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People | 02.04.2021

Pianistin & Pionierin

Sie reagierte blitzschnell: Dorothy Khadem-Missagh wich mit ihrem freshen „Beethoven Frühling“ ins Internet aus und erreichte eine halbe Million Menschen: Auf die Beine gestellt durch ein kleines Team mit großem Qualitätsanspruch. Das zweite Festival steht bevor. Ein Gespräch über Mut, persönliche Verluste und Dankbarkeit.

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(© Shirley Suarez)

Gestern und heute unbeirrbar

Sie war acht oder neun Jahre alt, die finale Runde stand bevor. Das kleine Mädchen schraubte beherzt ihre Flasche auf, das Cola schoss wie eine Fontäne auf ihre Bluse. „Mama hatte nur noch ein Pyjamaoberteil für mich im Auto“, lacht Dorothy Khadem-Missagh. „Damit bin ich aufgetreten. Gewonnen habe ich den Klavierwettbewerb trotzdem.“

Knapp zwei Jahrzehnte später rieten ihr viele ab, 27 Jahre jung die Verantwortung für ein Festival zu übernehmen; sie ließ sich nicht beirren. Bis ins Detail war ihr „Beethoven Frühling“ mit acht Konzerten an Locations wie etwa Heiligenstadt oder das Schloss in Gneixendorf geplant, dann kam der erste Lockdown.

„Absagen kam für mich nicht in Frage“, sagt sie. Zu einem Zeitpunkt, als große Häuser Aufnahmen aus ihren Archiven fischten und andere Handyvideos online stellten, entschloss sich die Badenerin mit ihrem fünfköpfigen Team in hoher Bild- und Tonqualität zu streamen. Das Programm wurde in wenigen Tagen neu konzipiert, besetzt mit Größen wie BartolomeyBittmann oder das Chaos String Quartet; die Resonanz erstaunte die Intendantin selbst. „Wir erreichten eine halbe Million Menschen. Eine unglaubliche Bilanz für ein Festival im ersten Jahr.“

NIEDERÖSTERREICHERIN: Was hat dich dazu bewogen, den Beethoven Frühling ins Leben zu rufen?
Dorothy Khadem-Missagh: Ich komme aus einer musikalischen Familie mit großer Festivaltradition (siehe Kurzbio). Als ich zuletzt auf Konzertreisen in Asien war, hat das meinen Außenblick auf unsere Kultur geschärft; wir nehmen so viel für selbstverständlich, während andere an jeder Ecke staunen. Ich liebe die Bühne, die Interaktion mit den Kolleginnen und Kollegen, mit dem Publikum. Mit all dem im Hinterkopf wurde plötzlich der Wunsch stark, selbst ein Festival zu gründen, selbst die Verantwortung zu übernehmen, auch wenn ich jung bin.

Hat dich das irgendwo ausgebremst?
Es gab einige, die gesagt haben, warte noch. Aber da war dieses: Wann, wenn nicht jetzt?! Eine Start-up-Mentalität gibt es ja schon in vielen Bereichen (lacht). Für uns war es aber nicht ein Probieren, das Festival baute auf viel Erfahrung und Wissen, es war ausgereift. Als wir unser Programm im Jänner 2020 präsentierten, gab es große Medienaufmerksamkeit; wir hatten den Nerv der Zeit getroffen.

Wie ging es dir, als klar wurde, dass euer Festival nicht stattfinden kann?
Ein Jahr Arbeit schien umsonst. Aber mir wurde schnell klar: Wir brauchen gerade jetzt Kunst und Kultur. Die Pandemie hat uns gezeigt: Wir sitzen alle im selben Boot. Der Gleichheitsgedanke der französischen Revolution, die einst Beethoven geprägt hat, war auch eine Inspiration. Wir haben entschieden, dass wir streamen – und haben das Festival in zehn Tagen komplett neu geplant und umgesetzt. Mit höchstem persönlichen Einsatz vor allem für das Haupterlebnis Klang.

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Es gibt viel zu tun. Dorothy Khadem-Missagh engagiert sich für mehr junges Publikum im Klassikbereich und mehr Frauen unter den Solisten. Die ungleiche Verteilung „liegt nicht an der künstlerischen Qualität“, betont sie. (© Stephan Polzer)

Wie hast du es erlebt?
Aufregend und lustig (lacht). Uns wurde bewusst, dass wir nun andere Freiheiten haben. Bei einem normalen Konzert gibt es eine gewisse Ordnung, die wollten wir aufbrechen. Wir haben die Sessel im Kreis aufgestellt (im Casino Baden, Anm.), ich habe von daheim einen Teppich mitgebracht. Als sich dann das Streichquartett beim ersten Konzert gegenübersaß, war das auch für die Musiker selbst anregend.

Wie konntest du so schnell umdenken?
Lustig war es auch für mich nicht; meine Konzerte wurden abgesagt, internationale Auftritte teilweise bis auf Jahre verschoben, ich habe gerade erst eine CD veröffentlicht (siehe S. 100, Anm.). Das Leben hat mir aber zuvor schon auf schwierige Art gelehrt, loslassen zu können. Man muss eine Vision haben, aber ebenso die Fähigkeit entwickeln, das Hier und Jetzt zu akzeptieren. Streamen wird nie das Live-Erlebnis ersetzen; es bietet aber eine Möglichkeit, für die man spezielle Konzepte entwickeln muss. Wenn es nicht mit viel Liebe und dem Blick aufs Detail gemacht wird, wird es nicht die Herzen berühren. Hingegen kann man auch später zusätzlich Menschen erreichen, die nicht in ein Konzert gehen können, weil sie gerade ein Baby stillen oder im Krankenhaus liegen.

Was fasziniert dich an Beethoven?
Für eine Pianistin ist Beethoven das A und O, seine Musik wird mich bis ans Ende meiner Tage begleiten. Mit der Taubheit traf ihn der allerschlimmste Schicksalsschlag für einen Musiker, er zog sich aber nicht im Kämmerlein zurück, um zu leiden, sondern stellte sich in den Dienst einer größeren Sache. Ich selbst sehe meinen Auftrag mit dem Festival darin, neue Wege zu beschreiten, junge Leute, die oft Berührungsängste mit der klassischen Musik haben, zu erreichen.

Wie war deine Kindheit?
Ich bin dankbar dafür, dass meine Eltern meine Begeisterung für Musik entdeckt und gefördert haben. Auch indem sie sich nicht dazwischen gestellt haben; mein Vater hat uns als Musiker nie selbst unterrichtet. Es ist wichtig, die Dinge nicht zu vermischen, so war eine liebevolle Beziehung zu unseren Eltern möglich. Ich habe mit drei Jahren spielerisch begonnen, Klavier zu lernen, heute ist das Klavier aus meinem Leben nicht wegzudenken – man wächst mit dem Instrument zusammen.

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Virtuos. Dorothy Khadem-Missagh spielt Ludwig van Beethoven und Karl Traugott Zeuner (Ars Produktion/Schumacher)

Wann war für dich klar, dass du deinen Lebensfokus auf die Musik richtest?
Die Musik war immer ein Teil meines Lebens. Ich hatte viele Vorbilder in meinem Umfeld.

Hat dir das auch Druck gemacht?
Ganz und gar nicht, meine Eltern haben mich immer ermutigt, andere Dinge zu machen (lacht). Ich war seit meiner Kindheit hinter den Bühnen dabei. Das kann Segen oder Fluch sein, aber ich habe einen sehr realistischen Blick auf die Kultur und das damit verbundene Geschäft.

Die Liste deiner Auszeichnungen ist lang; hast du Herzenspreise?
Der Komponist Béla Bartók hat einmal gesagt: „Wettbewerbe sind was für Pferde“ (lacht). Es geht nicht um die Schnelligkeit, sondern dass man eine innere Aussagekraft entwickelt. Dafür braucht es die richtige Führung, Lebenserfahrung und die Fähigkeit, über sich selbst zu reflektieren. Ich habe seit meiner Kindheit Wettbewerbe gemacht, das ist Teil des Prozesses. Spannender ist aber der Wettbewerb im Kopf, dass ich mich steigere, verbessere. Trotzdem: Besonders schön sind die Auszeichnungen, die ich beim Beethoven-Wettbewerb in Bonn, einem der größten Klavier-Wettbewerbe weltweit, bekommen habe.

Was würdest du ändern wollen, wenn du unbegrenzte Möglichkeiten hättest?
Die Welt der Solisten ist noch immer von Männern dominiert, Orchester bestehen oft zu einem überwiegenden Teil aus Frauen. Das bedeutet: An der künstlerischen Qualität liegt es nicht, sondern an Strukturen. Das sind starre Dinge, wo es gemeinsame Entwicklung braucht. Ideen und Visionen haben viele, aber sie in die Tat umzusetzen, bedarf viel Arbeit, Durchhaltevermögen und Mut, weil man auch scheitern kann. Das Scheitern ist auch ein Weg, um weiterzukommen.

Wie gehst du damit um?
Mit der Fähigkeit, auch Leid als Gewinn zu betrachten, so blöd das klingt. Nach einem Jahr schwerer Krankheit habe ich meine Mutter mit 21 verloren; das war sehr schmerzhaft. Umgekehrt kann ich sehr dankbar sein für die 20 Jahre, die ich mit ihr hatte; es hat mich sehr geprägt, mich früh mit der Endlichkeit des Lebens auseinanderzusetzen.

Was hatten Schubert und Mozart mit 30 für reichhaltige Leben! Wir haben so viele Möglichkeiten heute. Was machen wir aus dem Internet? Es liegt an uns!
Wie blickst du in die Zukunft?
Wenn sich eine Tür öffnet, die passt, gehe ich durch. Aber ich warte nicht auf diese eine Tür, wenn daneben das Fenster offensteht. Ich möchte meine solistische Tätigkeit weiter vorantreiben und wir wollen laufend neue Orte in den „Beethoven Frühling“ integrieren. Es soll ein jährliches Festival bleiben; um Dinge bewegen zu können, muss man nachhaltig denken. Wir haben für heuer mehrere Pläne ausgearbeitet, sobald wir Klarheit über aktuelle Bedingungen haben, wird das Programm für das Festival 2021 auf unsere Website gestellt. Es bleibt spannend. Ich möchte zeigen, dass mit Kreativität und Mut auch in Krisenzeiten neue Wege beschritten werden können.

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(© Shirley Suarez)

Dorothy Khadem-Missagh

… wurde 1992 in Mödling geboren und wuchs in Baden auf: Ihr Vater Bijan Khadem-Missagh ist Geiger, Dirigent und Gründer des Kammermusikfestivals Allegro Vivo, das ihr Bruder Vahid leitet. Wie auch der Bruder ist Schwester Martha ebenso eine renommierte Geigerin. Dorothy ist Gründerin des zum 250. Geburtstag ins Leben gerufenen „Beethoven Frühling“; die coronabedingt als Streamingkonzerte gezeigten, mitreißenden Produktionen sowie das neue Programm findet man auf der Website beethovenfruehling.at. de.dorothy-khadem-missagh.com.