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People | 20.10.2022

Ein Blütenblatt nach dem anderen

Sie switcht zwischen mehreren Dreharbeiten und programmiert erfolgreich ihr Herzensfestival. Zwei Dinge geben Ursula Strauss besonders viel gute Energie: die Wachau und das Singen. Letzteres hat mit Ernst Moldens herzlicher Beharrlichkeit zu tun, sagt sie. Text: Viktória Kery-Erdélyi Fotos: Daniela Matejschek, Georg Buxhofer, Peter Rigaud

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(© Daniela Matejschek)

Dort, wo ihre Erdäpfel wachsen, wo die Paradeiser vom eigenen Strauch am besten schmecken, dort ist Ursula Strauss daheim. Und selbst wenn die vergangenen Monate mit Dreharbeiten, etwa für „Biester“, einer neuen ORF-Serie von Uli Brée, oder für die Fortsetzung des erfolgreichen Kinofilms „Geschichten vom Franz“ nach den Büchern von Christine Nöstlinger ganz schön voll waren, Zeit für ein bisschen Daheim muss bleiben. Jedenfalls für ihr Festival „Wachau in Echtzeit“, das sie heuer zum elften Mal programmiert und wo sie selbst zweimal auftritt (siehe unten). Das Gespräch begann dennoch sozusagen in Frankfurt …

NIEDERÖSTERREICHERIN: In Lisa Bierwirths „Le Prince“ spielst du eine taffe Kuratorin, die sich im berüchtigten Frankfurter Bahnhofsviertel in einen Geschäftsmann aus dem Kongo verliebt – und wurdest dafür von der deutschen Filmkritik ausgezeichnet, nun kann der Film auch in Österreich gestreamt werden. Er kommt so nah und wühlt auf. Was hat der Film bei dir ausgelöst?
Ursula Strauss: Er hat mein Leben sehr bereichert. Ich habe schon das Drehbuch verschlungen und mich sehr über diesen Film gefreut, der versteckte Rassismen im Alltag thematisiert und Klüfte, die schwer überwindbar sind. Es geht um eine erwachsene Frau, die mitten im Leben steht, sich eigentlich selbst genügt, dann aber jemandem begegnet, mit dem sie glücklich sein könnte, nur die äußeren Umstände lassen es nicht zu.
Auch die Arbeit war spannend: mit meinem Hauptpartner Passi (Balende, Anm.), dem berühmten französischen Rapper, und all den anderen People-of-
Color-Kollegen. Am eindrucksvollsten war für mich die Offenheit, Lebenslust und Leidenschaft, mit der ich aufgenommen worden bin in dieser Community.

Man sieht es bei dir auf Instagram: Du drehst sehr viel, „Wachau in Echtzeit“ muss sich aber immer ausgehen. Wieso?
Weil es Teil meiner Heimat ist und ich das Land sehr liebe. Ich fühle mich in der Wachau geborgen, es ist mein Erholungsrückzugsort. Ich habe das so gerne, dass die Menschen das Festival von Anfang an angenommen haben, nur manche haben gezweifelt, ob ich wirklich daran arbeite (lacht). Ich habe dieses Projekt sehr lieb gewonnen. Es ist ein vertrauter Begleiter für mich und entsteht das ganze Jahr über. Eben weil ich viel unterwegs bin, viele Leute kennenlerne, teilweise auch neu kennenlerne, weil sie sich neu entwickeln, Soloprojekte starten, kriege ich viel mit und sammle alles im Notizbuch. Ich mag es, Kollegen eine Plattform zu geben; dabei versuche ich,  eine ausgewogene Mischung hinzukriegen: zwischen tollen Namen und tollen Menschen, die sich dahinter verbergen, und Menschen, die vielleicht nicht so laute Namen haben, aber genauso toll sind.

Theater, Konzerte und Lesungen gehen dabei eine Symbiose ein. Was ist für dich der gemeinsame Nenner?
Die Menschen selbst, die das Bedürfnis haben, eine Geschichte zu erzählen, sie mit anderen zu teilen, und das mit hundertprozentigem Einsatz. Ich mag es, dass unser Beruf so individualistisch ist. Dass man sich immer wieder neu ausprobiert, sich neue Grenzen steckt und immer weitergeht; Menschen, die das tun, lade ich sehr gerne ein.

Die Wachau: dein Kraftort, wie du sagst. Was machst du, wenn du da bist?
Ich bin in der Natur aufgewachsen, sie fehlt mir, wenn ich sie zu lange nicht habe. Mein Zweitwohnsitz ist dort, wo meine Mama und mein Elternhaus sind. Ich gehe gerne laufen, spazieren und liebe meinen Garten. Ich liebe es, meinem Gemüse und Obst beim Wachsen zuzuschauen und alles zu verarbeiten. Dafür bleibt manchmal mehr, manchmal weniger Zeit. Ich habe ja keinen geregelten Arbeitsablauf, da muss man die Sachen nehmen, wie sie kommen (lacht).

Mein Garten hat kein Verständnis für meine unregelmäßigen Arbeitszeiten, deiner schon?
Nein, aber ich habe beschlossen, dass nicht mein Garten Verständnis für mich haben muss, sondern dass ich Verständnis für mich haben muss, wenn ich nicht alles perfekt erledige. Es fällt mir schwerer, es mir selbst zu verzeihen. Man muss gewisse Dinge wegatmen (lacht). Das Schöne am Garten ist, dass es immer wieder neu beginnt, dass er dir immer wieder neue Chancen gibt. Heuer habe ich das erste Mal Erdäpfel angebaut.

Du hast vor Jahren erzählt, dass dir lange der Mut gefehlt hat, zu singen, jetzt hast du mit Ernst Molden schon das zweite Album, „Oame Söö“, veröffentlicht.
Ich liebe das Singen! Ich bin dem Ernst so dankbar, dass er nicht locker gelassen hat; hätte er mich nicht an der Hand genommen, hätte ich mich nicht getraut. Er hat mir total die Unsicherheit genommen und mir geholfen, mich so zu öffnen, dass ich mich – ein Blütenblatt nach dem anderen – aufmachen traue.

Was gibt dir das Singen?
Die Musik, die Ernst schreibt, kommt direkt bei mir an. Wir haben uns gefunden, auf einer menschlichen und künstlerischen Ebene. Das, was wir machen, hat so eine Tiefe und trifft einen Nerv: Gerade jetzt, wo eine Krise die andere jagt, befriedigen diese fantastischen Lieder das Bedürfnis nach Einfachheit und Klarheit. Mir erwärmt es die Seele, wenn ich mit ihm musizieren darf.

Du und Stefan Ruzowitzky habt die Präsidentschaft der Akademie des Österreichischen Films an Verena Altenberger und Arash T. Riahi weitergegeben. Wie blickst du zurück, was hat sich getan?
Sehr positiv, ich bin stolz, dass ich Teil sein durfte. Wir haben es zehn Jahre gemacht, es war an der Zeit für frischen Wind; bessere Nachfolger hätte man sich nicht wünschen können. Der österreichische Film entwickelt sich weiter, die Genres werden vielfältiger; wir haben wahnsinnig viele Kreative und viel Potenzial. Parallel dazu poppen natürlich immer wieder Themen auf, die auch in der Gesellschaft aufpoppen. Es wäre absurd, wenn es nicht so wäre, gerade beim Film, wo es viel Machtgefälle gibt. Wir haben vor Jahren noch holpertatschig mit einer Ombudsstelle für Missbrauchsfälle begonnen, weil wir schnell reagieren wollten. Jetzt gibt es offizielle Stellen mit Fachleuten.

Zuletzt wurde „vera*“, die Vertrauensstelle gegen Belästigung und Gewalt in Kunst, Kultur und Sport vorgestellt. Seit #MeToo aufbrach, ist viel passiert, wie schätzt du die Filmbranche heute ein?
Häufig sind genau die betroffen, die nicht am lautesten schreien können. Das sind oft die Departments, die schnell ausgetauscht werden würden, wenn sie ungemütlich werden. Bei den Schauspielern geht das nicht so leicht, wenn was angedreht ist, aber eine Maskenbildnerin oder eine Garderobiere, Menschen, die sich liebevoll um uns kümmern, sind da oft nicht so geschützt. Die Stelle ist wichtig, damit die Frauen und die Männer, die es betrifft, die Möglichkeit haben, in einer vertrauensvollen Atmosphäre mit Leuten, die nicht Teil dieses Machtgefüges sind, über ihre Situation zu sprechen.
Aber worüber reden wir? Wie viele Femizide sind heuer passiert?! Man kann weder von Gleichberechtigung noch von Gewaltfreiheit reden. Die Themen umgeben uns überall, also sind sie auch Teil in jedem Business. Ich glaube aber, dass das Bewusstsein geschärft ist. Ein Missbrauch einer Position oder einer Situation hat heute schneller Konsequenzen. Das ist schon einmal etwas Positives.

 

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(© Daniela Matejschek)

Die Location spielt mit

„Wachau in Echtzeit“ – von 27. Oktober bis 3. Dezember an besonderen Spielstätten
wie der Burgruine Aggstein, dem Schloss Spitz oder der Minoritenkirche Krems.


In Wahrheit hätte man für das Herbstfestival schon in der August-Hitze Tickets reservieren müssen, denn obgleich „Wachau in Echtzeit“ erst am 27. Oktober startet, ist einiges bereits ausverkauft. Das liegt freilich am Programm, reizvoll ist aber auch die wechselnde Location der Events. Ursula Strauss selbst tritt einmal mit einem musikalischen Romy-Schneider-Abend mit dem frechen Titel „Je ne regrette goar nix!“ in der Burgruine Aggstein auf und ein zweites Mal mit Stefan Zweigs „Brief einer Unbekannten“ im Kellerschlössel der Domäne Wachau in Dürnstein.

Ein kleiner Auszug aus dem weiteren Programm bis zum 3. Dezember: Dagmar Bernhard singt und spielt sich durch bewegende Werke von James Joyce, Waldpädagoge und Wildtierbiologe Marcus Zuba und Schauspieler Kajetan Dick werden auf alten Kulturwegen „Auf der Suche nach dem schwarzen Einhorn“ sein. „Moments Musicaux und Sechzehn Wörter“ lassen zwei preisgekrönte Künstlerinnen im Klangraum Krems Minoritenkirche erklingen: die Pianistin Dorothy Khadem-
Missagh und die Schriftstellerin Nava Ebrahimi. Eine zutiefst bewegende Geschichte spielt Maxi Blaha in „Hanni. Von der kleinen Leute Größe“, einem Monolog mit Musik. Er handelt von Hanni Rittenschober, die bereits in jungen Jahren versuchte, Menschen im KZ zu helfen, und später, als ihr Mann nach dem Krieg nicht mehr derselbe war, ihre sechs Kinder allein durchbringen musste.

Info: wachaukulturmelk.at

Wachau in Echtzeit
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Bewegend.
Maxi Blaha spielt „Hanni. Von der kleinen Leute Größe“

 

(c) Georg Buxhofer

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Preisgekrönt.
Nava Ebrahimi liest aus  „Sechzehn Wörter“

 

(c) Peter Rigaud

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The Joyce Project.
Dagmar Bernhard mit Joe Pinkl, Mario Machacek, Rainer Gartner

 

(c) Georg Buxhofer