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People | 25.03.2022

Trudeoma goes TikTok

Gertrude Lechner aus Aggsbach-Dorf ist 91 Jahre alt. Auf TikTok hat sie 60.000 Followers und 1,3 Millionen Likes. Eine Stunde mit einer vom Leben hart erprobten Frau, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt.

Begonnen hat alles bei einer Familienfeier, als Gertrude Lechners Urenkelin Amelie ein Video auf der Social-Media-Plattform TikTok, vorwiegend genutzt von der Generation Z (1997-2012), hochgeladen hatte. Seither sind Zigtausende Follower stille Gäste im Alltag der betagten Wachauerin. Wenn sie ihren berühmten Apfelstrudel aus dem Rohr zieht, hat man das warme Gefühl von Heimat im Bauch, man erfährt, dass ungewaschene Erdäpfel „eh besser im Geschmack sind“ – und dass man auch heutzutage noch mit den Händen abwaschen kann. Daheim bei der Oma – das ist ein Stück Geborgenheit, ein bedingungsloses Angenommensein in der Großfamilie, ein Sehnsuchtsort, der gerade in Zeiten wie diesen eine noch größere Bedeutung erlangt hat.

Es ist Samstagabend, 19 Uhr.
Ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für ein Interview. Doch die vierfache Mutter mit zwölf Enkeln und vierzehn Urenkeln („oder auch mehr, das weiß ich nicht so genau“, lacht sie) freut sich über die späte Störung und beginnt in ihrem kleinen Fertigteil vom Hartl mit schwungvoller, beinahe jugendlicher Stimme zu erzählen. Ob sie auch den Garten „heuer noch derpackt“, das weiß die Trudeoma noch nicht, aber auf ihrem Account konnte man ihr ja schon beim Rasenmähen zuschauen. Wie also geht sie mit der schnell erlangten Prominenz in den sozialen Medien um? „Gar nicht! Lasst‘s mich damit in Ruhe! Davon will ich nichts hören, weil ich nie eine war, die sich hervortut“, versichert sie entschieden. Und man glaubt es ihr. Ihr Leben lang hat Gertrude schwer gearbeitet, als der Mann zu früh in den 1970er-Jahren gestorben ist, ein Wirtshaus und große Schulden da waren. Die älteste Tochter war damals gerade mal 19 Jahre. „Sie stand im Geschäft und ich in der Küche, aber gemeinsam haben wir es geschafft. Wenn man will, geht alles, nur nachlassen darf man halt nicht im Leben.“ Aber zurück zu den Videoclips, die seither von ihrer Enkelin Kathrin Stefan, Amelies Mutter, gemacht werden und welche die Trudeoma einfach mit „Blödheiten“ abtut – ihr aber dann doch die Kommentare der User, dass „sie noch so gut ausschaut“, Spaß machen. „Wenn die Kathrin schon in der Früh umakommt, weiß ich, dass sie schon wieder was von mir will“, lacht sie spitzbübisch. „Aber ich bin schon gestört auch, weil mit 91 ist das nicht mehr so ohne! Vor zwei Wochen ist meine Cousine Poldi gestorben, sie war 102 Jahre! 102! Vielleicht kann ich ja auch noch ein paar Jahrln leben ...“, sinniert sie, und es klingt wie ein frommer Wunsch ans Universum.

 

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"Der Jugend wünsche ich mehr Bescheidenheit und auch mehr Ehrfurcht vor den Alten." - Gertrude Lechner

Bei der Trudeoma zu sein, heißt aber nicht nur an ihrer traditionellen Küche und an ihren Lebensweisheiten teilhaben zu dürfen, man trifft hier auch auf eine Zeitzeugin. Von 1938 bis 1945, die gesamte Kriegszeit, war sie in der Schule. „In der Früh mussten wir statt eines Gebetes ‚Heil Hitler‘ sagen, um neun Uhr hat der Kuckuck g‘schrien, um zehn ging die Sirene, dann hieß es Schultasche einpacken und in die Weinkeller gehen, dort blieben wir bis zur Entwarnung. Meine Schwester war damals schwer krank und wir mussten alle Wochen nach St. Pölten ins Spital, um neu zu verbinden. Nie vergessen werde ich, als wir am Bahnhof an die zehn Waggons gesehen haben, da haben Kinder und Behinderte rausgeschaut. Als ich danach gefragt habe, hat mich meine Mutter gepackt und wir sind schnell weg. Keiner wollte es wissen“, fasst Gertrude das Unfassbare zusammen. Aber wenigstens Hunger haben sie keinen gelitten. „Wir haben bei der Großmutter gewohnt, sind in den Wald hinauf, haben Schwammerl gebrockt – aber bekommen haben wir eine Stosuppn.“ Nach dem Kriegsende – frisch aus der Schule – musste sie gleich arbeiten. „Zu den Hauern gehen, lesen, binden, Erdäpfel klauben. Jeder hat jeder geholfen, denn im ganzen Dorf gab es keinen Mann, die waren eingerückt, also mussten alles die Frauen übernehmen.“ Und, sei es gestern gewesen, kehrt jenes Gefühl des Schreckens zurück, als ihnen die russischen Besatzer auch noch den treuen Hund und die Kuh erschossen haben.

Das Herz der Familie.
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AUTHENTISCH.
Enkelin Kathrin Stefan stellt die Videoclips der Trudeoma auf TikTok.

(c) Privat

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DAS HERZ DER FAMILIE.
Eine Familienfeier war der Beginn von Trudeomas Bekanntheit auf TikTok.

(c) Privat

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MITEINANDER.
Seit 20 Jahren verbringt die Großfamilie ihren Sommerurlaub in Lignano. Mit gelber Kappe Enkelin und Topmodel Kerstin Lechner

(c) Privat

Es sind Geschichten aus Zeiten, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können. Umso wichtiger ist es, dass Frauen wie Gertrude Lechner nicht müde werden, Erlebtes zu berichten, um Dinge dem Vergessen zu entreißen. Wie sehr hat sie eigentlich unsere heutige Herausforderung, die Pandemie, getroffen? „Ich hatte es im Lockdown noch vergleichsweise gut, weil die Kinder und die Enkel in der Nähe waren, also bin ich nicht vereinsamt“, bedauert aber jene Menschen in den Altersheimen, die über viele Monate isoliert waren. Ihr drängt sich dabei der Vergleich zum Eingesperrtsein im Krieg auf, „als die Gestapo da war, wir nicht hinausdurften und die Rollos unten waren. Es war schrecklich.“ Leid tun ihr vor allem die Kinder, die mit Masken in der Schule sitzen und auf viele sozialen Kontakte verzichten mussten. „Meine Enkerl haben alle gut gelernt, heute haben sie Vierer im Zeugnis.“ Mit Besorgnis sieht sie auch, „dass heute viele nur mehr aufs Handy schaun, anstatt dass sie rausgehen in die Natur und spielen. Und mit ihren Spielen auf dem Computern quatschen sie auf Englisch daher – das versteh ich nicht. Wenn die älter sind, dann sind sie eh terisch und deppert“, sagt sie nicht ohne ein Augenzwinkern und gibt zu, dass ihre Kenntnisse beim Abnehmen am Handy aufhören.

Was sie der heutigen Generation mitgeben will? „Denen kannst nichts mitgeben, weil sie sind eh alle so g‘scheit und wissen alles besser. Vielleicht etwas mehr Bescheidenheit und Ehrfurcht vor den Alten. Als wir Kinder waren, war es selbstverständlich zu grüßen, heute grüßt keiner mehr. Wir hatten damals nichts, heute hat jeder alles – und es ist noch zu wenig. Das geht nicht, alles im Leben kann man nicht haben! Aber der Jugend, der soll es schon gut gehen, denn das, was wir mitgemacht haben, wünsche ich niemanden. Auch mir geht‘s gut, ich hab‘ meine kleine Pension, ich hab‘s warm – und mehr wie essen kann man ja eh nicht ...“

Es ist 20 Uhr, im Radio kommen die Nachrichten. Ein Einmarsch Putins in der Ukraine soll bevorstehen. In diesem Moment wird die Trudeoma, die ihr Herz ansonsten so offen auf der Zunge trägt, ganz still ...

Wenn Sie Gertrude Lechner folgen wollen: www.tiktok.com/@trudeoma