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People | 28.10.2021

The point of no return

Die topbesetzte sechsteilige ORF/ZDFneo-Dramaserie „Die Macht der Kränkung“ hielt die Zuseher drei Doppelfolgen lang in ihrem Bann. In der Figur des „Oliver“ brillierte Daniel Langbein aus Kleinzell. Wir baten den Schauspieler, Hauptakteur des finalen Amoklaufes, zum Interview.

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(© Tobias Ritz)

Bereits William Shakespeare stellte die rhetorische Frage „Wer lebt, der nicht gekränkt ist oder kränkt?“ Wir erleben sie tagtäglich, die kleinen Kränkungen. Jeder von uns kränkt – bewusst oder unbewusst. „Man kann nicht nicht kränken“, sagt Haller. Doch wann sitzt der Schmerz so tief, dass es zur menschlichen Katastrophe kommt? Basierend auf dem Sachbuch „Die Macht der Kränkung“ von Reinhard Haller, einem der renommiertesten Gerichtspsychiater Europas, entwickelte die Autorin Agnes Pluch in ihrem Drehbuch eine Art „Reigen der Kränkungen“, die aufzeigt, wie die emotionale Verletzung einer Figur zu weiteren Kränkungen der nächsten Figur führen kann. Die Dramatik entwickelt sich hier immer aus dem Alltäglichen. „Unsere Figuren sind keine großen Helden, sie sind nicht bigger than life“, sagt die Autorin. Regisseur Umut Dag konnte dieses aufsehenerregende Filmprojekt nur durch die Bereitschaft der Schauspieler, sich vollkommen den Figuren zu öffnen, ihren Charakteren eine Tiefe zu verleihen, die weit über die Sehgewohnheiten des TV-Publikums hinausgeht, verwirklichen. Die Frage „Wer ist der Täter?“ bleibt bis zum Ende fesselnd – denn jeder der sechs Episodenprotagonisten hätte das Potenzial zum Amokläufer. Unterstützt wird der Spagat zwischen Drama und Thriller auch durch die Kameraführung, welche frontal die Momente tiefster emotionaler Verletzung einfängt – stilistisch inspiriert von den alten 16-mm-Homevideos.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Daniel, dieser Film hat jedem der Darsteller eine tiefe Seelenschau in die jeweilige Figur abverlangt. Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?
Daniel Langbein: Schon als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe, hat mich Oliver sehr berührt. Es fiel mir relativ leicht, sein Handeln nachzuvollziehen. Der Dreh war dann von viel Intensität geprägt. Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen und mit Regisseur Umut Dag habe ich als sehr vertrauensvoll und nahe erlebt. Umut hat ein sehr feines Auge und auch Ohr, was mir geholfen hat, loszulassen. Ich wusste, wenn spielerisch etwas nicht stimmig ist, dann sieht er das und wir können einen anderen Weg für diesen Moment in der Geschichte suchen. Insgesamt war es eine tolle Zeit mit einem wundervollen Team!

Während man von den Protagonisten der sechs Episoden relativ viel über ihre tiefsitzenden Kränkungen erfährt, so erscheint Ihre Figur Oliver als selbstloser Helfer, der als Ordinationsassistent die Ärztin Sarah, gespielt von Johanna Wokalek, sogar vor der Pleite rettet. Welche Kränkungen hat Oliver erfahren?
Oliver wird ja in der Serie oft, um nicht zu sagen permanent, gekränkt. Einerseits sind da Menschen in seinem enfernteren Umfeld, die ihn beschimpfen und abwerten. Andererseits ist sein Bedürfnis danach, von Sarah wirklich gesehen zu werden, auch ein Feld, auf dem er von ihr reichlich gekränkt wird. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass er Grenzen anderer oft einfach gar nicht wahrnimmt. Ich denke jedenfalls, dass Oliver schon als Kind, vor allem von seinen Eltern – also lange bevor die Geschichte beginnt – massive Kränkungen widerfahren sind. Die sitzen so tief, dass er sich davon nicht befreien kann. Er hat nie einen Weg gefunden, sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen und dabei herauszufinden, warum er selbst so tickt, wie er eben tickt. Er ist da, was sich selbst oder auch seine Aktionen sowie Emotionen betrifft, praktisch im Blindflug unterwegs und versucht auf diese Art, mit seinem Leben zurechtzukommen. Mein Gefühl ist: Er ist zum Scheitern verdammt.

 

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VOR DEM AMOKLAUF. Finale Szene: Daniel Langbein als Oliver mit Johanna Wokalek als Ärztin Sarah wird im Einkaufszentrum zum Attentäter. (© ORF/Mona Film/Petro Domenigg)

Was ist letztlich der Auslöser, der Oliver zum Attentäter macht?
Oliver erhofft sich, so sehe ich es jedenfalls, sich von den tiefen Wunden seiner Kindheit durch die Annäherung an Sarah reinzuwaschen. Aber dieser Zug ist dann am Ende der sechsten Folge für ihn abgefahren, Sarah hat ihn final zurückgewiesen. Dann wird ihm auch noch durch eine gescheiterte Reanimation vor den Augen vieler Menschen im Einkaufszentrum klar, dass er nicht mehr behaupten kann Arzt zu sein. Sein Bemühen, seine Vergangenheit loszuwerden und zu dem Menschen zu werden, der er sein möchte, scheitert in diesem Moment unwiderruflich. Und da hat er eine Waffe zur Hand, mit der er der ganzen angestauten Aggression Luft verschaffen kann. Also viele Punkte, die da zusammenkommen.

Wobei ich es auch bemerkenswert finde, dass während der ganzen Zeit vor dem Amoklauf niemand Oliver auch nur einmal fragt, wie es ihm geht, oder ob er Hilfe braucht. Er ist in Wahrheit komplett isoliert. Ich glaube, dass es so vielen Menschen geht, was aber zum Glück nicht heißt, dass jeder zum Amokläufer wird.

Der finale Amoklauf. Die Kameraführung brutal. Was hat diese Szene mit Ihnen gemacht?
Es war ein wilder Ritt für mich! Über drei Tage immer wieder und wieder in die Situation des Amoklaufes einzutauchen ist mental und auch körperlich sehr fordernd. Das sind Abgründe, in die man fällt, und Empfindungen, die man so privat nie fühlen möchte. Wenn man aber so neugierig auf Menschen und auf das Menschsein ist, ist es ein Geschenk, so eine Rolle spielen zu dürfen. Es ist natürlich auch spannend, diese Katastrophe erleben zu können, ohne dass man selbst und andere zu Schaden kommen.

Haller schreibt, wir leben in einer Zeit der aufgezogenen Maske von Coolness und Makellosigkeit, in der das Kränkungsthema tabuisiert wird. Er spielt da sicher auch auf die sozialen Medien an. Glauben Sie, hat die Serie zu einer Sensibilisierung für dieses Thema beigetragen?
Das hoffe ich. Ich finde, dass man in der Serie gut sehen kann, wie Menschen aus Unachtsamkeit oder weil sie in ihren eigenen Kränkungen verstrickt sind, andere kränken. Das kann schon auch auf Situationen im eigenen Leben aufmerksam machen. Vielleicht erkennt man auch, dass es manchmal leichter ist, als man denkt, einen Schritt zurück zu machen und zu versuchen, sein Gegenüber zu verstehen. Und vor allem – salopp gesagt – selbst den Mund aufzumachen und zu reden, wenn man ein Problem hat. Am Ende sind wir alle aus demselben Holz geschnitzt, auch das sieht man in „Die Macht der Kränkung“ sehr deutlich.

Wie gehen Sie persönlich mit Kränkungen um?
Ich versuche meistens zu verstehen, was vorgefallen ist, warum mich etwas kränkt und warum mein Gegenüber etwas tut, das mich kränkt. Das Verstehen hilft manchmal. Manchmal aber auch nicht, und dann hoffe ich, dass die Zeit Wunden heilt und versuche mich auf die schönen Dinge im Leben zu konzentrieren.

Zu Theater und Film. Unter der Regie von Wolfgang Murnberger drehen Sie gerade einen neuen „Steirerkrimi“, im November gibt es neue Termine für „Lebenslang“ im Theater Drachengasse Wien. Was macht eine Rolle für Sie besonders spielenswert?
Das ist immer dann der Fall, wenn die Rolle Teil einer besonders erzählenswerten Geschichte ist. Und dann ist es für mich auch immer spannend, wenn eine Rolle sich von allen bisherigen Rollen, die ich gespielt habe, schon in ihren Grundzügen unterscheidet. Wenn ich neue Aspekte des Lebens oder meiner eigenen Persönlichkeit durch das Eintauchen in das Leben einer Rolle kennenlerne. „Lebenslang“ habe ich 2017 in Dresden entwickelt, da geht es um die Geschichte meines Großvaters. Pandemiebedingt mussten wir diese Vorstellungen schon zweimal verschieben, ich hoffe sehr und bin zuversichtlich, dass es diesmal klappt!

Im „Steirerstern“, den wir gerade drehen, spiele ich einen Volksmusiker mit Steirischer Harmonika, dessen Trio sich in einer schwierigen Lage befindet. Da ist auf der einen Seite der Konflikt um den Fortbestand der Band und auf der anderen Seite die Musik und das Publikum. Ich werde vielleicht, obwohl ich der Musik schon was abgewinnen kann, kein großer Volksmusikfan, aber die Steirische Harmonika ist ein wirklich wundervolles Instrument. Da bin ich dankbar, dass ich sie in vielen Stunden beim Vorbereiten der Rolle kennenlernen durfte. Am Ende bin ich aber einfach glücklich, meiner Leidenschaft nachgehen zu können und das ist, so wie jetzt beim „Steirerstern“, das Schauspiel.

Sie leben seit 2019 in Kleinzell, wie gefällt es Ihnen da?

Ja! Ich mag die herzliche und offene Stimmung hier, dass viele junge und jung gebliebene Menschen hier leben. Der Ort mit seinen Gasthäusern und umliegenden Bauernhöfen und auch die Berge, Gräben und Wege um ihn herum sind wirklich wunderschön. Nicht überlaufen, ein Geheimtipp!

Sie können Daniel Langbein auf
www.daniel-langbein.at und auf
Instagram @daniel_langbein folgen.