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People | 08.10.2022

Ein Fall für Bühnensocken

Nach mehr als 200 Mal „Das Jüngste Gesicht“ sucht Christoph Fritz im zweiten Programm „Zärtlichkeit“. Wir suchten nach Antworten.

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(© Nikolaus Ostermann)

„Manchmal wünsche ich mir eine Funktion in Microsoft Word, die schlechte Witze rot unterwellt und gute grün“, sagt er und es klingt so ehrlich, man möchte ihm auf die Schulter klopfen und sagen: „Alles wird gut.“ Aufgewachsen in Hausleiten, macht der ehemalige Versicherungsmann mit dem jung gebliebenen Gesicht kein Geheimnis aus seinen Selbstzweifeln; sein trockener böser Humor war aber schon beim ersten Programm ein Hochgenuss – und preisgekrönt. Der Schmäh ging ihm nicht aus.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Du startest mit deinem zweiten Programm „Zärtlichkeit“. Was hat es damit auf sich?
Christoph Fritz: Ich hab‘ vor gut einem Jahr begonnen, Geschichten zu schreiben, aus denen sich das Thema Nähe herauskristallisiert hat. Dann bin ich draufgekommen, dass das auch cool in die Zeit passt – wegen der Pandemie, wo man auf Abstand gegangen ist. Humor kann ein gutes Werkzeug sein, um Nähe zu entdecken.

Hast du deine Erfahrungen der vergangenen Jahre verarbeitet?
Die Pandemie, genauer das Ende einer Beziehung im Lockdown, ist nur der Ausgangspunkt. Ich wollte kein Covid-Programm machen, aber auch nicht so tun, als wäre es nie passiert. Ich begebe mich auf die Suche nach Intimität und Zärtlichkeit.

Wo findest du sie?
Bei einem Raubüberfall in Frankreich oder in der Ordination eines Urologen; man kann auch in der Überwindung von Scham Nähe entdecken.

Du wurdest schon viel gelobt, das Oberösterreichische Volksblatt bezeichnete dich als „Wunderknabe des tabufreien Humors“. Gibt‘s für dich Tabus?
Nein, aber es geht um die Art, wie man über Dinge spricht, was das Ziel des Witzes ist und wer das Fett abkriegt. Da schaue ich, dass ich zur Seite trete oder nach oben und nicht nach unten. Ich würde nicht Witze über Minderheiten machen, dafür über Leute, die sich über Minderheiten lustig machen.

Du hast deinen Job bei der Versicherung an den Nagel gehängt. Wie ist das Leben als Künstler?
Ich hab‘ mir gedacht, dass es härter ist, so viel allein unterwegs zu sein, aber einsam fühle ich mich auf Tour selten. Die Nervosität vor dem Auftritt ist ein guter Begleiter. Manchmal ist es schon eigenartig, wenn man danach allein ins Hotel spaziert und sich allein ins Doppelbett legt, wo nur eine Decke und ein Polster liegen. Da hat man schon das Gefühl, dass das jetzt einem unter die Nase gerieben wird, dass man allein ist.

Wie ist es, mit einem neuen Programm zu beginnen?
Ich muss mir das Selbstvertrauen wieder ein Stück erarbeiten. Es ist ein aufreibender Prozess: Man muss auf sich selbst und das Publikum hören und einen gemeinsamen Nenner finden. Manchmal wünsche ich mir die Versicherung zurück, wo man Bilanzen eintippt und weiß, was man zu tun hat. Zum Schluss sagt der Vorgesetzte, ob es passt. Beim Kabarett ist das offen. Es kann sein, dass man nicht viel akustisches Feedback kriegt, beim Rausgehen sagen dir aber gleich ein paar Leute, dass es cool war. Darum ist es gut, darauf zu achten, dass man das macht, was einem selbst gefällt. Man ist ja selber auch ein bisschen Publikum auf der Bühne.

Was ist für dich ein schöner Auftritt?
Ein Abend, an dem man auf einer Welle surft und die Leute regelmäßig lachen. Ich vermeide ein bisschen den direkten Kontakt, wobei mir schon gesagt wurde, dass ich probieren sollte, mich zum Publikum zu stellen.

Nach dem Auftritt?
Genau. Ich bin eher jemand, der die Hintertür nimmt. Mein Therapeut hat gesagt, dass ich mich vielleicht mal meinen Ängsten stellen könnte, indem ich mich nachher an die Bar stelle und wenn mich dann vielleicht zwei Leute aus dem Publikum ansprechen, dann würde ich eh merken, dass die jetzt nicht sagen, dass es der furchtbarste Abend war, den sie je verbracht haben, sondern meistens was Nettes.
Letztes Jahr hat nach einer Open- Air-Veranstaltung ein Mann, so im Alter meiner Mutter, zu mir gesagt, dass er noch nie im Leben so viel gelacht hat. Das ist schon etwas, was ich mir versuche, in Erinnerung zu rufen, wenn sich ein Auftritt mal nicht so berauschend angefühlt hat.

Wie hart ist es, dem Urteil von vielen Menschen ausgesetzt zu sein?
Die Bewertung, die man erhält und fühlt, kann so trügerisch sein. Wenn mir ein Auftritt nicht so taugt, ist es schwer herauszufinden, ob vielleicht das Publikum nicht zu mir gepasst hat oder es an mir lag. Wenn man in ein Restaurant geht, das erste Mal Shrimps isst und sie schmecken nicht, dann ist das nicht unbedingt die Schuld von den Shrimps. Vielleicht wurden sie schlecht zubereitet. Es ist viel Persönliches drinnen in dem, was ich auf der Bühne bringe, auch wenn ein bisschen herumgedoktert wird in der Autobiografie. Aber selbst wenn alles erfunden wäre, ist Humor eine persönliche Sache. Ich möchte lernen, ein bisschen mehr zu trennen.

Deine Strategie?
Manchen Kolleginnen und Kollegen hilft ein Kostüm. Ich habe mir gedacht, ich könnte mir Bühnensocken zulegen.

Wie reagiert deine Familie auf deinen Erfolg?
Eh stolz. Als ich den sicheren Job bei der Versicherung gekündigt habe, gab es Zweifel, ob das so gescheit war, aber später haben sie gemerkt, dass es keine schlechte Entscheidung war.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Weltfrieden, ein bisschen mehr Raum für Vergebung in der Welt und für mich: dass ich mit dem Programm zufrieden bin und dass es gut ankommt. Ich habe schon beim alten Programm gemerkt: Es wird doch anstrengend, dieselben Geschichten 200 Mal zu erzählen. Ich freue mich darauf, wenn sich das wieder frischer anfühlt.

 

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Neuer Mut. Sonst kennt man Christoph Fritz eher ans Mikro geklammert. Regie: Sebastian Huber und Sonja Pikart (© Lukas Fassl)

KURZBIO

Christoph Fritz wurde 1994 geboren und wuchs in Hausleiten auf. Er studierte Europäische Wirtschaft und arbeitete bei einer Versicherung; mit knapp über 20 begann er, in Lokalen Comedy zu machen. 2018 startete er mit seinem ersten Programm „Das Jüngste Gesicht“ durch und wurde mit dem Förderpreis des Österreichischen Kabarettpreises und dem Förderpreis des Deutschen Kleinkunstpreises ausgezeichnet. Das zweite Programm „Zärtlichkeit“ bringt er seit Ende September unters Volk; in Niederösterreich tritt er damit am 15. Oktober im Tullner Danubium und am 21. Oktober in der Bühne im Hof in St. Pölten auf.
christophfritz.at