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People | 13.11.2020

Die Verpackung ist spaßig

Bitte auch dem Text lauschen: Ernsthafte Themen bekommen einen positiven Twist und das Parkett vibriert selbst bei „Sitzkonzerten“, wenn „My Ugly Clementine“ die Bühne erklimmen. Ein Gespräch über Utopien und längst fällige Veränderungen.

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My Ugly Clementine. Kathrin Kolleritsch, Nastasja Ronck, Mira Lu Kovacs und Initiatorin (aber nicht Frontperson) Sophie Lindinger (© Hanna Fasching)

Bittersüß ist der Geschmack des Amadeus Awards Best Alternative. „Natürlich freuen wir uns“, sagt Sophie Lindinger. Was sie weniger begeistert, ist, „dass es in Österreich oft heißt: Jetzt hast du den Award, jetzt nehmen wir dich ernst. Obwohl nichts anders ist als vorher; wir arbeiten genauso hart weiter“. Wir, das sind „My Ugly Clementine“, die mit ihrer famosen Platte „Vitamin C“ partytauglich und mit Tiefgang den Herbstblues vertreiben. Die vier Mitglieder Sophie Lindinger, Mira Lu Kovacs, Kathrin Kolleritsch und Nastasja Ronck, die auch in weiteren bemerkenswerten Formationen agieren, kommen quasi aus ganz Österreich; zwei „Clementines“ trafen wir zum angeregten Skype-Talk.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Euer Album „Vitamin C“ gibt gute Energie, was liegt euch inhaltlich am Herzen?

Sophie Lindinger: Es geht um Empowerment von sich selbst, um Selbstreflexionen, darum seinen Platz im Leben zu finden und um Kommunikation in allen Beziehungen; im Grunde um eine gesunde Einstellung zum eigenen und zum Leben der Nächsten.

Wie entstehen die Songs?

Sophie: Manchmal sitze ich mit der Gitarre, spiele ein bisschen und es fallen mir Melodien ein oder ich hab‘ schon „drum beats“ und bastle dann was daraus; die Texte entstehen im musikalischen Prozess. Sie sind mal autobiografisch, mal kommen Sachen rein, die ich in meiner Umgebung wahrnehme.

Wie wichtig ist Spaß an eurer Musik?

Sophie: Das ist unser größtes Ding, wir haben extrem viel Spaß miteinander. Ob wir nun proben oder Konzerte spielen, es ist therapeutisch für uns alle. Aber auch weil die Sachen zum Spielen lustig sind; es geht um ernste Themen, aber die Verpackung ist spaßig. Man kann dazu tanzen, singen, schreien; darum geht es: ernsthaften Themen etwas Positives zu geben.

Kathrin Kolleritsch: Man kann etwas ernst nehmen und trotzdem voll die Gaudi haben. Wenn wir ernsthafte Kunst machen, heißt das ja nicht, dass wir wie Stöcke dastehen. Wir lachen herzlich über das Patriarchat (lacht)!

 

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(© Hanna Fasching)

Ihr habt keine Frontperson. Warum?

Sophie: Es gibt Bands, in denen eine Frontperson existiert, weil sie alles schreibt, macht, arrangiert und die Band nur braucht, um sie zu stützen. Und dann gibt es Formate wie unseres: Wir sind vier individuelle Personen, die musikalisch für unterschiedliche Sachen stehen und die Harmonie im Umgang miteinander entstehen lassen. Ich hab‘ die Songs zwar geschrieben, beim Entstehungsprozess kristallisierte sich aber heraus, wie sinnvoll es ist, wenn jeder Song eine andere Stimme und damit einen anderen Charakter kriegt.

Kathrin: Es ist weder wertvoller noch besser, ob es nun eine Frontperson gibt oder nicht; das sind einfach verschiedene Arten, mit einem Liveprojekt auf der Bühne zu stehen.

„My Ugly Clementine“ war rasend schnell voll da – oder ist das ein subjektives Gefühl?

Sophie: Es ist schnell gegangen. Wer erwartet, dass das erste Konzert in einem Tag ausverkauft ist? Wir hatten da noch nicht einmal was veröffentlicht, das ist schon absurd. Es hat ein Foto existiert und die Menschen haben nur gewusst, welche  Personen zusammenarbeiten.

Wie war dieses erste, ausverkaufte Konzert im Mai 2019 im Wiener „rhiz“?

Sophie: Schräg! Auch weil ich das erste Mal live Bass gespielt habe und plötzlich eine ganz andere Position als in anderen Bands hatte. Und spannend, wie die Songs ankommen, wie das Feed­back ist, wo die Leute doch nur einen Song gekannt haben („Never Be Yours“ wurde kurz vorher veröffentlicht, Anm.). Wir haben überhaupt nur 25 Minuten Set gehabt (beide lachen)!

Kathrin: Das war arg! Ich hab‘ voll geschwitzt, dass ich mich nicht mehr an den Chorus oder den Text erinnere. Das war stressig, aber ursuper.

Was hat es nun mit der Klementine im Bandnamen auf sich?

Sophie: Man muss ehrlich sein: Das war einfach eine witzige Spielerei mit einem 1990er-Jahre-Vibe. Aber im Laufe der Zeit hat sich das so entwickelt, dass „My Ugly Clementine“ für vieles stehen kann. Mira hat mal was ganz Schönes gesagt: Wir alle haben so ein „ugly“ Ding, mit dem man strugglet, auf das man ein negatives Auge hat, trotzdem ist es ein Teil von uns. Das ist eine schöne Metapher dafür, was wir repräsentieren.

 

 


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super fürs Immunsystem. Zehn kraftvolle, tanzbare Scheiben mit Tiefgang: das Album „Vitamin C“ von „My Ugly Clementine“ (Ink Music / Rough Trade / GoodtoGo)

Stichwort Gleichberechtigung: Was braucht es für eine bessere Welt?

(beide holen tief Luft)

Kathrin: Du meinst, für all die Personen, die unterdrückt werden?

Sophie: Ich muss in fünf Stunden weg, da geht sich die Antwort vorher nicht aus.

Kathrin: Okay. Sophie sagt was Kurzes, ich sage was Kurzes, das ist dann ein kleiner Funken von einem Teil, was das beantworten kann. Die Antwort wäre ein ganzes Buch, eine Buchreihe!

Sophie: Wir sprechen von Hunderten von Jahren Unterdrückung von verschiedenen Gruppierungen. Dass wir darüber 2020 noch diskutieren müssen, ist arg. Aber das Problem ist, wir sind nicht annähernd am Ziel.

Kathrin: Wir werden den Kampf führen, bis ich sterbe, weil eine Gleichberechtigung, wie wir sie gerne hätten, wird es noch lang nicht geben. Das ist eine Utopie. Aber ich versuche sie mir so nahe wie möglich zu holen, um mich zu motivieren. Die Situation ist für uns nur erträglicher geworden, weil wir uns viel mit den Themen auseinandersetzen. Es hat sich verändert, wie wir in der Band mit bestimmten Situationen umgehen, wenn wir zum Beispiel bei urgrauslichen Interviews einen Scheiß gefragt werden …

Sophie: Das Problem ist, dass ich mich sehr lange doppelt und dreifach mehr beweisen musste. Ich weiß heute, was ich kann, wie wertvoll ich bin. Aber ich musste das jahrelang lernen, weil mir die Gesellschaft das nicht beigebracht hat wie einem Mann.

Kathrin: Die Utopie wäre, dass wir nicht immer extra hackeln, nicht immer extra super sein müssen, um anerkannt zu werden. Ich will nicht immer selbstbewusst sein müssen, ich will auch verunsichert sein dürfen, und trotzdem nicht von irgendwelchen Technikherren hinter der Bühne mies behandelt werden.

Was nervt euch in Interviews?

Kathrin: Die Paradefrage (imitiert eine tiefe Stimme): „Wie is‘n das jetzt für vier starke Frauen in der Musikbranche zu arbeiten?“ Es fängt schon damit an, dass die Leute uns als vier Frauen bezeichnen, weil alles so super binär ist (Kathrin benutzt für sich kein Pronomen, Anm.). Schlimmer ist nur noch: „die Mädels“. Wir sind Erwachsene, behandelt uns nicht wie Zwölfjährige!

Sophie: Und warum muss ich bei einem Interview eine halbe Stunde lang über mein Geschlecht reden, wenn ich ein Album rausbringe, während eine männliche Band über ihr Album redet?

Kathrin: Das ist sexistisch.

Sophie: Aber wenn wir sagen: „Tut uns leid, wir wollen das Interview nicht weiterführen“, dann gelten wir als zickig. Unterbricht ein Mann, ist er stark …

Kathrin: … und eine charismatische, tolle Persönlichkeit. All das spielt eine größere Rolle, als wir‘s gerne hätten.

Ihr musstet wegen Corona eure Tour verschieben, wie geht ihr mit der Situation um?

Sophie: Das ist total schwierig, weil es auch eine Verantwortungsfrage ist: Wie sicher kann ich sein, wenn es Sitzplätze gibt, aber die Leute dann danach zusammenstehen? Dann ist da noch eine finanzielle Komponente: Wie soll sich alles ausgehen, wenn in einem Raum für 800 Leute plötzlich nur 150 sitzen? Die Saalmiete bleibt ja gleich.

Trotz allem würden wir gerne spielen, weil wir gerne auf der Bühne stehen und wissen, wie viel die Musik bei den Leuten auslöst. Das Problem ist, dass man nie abschätzen kann, was kommt. Das einzig Sichere ist: weiterarbeiten, neue Musik schreiben. Die Konzertkomponente ist unsicher, das wird es wahrscheinlich die nächsten eineinhalb Jahre sein, das muss man mal verkraften.

Aus heutiger Sicht: Wo spielt ihr?

Kathrin: Am 10., 11. und 12. Dezember in Graz, Linz und Salzburg, unsere Tour haben wir auf 2021 verschoben (informiert euch online oder via Facebook, Termine ändern sich auf Grund der Corona-Situation leider laufend).