Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 11.03.2022

Ein Plausch mit Polly

Mit der St. Pöltener Schauspielerin Veronika Polly auf der „Suche nach dem Richtigen“. Ein Gespräch mit einer beeindruckend starken wie sensiblen Frau.

Es ist sechs Jahre her, als wir die beliebte Schauspielerin zum großen Interview trafen. Unvergessen jene Szene, als es während des Fotoshootings zu regnen begann. Abbruch? Weit gefehlt! Mit einigen Griffen in ihr Markenzeichen, den knallroten Haaren, schwang sie sich balancierend auf einen Zaun – und wir hatten Bilder, welche das unkomplizierte, hinreißende Wesen der Vollblutschauspielerin widerspiegelten. Mit dabei, ihre damals elfjährige, bezaubernde Tochter Rosa, die uns verriet, einmal in die Fußstapfen ihrer bekannten Mutter treten zu wollen, „weil man da alles rauslassen kann“.

Der Grund für die damalige Story war der Start ihrer Rolle als Rechtsmedizinern Dr. Stefanie Löcker in der TV-Serie SOKO Kitzbühel. Seither spielte sich die Pathologin mit ihren pointierten Diagnosen jeden Dienstag zur Primetime in die Herzen der Zuseher. Als die Serie 2021 abgesetzt wurde, trauerte nicht nur eine riesige SOKO Kitzbühel-Fangemeinde. Zu gerne hatte das Publikum die vertraute Schauspielertruppe, ihre kniffeligen Mordfälle, eingebettet in die prachtvolle Kulisse des Wilden Kaisers, zu Gast im eigenen Wohnzimmer. Nun, ein Serienende, welches zugleich einen Neustart für Veronika Polly bedeutet ...

 

Bild 2203_N_Menschen_Polly1_Stefanie_Leo.jpg
VERONIKA POLLY. Auf der Suche nach dem Richtigen (© Stefanie Leo)

NIEDERÖSTERREICHERIN: Veronika, mit welchen Gefühlen blickst du auf die letzten sechs Jahre zurück?
Es war eine wirklich schöne Zeit! Ich durfte an Orte, an welche ich so nicht gekommen wäre, wie zum Beispiel an einen Truppenübungsplatz des Bundesheers, wo die Hubschrauber laut über uns hinwegflogen. Aber an vorderster Front steht natürlich die wunderbare Landschaft Tirols. Ich durfte viel lernen, habe liebe Leute kennengelernt – auch hinter der Kamera – und insgesamt die Jahre sehr genossen.

In Krimis wird oftmals die Rolle der Gerichtsmediziner ziemlich „schräg“ angelegt. Braucht es da das Komödiantische, um das Grauen der Verbrechen zu entschärfen?
Ich würde mal behaupten, dass in der Realität so eine Arbeit auch ihre Spuren hinterlässt. Meine Hochachtung vor Menschen mit diesem Berufsalltag! Ich denke, dass sich das Grauen an sich nicht entschärfen lässt, aber man persönlich einen Weg finden muss, damit umzugehen. Und da kann Humor möglicherweise schon ein bisschen lindernd wirken, natürlich ohne den Respekt an der Sache zu verlieren.

Du hast bei Elfriede Ott studiert, deine Schauspielausbildung am Konservatorium Wien mit Auszeichnung abgeschlossen, es folgten Engagements auf Bühnen und bei Festspielen, hast zahlreiche Filme und TV-Serien gedreht, warst gerade in der 6. Staffel 2022 der „Vorstadtweiber“ zu sehen. Hattest du je Angst, auf die – nach deinen eigenen Worten – „lustige Dicke“ reduziert zu werden?
Ehrlich gesagt, habe ich das Gefühl, dass es bereits so ist! Deshalb habe ich auch jene Szenen bei SOKO Kitzbühel so genossen, bei denen ich mal anderes Spielfutter hatte. Auch bei „Curling für Eisenstadt“ war da ein wenig Platz dafür. Ich liebe das Humoristische, die Komödie. Aber ich warte noch immer auf die Chance, mich als Schauspielerin auch anderes zeigen zu können.

Als alleinerziehende Mutter einer nun 17-jährigen Tochter kennst du auch die Schattenseiten des Schauspielerlebens, wenn zum Beispiel gerade kein Serienengagement am Programm steht ...
Mittlerweile sind es über 20 Jahre, die ich als Schauspielerin am Buckel habe. Mit Höhen und Tiefen. Zwischenzeitlich wollte ich sogar alles hinschmeißen. Glücklicherweise habe ich es nicht getan! Der bloße Gedanke daran, diesen Beruf nicht auszuüben, hat mich unglücklich gemacht. Man braucht schon auch Durchhaltevermögen und Kampfgeist in diesem Job. Und Ideen!

Wenn Rosa bei ihrem Wunsch, Schauspielerin zu werden, bleibt, was möchtest du deiner Tochter mitgeben?
Die Realität immer im Auge zu behalten. Sie sieht natürlich, dass nicht alles so glatt läuft, wie man es sich wünschen würde und dass Engagements nicht so übergangslos hereinflattern, wie man das gerne hätte. Man muss schon einiges investieren und nicht aufgeben, wenn nicht alles glückt. Trotz allem ist es aber wichtig, Träume zu haben, denn die sind ja quasi auch der Motor, der einen antreibt. Und sich nicht ausbremsen zu lassen von Menschen, die einem nichts zutrauen. Als ich beschlossen habe, diesen Beruf zu ergreifen, habe ich so was gar nicht an mich rangelassen. Im Nachhinein muss ich sogar sagen, dass dir jeder Bosnigl, der glaubt, dir das Leben schwer machen zu müssen, letztendlich auch die Kraft gibt, Dinge zu ändern. Das ist jetzt sehr direkt ausgedrückt, aber es trifft den Nagel auf den Kopf.

 

Bild 2203_N_Menschen_Polly2_Stefanie_Leo.jpg
POLLY PLAUSCHT. Mit Charme und Humor entdeckt Polly im Onlineformat des Stadtmarketings St. Pöltens die Schätze der Stadt. (© Stefanie Leo)

In den Medien wird uns das „perfekte Ich“ vorgegaukelt, Körper werden auf das „Idealmaß“ getrimmt, Falten weggefiltert. Unter Frauen entsteht mehr Konkurrenz als Solidarität. Wie siehst du diese Entwicklung?
Skeptisch! Mir tun die jungen Frauen unserer Zeit leid. Es war ja schon vor 30 Jahren nicht einfach, aber was sich da heute abspielt, ist schon grauslich. Da werden optische Vorbilder geschaffen, die doch kaum jemand erreicht. Ich finde diese auch gar nicht erstrebenswert. Es gibt so viele junge, fesche Mädel, die voller Unzufriedenheit mit sich selbst sind. So und so musst du aussehen, so toll musst du im Bett sein und diesbezüglich ein breitgefächertes Repertoire haben. Möglichst viel Geld solltest du verdienen – am besten als Social-Media-­Star mit Hundertausenden Followern, die dir die Bestätigung geben, die du brauchst, damit du jemand bist. Das haben die ja täglich vor der Nase. Schrecklich! Sicher nicht nur für die Mädchen, sondern auch für junge Männer. Ich bin froh, dem nicht mehr so ausgesetzt zu sein, aber spurlos geht das Ganze natürlich auch nicht an mir vorüber. Ich freu mich auch mal über ein Kompliment oder ein paar flirtende Blicke. Aber dem Stress einer vermeintlichen Perfektion, die mir irgendwelche Menschen, die ich nicht kenne, vorgeben, setz‘ ich mich nicht mehr aus. Was nicht heißen soll, dass ich so überaus zufrieden mit mir bin, da wäre schon auch an ein paar Schrauben zu drehen. Aber das nur, um mich persönlich besser und fitter zu fühlen. Für mich.

Wenn wir auf den Titel unserer Story Bezug nehmen, was ist für dich „das Richtige“?
Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Prinzipiell würde ich aber mal behaupten: Wenn es sich gut anfühlt. Letztendlich, denn ich habe ja festgestellt, dass sich die Richtigkeit von Dingen erst viel später herausstellen kann. Eine buddhistische Weisheit sagt, dass etwas nicht zu bekommen, manchmal das größere Glück ist. Da liegt sehr viel Wahres drin und ist auch einer meiner Leitsätze. Wenn man darüber nachdenkt, was geschehen wäre, wenn alle meine Wünsche in Erfüllung gegangen wären, würde ich vielleicht ein ganz anderes Leben führen, dass sich eben nicht richtig anfühlt.

 

Bild 2203_N_Menschen_POLLY_Plauscht_Erlebnisreich.jpg
MAKING OF POLLY. Stark und sensibel vor der Kamera wie im Leben (© rlebnisreich)

Im Onlineformat „Polly plauscht“ nimmst du uns seit vorigem Sommer auf deine Spaziergänge durch St. Pölten mit, um besondere oder auch verborgene Plätze und Angebote der Stadt vorzustellen. Im Lockdown hast du die Möglichkeit von „click & collect“ erklärt, und im Advent mit einem Trompeter ein Weihnachtslieder-Quiz veranstaltet ...
Das ist richtig! Du hast dir offenbar die Folgen auf YouTube schon angeschaut. Das freut mich! Die Idee zu „Polly plauscht“ ist selbst ja auch beim Plaudern entstanden und auf fruchtbaren Boden gefallen. Wir sind nun ein mehrköpfiges Team und werden dieses Jahr auch wieder mit mehreren Folgen den Menschen die Stadt und ihre Möglichkeiten näherbringen. Und das Ganze mit Schwung und Humor!

In der Episode „Heirats Platzerl“ am Standesamt trällerst du stimmgewaltig Roy Blacks „Ganz in Weiß“. Wäre das nicht was: Polly „ganz in Weiß“?
(lacht) Ein Blumenstrauß reicht!
Stimmt es, dass aus diesen Episoden jetzt ein St. Pölten-Buch entstehen soll?
Nicht direkt. Bei der Sendung konzentrieren wir uns großteils auf die Innenstadt St. Pölten, das Buch soll darüber hinaus gehen. Aber da will ich noch nicht zu viel verraten! „Polly plauscht“ hat aber das Tor dazu geöffnet, weil ich über dieses Onlineformat in einem Radiointerview gesprochen habe und sich noch während der Sendung ein Verlag gemeldet und sein Interesse bekundet hat. Unsere Drehbücher für die Sendung schreiben wir zu zweit und ich muss gestehen, ich lerne dadurch meine Heimatstadt selber besser kennen und schätzen. Und ich mag es, zu schreiben. Ich wollte ja in meiner Kindheit mal Kinderbuchautorin werden. Christine Nöstlinger und Astrid Lindgren sind heute noch meine literarischen Pionierfiguren. Und ich gestehe: Ein bisschen Pipi Langstrumpf steckt auch in mir selbst. Ich liebe diese liebenswerte Unverschämtheit, diese Direktheit und die verschiedenen Blickwinkel der Pipilotta! Die ist toll! Ein Mädchen, dass alleine sein Leben meistert, ohne Vater, ohne Mutter. Sich auflehnt gegen Obrigkeiten und die Welt „entkompliziert“! Ein absolutes Vorbild für mich – auch, wenn ich ihr sicher nachhinke. Aber ich arbeite daran (lacht). So wie sie, hab ich mich auch mal auf den Tisch gestellt, um Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Und es wirkt tatsächlich! Kann ich nur empfehlen!

Mehr über Veronika Polly erfahren Sie auf www.veronikapolly.at.