Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 20.11.2020

„Ich arbeite mit meinen Visionen“

Sie ist Illustratorin, bereist die Welt, zaubert aus einem alten Bauernhaus einen magischen Ort. Nun erhält Renate Habinger den Österreichischen Kunstpreis. Ein Besuch im „Kinderbuchhaus“.

Bild 2011_N_FR_Handwerk_Kinderbuchhaus_08_R0A2723.jpg
Stillstand kennst sie nicht: Renate Habinger (© Harald Eisenberger)

Das Laub rollt einen bunten Teppich aus und doch hängen noch genug Blätter in den Bäumen und Sträuchern, sodass man das Haus beinahe übersieht. Dann kommt Renate Habinger, schiebt die große Holztür auf, dreht den Schlüssel um – und öffnet die Pforten zu einem magischen Ort, den man selbst Jahrzehnte jenseits der Zielgruppe, für die das „Kinderbuchhaus“ geschaffen wurde, nur schwer wieder verlassen kann.  

Der Ausstellungsbesuch

Es ist schon eine gut bestückte Bibliothek eine feine Sache, aber hier, im Schneiderhäusl in Oberndorf an der Melk, ist die Auswahl eine besondere – dazu noch später – und die Bücher dürfen nicht nur gelesen, sondern erlebt werden.

Wie das geht? Das ermöglicht beispielsweise das „Fundbüro“, die heurige Mitmach-Ausstellung, die im Herbst eröffnete. In der Licht- und Schattenwerkstatt können „Röntgenaufnahmen“ untersucht und nach Herzenslust Kaleidoskope gelegt werden, Sachbearbeiter Herr Wolf knurrt der Magen, wenn er nicht mit Träumen gefüttert wird und „Fridolin Franse“ – nach Michael Rohers Buch – wartet im Mini-Friseursalon auf Gäste. Besonders schön: in der Schaukel baumelnd am Boden malen. Zum Verschnaufen und sich Vertiefen locken eine Vielzahl „Schmökerplätze“, wie die Hausherrin sie beschreibt, an warmen Tagen sogar ein hängendes Zelt auf dem Balkon. Und dann gibt es noch die „Jubelsonntage“, an denen fantastische Illustratorinnen und Illustratoren im „Kinderbuchhaus“ gastieren.

Bild 2011_N_FR_Handwerk_Kinderbuchhaus_02_R0A2166.jpg
Aus der aktuellen Mitmach-Ausstellung „Fundbüro“ (© Harald Eisenberger)

Der kreative Start

Als Grafikdesignerin und Illustratorin begann Renate Habinger ihre Laufbahn. Zwei lange und stets wachsende Listen enthält ihre Biografie heute: eine für ihre Bücher und eine für die vielen Auszeichnungen. Um nur zwei aktuelle herauszupicken: Nach dem Kulturpreis des Landes Niederösterreich 2019 folgt heuer der Österreichische Kunstpreis (Kinder- und Jugendliteratur). „Das ist schon noch mal was ganz Großes“, freut sich die Kreative. Erst kürzlich erschien von ihr „Ich brauche ein Buch, denkt Rotto und macht sich auf die Socken“ (Tyrolia Verlag). 

Renate Habinger wuchs in St. Pölten auf, als Kind einer Arbeiterfamilie und mit nur wenigen Kinderbüchern, wie sie erzählt. Sie schmiedete früh konkrete Zukunftspläne: „Ich hab‘ schon im Kindergarten gesagt, dass ich einen Beruf will, bei dem ich zeichnen kann.“ Nach vier Klassen Gymnasium wechselt sie an die „Graphische“ in Wien und macht dort ihren Abschluss. Sie mag die umfassende, kreative Ausbildung, immer mehr kristallisiert sich ihr Interesse heraus: „Zum Ende der Schulzeit habe ich bereits Illustrationen gemacht; das Erzählen in Text- und Bildform hat mir sehr gut gefallen.“

Sie startet als Grafikdesignerin in einer Agentur durch, macht Auftrags­illustrationen und parallel dazu arbeitet sie mit Edith Schreiber-Wicke am ersten eigenen Projekt. „Das ist so eine Sache mit dem ersten Buch. Es war sehr viel Arbeit und dann haben wir gute zwei Jahre gebraucht, um es zu veröffentlichen“, erinnert sie sich. „Ich war Mitte 20, kannte noch niemanden, der mich unterstützen hätte können; manchmal sind es ganz kleine Sachen, die ein Projekt braucht, damit es weitergeht.“

Der Lernprozess war allerdings ein fruchtbarer; daraus entwickelte Renate Habinger später mit Kolleginnen und Kollegen Workshops und in Folge komplette Lehrgänge für Buchillustration und für Literaturvermittlung (für Details: www.kinderbuchhaus.at/ausbildung).

 

Bild 2011_N_FR_Handwerk_Kinderbuchhaus_07_R0A2663.jpg
(© Harald Eisenberger)

Das Papierschöpfen

Zwei Leidenschaften, die ihren Horizont ständig erweitern, verquickt Renate Habinger bereits in jungen Jahren: das Reisen und die Faszination für das Papier. Sie verlässt Wien immer wieder für längere Aufenthalte, lebt etwa auch in Basel oder New York. Als sie einen Kurs in Frankreich für Papierschöpfen besucht, eröffnet sich ihr eine neue künstlerische Welt. Sie tritt später einer internationalen Vereinigung für Papiermacherinnen und Papiermacher bei, deren Kongresse sie bis nach Japan und Korea führen. „Diese Reisen waren bereichernd, inspirierend, lehrreich. Ich habe Gebrauchsgegenstände aus Papier gesehen, die Feuchtigkeit aushalten, und gelernt, aus wie vielen Pflanzen man Papier schöpfen kann.“ 

Das Schneiderhäusl

Als Renate Habinger das Schneiderhäusl in Oberndorf an der Melk entdeckt – ihre Schwester ist in der Region verheiratet –, ist es Liebe auf den ersten Blick. Sieben Jahre lang hatte niemand mehr in dem alten dreistöckigen Bauernhaus gewohnt; so manche schüttelten den Kopf, als sie in den 1990ern das „Hexenhäuschen“ kauft. „Sie haben das Haus gesehen, wie es war“, lacht Renate Habinger. „Das war für mich irrelevant. Ich habe es so wahrgenommen, wie es werden soll.“ Die ersten Mauern waren um 1700 errichtet worden, 1811 wurde es erweitert. „Als ich kam, waren da noch keine neuen Fenster, da war noch nichts verschandelt; das hat mich glücklich gemacht.

Freilich bedeutete das gleichsam viele Jahre harte Arbeit, die sie – auch mit Hilfe ihrer Familie – zu einem erheblichen Teil gern, aber freilich auch aus finanziellen Gründen, in Eigenregie machte. „Wenn man selbst viel Hand anlegt, lernt man ein Objekt richtig kennen. Die Holzdecke im Untergeschoß war schwarz, ich weiß nicht wie lang ich die geputzt hab“, lacht sie. „Aber wer ein altes Haus kauft, dem kann ich nur empfehlen, möglichst viel selbst zu machen. Ich kenne hier jede Mauer.“

Das Schneiderhäusl wird ihr Zuhause, ihre schöpferische Oase – und eine Werkstatt für das Papierschöpfen; Renate Habingers Wissen aus aller Welt und ihre Erfahrungen aus eigenen Experimenten fließen jahrelang in Workshops vorrangig für Kinder ein.

 

 

 

Baumelnd und bunt
Bild 2011_N_FR_Handwerk_Kinderbuchhaus_09DSC00935.jpg

Einblick in die kreativen Werkstätten (c) Kinderbuchhaus

Bild 2011_N_FR_Handwerk_Kinderbuchhaus_05_R0A2311.jpg

Ausblick auf das Hängezelt auf dem Balkon (c) Harald Eisenberger

Bild 2011_N_FR_Handwerk_Kinderbuchhaus_04_R0A2237.jpg

(c) Harald Eisenberger

Das Kinderbuchhaus

Lehrgänge für Buchillustration läuten ab 2008 ein neues Kapitel ein; mit Gleichgesinnten erarbeitet sie später die Idee für das „Kinderbuchhaus“. „Eine Buchhandlung ist jeweils auf ihre Kunden fokussiert, auch eine Bibliothek kann nur einen bestimmten Bestand haben. Ich hab‘ mir einen Ort gewünscht, wo man den Fokus auf Qualität legt, wo es nicht um Masse, sondern um einen künstlerischen Anspruch geht“, beschreibt sie. „Ich hatte den Platz dafür.“ 

Gut ein Dutzend kreative Freundinnen und Freunde, sozusagen ein Kinderbuch-Spezialisten-Team aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, und Menschen aus der Region engagieren sich dafür, dass 2013 das „Kinderbuchhaus“ eröffnen kann; seit 2015 werden gemeinsam mit Literaturvermittlerinnen und -vermittlern zusätzlich Jahresausstellungen organisiert. Das größte Kompliment ist die Begeisterung der jungen Gäste. „Wenn mir ein Vater erzählt, dass der Sohn sich schon seit einem Monat auf den Besuch bei uns freut“, schildert Renate Habinger, „oder eine erschöpfte Oma sich ,beklagt‘, dass sie seit einer Stunde heimgehen möchte, aber ihre zwei Enkeln sich weigern.“ 

Die Mitmach-Stationen

Zukunftswünsche? „Ich arbeite mit meinen Visionen“, sagt sie. Erst kürzlich hat sie mit der Schweizer Leseanimatorin Barbara Schwarz wieder ein außergewöhnliches Projekt aus der Taufe gehoben: Sie entwerfen und bauen Mitmach-Stationen, die dann jeweils für mehrere Monate an Bibliotheken verliehen werden. Ihre bunten Objekte sind erstaunlich kompakt mit viel Lese-, Spiel-, Bastel- und Rätselstoff ausgestattet. Die Mission, Kinder und Bücher zusammenzubringen, bleibt Renate Habingers Antrieb für stets neue Ideen: „Vielleicht schreibe ich noch ein Buch darüber; in der Literaturvermittlung steckt ganz viel Potenzial.“


Hereinspaziert! – so heißt es im Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl in Oberndorf an der Melk samstags von 14 bis 18 Uhr (September bis Juni), an „Jubelsonntagen“ sind Illutratorinnen und Illustratoren zu Gast. Termine und (Corona-)Infos: www.kinderbuchhaus.at, 

YouTube-Tipp: Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl