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People | 18.08.2022

Von Mut & Magie

Die wagemutige Architektur des Hauses inspiriert sie unerschrocken neue Wege zu gehen: mit Neo-Direktorin Gerda Ridler durch die Landesgalerie Niederösterreich.

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Gerda Ridler: Seit Anfang 2022 Künstlerische Direktorin der Landesgalerie Niederösterreich

„Kein Zweifel: Das ist der attraktivste Museumsbau Österreichs“, sagt sie und schreitet schnellen Schrittes voran. Gerda Ridler ist  besonders nach den vergangenen Monaten ein durchaus hohes Tempo gewohnt. 2022 übernahm sie mit einer langen Liste an Vorhaben die künstlerische Leitung der Landesgalerie Niederösterreich in Krems.

Mitten im Raum stoppt sie dann beinahe abrupt, switcht spürbar in einen anderen Modus und lässt im lichtdurchfluteten Erdgeschoß Chiharu Shiotas Installation wirken. Tausende miteinander verknüpfte rote Fäden wachsen aus Donau-Zillen, „Across The River“ ist aufregend und gleichzeitig beruhigend, das Geflecht umspielt das Publikum wie eine (kontaktlose) Umarmung.

 

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International unübersehbar. Von der Dachterrasse der Landesgalerie genießt man einen Wachau-Panoramablick. (© Raffael F. Lehner)

Das Fenster

Bis Anfang 2023 kann man das Werk des japanischen Shooting­stars erleben, im Herbst wird Shiota persönlich zu Gast sein. Die Künstlerin ließ sich für ihr Werk von der Donau inspirieren: von dem Gedanken, dass der Fluss viele Länder und Völker miteinander verbindet. Ihr Kalender war voll, als Ridler sie anfragte, „aber sie sah die Fotos vom Haus und diesem Raum mit den großen Fenstern, war fasziniert und sagte zu“. Zwei Wochen lang arbeitete Shiotas zehnköpfiges Team am spektakulären Fadengeflecht, aus dem historische Landkarten von der Donau hervorblitzen.

Auch Gerda Ridler zog das Haus magisch an; der Lebensmittelpunkt der Kunsthistorikerin, Kulturmanagerin und Kunstsachverständigen befindet sich eigentlich in Salzburg. Doch „dieser Kubus, der sich um die eigene Achse dreht“ hatte es ihr angetan, „ich verbinde diese Architektur mit Dynamik, Innovation, Wagemut“. Drei Säulen für drei programmatische Ausrichtungen der Landesgalerie leitet sie davon ab; die aktuellen Ausstellungen füllen diese jeweils mit Leben. „Fenster zur internationalen Kunst“ titelt sie eine dieser Säulen. Den Auftakt macht hierzu eben Shiota mit der Installation, die eigens für das Haus entstanden ist, mit der Architektur interagiert und Umgebung und Bevölkerung miteinbezieht.

Die Bühne

„Die Landesgalerie ist Bühne für heimische Künstlerinnen und Künstler“, beschreibt Gerda Ridler eine zweite Säule und steigt diesmal in Eiltempo die Stufen in das Untergeschoß. Sobald sie vor der großen, an die Wand tapezierten Biografie steht, feiert sie in Worten Isolde Maria Joham, der die Landesgalerie Niederösterreich eine große Personale widmet: „Sie ist eine brillante Künstlerin, aber man kannte sie zu wenig. Sie erhielt im Vorjahr den Würdigungspreis des Landes; ich war überwältigt, als ich sie in ihrem Atelier besuchte.“

90 Jahre ist die in Hainfeld lebende Künstlerin kürzlich geworden; ihr Schaffen erhält nun mit der Ausstellung „Eine Visionärin neu entdeckt“ das ihr zustehende Rampenlicht. „Sie hat sich 25 Jahre lang mit Glaskunst beschäftigt“, erzählt Ridler weiter, während sie in einen abgedunkelten Raum führt. „Sie studierte Malerei und Grafik, wurde danach zur Assistentin und später zur Professorin für Glaskunst berufen.“ Beleuchtete Objekte gewähren einen Einblick in diese Facette ihres Tuns; Kirchen in Österreich und Deutschland und andere Institutionen setzten auf ihr Können. Davon erzählen mathematisch akribisch ausgetüftelte Skizzen und Fotos von meterhohen bzw. -langen Glasarbeiten etwa im Museum für angewandte Kunst, im früheren Mozarteum und im Lorenz Böhler Krankenhaus.

Eines Tages folgt – für Außenstehende – die Überraschung: „Mit 45 erfand sich Isolde Maria Joham neu und widmete sich von da an ausschließlich der Malerei.“ Das war zunächst kein Spaziergang: En vogue waren gerade die abstrakten Werke der „Neuen Wilden“, „sie musste sich mit ihren realistischen großformatigen Arbeiten noch dazu in einer Männerdomäne durchsetzen“, weiß Ridler, öffnet mit einem verschwörerischen Blick den Vorhang und gibt den Blick in die Ausstellungsräumlichkeiten mit den großformatigen Bildern frei. Hier wird noch einmal klar, warum von einer Visionärin die Rede ist: Viele Themen, die heute brandaktuell sind, hat Isolde Maria Joham längst mit Weitblick und Feingefühl antizipiert. Ein Beispiel: Ein Robotermännchen auf verdorrtem, rissigem Boden mit Setzlingen in der Hand. Aber: „Ihre Werke sind nie anklagend, sie hielt malerisch fest, was sie sagen wollte, sie machte aufmerksam“, sagt Ridler.

 

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Aufregend. Chiharu Shiotas Installation wächst aus Donau-Zillen.

 

(c) Christian Redtenbacher

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Eine ganz Große.
Aktuelle Themen, etwa im Bezug auf die Natur, antizipierte Isolde Maria Joham mit Feingefühl in ihren Gemälden bereits vor Jahrzehnten.

 

(c) Christoph Fuchs

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Eine ganz Große.
Aktuelle Themen, etwa im Bezug auf die Natur, antizipierte Isolde Maria Joham mit Feingefühl in ihren Gemälden bereits vor Jahrzehnten.

 

(c) Raffael F. Lehner

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Eine ganz Große.
Aktuelle Themen, etwa im Bezug auf die Natur, antizipierte Isolde Maria Joham mit Feingefühl in ihren Gemälden bereits vor Jahrzehnten.

 

(c) Raffael F. Lehner

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Kraftvoll.
Meterlange Glaskunstarbeit im Lorenz Böhler Krankenhaus.

 

(c) Christoph Fuchs

Die Juwelen

„Die Landesgalerie ist eine Bühne für die Kunstschätze des Landes“, lautet sozusagen die dritte Mission, der aktuell mit „Rendezvous mit der Sammlung“ auf drei Stockwerken Rechnung getragen wird. Eine der vielleicht mutigsten Veränderungen an den Räumen selbst, die Gerda Ridlers Handschrift trägt, zeigt sich hier: „Wir haben mit der neuen Ausstellungsarchitektur die Außenwände bewusst freigehalten, um die Museumsarchitektur wieder stärker erlebbar zu machen.“ Die Torsion des Gebäudes spiegelt sich im Inneren und ermöglicht außergewöhnliche museale Inszenierungen.

Bei „Rendezvous“ werden 170 Werke aus der Landessammlung präsentiert; als roter Faden dienen elf Fragen als Überschriften, um die Arbeiten thematisch zu bündeln. Ein winziger Einblick: Bei „Fragen des sozialen Geschlechts“ findet man etwa Marianne Madernas „Radical Busts“. Es sind dies in Gold lackierte Köpfe herausragender Frauen wie Bertha von Suttner. Die Serie ist eine provokante Antwort auf die 154 Büsten und Tafeln im Arkadenhof der Uni Wien, auf denen bis auf eine Ausnahme ausschließlich Wissenschaftler geehrt werden. Guten Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bietet auch Deborah Sengl bei „Fragen der Natur“: In ihrer Serie „Arche Noah“ blicken aus Bullaugen Tiere, die jeweils Logos großer Konzerne, etwa in einem Auge oder um den Hals, tragen.

 

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Rendezvous mit der Sammlung. Als Beitrag zu „100 Jahre Niederösterreich“ werden auf drei Stockwerken Schätze aus der Landessammlung gezeigt. Kuratiert von Alexandra Schantl, Sammlungsleiterin für Kunst ab 1960, gemeinsam mit Direktorin Ridler.

 

(c) Skokanitsch Fotografie

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„Valie Lassnig“. In ihrem Selbstporträt zitiert Franziska Maderthaner die namhaften Künstlerinnen Valie Export und Maria Lassnig.

 

(c) Christoph Fuchs

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Farbrausch. Das Werk des Künstlerkollektivs „Gelitin“ findet sich quasi als Botschafter auch am Cover des beeindruckenden Ausstellungskatalogs wieder.

 

(c) Skokanitsch Fotografie

Aktuell in der Landesgalerie

Isolde Maria Joham: Eine Visionärin neu entdeckt. Ausstellung bis 9. Ok­to­ber 2022; dazu: Kuratorinführung mit Alexandra Schantl: 9. September, 16 Uhr

Rendezvous mit der Sammlung: Kunst von 1960 bis heute. Ausstellung bis 5. Februar 2023; Kuratorinführung mit Alexandra Schantl: 23. September, 16 Uhr

Chiharu Shiota. Across The River. Installation bis 15. Jänner 2023

Weitere Termine werden laufend ergänzt, nachzulesen auf lgnoe.at.

Essen & Trinken: In der Gastwirtschaft Poldi Fitzka im Erdgeschoß des Museums und im Gastgarten, poldifitzka.at

Landesgalerie Niederösterreich
Museumsplatz 1, Krems an der Donau; März bis Oktober: Di. bis So., 10 bis 18 Uhr
November bis Februar: Di. bis So., 10 bis 17 Uhr
lgnoe.at