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People | 22.04.2022

Sich austauschen ohne reden

Aus ihrer Liebe zu Sprache und Musik kreierte die Theaterregisseurin Anna Mabo für sich einen neuen Beruf, Fan der ersten Stunde ist Ernst Molden. Samstag kommt die Künstlerin in die Tischlerei Melk.

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Fabelhaft facettenreich: Musikdichterin und Regisseurin Anna Mabo © Thomas Schrenk

Was gar nicht geht: ihre Musik nebenbei hören. Was sehr gut geht: ihre Musik ganz oft hören und jedes Mal Neues hören. Beispielsweise schön zum Nachdenken: „Traubensaft ist süß, aber Wein macht mehr Spaß. Der Tod kommt bestimmt, aber das Leben ist schon da.“
Es ist nicht lange her, da war Anna Mabo vorwiegend Theaterregisseurin mit einer großen Liebe für Musik; erst seit Kurzem erlaubt sie sich die Bezeichnung Musikerin. Regisseurin ist sie weiterhin, allerdings gilt es mittlerweile den Theater- mit einem zunehmend üppig bestückten Konzertkalender zu synchronisieren. Dort steht, dass sie am 23. April in der Tischlerei in Melk konzertiert; am selben Abend treten außerdem die Liedermacherinnen Sigrid Horn und Annika von Trier auf.
Die Konstellation ist eine Premiere, auf die sich die Künstlerin freut. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als sonst, die Pandemie schärfte die Aufmerksamkeit für Begegnungen, davon erzählt auch ihr aktuelles Album „Notre Dame“.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Was hast du alles in „Notre Dame“ mithineingepackt?
Anna Mabo: Es ist ein sehr beobachtendes Album. Es ist 2020 bis 2021 entstanden, zu einer Zeit, in der man begonnen hat, sogar Begegnungen, die davor vielleicht sogar genervt haben, zu vermissen, in der die Selbstverständlichkeit von Geschichten anderer weggefallen ist. Wenn ich wieder in Kontakt treten konnte, habe ich gemerkt, dass mein Interesse größer war für das, was die Menschen antreibt, was sie erleben.
Das Lied „Am Werden“ erzählt davon, dass alles im Fluss ist, dass es okay ist, dass man nie an einen Punkt kommt und man es genießen muss, dass das Leben ein Weg ist. In „Notre Dame“ hingegen geht es um Veränderungen, die keine neue Normalität werden und nicht alle akzeptiert werden sollten.
Wie war dein Weg zur Musik?
Musik war mir immer wichtig und immer da. Ich habe am Lagerfeuer Gitarre spielen gelernt, weil ich fand, dass es nix Besseres gibt, womit man viele Leute unterhalten kann, als mit einer Gitarre und einem Liederbuch. Ich genieße es sehr, dass gerade mit Menschen, die man schon lange kennt, ein schöner Austausch stattfinden kann, ohne zu reden.
Irgendwann habe ich begonnen, Gedichte zu schreiben mir überlegt, dass man die vielleicht lieber hört, wenn da ein paar Akkorde drunter sind (lacht). Aber weil mich der Gedanke begleitet hat, dass es so viele Leute gibt, die wesentlich besser singen und Gitarre spielen können als ich, habe ich mir das lange nicht zugetraut. Die Erkenntnis, dass das völlig egal ist, war ein Riesengeschenk: Es ist schön, zu erleben, dass, wenn ich Musik mache, das nicht nur mein Leben schöner macht, sondern auch das von anderen Menschen.

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© Thomas Schrenk

Doch obwohl du dich erst seit zwei Jahren als Musikerin bezeichnest, gibt es bereits zwei geniale Alben. Wie gelang das?
Ich war 2018 als Regisseurin beim Thea­terfestival „hin & weg“ in Litschau. Dort habe ich Ernst Molden kennengelernt – er kuratiert das Musikprogramm – und ihm zwei Lieder vorgespielt. Er fand die cool und meinte: „Wenn du ein Album machen willst, brauchst du mehr.“ Also hab‘ ich mehr geschrieben und wir haben uns bald angefreundet.
„Die Oma hat die Susi so geliebt“ erschien dann schon bei Bader Molden Recordings. Dein Debütalbum ist poetisch kraftvoll, manche Songs am zweiten Album brechen nun auch musikalisch förmlich aus sich heraus …
Da ist auch metamäßig viel passiert, es spiegelt die Unvorhersehbarkeit des Lebens wider, mit der wir zuletzt so viel konfrontiert sind. Zum anderen liegt das an der Begegnung mit der Band, dass „Notre Dame“ zu dem gewachsen ist, was es ist. Das erste Album bin zum Großteil ich allein, mit der Gitarre. Ich habe mich da auch noch hinter diesem Witz versteckt, eine Dichterin zu sein, die singt. Aber meine Selbstwahrnehmung als Musikerin ist gewachsen. Ich hab‘ zu Ernst gesagt: Ich hab‘ wieder genug Ideen für ein neues Album, aber ich glaub‘, es ist ein Bandalbum. Er meinte: „Mach ma schon.“ Begonnen hat es mit den Auftritten mit Clemens Sainitzer, einem großartigen Cellisten und sehr guten Freund; dann waren es aber schon noch mehrere Schritte, sich sagen zu trauen: Jetzt spiele ich mit Band. (Am Album auch mit dabei: Ernst und Karl Molden sowie Tom Pronai, Anm.)
Wie kamst du zum Theater?
Ich hab zehn Jahre lang erfolglos Cello gespielt, aber schon im Schultheater ganz gut inszeniert, da sah ich zunächst mehr Hoffnung für mich (lacht). Es war auch befreiend, abseits vom Schulsystem eine andere Welt erfinden zu können. Ich habe von Anfang an Theater und Musik sehr gerne gemacht, aber mir in unserer leistungsorientierten Gesellschaft nicht vorstellen können, dass das, was man so gerne macht, eine Berufsoption ist. Meine Eltern sind Juristen, sie haben also „echte“ Jobs (lacht).
Ich bin dann mit relativ niedrigen Erwartungen zur Aufnahmeprüfung am Max Reinhardt Seminar gegangen, ich empfand das alles als so unrealistisch. Ich hab‘ mir gedacht, ich probiere es und wenn es funktioniert, ist da vielleicht wirklich was dran.
So war es auch mit der Musik: Ernst Molden hätte ja auch nein sagen können.
Aber beides klappte. Ob ich es ohne positive Reaktion gemacht hätte, weiß ich nicht. Ich bewundere Menschen, die so genau wissen, was sie wollen, dass sie es durchziehen, egal, was ihnen im Weg steht.
Wie hast du das Regiestudium erlebt?
Das Coole und das Schmerzhafte zugleich war, dass diese Insel des Theaters nunmehr nicht die Alternative, sondern die echte Welt wurde. Das ist auch schön, aber es folgte die Frage: Wohin fliehe ich dann? Sobald das professionalisiert war, tauchten Dinge wie in anderen Lebensbereichen auf: Hierarchien, Bürokratien, Sexismus, veraltete Strukturen. Auch das Theater ist keine Schokoladenfabrik. Aber eine Enttäuschung bedeutet ja das Ende einer Täuschung. Ist also die Täuschung weg, dass das Theater der wunderbarste Ort der Welt ist, ist man nicht mehr getäuscht und kann wirklich loslegen.
Wie reagierten deine Eltern auf deine künstlerische Laufbahn?
Sehr gut. Ich glaube, die meisten Eltern, deren Kinder Künstlerinnen und Künstler werden, sind ja nicht dagegen, sondern sorgen sich eher, dass es nicht funktioniert. Aber das kann überall passieren. Die unglücklichsten Leute, die ich kenne, sind nicht die Künstlerinnen.

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Das aktuelle Album

Der Frühling in der Tischlerei Melk

Anna Mabo, Sigrid Horn und Annika von Trier konzertieren am 23. April in der Tischlerei, weitere Highlights sind u. a.: Mira Lu Kovacs (2. April), das Familien­programm „Das Städtchen Drumherum“ (20. April) , Thomas Maurer (30. April), ein Mixabend mit Ulrike Haidacher, Magda Leeb, David Scheid & daBerrer (5. Mai), Polly Adler (7. Mai) sowie ein musikalisches Muttertagsspecial mit Ingrid Diem (13. Mai).
Termine & Infos: wachaukulturmelk.at


Kurzbio

Anna Mabo , geboren 1996 als Anna Marboe, wuchs in Wien auf und studierte Regie am Max Reinhardt Seminar. Regie führte sie unter anderem beim „hin & weg“-Theaterfestival in Litschau sowie bei Theresa Präauers „oh Schimmi“ am Kosmos Theater Bregenz und am Schauspielhaus Wien. 2019 inszenierte sie „Die Reißleine“ am Volkstheater in den Bezirken und „Demian“ am Landestheater Niederösterreich sowie 2020 „Angstbeißer“ am Schauspielhaus Wien und „LIEBE – eine argumentative Übung“ am Kosmos Theater Wien.
Seit wenigen Jahren tritt sie auch erfolgreich mit ihrer Musik an die Öffentlichkeit. 2019 veröffentlicht sie ihr Debütalbum „Die Oma hat die Susi so geliebt“, 2021 kam „Notre Dame“ (beide Bader Molden Recordings).