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People | 01.10.2021

Ganz schön frei

Auf einem malerischen Hof in Traunfeld im Weinviertel öffnete kürzlich die zauberhafte Werkstatt „formfrei“: Anna Maria Lochmann inspiriert und bereichert die Menschen mit Keramikkursen.

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(© Hannah Ecker)

Fotografinnen und Fotografen können Wunder vollbringen. Manchmal braucht es etwas zusätzliche Magie, manchmal besteht sie darin, die Schönheit, die sich vor dem menschlichen Auge entfaltet, einzufangen. Das Bild links ist ein gelungenes Beispiel dafür. Es war durchaus mitverantwortlich für die Fahrt der Niederösterreicherin nach Traunfeld zum Weingut Regner. Und es versprach nicht zu viel. Hortensien, Pelargonien und Oleander malen farbkräftige Tupfen in den idyllischen Innenhof, in der Mitte thront ein junger Nussbaum, ihm zu Füßen schwimmen Seerosen … Anna Maria Lochmann kommt uns strahlend entgegen und zeigt uns noch mehr Schönes.

Drei Söhne hat die Familie Regner; Lukas ist Tischler und Restaurator, Josef und Mathias widmen sich – wie die Eltern – dem Weinbau. Anna Maria ist Mathias‘ Verlobte – und machte sich kürzlich auf dem Hof selbstständig.
Der erste Weg führt in das Gebäude mit der Aufschrift „formfrei“. „Vor mehr als 20 Jahren war hier noch ein Schweinestall“, sagt sie und öffnet stolz die hübsche Holztür zu einem Raum, der zu einer liebevoll eingerichteten Werkstatt avancierte: Anna Marias Herz schlägt für die Keramik.

 

Salon formfrei. Ein paar Schritte neben der Werkstatt betritt man einen Raum mit einem großen Holztisch, mit viel Feingefühl restaurierten Kästen und Kommoden, „das ist alles Lukas‘ Werk“, erklärt die Gastgeberin. Damit meint sie die Möbel, denen seit Kurzem eine besondere Funktion zu Teil wird: Sie präsentieren Produkte aus dem „Salon formfrei“. Hinter dem Namen steht ein Onlineshop, den die Weinviertlerin mit einer Freundin gründete. „Wir bieten ausschließlich handgemachte Produkte aus Österreich und Deutschland an.“ Zum aktuellen Sortiment gehören etwa Taschen von „TWO22“, dafür stöbert Labelgründerin Regina alte, strukturstarke Leinenstoffe von Dachböden auf. Von Lisa Harlander gibt es filigrane Schmuckstücke, Kumanu aus Tirol produziert beispielsweise Wachstücher und -taschen für Brot.

Nach einem Einblick in die Backstube – die Familie bäckt einmal im Monat für den Eigenbedarf – und in die Schnapsbrennerei (Marillenduft!), geht es in den romantischen Garten. Anna Maria kredenzt einen köstlichen Marillenkuchen auf Keramiktellern, farblich abgestimmte Blumen tun das Übrige zu diesem abermals harmonischen Bild. „Die hat uns extra mein Schwiegervater in die Vase gestellt“, sagt sie. Die Liebe zur Ästhetik ist offenbar Familienprogramm.

 

Malerisches Ambiente
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Raffiniert. Hübsche Muster entstehen, indem Häkeldecken, Walzen und Co. in den Ton gedrückt werden.

(c) Viktória Kery-Erdélyi

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(c) Anna Maria Lochmann

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Elegant. Ob in ihrer Werkstatt oder ihrem  Shop „Salon formfrei“, Anna Maria Lochman mag es, wenn unterschiedliche Produkte ästhetisch harmonieren.

(c) Anna Maria Lochmann

Neues Kapitel. 26 Jahre jung ist Anna Maria Lochmann und schlägt mit ihrer Selbstständigkeit bereits ein zweites berufliches Kapitel auf. Sie hatte Allgemeine Gesundheit und Krankenpflege studiert und zuletzt eine Spezialisierung im pädiatrischen Bereich absolviert. Als Krankenschwester zu arbeiten, habe sie stets geliebt und ausgefüllt, und doch „drängte“ sich etwas dazwischen.
Es begann bei einem Rehaklinik-Praktikum, als sie mit einer Patientin ins dortige Töpferstudio ging. „Damit unterstützt man Schlaganfallpatienten, um die Motorik, die Arbeit mit den Händen zu stärken und um in die Kreativität zu kommen“, beschreibt sie. „Ich hab‘ gleich dort beschlossen: Irgendwann töpfere ich mein eigenes Tellerset“, schmunzelt sie.

Sie beginnt zu experimentieren, kauft sich bald einen Brenn­ofen. „Töpfern war für mich von Beginn an pure Freiheit“, schwärmt sie. Während sie im Brotjob freilich ganz exakt arbeiten muss, tobt sie sich in der Freizeit mit Ton aus. Anfangs riss oder explodierte das eine oder andere Stück beim Brennen, doch sie feilte unermüdlich an ihren Tassen und Tellern. Schon bald okkupiert sie die elterliche Gartenhütte für ihre Leidenschaft. „Nach einem Nachtdienst legt man sich nieder und schläft bis 15 Uhr; im Zustand danach konnte ich nicht viel unternehmen, aber töpfern ging immer.“ Allmählich fotografiert sie ihre Werke und postet sie via Instagram alias „formfrei“. Ihr Credo dahinter: „Das Leben folgt der Form, die du ihm gibst.“

 

@formfrei in Traunfeld
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(c) Anna Maria Lochmann

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Einladend.
Blick in die Werkstatt

(c) Anna Maria Lochmann

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(c) Hannah Ecker

Ihre Begeisterung springt auf viele über, die Anfragen häufen sich, vor zwei Jahren startet sie mit Workshops für Verwandte und Freunde. „Ich wollte weniger meine Produkte verkaufen, aber ich hab‘ gemerkt, dass das Töpfern nicht nur mir, sondern auch anderen Menschen so viel gibt. Da waren viele Parallelen zu meinem Beruf im Krankenhaus“, erzählt sie. Plötzlich taucht ein Gedanke auf, der sie nicht mehr loslässt: Könnte sie Workhops anbieten und davon leben? „Der Kopf sagte: Du hast studiert und einen Abschluss und jetzt willst du dein Hobby zum Beruf machen? Ich hab‘ viel diskutiert und nachgedacht.“ Im Frühjahr 2021 springt sie. Beidbeinig. Ins kalte Wasser. Sie kündigt ihren Job, baut sich eine schöne Website und lädt die ersten Workshop-Termine hoch. „Da bebst du innerlich“, lacht sie. „Ich hab‘ mir gedacht, was, wenn sich niemand meldet?“ Es kam anders. In kurzer Zeit waren alle Workshops ausgebucht, schon die Premiere wird zum vollen Erfolg. „Wir hatten so viel Spaß, es war für mich die pure Bestätigung für meinen Weg.“

Bei aller Freude vermisst sie manchmal das Spital, gesteht sie. Schließlich ging sie, weil sich eine neue Tür auftat. An eine Rückkehr denkt Anna Maria Lochmann aktuell aber nicht; gerade jetzt freut sie sich auf die Weinlese und alles, was dazugehört und wofür sonst keine Zeit war. Und ab Oktober startet sie erneut mit ihren Keramik-Workshops durch.
www.formfrei.at

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Zur Feier des Tages. „formfrei Sprudel“-Frizzante vom Weingut Regner (© Hannah Ecker)