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People | 23.12.2020

"So bin ich"

Sie ist dreifache Mama, bereits Oma, machte Kindertheater und gewann einen Kabarettpreis. Seit dem Corona-Jahr leitet sie als Sozialpädagogin ein Pro Juventute-Haus und gründete eine Band. Wie geht das alles?

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(© Viktória Kery-Erdélyi)

„Sorry, dass es so lang gedauert hat. Ich glaub‘, da hat noch nie wer geläutet“, lacht sie und fährt sich durch die halblangen Haare. „Das Gefühl ist noch ganz neu, sie waren immer ganz lang. So bin ich: Ich hab‘ sie mir vor ein paar Tagen einfach selbst geschnitten“, erzählt Irene Fellner-Feldegg später, nachdem wir die knarrenden Stufen hochsteigen.

Ybbs an der Donau, Wiener Straße 9: Insider läuten nicht. Sie wissen, dass sich seit vielen Jahren hinter der unscheinbaren Tür ein Jazzclub verbirgt, der lange  Zeit Mitgliedern vorbehalten war. Dem ist nicht mehr so: Wütet nicht gerade eine Pandemie, kann musikliebendes Volk donnerstags in großen Ledermöbeln und anderen Sitzgelegenheiten Platz nehmen und in Wohnzimmeratmosphäre – manchmal spontan entstehenden – Livegigs lauschen und plaudern.

Ebendort fühlt sich die 42-Jährige wie zu Hause, managt seit fast zehn Jahren, was gerade anfällt. Sie greift den Brüdern Franz und Harald Hofbauer, quasi den Club-Urgesteinen, unter die Arme, wenn Events organisiert werden und schnappt sich immer wieder das Mikro zum Singen. Ausgerechnet jetzt, mitten in der Corona-Krise, gründete sie kürzlich die elfköpfige Funkband „I-REEN“. Das ist kein Widerspruch für sie, „wir brauchen ohnehin zuerst mal die Zeit zum Proben“.


Grundstein in der Kindheit. Irene Fellner-Feldegg wuchs in St. Leonhard am Forst als Tochter eines Musiklehrers und einer Kunstlehrerin – beide unterrichteten auch Deutsch – als ältere von zwei Schwestern auf. „Der Vater spielte Orgelkonzerte, wir gingen in der Vorzeigeschnürlsamthose von der Oma – sie war Schneiderin – sonntags in die Kirche“, schmunzelt sie. Ihre Mutter erlebt sie als eine emanzipierte, weltoffene Frau, ihren Vater als einen großartig musikalischen, bescheidenen Mann. Mit 16 Jahren gründet sie mit Gleichgesinnten eine Theatergruppe, der sie mehr als zehn Jahre lang treu bleibt und in der sie selbst vor anspruchsvollen Mitterer-Stücken nicht zurückscheuen. Sozialpädagogin will sie werden, nach dem Schulabschluss soll es aber zunächst nach Afrika gehen; sie meldete sich bei einem Entwicklungshilfsprojekt an.

Es kommt anders. „Zwei Wochen nach der Matura habe ich meinen ersten Sohn entbunden“, erzählt sie. Und weil sie immer schon von drei Kindern träumte, bekommt sie in Dreijahresabständen zwei weitere Söhne. „Alle mit demselben Mann“, triumphiert sie, „aber natürlich hatten auch wir wie alle anderen unsere Hochs und Tiefs.“ Als ihr Trio noch klein ist, absolviert sie eine Ausbildung zur Theaterpädagogin, lernt die engagierte Kollegin Irmgard Bauhofer kennen und macht mit ihr die darauffolgenden Jahre Kindertheater. „Kinder sind gnadenlos ehrlich, ich hab‘ das Publikum sehr gemocht und von Irmgard viel gelernt. Bei ihr hieß es immer: ,Geht nicht, gibt‘s nicht.‘“
Das musste Irene Fellner (der Doppelname mit Feldegg ist eigentlich ihr Künstlername) sich intensiv vor Augen halten, als ein schlimmer Unfall das Leben ihrer Familie aus der Bahn warf.
Ob wir darüber schreiben dürfen, frage ich sie und die 42-Jährige hält inne. „Ja, doch“, sagt sie schließlich. Weil sie es einerseits nicht mag, wenn die Leute glauben, ihr sei nur Glück in den Schoß gefallen und andererseits, weil darin die Botschaft stecke, dass man vieles schaffen kann. Ihre Söhne sind noch klein, als ihr Vater, also Irene Fellners Mann, auf der Baustelle für ihr Wohnhaus verunfallt. Ein Krankenhaus- und anschließend ein Reha-Aufenthalt folgen; in seinen ursprünglichen Beruf als Sozialpädagoge kann er nicht wieder zurück. „Das war eine schwierige Zeit, aber meine Eltern waren da für uns.“

Sinnvoll. Sie selbst beginnt 2008 bei Pro Juventute in St. Leonhard am Forst, „ich bin mit Leib und Seele Sozialpädagogin“, sagt Irene Fellner, die 2020 die Leitung für dieselbe Wohngemeinschaft übernimmt. Kinder im Alter von sieben bis 16 Jahren leben dort; „Kinder sind unfassbar tapfer; ich mag die Beziehungsarbeit mit ihnen, das macht so Sinn für mich. Ich sehe die Chance, ihnen das Rucksackerl noch mit ein paar Sachen auffüllen zu können, die sie im Leben brauchen werden.“
Wertschätzung und Humor – die beiden Begriffe liegen ihr sowohl in der WG als auch bei der Erziehung ihrer Kinder auf dem Herzen. „Die Überglucke war ich nie, ich hab sie zu viel Selbstständigkeit erzogen.“ Sie ist dankbar, dass ihre Söhne sehr naturverbunden, auch viel bei ihren Schwiegereltern, die sich quasi im zweiten Berufsweg der Landwirtschaft widmen, aufwachsen. Ihr Ältester – er ist 22, seine Brüder 19 und 15 – machte Irene Fellner vor gut einem halben Jahr bereits zur Oma; „das erste Mädchen!“, freut sie sich.

Mutig. Zu Jazz und Funk findet die ehemalige Chorsängerin durch ihren Mann, der das leidenschaftlich gern hört. Durch Zufall entdeckt sie 2012 den Jazzclub in Ybbs an der Donau, eine ziemliche Männerdomäne. „Die haben in mir anfangs nur die blonde Sozialarbeiterin gesehen, die nur Standards singt, aber ich hab ihnen klipp und klar gesagt: Entweder ihr nehmt mich, wie ich bin, oder wir lassen es bleiben – da war das Eis gebrochen“, schildert sie den Anfang einer seither beständigen Zusammenarbeit.
Parallel zu all dem wagt Irene Fellner einen Exkurs auf die Kleinkunstbühne. Mit dem ehemaligen Schulkollegen Thomas Lederer entwickelt sie „Der Tod: Leben 2.0“, ein Kabarett mit Musik. „Wir haben darin viele Lebensweisheiten verpackt und damit gleich den Publikumspreis im Wiener Theater am Alsergrund gewonnen“, erzählt sie. Hinzu gesellte sich dann die Teilnahme an der „Ennser Kleinkunstkartoffel“ und dann folgte die überraschende Wende: „Wir sind von 2016 bis 2018 aufgetreten und haben gemeinsam beschlossen: Wir hören auf, wenn’s am schönsten ist.“

Think big. Doch weil klassische TV-Abende für Irene Fellner noch nie die Erfüllung waren, ließ das nächste, nunmehr aktuelle Projekt nicht lange auf sich warten. Sie lernt den Gitarristen Roland Eslitzbichler – im Zivilberuf ist er ÖAMTC-Notarzthubschrauberpilot – kennen; er liefert die Initialzündung zu einer Herzensmission: Eine eigene, große Funkband muss her. Irene Fellner-Feldegg krempelt die Ärmel hoch, scheut nicht davor zurück, Künstler direkt nach einem Konzert, das ihr gefällt, anzusprechen.
Wenige Monate später steht die Formation „I-REEN“, ihrem Ruf folgen auch viele namhafte Profis (siehe Info rechts); die ersten Lorbeeren erntete die frischgebackene Frontfrau beim ersten Konzert im Kino Mank, viele weitere – Wunschlocations wären das Bluesfestival in Gamlitz oder die Hofbühne Tegernbach – sollen folgen. Irene Fellner-Feldegg: „Ich habe zwar nicht Gesang studiert, aber ich übe mit Feuereifer. Ich liebe es, zu lernen und mich zu entwickeln. Und es liegt mir, Leute zu mobilisieren, zusammenzubringen und zu begeistern.“

Warum sie gern der NIEDERÖSTERREICHERIN ihre Lebensgeschichte  erzählte? „Um Frauen Mut zu machen, ihre Träume zu verwirklichen.“

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Elf auf einen Streich. I-REEN – Funkyfying Music Club (© Judith Kellner)

I-REEN
Funkyfying Music Club

I-REEN zelebrierte vor dem Lockdown eine erfolgreiche Premiere im Kino Mank. Frontfrau Irene Fellner-Feldegg und Mitinitiator Roland Eslitzbichler scharten neun Künstlerinnen und Künstler um sich; I-REEN sind außerdem Martin Mondl (Bass), Jonny Leonhartsberger (Saxophon), Stefan Niklas (Drums), die Bläser Christian Weidinger, Christian Hrubes und Hannes Mayrhofer, Gerhard Vorauer (Keyboard) sowie die Backgroundsängerinnen Lisa Simhofer und Iris Götzinger. Vorerst zu finden via Facebook: @funkyfying