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People | 04.11.2021

Blackout ... realer denn je

Marc Elsbergs Science-Thriller hat Millionen Leser begeistert, wurde von Wissenschaft und Presse hochgelobt und stand 200 Wochen lang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Was einen aber seit fast zehn Jahren als Science-Fiction-Szenario gruseln lässt, ist heute aktuelles Thema der Tagespolitik: BLACKOUT, ein europaweiter Stromausfall.

Chaos pur. „Der Strom fällt aus, kein Handy, kein Internet, keine Banken, keine Ampeln, keine Mobilität. In den Schlachthäusern verenden Millionen von Tieren, Lebensmittel können nicht mehr transportiert werden.“ Dieses erschreckende Szenario zeichnete Innenminister Karl Nehammer, als er jüngst das Kooperationsabkommen mit der APG (Austrian Power Grid) zur Blackout-Vorsorge der kritischen Infrastruktur vorstellte. Und er nannte auch eine Zahl: 1,18 Milliarden Euro. So viel würde nämlich ein Tag totaler Stromausfall allein in Österreich kosten.

Ein Blackout liegt in der Luft. Was also Marc Elsberg 2012 in einem 800 Seiten starken, in 22 Ländern über zwei Millionen Mal verkauftem Thriller beschrieb, wurde nicht nur von begeisterten Lesern, sondern auch von Wissenschaftlern aufgenommen, die sich nun um ein Frühwarnsystem sowie um ein effizientes Management des gefährdeten europäischen Stromnetzes bemühen. Schließlich sind wir bereits am 8. Jänner dieses Jahres nur haarscharf an einem Blackout vorbeigeschrammt ...

NIEDERÖSTERREICHERIN: Herr Elsberg, in einem Interview hatten Sie einmal gesagt, zu allererst wollten Sie ein spannendes Buch schreiben und Denkanstöße zum wichtigen Thema Energie und die Vernetzung der Welt geben. Wussten Sie damals schon mehr als etwa die Politik?
Marc Elsberg: Tatsächlich geht es mir bei allen meinen Thrillern erst einmal um die Spannung. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich mich wahrscheinlich intensiver mit dem Thema beschäftigt als die meisten Politikerinnen und Politiker. Allerdings wurde, während ich an Blackout arbeitete, von einigen Politikerinnen und Politikern des deutschen Bundestages eine große wissenschaftliche Studie zum Thema in Auftrag gegeben, die aber erst fertig wurde, als ich mein Buch fast fertig geschrieben hatte. Man sieht also: Einige in der Politik haben sich damals auch schon Gedanken darüber gemacht.

Der Energie-Experte Herbert Saurugg beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Thema und befürchtet bereits für diesen Winter einen drohenden totalen Blackout – mit fatalen Folgekosten. Panikmache oder Realität?
Herbert und ich beschäftigen uns etwa gleich lang mit dem Thema. Wir haben uns nach Erscheinen des Buches auch kennengelernt und stehen im regelmäßigen Austausch. Tatsächlich hätte ein längerer, größerer Blackout fatale Folgen – das beschreibe ich ja im Roman. Ob und wann so ein Ereignis eintritt, ist nicht berechenbar, man kann nur Risikoabschätzungen anstellen. Aber diverse Faktoren wie etwa das schlechte Management des absolut notwendigen Umbaus zu erneuerbaren Energien, geopolitische Entwicklungen – Stichwort: Gas aus Russland –, die immer stärker zunehmende Komplexität des Systems oder zunehmende Cyberattacken machen die Situation sicher kritischer als in der Vergangenheit.

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AM SET. Marie Leuenberger, Marc Elsberg, Moritz Bleibtreu (© Gordon Timpen / Joyn / SAT.1 / W&B Television)

Auch die Digitalisierung ist für einen steigenden Stromverbrauch verantwortlich, gleichzeitig minimieren sich durch die Abschaltung weiterer Kraftwerke in Deutschland die Momentanreserven. Für einen systemischen Umbau von fossilen, nuklearen zu erneuerbaren Energiesystemen fehlen die Großspeicher. Was braucht es, um diesen Umbau in den Griff zu bekommen?
Vor allem braucht es den politischen Willen; für diesen braucht es das Verständnis bei den Verantwortlichen in der Politik, dass wir nicht einfach nur die Energiequellen austauschen können – von fossilen zu erneuerbaren – sondern eben ein komplett neues Gesamtsystem brauchen. Das scheinen manche immer noch nicht verstanden zu haben. In der Folge würden durch kompetente Politik etwa der notwendige Ausbau der Netze und von Speichersystemen gefördert beziehungsweise erleichtert. Außerdem muss man sich rational ansehen, welche Erneuerbaren für welche Zwecke am Besten eingesetzt werden können: Wind, Sonne, grüner Wasserstoff etc. Dieser Umbau wird allerdings Jahre, ja Jahrzehnte dauern. Bis dahin muss man, wenn man Versorgungssicherheit will – Betonung auf „wenn“ – jene Mittel einsetzen, die dafür noch oder schon verfügbar sind.

Googelt man „Blackout“ wird an erster Stelle ein 14-Tage-Notfall-Paket zum Kauf angeboten. Warum sind die behördlichen Empfehlungen zur persönlichen Bevorratung auf diesen Zeitraum angelegt? Also, was gelingt in 14 Tagen, was nicht schon früher möglich wäre?
Die Frage ist eher, was nicht gelingt. Bei einem großflächigen Blackout über mehrere Tage reißen nicht nur Lieferketten in Industrie und Handel, etwa auch bei Lebensmitteln und Medikamenten, sondern werden auch physisch diverse Dinge zerstört, zum Beispiel elektronische Bauteile. Das alles ist nicht auf Knopfdruck wieder heil, wenn der Strom zurück ist. Manche Produktionsstätten werden Tage bis Wochen benötigen, um wieder hochzufahren. An manchen Orten gibt es keine Wasserversorgung mehr, die Leitungen fallen trocken. Dann verkeimen sie. Man muss sie also erst reinigen, bevor man wieder sauberes Wasser zu den Menschen leiten kann. Das dauert ebenfalls. Lieferketten sind unter anderem zusammengebrochen, weil kaum mehr eine Tankstelle funktioniert. Lkws stehen also über das Land verstreut mit leeren Tanks am Straßenrand und müssen erst einmal wieder mit Treibstoff versorgt werden, bevor sie weiterfahren können. So gibt es Hunderte andere Beispiele dafür, was nicht gleich wieder funktioniert. Das summiert sich, und deswegen muss man selbst nach der Wiederherstellung der Stromversorgung noch wochen- bis monatelang mit Schwierigkeiten rechnen. So wie wir es jetzt, etwas weniger dramatisch, in diversen Bereichen infolge der Pandemie sehen. Und in der ist nicht einmal der Strom ausgefallen!

 

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CAMEO AUFTRITT. Der Autor in Folge 2 der TV-Serie (© Gordon Timpen / Joyn / SAT.1 / W&B Television)

In Ihrem Science-Thriller lassen Sie während des Blackouts auch das Böse im Menschen an die Oberfläche kommen. Könnte man sich davor je schützen?
Bis zu einem gewissen Grad. Wenn wir alle die behördlich empfohlenen Vorräte für sieben bis 14 Tage daheim haben, dann könnten wir eine solche – und auch andere – Krisensituationen besser bewältigen. Ich sage nur: Klopapier. Auch Firmen und Behörden könnten mit relativ geringem Aufwand diverse Vorkehrungen treffen.

Ich habe gelesen, dass für Sie das Schreiben ab der Hälfte des Buches zunehmend schwieriger wurde, weil es für einen so langen Stromausfall kaum Szenarien, Annahmen und Modelle gab. Hätten wir die heute?
Es gibt inzwischen mehr Studien zum Thema, zum Glück keine praktischen Beispiele! Ich habe mich damals an Ereignissen wie New Orleans nach dem Hurrican Katrina orientiert. Solche regionalen Ereignisse sind normalerweise einigermaßen beherrschbar, weil Hilfe von außen zahlreich und nah ist. Nach New Orleans schickte die damalige Bush-Regierung aber erst nach einer Woche Hilfe, die Menschen waren auf sich selbst angewiesen, wie es in einer nationalen Katastrophe auch wäre. Da konnte man schon Einiges beobachten – Schlechtes ebenso wie Gutes.

Die „BLACKOUT“-Verfilmung mit Moritz Bleibtreu, Marie Leuenberger, Heiner Lauterbach, Jessica Schwarz und Herbert Knaup ist ab Oktober 2021 auf dem Streamingdienst JOYN und ab dem Frühjahr 2022 auf Sat1 zu sehen. Auch Sie werden in Folge 2 einen Auftritt haben. Wie geht‘s Ihnen dabei?
Ich freue mich natürlich über die Verfilmung und sie gefällt mir! Mein Auftritt dauert ungefähr eine Sekunde – die Grundlagen für eine Weltkarriere als Schauspieler sind also gelegt (lacht).
Sie haben sich als äußerst gefragter Gesprächspartner für Politik und Wirtschaft etabliert, was ziemlich stressig klingt. Wäre es jetzt an der Zeit, einen Liebesroman zu verfassen?
Ich habe schon darüber nachgedacht. Wer mich dann wohl zu Vorträgen und Diskussionen einladen wird? Aber zuerst schreibe ich jetzt einmal den nächsten Thriller ...

 

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(© Clemens Lechner)

Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren. Nach einem abgebrochenen Industriedesignstudium war er Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der Zeitung „Der Standard“. Mit seinen Bestsellern BLACKOUT, ZERO und HELIX wurde er zum Meister des Science-­Thrillers. Mit GIER lieferte er einen spannenden Thriller und zugleich eine Kritik des allgegenwärtigen Wettbewerbs, mit DER FALL DES PRÄSIDENTEN einen fesselnden Polit­thriller.
Weitere Infos: www.marcelsberg.com

 

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Morgen ist es zu spät
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