Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 06.05.2022

Die Suche nach dem Zauberstab

Anna-Eva Köck und Gregor Schindler kauften den historischen Lösshof in Großriedenthal. Damit das magische Festival, das sie dort ins Leben riefen, eine Fortsetzung finden kann, initiierten sie ein Crowdfunding. Mitmachen ist bis 10. Mai möglich.

Bild 2205_N_KU_Loesshof8.jpg

Reich an ungewöhnlichen Locations. Apollonia Bitzan gelangen beim Shooting mit den beiden spannende Einblicke in den Lösshof.
Hier in der Gastroküche.

(c) Apollonia Theresa Bitzan

Bild 2205_N_KU_Loesshof11.jpg

Reich an ungewöhnlichen Locations. Apollonia Bitzan gelangen beim Shooting mit den beiden spannende Einblicke in den Lösshof.
Hier am Dachboden mit Katze Wuwu.

(c) Apollonia Theresa Bitzan

So fing alles an

Es war wenige Tage vor Druck der Sommerausgabe 2021, als die Presseinfo über das erste „LOESS IS MORE“ die Redaktion erreichte. Das, was da drinnen stand, oszillierte zwischen magisch und unglaubwürdig: Ein Salzburger Paar kaufte in Großriedenthal den alten Lösshof, renovierte ihn und rief ein Festival ins Leben. Alles innerhalb eines von Lockdowns geprägten Jahres.

Die Quellen, die wir konsultierten, ließen keinen Verdacht für Fake News aufkommen; zu den engen Verbündeten zählte etwa Theater Jugendstil-Gründerin Susi Preissl und Kulturpreisträgerin Sophie Aujesky. In der Nacht vor dem Drucktermin fand eine kleine feine Story einen Ehrenplatz im Magazin und im Sommer pilgerten wir zur Eröffnung.
Es war ein großartiger Abend, der  schon herzlich begann: „Nehmen‘S ruhig meine Einfahrt, wenn Sie keinen Parkplatz finden“, bot ein Lösshof-Nachbar an. Die Eigenproduktion „Königstöchter“ war poetisch, aufwühlend, tief­gehend, pointiert, musikalisch – genial. Danach gaben „Luna & The Stars“ ein Jazzkonzert.
Als heuer viel früher ein verlockendes „LOESS IS MORE“-Programm in die Redaktion flatterte, wollten wir es genau wissen: Wie kamen Schauspielerin Anna-Eva Köck und Architekt Gregor Schindler in die rund 1.000-Seelen-Gemeinde im Weinviertel – und wie zum Teufel gelingt ihnen all das, worüber Sie auf diesen Seiten gewiss ebenso staunen werden? Wir machten uns auf die Suche nach ihrem Zauberstab und fanden besondere Liebes- und Lebensgeschichten.

Die Liebe. Die beiden lernten einander vor gut achten Jahren kennen. „Gregor, leider, ich fahr‘ weg“, sagte sie nach dem ersten Rendezvous. Sie hatte ein Engagement an der Mailänder Scala. „Ich komme mit“, entgegnete er und kaufte ein Flugticket. „Du spinnst ja, ich wohne in einem Mini-Airbnb-Zimmer, das Klo ist unterm Hochbett“, lachte sie. Dann verbrachten sie zehn wundervolle Tage in Mailand. Er besuchte sie, als sie dann in New York lebte und als sie nicht mehr voneinander getrennt sein wollten, gingen sie gemeinsam nach Los Angeles. Nach gut zwei Jahren im Ausland zogen sie nach Wien: Anna-Eva Köck spielte Paulus Mankers US-Alma in Wiener Neustadt, Gregor entwickelte als Architekt weiter sein besonderes Feingefühl, alten Gebäuden neues Leben einzuhauchen. Annas Papa, der leider 2008 starb, war ebenfalls Architekt; auch ihr Blick war für historische Juwelen geschärft.

 

Bild 2205_N_KU_Loesshof9.jpg
Herzensmenschen. Seit Kurzem lebt das Ehepaar mit einer ukrainischen Gastfamilie unter einem Dach. Ihr Festival „LOESS IS MORE“ soll vom 28. Juli bis zum 7. August stattfinden. (© Apollonia Theresa Bitzan)

Der Lösshof. Eines Tages bekommt Anna eine Willhaben-Anzeige von einer Freundin mit einem Gebäude, das zum Verkauf stand. „Wir haben definitiv nichts gesucht“, sagt sie, die Message schien wie ein Irrläufer. Bis sie noch einmal kam und noch einmal. Gefolgt von einem Anruf. „Schau es dir wenigstens an“, befahl die Freundin. Mit einem Klick sah Anna den Festsaal. Sie mochten die Gegend, waren oft zum Weinverkosten dort, also unternahmen sie an einem Augustsonntag einen Ausflug. Zögerlich läutete das Paar bei der Nachbarin. „Da schaut sie uns ganz ohne Argwohn an und sagt: ,Es ist ja viel zu heiß, kommt rein. Wollt ihr Wein oder Wasser?‘“ Während sie auf Besitzer und Schlüssel warten, plaudern sie mit ein paar Mädchen aus dem Ort, die sich über die Bekanntschaft mit der Schauspielerin freuen. „Wenn du das Haus kaufst, machst du dann ein Theater, wo wir mitspielen können?“, fragen sie. Anna nickt.

Auf der Rückfahrt nach Wien, sagt sie: „Was ist, wenn wir das wirklich kaufen? Du machst unten dein Büro, ich mache ein eigenes Theater, wir wohnen da und können immer zusammen sein.“ Gregor, der Sicherheitsliebende, – und damit rechnete sie gar nicht – nickt.

In Windeseile verkauft Gregor seine kleine Wohnung in Salzburg, die Finanzierung des Vorhabens wird zum Drahtseilakt. Als alles auf Schiene ist, feiern sie im Herbst 2020 im Hof Schlüsselübergabe und ersten Hochzeitstag. Dann kommt ein Wetterumschwung und die Romantik ist dahin. „Drinnen war es kühl und es hat gestunken, es wurde sichtbar, was alles zu tun ist“, erzählt sie, die zu dem Zeitpunkt bereits mit Feuereifer an einer Einreichung um Förderungen arbeitete. Am letzten Tag der Frist und nur wenige Minuten vor Schließung der Post gibt sie 40 Seiten über ihre Vision vom perfekten Sommerfestival ab.

 

Die Baustelle. Sie gehen ihren Brotberufen nach, arbeiten in jeder freien Minute am Lösshof. Weihnachten können sie fix im neuen Zuhause feiern, beteuert ihr Baustellenleiter; sie kündigen die Mietwohnung, doch der Fachmann verkalkuliert sich. Wochenlang lebt das Paar zwischen Möbel- und Kartonbergen, zum Duschen fahren sie zu Freunden. „Alles war voller Staub, selbst unsere Katzen schnieften, wir fragten uns: ,Was haben wir uns da angetan?‘ Aber dank der Beschaffenheit unseres Hirns romantisieren wir vieles rückblickend“, erzählt er lachend. „Wir wussten: Wenn alle Räume fertig sind, haben wir eine ganz besondere Insel geschaffen.“
„Ein riesen Antrieb war das Festival. Vor allem ab dem Moment, wo Interesse da war, uns eine Förderung zu geben“, ergänzt sie. Viele standen hinter Annas Vision. Dass sie diese in Pandemiezeiten umsetzen wollte, dafür erntete sie aber auch Kopfschütteln. Woher kam ihre Zuversicht?

Die Kämpferin. „Anna hat eine Weitsicht auf die Dinge und die Gabe sich durchzubeißen“, sagt ihr Mann und sie lächeln einander an. „Ich hatte ein Bild vor Augen, dass der Hof voller Menschen ist, dass sie Wein trinken, reden, Musik spielt, das wollte ich erreichen.“

Es hat auch mit ihrer Lebensgeschichte zu tun, sagt sie. Sie war 28 Jahre jung, als bei ihr ein aggressiver Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert wurde. „Die Ärzte sagten mir direkt ins Gesicht, dass ich zu 80 Prozent sterbe.“ Sie bekommt Chemotherapie und wird zwölf Mal operiert. Dann sitzt sie im Rollstuhl und man sagt ihr, sie soll froh sein, dass man ihr das Bein nicht abnehmen musste. Anna kauft sich High Heels, stellt sie auf den Kasten und beschließt, eines Tages damit gehen zu können. Sie trainiert eisern, bewegt sich zunächst mit dem Rollator fort. Eine Behinderung wird bleiben, heißt es. „Heute kann ich laufen, nichts ist geblieben, außer Narben. Ich weiß, wie viel man mit mentaler Kraft erreichen kann.“
Ihr Bild wird auch im Sommer 2021 wahr: Ihr Festival findet statt und ist besser besucht, als sie zu hoffen wagte.

Das große Herz. Seit Monaten wird am zweiten „LOESS IS MORE“ gearbeitet, alle privaten Rücklagen sind aufgebraucht, ein Crowdfunding soll gestartet werden. Dann bricht der Krieg in der Ukraine aus. „Wir konnten nicht so weitertun, als wäre nichts geschehen.“ Die Entscheidung fällt Anna schwer, aber sie verschiebt die Finanzierungsinitiative. Sie bringen wochenlang Sachspenden an die Grenze, auf dem Heimweg nehmen sie Flüchtlinge mit, die sie zu Verwandten, Freunden oder Quartieren fahren. Zu ihnen gehört eine Mutter, die mit Kleinkind und Baby zu Fuß unterwegs ist. „Sie hatte solche Angst, dass sie sich bei Eiseskälte drei Tage in den Karpaten versteckt hat“, erzählt sie. Ihrer beider Augen füllen sich mit Tränen, als sie schildern, dass sie eine junge Frau bei sich aufnehmen wollten, die schließlich kurz vor der Grenze umkehrte. „Sie konnte ihren Mann nicht verlassen.“
Heute lebt das Paar mit einer ukrainischen Familie unter einem Dach. „Das Schöne ist, dass sie zumindest vereint ist. Ab drei Kindern darf der Vater mit.“
Es ist vielleicht ein Schicksalswink, als sie vor Wochen mit einer geflüchteten Studentin ins Gespräch kommt, die in der Kulturszene gut vernetzt ist; gemeinsam planen sie einen ukrainischen Gastabend fürs Festival. „Hoffentlich ein Friedensfest“, sagt Anna, die nun wieder Vorfreude auf ihr Herzensprojekt zulässt.

 

Bild 2205_N_KU_Loesshof10.jpg
Lieblingsgemälde. Weitere Werke von Annas Onkel Alfred Bachlehner gibt es bei der Vernissage am 31. Juli zu sehen. Da darf man dann nicht nur in den idyllischen Hof, sondern auch ins fantastisch renovierte Haus. (© Apollonia Theresa Bitzan)

Das Festival. Fürs Crowdfunding gilt nach wie vor: Jeder Euro zählt (schöne Packages bis 10. Mai erhältlich). Die Eigenproduktion liegt in Klara Rabls Händen, ihr „hyperregionales Stück“ namens „Löss“ wird sie filmisch und auf der Bühne im Lösshof umsetzen. Es wird um Löss-Sagen und -Legenden gehen, die vielleicht wahr sind oder auch nicht.
„Die Hochzeit“, ein Ö1-Hörspiel um Pannen am schönsten Tag, wird live aufgeführt, Max Simonischek gastiert mit dem Kafka-Programm „Der Bau“. Am selben Abend kommt Jürgen Schallauer mit der Rock ‘n‘ Roll-Combo „Löss Miserables“. Gerald Votava interpretiert Christine Nöstlinger-Gedichte musikalisch unter dem Titel „A schenes Lem!“. „Lösskindl“ beinhaltet einen Theaterworkshop sowie das Kinderstück „Ente, Tod und Tulpe“ mit Florian Stohr und Aline-Sarah Kunisch.

Großartig für alle Geschlechter wird Grischka Voss‘ Abend „Bulletproof“, sagt Anna Eva Köck: „Sie rollt einen Vagina-Teppich aus und nimmt sich kein Blatt vor den Mund.“ Zum Abschluss spielt „Bratfisch“ und bei der Vernissage „Gemischter Satz“ zeigt Alfred Bachlehner seine Arbeiten. Apropos: Während des Festivals werden edle Tropfen kredenzt, für die Kulinarik zeichnet Haubenkoch Ysnait Bräuer verantwortlich.

Crowdfunding, Tickets und Termine: www.loesshof.com

Bild 2205_N_KU_Loesshof1.jpg

Anna-Eva Köck wuchs in Salzburg auf, nach dem Schauspieldiplom 2008 folgten Engagements u. a. am Burgtheater, Kosmos Theater und dem Wald4vler Hoftheater (auch 2022). In Alvis Hermanis‘ Inszenierung von „Die Soldaten“ tritt sie in Salzburg, später an der Mailänder Scala auf.  In New York spielt sie u. a. in „A Streetcar Named Desire“, in Los Angeles erhält sie ein Stipendium an der Stella Adler Academy of Acting & Theatre. Sie verkörpert zwei Jahre lang die US-Alma in Paulus Mankers Produktion und dann mehrere Figuren in „Die letzten Tage der Menschheit“.

Gregor Schindler wuchs in Salzburg auf und studierte Architektur an der Universität für angewandte Kunst sowie an der Technischen Uni Wien. Nach dem Diplom 2012 arbeitete er in Wien, Salzburg, München und L.A..  Sein Architekturbüro ist heute im Lösshof beheimatet.

 

(c) Apollonia Theresa Bitzan