittel, die uns etwas wert sein sollten. Das Bewusstsein der Konsu­mentInnen ist aber hierzu in den letzten Jahren schon gestiegen. 

Welche Initiativen wurden hier gesetzt?
Mehrere Handelsketten sind schon davon abgekommen, ihre 1 plus 1-Aktionen anzubieten. Diese verleiten nämlich dazu, das Wagerl voll zu füllen und davon dann die Hälfte wegzuwerfen. Andere Handelsketten wiederum arbeiten bereits mit caritativen Organisationen und Sozialmärkten zusammen, vor allem im Bereich von Brot, welches noch absolut genießbar ist. Oder wie etwa die letzte Initiative von Spar, die altbackenes Brot wieder verwerten für Brösel oder Knödelbrot. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es selbstverständlich ist, dass alles und jedes noch um fünf Minuten vor 19 Uhr verfügbar ist. Hier hilft nur, ein verstärktes Bewusstsein in der Wertschöpfungskette zu erzielen. 

Käme jetzt die berühmte Waldfee und Sie hätten drei Wünsche frei, welche wären das?
1. Gesundheit für meine Lieben und für mich selbst.
2. Beruflich zu erreichen, dass die Wertschätzung und damit auch die Wertschöpfung dessen, wofür die Bäuerinnen und Bauern tagtäglich arbeiten, sich auch monetär in einem steigenden Einkommen widerspiegelt – was bis jetzt leider nicht der Fall ist.
3. Mehr Zeit für mich und meine Familie

Infos

https://niederoesterreichs-bauern.at