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People | 23.11.2016

Im Zeichen der Liebe

Liebe braucht keine Worte, heißt es. Man kann sie zeigen, gebärden – wie es in der Familie der Schauspielerin Julia von Juni praktiziert wird. Wie leidenschaftlich dieser Ausdruck sein kann, zeigt sie in ihrem bereits 475. Workshop zur Gebärdensprache.

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Begnadet. Gehörloser Tänzer und Choreograf Juho Saarinen (© privat)

Melk, am Hauptplatz. In einem gemütlichen Café treffe ich die Schauspielerin, die bepackt mit Pampers und einigen Tüten die Zeit vor unserem Gespräch nützte, um noch schnell den Einkauf zu erledigen. Die beiden Töchter weiß sie bei der Oma gut aufgehoben, versichert sie, während ihre strahlend blauen Augen von stolzer Mutterliebe zu Alma und Viola erzählen.
Beginnen wir also mit ihrem Wunsch, Schauspielerin zu werden. „Meinen Tanzunterricht habe ich mit fünf Jahren in der Ballettschule Papez in St. Pölten begonnen. Es faszinierte mich, als Pudel oder Zigeunerkind in den Operetten aufzutreten. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich: Ich werde Schauspielerin. Noch heute habe ich die Kuverts mit den kleinen Schilling-Beträgen, die ich damals als Monats-Gage bekommen hatte.“ Also war es naheliegend, mit 16 Jahren in die Ausbildung zu gehen. Nachdem sie die Aufnahmeprüfung in die Schauspielschule Elfriede Ott nicht bestand, absolvierte sie im elterlichen Lebensmittelgeschäft in Hafnerbach vorerst eine Lehre. Am Tag der Lehrabschluss­prüfung sagt sie ihrem Vater „Jetzt hält mich nichts mehr, ich gehe nach Wien und mache eine Schauspielausbildung.“ Gesagt, getan – es folgten einige Theaterengage­ments, bis sie 1999 beschließt, nach Deutschland zu gehen. Zum Film. Ohne Kontakte, mit geliehenem Geld vom Bruder, und mit dem Mut, bei Filmschaffenden und Regisseuren einfach anzurufen. „Ich bin neu hier, ich bin Schauspielerin. Sie müssen doch auch kleinere Rollen besetzen, nehmen Sie mich! – Und siehe da, es funktionierte“, erzählt sie lachend und noch selbst verwundert über den eigenen jugendlichen Mut.
„In besonderer Erinnerung wird mir immer der erste Drehtag meines ersten Filmes ‚Sommerwind’ in Murnau bleiben. Ich spielte die Altenpflegerin Schwester Steffi, und war so aufgeregt. Aber Siegfried Rauch, Heidelinde Weis und Toni Berger waren sehr nett zu mir“, lacht sie über jenen Film, der dann auch die Aufmerksamkeit einer Agentur erweckt. Es folgt die erste TV-Serie „Samt und Seide“ und ab 2001 jenes Serien-Engagement, welches bis heute andauert: die Kellnerin Erika in „Um Himmels Willen“. „Ich empfinde es als großes Geschenk, Fritz Wepper, Janina Hartwig und die anderen großartigen Schauspieler bei ihrer Arbeit zu beobachten und immer dazuzulernen.“

Alma gebärdet zu ihrem Vater
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Isi, ich liebe dich! Alma gebärdet zu ihrem Vater. (© privat)
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(© privat)
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(© privat)
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(© privat)

Julia „von Juni“. Ihr Mädchenname Julia Oezelt stellte sich gleich zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn als schwierig dar, wobei dieser Name auf eine stolze Geschichte verweist: „Die älteste urkundliche Erwähnung des Namens Ölzelt findet sich bereits 1457 im Grundbuch des Stiftes Zwettl als Hans Ölzelten mit seinem Gut zu Moniholz. Ein sehr bedeutender Träger dieses Namens war der 1817 in Wien Inzersdorf geborene Anton Ölzelt, Stadtbaumeister in Wien und 1850 zum k. k. Hofbaumeister ernannt. Er errichtete zahlreiche öffentliche Bauten, Palais und Zinshäuser, mitunter in der nach ihm benannten Ölzeltgasse“, weiß Julia von ihrem Vater, der penible Ahnenforschung betreibt. Also dachte sie „mein Vorname ist Julia, geboren bin ich im Juni – und das ‚von’ hab ich mir vom Hubert von Goisern abgeschaut.“

Gebärdensprache. Bereits während ihrer Engagements beginnt sich Julia für Gebärdensprache zu interessieren. „Es hat mich gepackt und nie wieder losgelassen“, sagt sie, die bis dahin keinerlei persönliche Beziehung zu Gehörlosen hatte, und beginnt am 2. Oktober 2002 in München an der Volkshochschule einen Kurs, der sie schnell in Kontakt zu der Gehörlosenszene in München bringt. „Gebärdet mit mir“, forderte sie diese auf – und erlernt fleißig die Vokabeln der Gebärdensprache, führt Regie bei der Theatergruppe GESTUS, einer Gruppe von jungen gehörlosen Darstellern, und kommt bald zur Erkenntnis, dass man sich von hörender Seite her sehr früh mit dieser Thematik auseinandersetzen sollte – am besten mit Kindern. Sie entwickelt „Olaf Hoppel und die Geheimsprache“, ein Stück, welches den hörenden Kindern ab fünf Jahren einen Zugang zur Welt der Gehörlosen und auch eine bewusstere Wahrnehmung der eigenen Sinne ermöglicht. Also bietet sie dieses Konzept ihrer eigenen Volksschule an – und legt dabei den Grundstein zu ihren Workshops, in denen die Kinder das Fingeralphabet lernen, sich im Gebärden und Mundablesen üben. Das BMUKK in Wien unterstützte über drei Jahre diese Initiative in österreichischen Volksschulen. „Es war eine wunderbare Zeit – und nun bin ich bei meinem 475. Workshop angelangt“, berichtet sie begeistert über die stetige Erweiterung ihrer Geschichten, auch für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis 99.

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Julia von Juni. Der beliebten Schauspielerin ist die Kommunikation zwischen hörenden und gehörlosen Menschen ein Herzensanliegen. (© privat)

Das Schicksal führt Regie. 1. März 2010. Während ihres Engagements beim visuellen Theater „ARBOS“ in Salzburg begleitet sie den Intendanten der Hörenden Herbert Gantschacher zum Flughafen, um den gehörlosen finnischen Regisseur und Choreografen Juho Saarinen abzuholen, dem auf seinem Flug der Koffer abhanden gekommen war. „Welch ein fescher Kerl“, dachte sie, als Juho mit dem Intendanten gebärdete: er in internationalen Gebärden, sie in Deutsch mit englischem Mundbild. Am Ende der dreiwöchigen Probezeit bucht sie einen Flug nach Finnland. „Ein Abenteuer“, meint sie, noch nicht ahnend, dass Juho ihr Ehemann und Vater ihrer Töchter Alma, 4 Jahre, und Viola, 1 ½, werden wird. Beide Mädchen hören und wachsen bilingual auf. „Alma gebärdet mit ihrem „Isi“, der finnischen Bezeichnung für Papa, und auch Viola gebärdet bereits fleißig mit. Am Tisch legen wir Wert darauf, dass es eine einheitliche Sprache gibt, also gebärden wir, sonst wäre Juho ausgeschlossen.“ Besonders beliebt bei den Mädchen ist die abendliche Gute-Nacht-Zeremonie mit den frei erfundenen Geschichten vom Eichhörnchen, die der Vater gebärdet.

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Bilinguale Familie. Julia und Juho mit Alma und Viola (© privat)

Gehörlose sind nicht taubstumm. Es ist ein abenteuerliches Leben geworden, ein Pendeln zwischen München, wo der ehemalige Tänzer, Choreograf und Regisseur lebt und arbeitet, und Hafnerbach. „Juho ist bislang auch der einzige Tänzer, der an der TEAK Akademie in Helsinki zeitgenössischen Tanz studierte. Für das Publikum war es nie erkennbar, welcher der Tänzer des Ensembles der gehörlose ist. Seine Spezialität ist es auch, Texte in Gebärdensprache zu übersetzen, Poesie daraus zu machen und die Gebärden zu „ver“tanzen. In München arbeitet Juho bei der evangelischen Gehörlosen-Seelsorge, übersetzt Texte aus der Bibel, begleitet den Gottesdienst und arbeitet mit Kindern. Beim Deutschen Gehörlosen Theater führt er immer wieder Regie, 2014 bekam er beim Deutschen Gehörlosen Theater Festival den Preis für die beste Theatergruppe. Gebärden lassen sich großartig als visuelle Kunstform einsetzen!“
Julia Saarinen wünscht sich, „dass die Gebärdensprache viel öfter in Fernsehsendungen und Filmen zum Einsatz kommt, denn immerhin ist es eine anerkannte Sprache! Es gibt großartige gehörlose Künstler, gehörlose Wissenschaftler, die ihre Vorträge in englischer Gebärdensprache halten – ich bewundere das aus ganzem Herzen.“ Für ihre Zukunft als Schauspielerin wünscht sie sich, mehr in Österreich zu drehen. „Diese Arbeit ist meine Leidenschaft, meine Berufung, die mich ganz erfüllt.“ Und auch die künstlerische Zukunft in der Familie scheint vorerst gesichert: Alma ist ein großer Helene Fischer-Fan, verkleidet sich gerne und möchte einmal Sängerin werden. Bis dahin entspannt die Mutter dabei, in regelmäßigen Abständen die Möbel in der ganzen Wohnung umzustellen. „Herrlich!“, sagt sie, „Viola und Alma helfen beim Rumschieben schon fleißig mit. Das macht meinen Kopf frei. Frei für kreative Ideen – ich denke da an ein Theaterstück für Kinder in Laut- und Gebärdensprache, das gerade in mir entsteht und immer mehr nach außen drängt …“


Infos zu den Workshops:
www.juliavonjuni.de