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People | 11.07.2021

Kleist in der Arena

„Ein hochaktuelles Stück über eine korrupte Justiz, über Machtmissbrauch, über Recht und Unrecht“ – so beschreiben die Sommerspiele Perchtoldsdorf Kleists „Der zerbrochene Krug“. Was bedeutet das für das Bühnen- und Kostümbild? Stellvertretend für Tausende Menschen auf und hinter den Bühnen Niederösterreichs baten wir sieben Protagonistinnen zum Interview. Teil 4: Marie Sturminger.

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Feine Antennen. Bühnen- und Kostümbildnerin Marie Sturminger will in eine „uns nahe, zart abstrakte Welt“ führen. (© Sophia Wiegele)

NIEDERÖSTERREICHERIN: Welche Anforderungen stellt das Stück an Sie als Bühnen- und Kostümbildnerin?
Marie Sturminger: Es ist spannend und auch nicht leicht, an diesem Stück zu arbeiten. Über die Zerrissenheit der Welt und die Unzuverlässigkeit der Sprache führt uns Kleist zur Wahrheit und ihre verschiedenen Darstellungen. Meine Anforderung an Bühnen- und Kostümbild ist jener Satz, den er 1807 an Marie von Kleist schrieb: „Denn nicht das was den Sinnen dargestellt ist, sondern das was das Gemüth, durch diese Wahrnehmung erregt, sich denkt, ist das Kunstwerk.“ Ich arbeite sehr intuitiv und gebe gerne dezente Zeichen meiner Gedankengänge. Ich versuche durch Formen, Oberflächen, Farben Charaktereigenschaften und Stimmungen sichtbar zu machen.

Die Uraufführung fand 1808 statt. Wie wird sich das 2021 widerspiegeln?
 Angesichts der Tatsache, dass wir, was korrupte Justiz, Machtmissbrauch, Recht und Unrecht angeht, auch in Österreich noch weit entfernt davon sind, wo wir gerne wären, jedoch auch lange nicht mehr 1808 schreiben, versuche ich, die Kostüme in einer uns nahen, zart abstrakten Welt zu verorten.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit die historische Kulisse?
Eine der ersten Fragen in Perchtoldsdorf ist immer, wie weit wir die historische Kulisse einfließen lassen. Uns ist da Abwechslung sehr wichtig. Es gibt Stücke wie letztes Jahr „Romeo und Julia“, wo die Burg uns unzählige schöne Möglichkeiten bietet, mit ihr zu spielen. Ich darf verraten: Heuer kam mein Bruder Paul mit der großartigen Idee die Tribüne kreisförmig zu gestalten, wie eine Arena. Die Gäste sitzen um das gerichtliche Geschehen, beobachten von allen Seiten. Der Diskurs zwischen Recht und Unrecht, die verschiedenen Wahrheiten und Lügen stehen im Vordergrund, alles rundherum soll verschwinden.

Ihr Vater ist Intendant, Sie machen mit Ihrem Bruder Bühnen- und Kostümbild. Wie erleben Sie diese Konstellation?
 Wann, wie oder wo Info ausgetauscht wird, macht unsere Arbeit manchmal frei und unkompliziert, kann aber auch mal vor den Kopf stoßen. Es gab Phasen, in denen mir Abstand wichtig war und ich anderen Projekten nachging. Mittlerweile denke ich kaum mehr darüber nach, ich mag die alle wahnsinnig. Es macht Spaß, Schönes miteinander zu schaffen.

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Marie Sturmingers Kostüme haben stets viel zu erzählen. (© Alexi Pelekanos)

Sommerspiele Perchtoldsdorf
30. Juni bis 31. Juli, 20 Uhr, Burg Perchtoldsdorf
sommerspiele-perchtoldsdorf.at