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People | 06.05.2021

„Man bleibt immer verletzbar“

Als Künstlerin ist man mit der ganzen Person dabei; das Schaffen herzuzeigen ist somit immer etwas Mutiges, sagt Eva Hasun. Ein Gespräch mit der Klosterneuburger Künstlerin und ihren Töchtern Alma und Agnes über Glück, das Leben auf und hinter der Bühne und über das Muttersein.

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Die Schauspielerin. Alma Hasun ist Ensemblemitglied in der „Josefstadt“ und bei den „Vorstadtweibern“ die unerschrockene Journalistin Priska. (© Philine Hofmann)
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Die Bühnen- und Kostümbildnerin. Zu Agnes Hasuns aktuellen Arbeiten gehören „Aida“ an der Pariser Opéra Bastille sowie „Rozznjogd“ am Wiener Rabenhof Theater (Premiere voraussichtlich im Herbst). (© Agnes Hasun)

NIEDERÖSTERREICHERIN: Drei Künstlerinnen in der Pandemie: Wie geht es Ihnen?

Alma Hasun: Den wenigsten geht es gerade gut, aber ich habe das Glück, dass ich arbeiten kann. Ich bin in der „Josefstadt“ angestellt und als Schauspielerin in der privilegierten Situation, dass wir – mit einem guten Sicherheitstestkonzept – proben können: für die Uraufführung von „Der Weg ins Freie“ nach dem gleichnamigen Roman von Schnitzler. Wann wir das rausbringen, wissen wir aber noch nicht genau. Ich darf auch drehen: die sechste Staffel der „Vorstadtweiber“ und einen Film von Marie Kreutzer.

Eva Hasun: Ich versuche, das volle halbe Glas zu sehen. Die fehlende Nähe ist besonders innerhalb der Familie schlimm. Sonst bin auch gern für mich allein. Schwierig ist es aber doch, sich zu motivieren, immer etwas Positives zu finden, was prinzipiell mein Ziel ist. Ich arbeite an einem künstlerischen Projekt, über das ich noch nicht zu viel erzählen möchte; es wird um Nähe und Abstand gehen. Ich hoffe, dass meine Ausstellung in Stockerau zustande kommt und die Tage der offenen Ateliertür Ende Mai im Burgenland, wo ich ein kleines Atelier habe, stattfinden können.

Agnes Hasun: Es ist wunderschön, wenn dort Mamas Bilder den Stadel, das Atelier und den ganzen Hof schmücken, eine ganz besondere Stimmung.

Ich habe auch das Glück, arbeiten zu können. Das ist als Bühnen- und Kostümbildnerin gerade nicht leicht, aber es lag an den Projekten, die ich zuletzt gemacht habe. Im Herbst konnte unser „Falstaff“ sogar noch vor Publikum in Malmö stattfinden; im Anschluss arbeiteten wir unter einem sehr strengen Sicherheitskonzept in Paris an der Opéra Bastille an „Aida“ mit Jonas Kaufmann. Wir haben es bis zur Generalprobe geschafft, dann wurde gestreamt (s. arte-Mediathek, Anm.). Im Wiener Rabenhof Theater haben wir kürzlich die Proben zu „Rozznjogd“ von Turrini unter der Regie von Werner Sobotka abgeschlossen. Das Stück ging uns allen sehr nahe, weil es da viel um Nähe und das Bedürfnis einander ganz inniglich kennenlernen zu können geht.

 

 

 

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Die Künstlerin. Eva Hasun studierte neben ihrem Beruf als Anästhesistin Malerei bei namhaften Künstlern und legt ihren Fokus heute ausschließlich auf die Kunst. (© Christoph Hansal)

Woraus schöpfen Sie zur Zeit Inspiration?

Eva: Aus dem Frühling, der Aufbruchsstimmung in der Natur. Oder aus Gedanken, Begegnungen, einem Zitat, einen Blick auf etwas. Ich bin sonst sehr großzügig mit Farben, aber in den Wintermonaten habe ich mir für meine Runden mit dem Hund die Aufgabe gestellt, das Schöne und das Bunte zu sehen, um es zeichnerisch, also Grau in Grau aufs Papier zu bringen. Lustige Dinge waren das: ein alter Briefkasten, eine umgekippte Scheibtruhe, ein rostiger VW-Bus …

Agnes: Als Bühnen- und Kostümbildnerin braucht man viele optische Reize. Ausstellungen sind lange weggefallen, ebenso Reisen mit architektonischen Highlights. Da muss man erfinderisch sein und – wie Mama sagt – Inspiration aus kleinen Dingen schöpfen. Für mich waren das Literatur, Musik und Filme. 

Alma: Ich glaube, dass man auch wieder mehr nach Innen geschaut, mehr reflektiert und daraus geschöpft hat. Auf einmal war es eine Aktion, die eigene Familie zu treffen und anders intensiv. Begegnungen sind für mich als Schauspielerin immer eine Inspiration.

 

Sie arbeiten alle drei künstlerisch. Wieso schlugen Sie diesen Weg ein? Welche sind die Herausforderungen und die schönen Momente?

Alma: Ich habe früh angefangen, zu tanzen und mit zehn meine erste Rolle im Musical „Mozart“ gekriegt. So hat eines das andere ergeben … (siehe Kurzbio, Anm.) Die schönsten Momente erlebe ich direkt im Spiel, wenn ich mit einer Kollegin oder einem Kollegen so in diese andere Welt eintauche, dass ich rundherum alles vergesse.

Herausfordernd ist hingegen, dass man so exponiert ist. Im Prozess des Spielens öffne ich mich sehr; da kann es sehr verletzend sein, Ablehnung zu erfahren oder bewertet zu werden.

Agnes: Ich habe immer gern gezeichnet und mich für das Theater interessiert; nachdem Alma zu spielen begonnen hatte, war es für mich auch hinter der Bühne keine fremde Welt mehr. Per Zufall habe ich jemanden kennengelernt, der mir von der Bühnenklasse an der Akademie der Bildenden Künste erzählt hat. Dort wollte ich hin und ich habe mir für die Aufnahmeprüfung selbst als Aufgabe architektonische Zeichnungen gestellt. Das gipfelte darin, dass ich während eines Toskana-Urlaubs unter schweren Bauernstühlen lag, um sie von unten zu zeichnen (lacht). Die Prüfung hat geklappt – und ich mache meinen Beruf bis heute sehr gerne.

Einer der schönsten Momente ist das Entwerfen an sich. Wenn man sich einem Stück oder einer Oper nähert, beginne ich Skizzen und Modelle zu erstellen, irgendwann gerät man in den Sog des Stücks. In jeder Produktion gibt es den Punkt, wo man es geknackt hat, wo man einfach weiß: Jetzt habe ich‘s. Das passiert oft mitten in der Nacht, allein im stillen Kämmerchen. Aber ich liebe auch, dass das Theater ein Teamsport ist. Dass das so eine Kraft nach vorne kriegen kann, wie sie nur entsteht, wenn viele Leute an einem Strang ziehen. Aber natürlich sind wir großem Druck ausgesetzt, wenn es näher zur Premiere geht, liegen die Nerven flach.

 

Eva, wie wurde aus der Ärztin eine Künstlerin?

Eva: Agnes ist schuld daran (lacht). Sie wollte einen Workshop besuchen und ihre Freundinnen wollten gerade nicht; ich war schwanger und hatte einen gewissen Spielraum, da habe ich sie begleitet. Das war für mich eine ganz neue Erfahrung, im Malen so aufgehen und die Zeit und das Rundherum vergessen zu können. Zunächst war das etwas für die Freizeit, für Urlaubstage, dann wurde die Familie größer, der Beruf als Ärztin rückte in den Hintergrund – und gleichzeitig war das eine Chance, dass die Kunst in den Vordergrund trat.

 

Welche sind schöne Momente für Sie?

Eva: Wenn der Prozess eine eigene Dynamik bekommt, wenn das Bild antwortet. Wenn man etwas Authentisches liefern will, ist man mit seiner ganzen Person dabei: mit allem, was man schon erfahren hat und was man sich wünscht. Darum ist es auch immer mutig, etwas herzuzeigen und dahinter zu stehen. 

 

Wie erleben Sie die Reaktionen auf Ihr Schaffen?

Alma: Ich habe schon auch mit Kritiken gehadert, die mich verletzt haben. Am Theater arbeitest du mindestens zwei Monate lang jeden Tag an einer Produktion, bist aufgeregt und möchtest, dass es gut wird, wenn du dich vor 700 Leuten beispielsweise in der Josefstadt hinstellst. Und dann kann es passieren, dass all das in zwei Sätzen zerstört wird. Oder man nimmt es so auf. Es gibt Kritiken, die inhaltlich sind, mit denen man etwas anfangen kann, aber auch solche, die persönlich und verletzend sind. Umso schöner sind oft Publikumsstimmen oder wenn man direkt angesprochen wird, dass einem das Stück oder der Film gefallen hat, aber vor allem, dass es sie oder ihn erreicht hat.

Eva: Wenn jemand Interesse zeigt, ist das die erste Anerkennung. Wenn ein Bild jemanden anspricht, ist das besonders schön. Ich verrate in meinen Bildern nicht alles am Anfang, ich mag die Dynamik, die entsteht, wenn man sich Zeit nimmt, um Geschichten zu entdecken.

Agnes: Bühnenbild und Kostüme sind immer Teil eines größeren Ganzen, genau das mag ich. Wenn die Menschen eine Produktion als Gesamtkunstwerk wahrnehmen und für drei oder – wie bei einer Wagner-Oper – sogar fünf Stunden in etwas versinken, den Alltag vergessen, dann haben wir etwas Großes erreicht.

 

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Pfingstrosen. Die Künstlerin Eva Hasun vor einem ihrer Werke mit den Töchtern Alma (li.) und Agnes.

Welche Bedeutung hat der Muttertag für Sie?

Alma: Der Muttertag war bei uns nie heilig; wir Kinder mussten nie besondere Erwartungen erfüllen. Aber wir feiern gerne, auch den Muttertag (lacht).

Eva: Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich die Wertschätzung auch unterm Jahr erfahre und zu unerwarteten Zeitpunkten.

 

Welche Bedeutung hat das Muttersein für Sie?

Eva: Die größte Bedeutung überhaupt. Ich war leidenschaftliche Ärztin, aber noch leidenschaftlichere Mutter. 

Agnes: Wir haben eine besonders starke Bindung zu Mama, aber auch zu Papa. Wir wurden gefördert – genauso wie unsere drei Brüder –, wir haben sehr stark erfahren: Wir können alles schaffen, was wir wollen. Das heißt nicht, dass man nicht mit seinen Entscheidungen immer wieder hadert, aber man hat jemanden, der einen entlang des Weges unterstützt. Das ist eine sehr große Aufgabe als Mutter und als Vater.

 

Fünf Kinder, Ärztin und Künstlerin – wie hat das alles geklappt?

Agnes: Es gibt auf der ganzen Welt sonst niemanden, der so viel Energie hat wie unsere Mama.

Eva: Es gehört zu den kreativsten Dingen überhaupt, Kinder zu bekommen und mit ihnen zu wachsen. Das tun ja nicht nur sie, man verändert sich selbst auch. Wenn man sich darauf einlassen kann, ist das ein toller Prozess. Ich hab‘ auch viel Glück gehabt, weil unsere Kinder so toll waren.

Agnes: Und weil du mit Papa so ein gutes Team bist.

Eva: Selbstverständlich. Allein ist das sicher ganz schwierig.

Alma: Unsere Mutter ist für uns eine große Inspiration, als Künstlerin und als Frau.

Eva: Umgekehrt auch, die Kinder sind das für mich genauso.

Alma Hasun auf der Bühne und vor der Kamera
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Wandelbar. Alma Hasun an der Josefstadt mit Otto Schenk in „Der Kirschgarten“ (Bild 1)  und als Journalistin Priska in „Die Vorstadtweiber“ (Bild 2).

(c) Josefstadt/Astrid Knie

 

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Wandelbar. Alma Hasun an der Josefstadt mit Otto Schenk in „Der Kirschgarten“ (Bild 1)  und als Journalistin Priska in „Die Vorstadtweiber“ (Bild 2).

 

(c) ORF/MR Film/Petro Domenigg

Kurzbiografien

Eva Hasun lebt und arbeitet in Klosterneuburg als freischaffende Künstlerin. Berufsbegleitend zum Job als Anästhesistin studierte sie Malerei u. a. bei Christian Ludwig Attersee und präsentiert ihre zumeist farbkräftigen Arbeiten regelmäßig bei Ausstellungen. Eva Hasun ist fünffache Mutter; neben Agnes und Alma hat sie mit ihrem Mann drei Söhne. Am 29. und 30. Mai lädt sie in ihr kleines Atelier in Illmitz im Burgenland; Kontakt und nähere Infos: www.evahasun.com 

Agnes Hasun (*1984) wuchs in Klosterneuburg auf und lebt heute in Wien. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste in der Meisterklasse von Erich Wonder sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaft und schuf Kostüme und Bühnenbild für Produktionen u. a. an der Wiener Staatsoper, am Opernhaus Zürich oder am Theater an der Wien. Als künstlerische Mitarbeiterin von Christof Hetzer arbeitete sie u. a. in international erfolgreichen Produktionen wie bei der Welturaufführung von György Kurtágs „Fin de Partie“ an der Mailänder Scala oder „Falstaff“ in Malmö (www.agneshasun.com).

Alma Hasun (*1989) begann jung mit Ballett, Jazzdance und Klavier und steht seit ihrem zehnten Lebensjahr auf der Bühne. Sie studierte am Wiener Konservatorium Schauspiel und ist heute Ensemblemitglied im Theater an der Josefstadt (u. a. Marianne in „Geschichten aus dem Wienerwald“, Luise in „Liliom“, Christine in „Liebelei“, demnächst in „Der Weg ins Freie“); vor der Kamera stand und steht sie etwa in „Die Frau in Gold“ mit Oscarpreisträgerin Helen Mirren, „Vienna Blood“ und „Die Vorstadtweiber“ (seit der fünften Staffel).