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People | 28.12.2021

Aus eigener Kraft

Christine Nöstlinger konnte das außergewöhnlich gut: Kindern Mut machen, um mit den Schwierigkeiten des Lebens klarzukommen. Davon erzählen die große Ausstellung in Krems und ein besonderes Gespräch.

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Besondere Einblicke. Im Karikaturmuseum Krems werden unter anderem Seiten aus dem Originalmanuskript von Christine Nöstlingers „Die feuerrote Friederike“ gezeigt – mit ihren eigenen Illustrationen. (© Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik)

Mit der „feuerroten Friederike“ fängt sie Ende  der 1960er an: die Weltkarriere von Christine Nöstlinger. Das Mädchen, das sich gegen Mobbing zur Wehr setzt, als es noch gar nicht so heißt, steht auch im Mittelpunkt der großen Ausstellung im Karikaturmuseum Krems – und ist deren Titelgeberin (siehe Info unten).

Im Rahmen der Eröffnung trafen wir Tochter Christiana Nöstlinger und Gerald Votava, den mit der Autorin bis zu ihrem Tod 2018 eine schöne künstlerische Freundschaft verband. Er veröffentlicht im Dezember das Album „A Schenes Lem“ (Bader Molden Recordings) mit 22 bewegenden, pointierten, gesellschaftskritischen, aufwühlenden Dialekt-Gedichten von Christine Nöstlinger.

Sie haben bereits mit 13 ein Werk ihrer Mutter illustriert; wo liegt ihr beruflicher Fokus heute?
Christiana Nöstlinger: Ich war und bin Autodidaktin geblieben, habe auch andere Sachen illustriert, aber das für mich nie zum Beruf gemacht. Ich bin heute Psychologin am Institut für Tropenmedizin in Antwerpen – in der sozial­wissenschaftlichen Gesundheitsforschung. Ich beschäftige mich damit, wie gesellschaftliche Ungleichheit dazu beiträgt, ob die Menschen in der HIV-Prävention ein Kondom verwenden oder wie sie mit den aktuellen Corona-Maßnahmen umgehen. Die letzten zwei Lebensjahre meiner Mutter hatte ich in Wien eine Gastprofessur, darüber bin ich sehr froh, so konnte ich viel bei ihr sein.

Was vermissen Sie ganz besonders, seit sie nicht mehr da ist?
Christiana N.: Die Gespräche. Meine Mutter war nicht nur empathisch, sie war sehr belesen und intelligent. Sie war für mich eine Leitfigur, eine moralische Instanz. Wenn ich auch nicht mit allem einverstanden war, sie hat immer super Argumente gehabt. Der Austausch mit ihr fehlt mir.

Wie haben Sie sie als Kind erlebt? Was war ihr bei der Erziehung wichtig?
Das Wort Erziehung hat sie schon mal nicht in den Mund genommen. Sie war keine Verfechterin der antiautoritären Erziehung, aber sie hat uns viel Freiheit gelassen. Nun hat man aber als Kind zumeist eine Tendenz, so sein zu wollen wie die anderen. Also habe ich mir manchmal Sachen ausgedacht, was ich nicht darf, um in die Norm zu passen (lacht). Wir hatten wenig Grenzen; so ein kleiner Schubs, „jetzt setz dich hin und lern“, und ein bisserl mehr Autorität wären manchmal nicht schlecht gewesen. Aber das lag ihr einfach nicht.

 

 

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Nach dem Interview. Tochter Christiana Nöstlinger und Musiker und Schauspieler Gerald Votava in der Ausstellung (© Karikaturmuseum Krems/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl)

Welche Werte waren ihr wichtig?
Solidarität, Empathie, Toleranz und verstehen zu wollen, warum sich die Leute wie verhalten, selbst wenn man ein bestimmtes Verhalten nicht gutheißt und sich selbst nicht so verhalten würde.

Herr Votava, in Mirjam Ungers Film „Maikäfer flieg!“ nach Christine Nöstlingers autobiografischem Roman spielen Sie ihren Vater. Wie waren Ihrer beider Begegnungen?
Gerald Votava: Uns verband in den letzten Jahren eine künstlerische Freundschaft. Das Tolle im Gespräch mit Christine Nöstlinger war ihre sprachliche Klarheit, der Ausdruck ihrer Intelligenz. Selbst im Umgangsgespräch war sie pointiert und puristisch. In ihren Dialekt-Gedichten ist kein Punkt, kein Wort zu viel oder zu wenig und es entsteht eine Welt, in der man als Zuhörer die Freiheit hat, sie innerlich bunt und fantasievoll auszumalen. So ist das auch in ihren Kinderbüchern.
Christiana N.: Sie konnte unheimlich gut aus ihrer Kindheit schöpfen. Bei uns Töchtern erfragte sie, wie die Lehrer „heutzutage“ drauf waren, was in der Schule passierte. Aber die Erlebniswelt der Figuren kam aus ihrem Inneren.

Haben Sie sich viel über die Schule ausgetauscht?
Christiana N.: Ja, sie hat viel Anteil daran genommen. Sie hat mit dem Schreiben begonnen, als ich in der Volksschule war. Aber sie hat sehr wenig Freiraum für sich beansprucht. Ein Foto in der Ausstellung zeigt sie schreibend in unserer Küche – umgeben von Kochutensilien. Sie hat sich nicht einmal einen Schreibtisch irgendwo hingestellt.

Bewundernswert, dass sie so fokussiert arbeiten konnte.
Christiana N.: Das schon, aber sie hätte sich ruhig mehr Freiraum nehmen können und sich nicht so zersprageln müssen.

Was mögen Sie besonders gern an ihren Werken?
Christiana N.: Dass sie die Realität so echt beschrieben hat. In ihren meisten Büchern werden die Probleme nicht wie in Fantasy-Romanen durch überirdische Kräfte gelöst, sondern weil die Personen über ihren eigenen Schatten springen.
Gerald V.: Wenn man sich in seiner Haut nicht wohlgefühlt hat, ist man in ein Nöstlinger-Buch hineingegangen und wenn man rausgegangen ist, war man stärker. Ein leiwander Effekt.
Sie konnte sich auch in Außenseiter empathisch hineinversetzen. In ihren letzten Dialekt-Gedichten sind das Erwachsene, die teilweise sogar kriminell handeln. Aber das war eine Basis ihres künstlerischen Daseins, dass sie immer an den Menschen interessiert war. Es war unglaublich, wie gut sie über alle im Haus, wo sie gewohnt hat, Bescheid gewusst hat und wie lebendig sie ihre Eindrücke beschreiben konnte. Die Genauigkeit, die Wirkung ihrer Sprache – das ist große Kunst! Dass sie so offen und frei war, das wurde gerade anfangs unterschiedlich wahrgenommen, man machte ihr deswegen auch Probleme.
Christiana N.: Sie war in Österreich die erste, die das so durchgezogen hat.

 

Töchter illustrieren.
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Töchter illustrieren.
„Mini ist verliebt“ (1999) von Christiana Nöstlinger

 

(c) Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik

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Töchter illustrieren.
„Vom weißen Elefanten und den roten Luftballons“ (1995) von Barbara Waldschütz

 

(c) Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik

Ein Bibliothekar, der als Gutachter fungierte, echauffierte sich etwa, dass in einem Kinderbuch der Vater zum Gabelfrühstück ein Seidel trinkt …
Gerald V.: Sie hat mit dieser Betulichkeit aufgehört und die Dinge, wie sie waren, beschrieben. Solche Künstlerinnen brauchen wir heute genauso!

Sie haben ihre Dialekt-Gedichte, die jetzt als Buch erschienen sind („Ned, dasi ned gean do warat“, Residenz Verlag) vertont. Wie haben Sie diese Arbeit erlebt?
Gerald V.: Sie hat mir 22 Zettel in die Hand gegeben, wir haben sie einmal miteinander gelesen – und dann war sie plötzlich nicht mehr. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie stirbt. Es war ein langer Prozess. Ich bin den Gedichten gefolgt. Der Sprache, der Emotion der Gedichte und ihren Melodien (Präsentation: 2. Dezember, Rabenhof Theater Wien mit Walther Soyka und Maria Petrova).

Was wünschen Sie sich fürs Album?
Gerald V.: Ich freue mich, wenn sich die Menschen darauf einlassen und gern zuhören und dass wir die Lieder live spielen werden. Die Gedichte sind sehr klar in ihrer Haltung. Sie setzt sich mit der Gesellschaft auseinander, mit dem Ende des Lebens, dem Frau-Mann-Thema. Es ist keine Gute-Laune-Sache.
Christiana N.: Da hilft die Musik, damit es weniger schwer ist.
Gerald V.: Als wir das einmal gelesen haben, war das sehr lustig. Aber es geht in ihren letzten Gedichten aufs Sterben zu. Zu einem Lebensresümee. Das ist schon traurig.

Was wünschen Sie sich für Christine Nöstlingers Werk?
Christiana N.: Meine Schwester Barbara Waldschütz und ich haben nach dem Tod unserer Mutter die „Buchstabenfabrik“ gegründet, damit ihr Werk weiterverbreitet wird. Nicht nur kommerziell, sondern vor allem die Werte und Inhalte sollen weiterleben, die sie in ihren Büchern vertreten hat und wie sie Kinder dabei unterstützt hat, deren kleine und große Probleme zu lösen – aus der Perspektive der Kinder.
In Zusammenarbeit mit Kulturvermittlerinnen haben wir den Lesekoffer mit den „Geschichten vom Franz“ initiiert: Man kann sie in Schulen einladen, sie machen mit den Kindern interaktive Sachen zum Buch – singen, schauspielen, selber Geschichten schreiben. Damit mehr gelesen wird, muss das auch über das Tun und den Spaß, also auf der affektiven Ebene, passieren. In einem zweiten Projekt – da stehen wir noch am Anfang – möchten wir früher ansetzen. Leseförderung hat auch mit Spracherwerb und -fähigkeit zu tun, sodass man im Kindergarten und zu Hause anfangen muss. Interessant wäre es, das mit dem Gesundheitsbereich zu verknüpfen und beispielsweise Bücherpakete bei ärztlichen Check-ups zu verteilen. Wir möchten Eltern in ihrer Kompetenz bestärken, ihren Kindern vorzulesen.

 

 

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Eintauchen. Das Schöne an der Ausstellung in Krems ist, dass sie alle Generationen fesselt. Übrigens: Die Autorin selbst bezeichnete sich wegen der Vielzahl ihrer Werke als „Buchstabenfabrik“. (© Karikaturmuseum Krems/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl)

Info

C. Nöstlinger & ihre Buchstabenfabrik

Die Ausstellung wurde mit „Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik“, der Gesellschaft zur Nachlassverwaltung ihres Werks, auf die Beine gestellt; gezeigt werden u. a. Originalmanuskripte, Illustrationen der Töchter, Fotos und Videos. Zu sehen sind Arbeiten des ersten Christine Nöstlinger-Preisträgers Michael Roher sowie Werke von Martina Peters, Stephanie Wunderlich und Nina Pagalies, die sich bei einem Stipendienaufenthalt künstlerisch mit Nöstlingers Œuvre auseinandersetzten. Spannend: vielsprachige und hinreißende Einblicke in das Projekt „Mut gewinnt!“ mit der Mittelschule Krems zu Zivilcourage in Schule und Alltag.

www.karikaturmuseum.at
www.christine-noestlinger.at