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People | 19.01.2022

Wasser & Waldviertel

Jahrhundertschauspielerin Erni Mangold lüftet das Geheimnis ihrer Schönheit und gewährt Einblicke in ihr privates Bildarchiv: mit einem neuen Buch zum 95. Geburtstag. Außerdem: Retrospektive im Metro Kinokulturhaus.

"Das Alter ist eine Schlacht, ob man sie gewinnt oder verliert, liegt im Auge des Betrachters."
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(c) Robert Newald

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New York, 1981.
Mit Christoph Waltz und Peter Patzak – für Dreharbeiten zum Film „Die Weltmaschine“

 

(c) Erni Mangold

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Porträt. Rötelzeichnung von ihrem Vater

 

(c) Erni Mangold

Sie saß gerne auf dem Dach des Elternhauses und träumte von einer Zukunft als Landwirtin. Ihr Vater konnte dieser Vision wenig abgewinnen. „Er, der mich mit Goethe und Rilke aufgezogen hatte, musste mit Schrecken feststellen, dass das Großweikersdorfer Landleben bei mir seine Spuren hinterließ, nämlich insofern, als ich Tendenzen zu einer gewissen Bäuerlichkeit zeigte“, erinnert sich Erni Mangold in ihrem autobiografischen Bildband.

Er packt die Familie zusammen und zieht mit ihr nach Wien; der einzigen Tochter sollte eine „urbane Erziehung“ zuteilwerden. Als er sie schließlich in die Krauss-Schule steckt, legt er den Grundstein zu einer herausragenden Karriere einer „Jahrhundertschauspielerin“, wie sie Doris Priesching im jüngst erschienenen Buch beschreibt. „Sagen Sie, was Sie denken“ (Molden Verlag) lautet der provokante und gleichsam stimmige Titel; er spiegelt Erni Mangolds bestechend ehrliches und kantiges Auftreten wider.

 

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 (c) Erni Mangold

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 (c) Erni Mangold

Fotografische Juwelen. Erni Mangold, damals noch Erna Goldmann, wurde am 26. Jänner 1927 als Achtmonatskind am großelterlichen Wirtshaustisch in Großweikersdorf geboren. Wenn also Ende Jänner 2022 – lehnen wir uns mal so weit aus dem Fenster hinaus – die Pandemie wirklich endlich auf ein Ende hinsteuert, wird sie hoffentlich ihren 95. Geburtstag mit ihren Freundinnen und Freunden zelebrieren können.

Damit auch jene, die dort nicht dabeisein werden, die große Künstlerin (sie möge die Bewunderung verzeihen, das kann sie nämlich gar nicht leiden) feiern können, gewährte sie Einblicke in jene alte Holzkommode, in der sie in vier Laden Bilder und Zeitungsausschnitte aus ihrem ganzen Leben, von der Bühne und ihren Filmrollen sammelt.

Aus diesen zauberte die Schauspielerin fotografische Juwelen, die sie beispielsweise mit Schüler Christoph Waltz oder dem kürzlich verstorbenen, legendären Filmemacher Peter Patzak zeigen. Oder aber mit ihrem guten Freund Helmut Qualtinger, mit dem sie nach dem Krieg um die Häuser zieht. „Es war die beste Zeit meines Lebens“, erinnert sich Erni Mangold. Doris Priesching, die bereits zum zweiten Mal Gedanken und Erinnerungen der Schauspielerin festhielt, hakt ein: „Die Stadt zerstört, die Überlebenden steigen über die Toten, es gibt nichts zu essen, die Gegenwart liegt in Trümmern. Was, bitte, soll an dieser Zeit gut gewesen sein? Es war und ist die Freiheit, die Erni alles bedeutet. (…) Jene Freiheit, die Erni im zerbombten Wien erlebt, als die Nazis fort sind, und man tun und sagen darf, was man denkt und will.“ Die Medienjournalistin Priesching fungierte ebenso als Autorin ihres zuletzt erschienenen Buches „Lassen Sie mich in Ruhe!“ (Amalthea Verlag).

Wie auch dabei gelingt es dem offenbar harmonierenden Team erneut, packende und bewegende Momente aus Erni Mangolds Leben heranzuzoomen – gesellschaftskritische Kommentare inklusive: „Die Entmündigung der Alten gehört zu den großen Irrtümern im Umgang der Generationen miteinander“, erzürnt sich die Künstlerin etwa auf einer der ersten Seiten. Hinzu kommen Gastbeiträge beispielsweise von Elfriede Jelinek oder Michael Schottenberg.

 

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Fabelhafter Mann.
So beschreibt Erni Mangold ihren „Landkrimi“-Kollegen Josef Hader („Der Tote im See“). Mitte: In Hauptmanns „Michael Kramer“ (1961) am Schauspielhaus Hamburg. Sie erhält den „Inselpreis“, dass das die Theaterleute ärgert, gefiel ihr: „Die einzige Österreicherin, die mitspielt, und die bekommt den Preis.“ 3. Foto: Kick it like Mangold

 

(c) ORF/Lotus Film/Felipe Kolm

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Fabelhafter Mann.
So beschreibt Erni Mangold ihren „Landkrimi“-Kollegen Josef Hader („Der Tote im See“). Mitte: In Hauptmanns „Michael Kramer“ (1961) am Schauspielhaus Hamburg. Sie erhält den „Inselpreis“, dass das die Theaterleute ärgert, gefiel ihr: „Die einzige Österreicherin, die mitspielt, und die bekommt den Preis.“ 3. Foto: Kick it like Mangold

 

(c) Erni Mangold

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Fabelhafter Mann.
So beschreibt Erni Mangold ihren „Landkrimi“-Kollegen Josef Hader („Der Tote im See“). Mitte: In Hauptmanns „Michael Kramer“ (1961) am Schauspielhaus Hamburg. Sie erhält den „Inselpreis“, dass das die Theaterleute ärgert, gefiel ihr: „Die einzige Österreicherin, die mitspielt, und die bekommt den Preis.“ 3. Foto: Kick it like Mangold

 

(c) Erni Mangold

Kämpferin. Das Buch beginnt Erni Mangold mit der unverblümt wütenden Schilderung jener Sommernacht 2020, deren Folgen sie auf eine große Probe stellten. Sie stürzt in ihrem geliebten Haus und muss die Stufen ins Erdgeschoß hinunterrobben, um zum Telefon zu gelangen. „Ich weiß, was jetzt auf mich zukommt: der Beginn einer ganz langen Scheiße“, schreibt sie.

Die Diagnose: doppelter Oberschenkelhalsbruch. Die ersten acht Wochen ist sie ans Bett gefesselt. Erni Mangold kämpft sich zurück. Mit viel Disziplin und Training. Angetrieben von der Sehnsucht dorthin zurückkehren zu können, wo sie am liebsten ist. In ihrem Refugium im Waldviertel. Übrigens und weil sie – wenig verwunderlich – stets nach dem Geheimnis ihres strahlenden Aussehens gefragt wird, hier noch eine Antwort aus dem Buch: „Meine beiden Lebenselixiere beginnen mit den Buchstaben W: Wasser und Waldviertel. Zu beiden habe ich eine innere Beziehung, aus beiden ziehe ich Kraft.“

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(© Molden Verlag)

Erni Mangold:
„Sagen Sie, was Sie denken.
Mein Leben in Bildern“, 208 Seiten, zahlreiche Fotos, Hardcover, Molden Verlag; € 35

95 Jahre in Lebensbildern, aufgeschrieben von Doris Priesching und mit zahlreichen Gastbeiträgen u. a. von Elfriede Jelinek, Michael Schottenberg, Doina Weber

Sämtliche Bilder in diesem Beitrag entstammen aus dem hier beschriebenen Buch.


Anlässlich des 95. Geburtstags von Erni Mangold zeigt das Filmarchiv Austria vom 20. Jänner bis 2. Februar eine Retrospektive im Metro Kinokulturhaus (Johannesgasse 4, 1010 Wien).

Am Samstag, 22. Jänner um 18:00 läuft u. a. Anna Maria Krassniggs Spielfilm „La Pasada - Die Überfahrt“ (2017) und als Vorfilm der Kurzfilm „Die Großmutter“ (2020) nach der Novelle von Marie von Ebner-Eschenbach.