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People | 11.09.2020

Ja, sie kann's

Gabriele Jüly ist die erste Präsidentin des Verbands Österreichischer Entsorgungsbetriebe und europaweit die erste Frau in dieser Position. Die dreifache Mutter über schonungslose Lernprozesse, Zielstrebigkeit und die Zukunft des Recycelns.

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Selbst renoviert. Gabriele Jüly in ihrem Haus in Bruck an der Leitha (© Viktória Kery-Erdélyi)

Sie hatte ihre Berufung jung gefunden. Sie arbeitete in der gehobenen Hotellerie, betreute auch Poptourneen. „Ich hab‘ Stars wie Prince und Tina Turner kennengelernt, das war eine coole Zeit“, schwärmt sie und man wähnt sich für einen Augenblick in der falschen Biografie, ist die Interviewpartnerin doch Gabriele Jüly, Geschäftsführerin des Unternehmens Abfallservice Jüly in Bruck an der Leitha. Mehr noch: Mit ihr wurde erstmals eine Frau zur Präsidentin des Verbands Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB) gewählt. Die Organisation zählt mehr als 250 Mitgliedsunternehmen der privaten Abfall- und Ressourcenwirtschaft in Österreich.

Harter Anfang. Es klang vor gut 20 Jahren einfach nach einer praktischen Lösung, Familie und Beruf leichter zu vereinbaren, als ihre Mutter sie bat, im Familienunternehmen einzusteigen. Es bestand damals aus Landwirtschaft und zu einem kleinen Teil aus Müllentsorgung und Biomüllsammlung. „Es war dreckig und fad, da waren Millionen Gesetze, Spaß hat es am Anfang keinen gemacht“, gesteht Gabriele Jüly heute. Ihr erster Sohn war noch klein, ihre neue Aufgabe nahm sie trotz allem ernst: Sie besuchte Kurse, erweiterte die Müllabfuhr sowie die Baustellenentsorgung, nahm an Ausschreibungen teil und entwickelte den Betrieb Stück für Stück weiter. „Es machte irgendwann Klick und ich konnte mich komplett entfalten.“

Vor gut acht Jahren kaufte sie ein rund 20.000 Quadratmeter großes Grundstück in Bruck an der Leitha, errichtete dort einen neuen Standort. Die Belegschaft war damals schon auf 20 angewachsen, heute beschäftigt Abfallservice Jüly 65 Leute und betreibt weitere Standorte in Oberösterreich und der Steiermark.
Ihre Hotellerie-Erfahrung nützt Gabriele Jüly geschickt, sie lässt sogar VIP-Container für Events bauen, „mit handgemachtem Mosaik und Rosenholztüren“. Das Portfolio wächst stetig, es beinhaltet mittlerweile sogar die Infrastruktur für Fernsehübertragungen. Vor gut zehn Jahren, als das Unternehmen bereits floriert, bekommt sie ihren zweiten Sohn, zwei Jahre darauf ihren dritten. Auch ihre Mama habe stets viel gearbeitet, sie lässt sich zunächst von einer Tagesmutter, später von einem Kindermädchen unterstützen.

Wo ist der Chef? Gerade in der Entsorgungsbranche, in der kaum Frauen leitend agieren, musste sie sich eine dicke Haut zulegen. Es kam vor, dass sie hörte: „Wo ist der Chef? Mit Ihnen red‘ ich nicht.“ – „Ich hab‘ mir dann gedacht: ‚Okay, dann nicht, viel Spaß beim Suchen‘“, erzählt sie. Selbst bei Behördenwegen war sie mit Fragen konfrontiert wie „können‘S das überhaupt?“

„Als ich schwanger in Gummistiefeln auf der Baustelle am neuen Standort unterwegs war, haben mich die Leute angeschaut, als wäre ich nicht dicht“, lacht sie. „Aber mit der Zeit haben sie gemerkt: okay, die kann was.“
Dass Gabriele Jüly eine Macherin ist, die ihre Visionen am liebsten gleich verwirklicht, wurde ihr vor gut fünf Jahren zum Verhängnis. Sie kandidierte damals auch für den Nationalrat, die Kinder waren noch klein und sie hatte ein schönes, altes Haus gekauft, das sich als Ruine entpuppte. „Ich musste das Dach abnehmen, Estrich, Fenster und Türen herausnehmen lassen und alles komplett renovieren. Ich war jeden Tag auf der Baustelle, sogar den Kachelofen hab‘ ich selbst gezeichnet“, beschreibt sie.
Es wurde zu viel. Sie beginnt zu zittern, sieht schlecht, bekommt Flecken im Gesicht und ihre Muskeln werden so schwach, dass sie kaum noch gehen kann. Sie wird im Krankenhaus durchgecheckt, die Diagnose: komplette Überarbeitung. „Ich schaltete einen Gang zurück, begann Sport zu machen und ging auf Reha.“ Dort gelang es nicht nur, ihre Muskeln wiederaufzubauen, „ich besuchte auch Therapien, um Nein sagen zu lernen und dass nicht immer alles perfekt sein muss“, sagt sie. Heute achtet sie auf die Work-Life-Balance; sie kocht gerne mit ihren Söhnen, nimmt sich bewusst Auszeiten etwa zum Joggen oder Segeln.

Zuletzt lehnte sie immer wieder ab, wenn ihr Ämter angeboten wurden, „aber auf den VOEB habe ich mich sehr gefreut. Das ist ein unabhängiger Verband, da kann ich Entscheidungen treffen und die Termine so machen, dass es mit Kindern und Betrieb gut passt.“ Dass sie die erste Frau in dieser Position ist, sogar europaweit, spielt für sie keine spezielle Rolle. Gleichzeitig spricht sie sich generell für eine Frauenquote aus. „Wir hatten 2.000 Jahre lang eine fixe Männerquote; wenn auch eine Frau da war, die drei Mal so gescheit war, das andere Geschlecht hat oft als Qualifikation gereicht.“

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Für mehr Recycling. „Auch der Konsument muss sich umstellen, hier braucht es viel Aufklärung“, betont Gabriele Jüly. (© VOEB/Monihart)

Umdenken. Als VOEB-Präsidentin will sie den Blick aller Beteiligten – ob Politik, Produzenten, Konsumenten oder Umweltschützer – auch für den Wandel ihrer Branche schärfen. „Wir haben uns vom traditionellen Müllentsorger zum modernen Ressourcenmanager entwickelt; heute ist es so, dass wir bald fast alles recyceln können, werden und müssen“, betont Gabriele Jüly.

Die VOEB-Mitglieder entsorgen laut eigenen Angaben rund zwei Drittel des in Österreich anfallenden Abfalls in 1.100 Hightech-Anlagen und erwirtschaften jährlich Umsätze in der Höhe von rund vier Milliarden Euro.
Klares Ziel ist es bei Kunststoff etwa, ihn neu aufbereitet als Sekundärrohstoff zu verwerten. Vom aktuell diskutierten Pfandsystem für PET-Flaschen hält Gabriele Jüly wenig; sie engagiert sich für ein einheitliches Sammelsystem für alle Verpackungen. Und: „Wir brauchen ein Gesetz, damit recycelter Kunststoff fix bei neuen Produkten eingesetzt werden muss und nicht Erdöl verwendet wird. Seit der Ölpreis verfallen ist, stehen 70 Prozent unserer Betriebe still.“

Für einen besseren Kreislauf könnten sich alle engagieren. „Es gibt Hunderte Kunststoffqualitäten; eine Flasche Duschgel kann leichter recycelt werden, wenn alles aus demselben Material ist“, nennt Gabriele Jüly ein Beispiel. Schade findet sie es, wenn eine Ketchup-Marke ihre Verpackung aus Recyclingmaterial wieder aus dem Sortiment nehmen muss. „Die Flasche war nicht mehr knall-, sondern rostrot – und wurde nicht mehr gekauft. Auch der Konsument muss sich umstellen, hier braucht es Aufklärung.“

 

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