Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 15.04.2022

„Ich brauchte keine Bedenkzeit“

Die niederösterreichischen Jugendjahre des großen Karikaturisten Manfred Deix im Kino: Dem Rebellen alias „Rotzbub“ leiht Markus Freistätter mehr als seine Stimme. Wir trafen ihn vor der Premiere.

Bild 2204_n_freistaetter12_.jpg
© Philine Hofmann

Sie kennen das bestimmt: diesen üppigen Strauß an Gedanken, Reaktionen und Gefühlen, den ein einziges Manfred-Deix-Bild auszulösen vermag. Staunen, Lachen, Empörung, Liebe, Entrüstung, Spannung – all das und noch viel mehr geht sich da aus. „Gewoitig!“, die Parole auf den pointierten Film-Postkarten fasst das prima zusammen. Das trifft im bestgemeinten Sinne des Wortes auch das, was unter dem Titel „Rotzbub“ gerade in den Kinos anlief: ein biografischer, entlarvender, herzlicher, böser, politischer Animationsfilm – und gleichsam eine Hommage an den großen Karikaturisten Manfred Deix.
Gerti Drassl, Katharina Straßer, Adele Neuhauser, Thomas Stipsits, Wolfgang Böck, Erwin Steinhauer … Fast 20 ausnahmslos bekannte Namen beinhaltet der schillernde Cast, Manfred Deix, dem titelgebenden „Rotzbub“ leiht Markus Freistätter (nicht nur) seine Stimme.

Bild 2204_n_freistaetter15_.jpg
Kinostart. Ende März 2022 lief der lang ersehnte Manfred Deix-Film „Rotzbub“ in den Kinos an. Möglich machten den aufwändigen Animationsfilm vor allem die Produzenten Josef Aichholzer und Ernst Geyer, das Land Niederösterreich förderte das Projekt. Für die Regie zeichneten Marcus H. Rosenmüller und Santiago López Jover verantwortlich, für die Art Direktion Manfred Deix (er starb 2016). © Filmladen Filmverleih

NIEDERÖSTERREICHERIN: Der junge Deix: Wie kamst du zur Rolle?
Markus Freistätter: Das war schon 2017, ich hatte gerade bei den Wachaufestspielen eine Pause, da ruft mich der Produzent Josef Aichholzer persönlich an. Er sagt: „Ich mache einen Film über Manfred Deix, ich schicke dir das Drehbuch und du sagst mir, ob du es machen willst.“ – Und ich so: Herr Aichholzer, ernsthaft?! Bitte schicken Sie mir sehr gerne das Drehbuch, aber ich sage sofort ja. Das ist eine Riesenehre.
Schließlich gibt es auch nicht alle Tage einen Animationsfilm aus Österreich …
Das ist der erste! Noch dazu hat Manfred Deix zu Lebzeiten selbst Figuren dafür gezeichnet.
Sechs Jahre sind seit seinem Tod vergangen, ab der Postproduktion gab es wegen der Pandemie viele Verschiebungen. Wie hast du deinen Part erlebt?
Das Spannende ist, dass grad zwei Animationsfilme starten, in denen ich synchronisiert habe. Bei „Häschenschule 2“ gaben wir die Stimme auf die Lippen, die deutsche Produktion wurde im österreichischen Dialekt synchronisiert. Susi Stach führte Sprachregie, wir haben genau geschaut, welches Wort wo passt.
Im Gegensatz zu „Rotzbub“, der erst mit uns entstanden ist. Wir wurden im Studio von drei Kameras gefilmt, ich habe nicht nur gesprochen, sondern die Rolle richtig gespielt, danach wurde das Gedrehte in einem langen Prozess animiert. Dabei wurde ganz genau gearbeitet, sodass wir mehrmals im Studio waren, selbst für Feinheiten, wenn ein Atmer oder ein „Oh“ gefehlt hat.
Wie bist du in die Rolle eingetaucht?
Ich schaue mir immer die Zeit und das Umfeld meiner Figur an. Der Rotzbub hat in einer kleinen niederösterreichischen Gemeinde gelebt; in den 1960ern galt dort, was der Pfarrer, der Bürgermeister und der Lehrer gesagt haben.
Natürlich hat mich alles Persönliche von Manfred Deix interessiert: die Interviews, die Liebe zu seiner Frau Marietta, die Katzen … Susi Stach (sie spielt auch die Mutter von Rotzbub, Anm.)  und ich haben einen ganzen Tag im Karikaturmuseum Krems verbracht und alle Bilder angesehen, die davon erzählen, wie politisch er war, dass er sich nix g‘schissen hat. Er hinterfragte viel, das zeigt der Film auch: Die Männer sitzen im Lokal, die Romafrau darf nicht drinnen sein und der Rotzbub darf nicht nachfragen warum.
Apropos Jugend: Wie war deine, wieso wurdest du Schauspieler?
Ich war schon als Kind oft im Theater: zuerst im Theater der Jugend, später hatte ich viele Jahre das Abo der Wiener Kammerspiele. Ich wollte Lehrer für Deutsch und Geschichte werden, das änderte sich, als der Regisseur bei einem Schultheaterprojekt zu mir sagte: „Du weißt schon, dass du was kannst – und dass das ein echter Beruf ist?!“ Da war ich 17, daran hatte ich davor nicht gedacht, aber von dem Moment an wollte ich Schauspieler werden (lacht).
Was liebst du an deinem Beruf?
Den permanenten Austausch, und dass es keine Routine gibt, dass man ständig Neues an sich entdeckt und man immer wieder gezwungen ist, über sich hinauszuwachsen.
Wie weit bist du bereit, über deine Grenzen zu gehen?
Ich habe für einen Film Skifahren gelernt und Frauenkleider getragen (für „Erik & Erika“, Anm.), mehr muss ich nicht sagen (lacht).

Szenen aus "Rotzbub"
Bild 2204_n_freistaetter04_.jpg

(c) Filmladen Filmverleih

Bild 2204_n_freistaetter05_.jpg

(c) Filmladen Filmverleih

Bild 2204_n_freistaetter02_.jpg

(c) Filmladen Filmverleih

Bild 2204_n_freistaetter08_.jpg

(c) Filmladen Filmverleih

Im April findet die Gala für den Film- und TV-Preis Kurier ROMY statt, dein Part sind quasi die Jungen …
Ja, wobei da ist viel neu: Die Kategorie heißt jetzt nicht mehr „Nachwuchs“, sondern „Entdeckung des Jahres“ und ist damit vom Alter unabhängig. Ich schlage der Jury fünf Kolleginnen und fünf Kollegen vor, die – wie ich finde – man nach vorne holen muss. Ich darf sie auch im Kurier porträtieren und die Preise bei der Gala übergeben; seit dem Vorjahr gibt es ein Publikumsvoting in dieser Kategorie. Ich mag diese Aufgabe sehr.
Du gibst auch Schauspielunterricht. In welcher Form?
Veronika Polly und ich machen seit Jahren gemeinsam die Schauspielakademie in St. Pölten; das läuft über das Musikschulmanagement. Wir unterrichten junge Menschen bis 18, 19, die sich für Theater und Film interessieren, das ist aber keine Berufsausbildung. Sie sollen ein Gespür für ihren Körper und ihre Fähigkeiten entwickeln und dafür, wie sie wirken. Es kann sein, dass jemand sehr nervös ist vor Referaten, dann arbeiten wir daran. Wir inszenieren mit ihnen auch. Heuer wird es Nestroys „Der Talisman“ sein. Manche junge Leute streben den Beruf tatsächlich an, da helfen wir natürlich.
Und wenn sie fragen, wie es hinter den Kulissen aussieht?
Sind wir ehrlich. Wir sagen ihnen, dass es zwar Einzelne gibt, die es auch ohne Ausbildung schaffen, aber im Grunde ist unser Beruf ein Handwerk, das erlernt werden muss. Und dass das Leben als Schauspieler bedeutet, dass man mal für ein Projekt schön verdienen kann, aber dass darauf gleich ein Jahr folgen kann, in dem gar nix ist.
Was erlebst du persönlich als große Herausforderung?
Die Arbeit an mir selbst. Emotionale Tiefs und Zweifel kommen und gehen, das ist normal. Wichtig ist aber, dass ich mich insgesamt mit mir selbst wohlfühle. Das ist woanders auch wichtig, aber in unserem Beruf ist das essenziell, andernfalls kann ich beispielsweise nicht vor der Kamera ein Nationalsozialist sein, den ich auch schon gespielt habe. Es muss mir gelingen, zu trennen und das Handeln der Figur trotzdem nachzuvollziehen.
Und auf einer anderen Ebene: Bei sich bleiben und nicht in Gedanken von anderen abhängig zu sein, das ist die größte Challenge.

Bild 2204_n_freistaetter14_.jpg
Im Interview. Markus Freistätter mit Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi

Markus Freistätter wurde 1990 geboren und wuchs in Wien auf. Er studierte am Konservatorium der Stadt Wien Schauspiel. Für die Titelrolle in „Erik & Erika“ (Regie: Reinhold Bilgeri) war er für die Kurier ROMY als bester Nachwuchs 2018 sowie für den Österreichischen Filmpreis als beste männliche Hauptrolle 2019 nominiert. Aktuell bzw. zuletzt in: „Rotzbub“, „Häschenschule 2“, „Impetus“ (Regie: Benjamin Knöbl) und in vielen ORF-Serien; bei den Schloss-Spielen Kobersdorf spielt er 2022 den Sohn in „Der Bockerer“.