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People | 26.02.2021

Im Separee der Gefühle

Als Journalistin und Kolumnistin der Kronen Zeitung hat sie in den vergangenen dreißig Jahren die Kunst des Fragens perfektioniert. Mit „Herzschweißen“ legt Conny Bischofberger nun ihren ersten Roman vor. Wir baten um ein Interview per Telefon. Freitag, 18:15 Uhr. Prompt kam eine SMS: 18:18 Uhr.

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SPRACHE ALS LEIDENSCHAFT. Conny Bischofberger ist auch Autorin mehrerer Bücher, Mutter zweier erwachsener Söhne und ausgebildete Mediatorin. (© Lukas Beck)

Die Geschichte: Isabella Mahler, 57, Mutter zweier erwachsener Söhne, unabhängig, lebensfroh, mit einem ausgeprägten Faible für Champagner und erfolgreiche Kolumnistin, sieht im Fernsehen Christoph Regner, den neuen Chef von Amnesty International. Obwohl mit der Liebe bereits abgeschlossen, bringt dieser Mann etwas in ihr zum Klingen. Sie schreibt ihm ein E-Mail – und er antwortet. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Sprache voller Zärtlichkeit und Poesie. Als sie sich immer näherkommen, verschwindet er aus ihrem Leben. In diesem autobiografisch inspirierten Roman erzählt die Autorin offen von Erfahrungen, die viele Frauen machen: Von den Schwierigkeiten des sich Annäherns, von den Hürden der Erfahrung, von Poesie und Nähe, aber auch von der Unerreichbarkeit des Anderen, vom Zurückgewiesen werden und vom Abschied.

Niederösterreicherin: Wie viel Conny Bischofberger steckt in Isabella Mahler?

Bischofberger: Sehr viel! Ich habe mit einer Zahl kokettiert und gesagt, sieben ist meine Lieblingszahl, 100 minus sieben ist 93, also 93 Prozent. Ich bin also nicht komplett die Isabella, aber es ist schon sehr viel von mir – was ich mag, wie ich denke, wie ich lebe – in dieser Person.

Sie beschreiben Ihren journalistischen Alltag bei der Kronen Zeitung so real, dass man verleitet ist, den „neuen Chef von Amnesty International Österreich“ zu googeln ...

(lacht) Ich habe darauf geachtet, die Person, die hinter Christoph Regner steht, zu schützen und andere Fährten zu legen. Er ist weder bei Amnesty International, noch habe ich ihn im Frühstücksfernsehen gesehen. Auch beim ORF haben sie recherchiert, bevor ich in „Guten Morgen Österreich“ aufgetreten bin. Sie haben sich alle Gäste der Sendung von Jänner 2019 bis Dezember 2020 angeschaut und beraten, wer da in Frage kommen könnte. Es hat aber keiner gepasst.

Sie haben das Buch in einem Wiener Hotel geschrieben. Wie können Sie eine so intime Geschichte an einem öffentlichen Ort schreiben?

Die ersten Kapitel entstanden in Barcelona, wo mein jüngerer Sohn damals noch studierte. Dann schrieb ich auf der Alpe meiner Schwester im Bregenzerwald weiter. Als ich zurück nach Barcelona wollte, kam die Reisewarnung. In mein Haus nach Ungarn war auch nicht möglich, weil Orbán das Land zusperrte. Ich war ratlos und dachte, vielleicht will das Universum gar nicht, dass dieses Buch geschrieben wird. Mein bester Freund sagte dann, warum ich nicht in das Fünf-Sterne-Hotel gehe, wo auch mein Treffen mit der realen Person stattgefunden hat. Durch den Lockdown war dann dieses Hotel mit sehr wenigen Gästen sehr einsam. In der Sauna und an der Champagnerbar war ich definitiv alleine. Es war der ideale Rückzugsort für meine Geschichte.

 

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„Herzschweißen“ von Conny Bischofberger, ISBN 978-3-99001-462-2 edition a

Im Buch geht es um die Kunst, Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen. Sie nennen es einmal „Küsse mit Worten“. Ist es einfacher, sich im Schreiben zu öffnen?

Dass zwischen den beiden etwas Magisches passiert, hat sich ergeben, das kann man auch mit Worten nicht konstruieren. Es ist eine Gratwanderung, die Mut, Vertrauen und die Bereitschaft erfordert, sich selbst ein Stück weit zu verlieren. Vielleicht ist es gnädiger, sich am Computer und mit Worten zu verlieren, weil ich das letztlich doch in der Hand habe, ich kann zumindest den Zeitpunkt, wann etwas passiert, selbst bestimmen. Bei einer realen Begegnung ist das nicht der Fall. Die Umstände sind also vielleicht zuvorkommender, aber in beiden Fällen ist es nicht leicht. Die Frage ist immer: Lasse ich mich darauf ein oder laufe ich aus Angst weg?

Das erste Treffen fixierten Sie am 20.01 um 20:01 Uhr. Diese Liebe zu numerischen Gleichheiten zieht sich durch das ganze Buch. Woher kommt Ihre Liebe zur „Magie der Zahlen“?

Das hab ich mich selber auch gefragt und für mich die Erklärung gefunden, dass Zahlen Struktur geben. Die fehlt ja bei diesem Paar, weil es keine regelmäßigen Treffen, keine Versprechen, keine Rituale gibt, nur das Schreiben. Das einzige also, wo sie sich festhalten konnten, waren die Zahlen. Schon als Kind habe ich mich aufgrund einer eher ungewöhnlichen Kindheit nur auf zwei Dinge verlassen können: auf das Läuten der Kirchglocken und auf das Rauschen vom Bach vor unserem Haus – und auf die Zahlen. Die ändern sich nicht, die laufen nicht weg, die sind, wie sie sind. Ich habe ein sehr selektives Zahlengedächtnis entwickelt und merke mir schöne Zahlen. Wenn jemand sagt, treffen wir uns um 17:17 Uhr, dann macht mich das glücklich!

Bei diesem ersten Treffen bemerkt Isabella den Ehering an Christoph Regners Hand. Wäre da nicht der Zeitpunkt gekommen, die Annäherung abzubrechen?

Wegen eines Eherings? Nein! Ich kann mich doch für jeden Menschen interessieren, das heißt nicht, dass daraus Liebe wird oder Sex entsteht. Das alles war auf dieser Stufe der Begegnung kein Thema. Ich würde auch nicht wollen, dass mich jemand auf meinen Ring anspricht, wenn ich einen hätte. Sich mit einem Menschen zu treffen, ist etwas Unschuldiges. Viele Frauen legen da so viele Erwartungen hinein. Ich wurde oft gefragt, wird das was mit dem? Ich sagte dann immer, „aber es ist ja schon etwas“. Erwartungen finde ich sehr problematisch – auch in meinen Interviews. 

Isabella klebt als Botschaft an Christoph ein rotes Herz ans Fenster des Pressehauses. Ist dies ein Hinweis darauf, dass es sich mit 60 Jahren nicht anders liebt als mit 16?

Ja, ich glaube schon. Ein Herz zu malen, es mit der Schere auszuschneiden und ins Fenster zu kleben, hat etwas Kindliches, das könnte auch ein kleines Mädchen tun, das sich verliebt hat. Ich fand das sehr zauberhaft, ich fühlte mich so lebendig und kindlich. Ich habe Sachen gemacht, wo meine Sekretärin nur mehr den Kopf geschüttelt hat und dachte: Was macht die da, warum hängt sie ein Herz ins Fenster? Das macht man, wenn man verliebt ist – egal, wie alt man ist.

Ludwig Wittgenstein sagte, „Sprache schafft Wirklichkeit“. Sie zeigt aber auch Grenzen auf. Bildet diese teils poetische Sprache im Buch einen schützenden Rahmen für eine romantische Beziehung, die in ihrer Körperlichkeit im Alltag nicht bestehen könnte?

Ja, das ist möglich, ein interessanter Gedanke mit dem Rahmen! Ich glaube, dass sich die beiden eine Art Rahmen – ich habe es einmal ein „Separee der Worte“ genannt – geschaffen haben. Eine Welt, die beide so nicht kannten, wo es keine Rolle spielte, wo er den Alltag verbringt oder wo sie gerade ist. Es war eine Insel, auf die sie immer gehen konnten, um gemeinsam Dinge zu erleben – über die Sprache. 

Der japanische Mediziner Masaru Emoto konnte anhand von Wasserkristallbildern zeigen, dass das gesprochene, geschriebene und gedachte Wort Energie in Form von spezifischen Schwingungen aussendet. Ist Ihr Buch ein Hohelied auf den sensiblen Umgang mit Sprache – nicht zuletzt in Beziehungen?

Oh, ist das schön! Wenn es so ist, dann bin ich überglücklich! Die Sprache unterscheidet uns von Tieren. Carl Jaspers hat gesagt, dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen. Wenn man hört, es hätte keinen Sinn mehr, miteinander zu reden, dann sage ich: doch! Mit Sprache können wir alles erreichen. Auch der Dalai Lama hat gesagt, die Macht der Gedanken ist riesengroß, man soll in jedem Moment aufpassen, wie und was man denkt, denn Gedanken werden zu Worten und Worte werden zur Wirklichkeit. So schafft sich jeder Mensch seine Wirklichkeit. 

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(© Lukas Beck)

In den E-Mails heißt es: „Wir schlafen miteinander ... ein.“ Als die emotionale Annäherung der beiden immer tiefer wird, zieht sich Christoph zurück – Funkstille. Zeit, das Herz vom Fenster zu lösen. Warum begibt sich eine reife Frau in die Situation, mit Gefühlen wie Verletzung, Abwertung und Trauer fertig werden zu müssen?

Das ist keine bewusste Entscheidung. Wenn man sich einlässt auf die Liebe, dann ist das der Preis dafür. Isabella war lange Zeit glücklich – dann unglücklich. Eines ist ohne das andere ja nicht denkbar. Zu lieben heißt, dass man verletzt werden kann; zu trauern heißt, du bist nicht tot, du lebst und kannst empfinden. Mir gefällt das Zitat vom Hundertwasser: „Man weint viel im Paradies, in der Hölle gibt es keine Tränen“. 

Warum haben Sie sich gegen ein Happy End entschieden?

Ich finde Happy Ends furchtbar langweilig! Stellen Sie sich vor, er lässt sich scheiden und die beiden heiraten? Das ist ja schrecklich (lacht). Alles, was erwartbar ist, ist langweilig. Dazu bin ich zu sehr Journalistin. Und für die Isabella gibt es ja schon ein Happy End, denn sie findet zu sich selber und ist mit sich im Reinen. Sie hat nicht alles erlebt, aber viel. Sie war in dieser Zeit glücklich, und nach dieser Begegnung ist sie ein anderer Mensch. 

Wie geht es Christoph Regner heute?

Der Figur meinen Sie? Die habe ich noch nicht weiterentwickelt.  Wie es dem Mann hinter Christoph Regner geht, weiß ich nicht. Ich habe E-Mails aus ganz Österreich bekommen, zu 90 Prozent von Frauen, die meinten, diese Geschichte müsse unbedingt weitergehen. Die restlichen zehn Prozent von Männern, deren E-Mails durchwegs fast übergriffig waren. Da bilden sich einige ein, sie könnten Christoph Regner spielen und schreiben, „jetzt weiß ich endlich, wie du tickst“. Sie sind mit mir per du, weil ich halt eine öffentliche Person bin, und glauben – na, ja, was weiß ich ...

Christoph hat in Isabella eine Frau getroffen, von der er hoffte, sie könne ihn dabei unterstützen, menschlicher zu werden. Die Art, wie er die Trennung vollzogen hat, ist nicht gerade „menschlich“ ...

Sagen wir, sie zeugt vom Unvermögen mit dieser Situation umzugehen. Es war nicht sehr reif, sich nicht zu erklären. Vielleicht geht es ihm noch viel schlechter als Isabella? Viele meiner Freunde haben gesagt, diesen Schluss kannst du nicht nehmen, da kennt sich keiner aus. Ich finde, es ist ein schöner Schluss. Erstens lässt er alles offen, denn wer sagt, dass der Regner sich in einem Jahr nicht wieder meldet? Vielleicht geht die Geschichte ja weiter ...