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People | 11.11.2022

Marge goes Coverstar

Durchdringende ausgezeichnete Absurditäten: Verena Andrea Prenners inszenierte Bilder über Flucht und Vertreibung finden im neuen Bildband "Camping" ein Zuhause. Für ihre Arbeit erhielt die Soziologin und Fotografin den Kulturpreis des Landes.

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© Adriano Ferreira Borges

Man konnte schon „über alle Berge“ sein, ihre „Marge Simpson“ war noch immer sichtbar. Das lag an den schrillen Farben, die über die eigentliche Tristesse des Szenarios hinwegtäuschten (die Simpsonmama tat ihr Übriges dazu), und an der Monumentalität des Bildes. Mit 250 Quadratmetern war Verena Andrea Prenners Arbeit die größte im Rahmen des Fotofestivals „La Gacilly“ in Baden; gut eine Viertel Million Interessierte lockte die heurige Open-Air-Fotoausstellung an.
„Schon cool, oder?“, sagt Verena A. Prenner, während sie am Handy das eindrucksvolle „Stadtfoto“ zeigt. Sie selbst scheint das Gegenteil von ihrer farblich lauten Marge zu sein, die aufs Cover ihres Bildbands „Camping“ (Edition Lammerhuber) kam. Zum Interview treffen wir uns in Seebenstein, im Haus, das einst den Großeltern gehörte und dessen herrlichen alten Schiffsboden die Künstlerin eigenhändig revitalisierte. Dort richtete sie sich eine Dunkelkammer ein. Sie fotografiert ausschließlich analog – und das, obwohl sie zumeist an Projekten arbeitet, die sich kaum wiederholen lassen. „Wenn man fotografiert, muss man sich auf den Moment einlassen; wenn ich einen Fehler mache, gibt es kein Bild.“

 

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250 QUADRATMETER. So groß wurde Verena A. Prenners Werk beim Open-Air-Fotofestival „La Gacilly“ in Baden gezeigt. © Werner Filak/Lucky Pictures

„Eine Kamera hatte ich schon immer“, erzählt sie, als wir in ihren Anfängen zu stöbern beginnen. Die fotografische Ausbildung bricht sie bald ab, „es war mir zu steif und zu wenig, aber vielleicht war es auch kindliche Naivität“, schmunzelt sie und schnappt sich eine Zwetschke aus der Schüssel. Der große Garten ist ein Paradies, die Eltern
wohnen am anderen Ende des Grundstücks. Mit drei Geschwistern ist sie aufgewachsen, ihre Neugier an den Vorgängen in der Gesellschaft war seit jeher nicht kleiner als die Liebe zur Fotografie. Also beginnt sie in Linz, wo sie schon mal für die fotografische Ausbildung hingezogen ist, Soziologie zu studieren. Das dabei erlangte Wissen versteht sie als Tool für ihr fotografisches Tun; schon während dem Studium verbringt sie couch-surfend viel Zeit im Nahen Osten, um in Worten und Bildern die Auswirkungen des Israel-Palästina-Konflikts auf die Arbeit von Kunstschaffenden zu erforschen. Für ihre Diplomarbeit trifft sie später in Österreich Prostituierte und macht dazu ebenso ein Fotografieprojekt am Wiener Straßenstrich. „Ich habe Frauen gebeten, ihr Smiley auf gelbe Kartonscheiben zu zeichnen, und sie damit vorm Gesicht porträtiert.“

In der Schublade liegt zu dem Zeitpunkt aber bereits eine weitere Idee: eine Serie über palästinensische Taxifahrer, die seit dem Bau der israelischen Sicherheitsmauer
ebendort wartend ausharren. Sie bekommt eine Förderung zugesprochen und zieht in das Flüchtlingscamp von Dheisheh in der Westbank. „Aus soziologischer Sicht war das spannend, aber ich war blauäugig: Als Frau allein im Camp stand ich unter Dauerbeobachtung, viele hielten mich anfangs für eine Spionin.“ Nicht einmal einen Monat nach ihrer Ankunft fliegen Bomben über die Dächer, einer der Gaza-Kriege, der sechs Wochen dauern soll, bricht aus. Am schlimmsten war es, in die Augen von Menschen zu blicken, die ihre Familien verloren hatten, erzählt die Fotografin, aber sie bleibt.

Ob sie selbst unerschrocken ist, frage ich sie irgendwann im Interview, und Verena Prenner überlegt lange. Das Adjektiv passt nicht zu einer Künstlerin, die intensiv auf ihr Bauchgefühl hört, besprechen wir dann gemeinsam. Sie meint, eben weil sie so sensibel ist, könne sie gut auf ihre Intuition vertrauen.

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Verena Andrea Prenner: „Camping“, Edition Lammerhuber, 144 Seiten, 60 Fotos, Deutsch und Englisch, Hardcover, € 49,90 www.verenaprenner.com

Zurück zu den Taxifahrern

Die Gespräche gestalteten sich schwierig; es kostete sie viel Überzeugungsarbeit, „bis sie mich nicht als die billige blonde Frau wahrgenommen haben“. Sie baut Vertrauen zu den Männern auf, sie will wissen, wie sich die Mauer auf das Individuum, auf ihre Psyche auswirkt. „Ein Taxifahrer hat gemeint, sie fühlen sich wie Tiere im Zoo“, schildert sie.Daraufhin beginnt sie, aus herumliegendem Müll Tierkostüme zu basteln; „sie zu überreden, diese zu tragen und sich von mir fotografieren zu lassen, war eine große Herausforderung“, sagt sie. „Ich habe mich selbst immer wieder infrage gestellt: Was mache ich da überhaupt? Was das alles soll, sehe ich oft erst später, ich gehe zunächst einem Gefühl nach. Könnte ich beschreiben, was ich da tue, müsste ich das nicht fotografieren.“Daheim wieder angekommen, arbeitet sie ihr Material auf. Es fällt ihr schwer, in das Leben in Österreich wieder „hineinzufinden“. Zwei Jahre später bekommt sie erneut die Möglichkeit, im Flüchtlingscamp zu wohnen; diesmal inszeniert und fotografiert sie Frauen und ihre Träume. Aus dieser Serie stammt auch das Coverbild mit der selbst kreierten Marge Simpson. Als sie wenig später zum dritten Mal hinkommt, „fühlt es sich schon an wie eine zweite Heimat“. Die große Skepsis wich vielen Freundschaften, „mittlerweile habe ich gar keine Probleme mehr, Modelle zu finden“.Aus den Arbeiten dieser drei Aufenthalte entstand nun der Bildband „Camping“. Wieso die Verkleidungen? „In den Flüchtlingscamps die Leute niederknipsen und dann sagen: Da habe ich gelebt und schaut, wie arm die sind, die kommen da nie wieder weg – das sehe ich sehr kritisch“, erklärt sie. „Mir hingegen geht es um meinen persönlichen Ausdruck, darum, wahrgenommene Stimmungen wiederzugeben – und auf diese Weise Missstände aufzuzeigen.“ 17. bis 26. Nov.: Verena A. Prenners Bilder beim Wiener „Rotlichtfestival“ für analoge Fotografie, www.rotlicht-festival.at

Aus dem Buch/Edition Lammerhuber
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AUS DEM BUCH. Inszenierte Bilder der Soziologin und Künstlerin im Flüchtlingscamp von Dheisheh im Westjordanland (c) Verena Andrea Prenner

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GROTESKE SZENEN. Mit der Verkleidung verleiht sie Stimmungen Ausdruck. (c) Verena Andrea Prenner