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People | 19.11.2022

„Wir trainierten wie die Profis“

Nicht alltäglich: In Clara Sterns Eishockey-Spielfilm gehört das Feld den Frauen. Zum Großteil in Niederösterreich gedreht, feiert „Breaking the Ice“ jetzt Premiere in Österreich. Warum so viel Herz, Schweiß und Tränen in das Werk flossen, schildern die Hauptdarstellerinnen Alina Schaller und Judith Altenberger im Gespräch.

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Von Niederösterreich nach New York. Judith Altenberger und Alina Schaller reisten mit dem Team im Sommer zur Premiere beim „Tribeca Festival“. © Johannes Hoss

Fotos: Johannes Hoss, István Pajor, Nikolaus Geyrhalter Film, Filmladen Filmverleih

Wow, Clara Stern, wo fängt man an, „Breaking the Ice“ zu feiern – und vor allem: Wo hört man auf? Die Filmemacherin, die im Sommer die große Gala für den Österreichischen Filmpreis in Grafenegg inszenierte, definiert mit dem aktuellen Werk den Begriff von Vielschichtigkeit neu. Es wurde zum Großteil in Höflein, Göttlesbrunn und St. Pölten gedreht; Ende November ist Kinostart.

Der Eishockey-Spielfilm erzählt von Ungerechtigkeiten, mit denen Profisportlerinnen konfrontiert sind und von der jeweils persönlichen Herausforderung, zu sich zu stehen, seinen Platz in der Welt und der Fülle an Rollen und Beziehungen zu finden. Das gilt für die jungen Figuren Mira, Theresa und Paul (Alina Schaller, Judith Altenberger und Tobias Resch) genauso wie für die Mutter (Pia Hierzegger) oder den dement werdenden Großvater (Wolfgang Böck).

Und Clara Stern erzählt auf vielen Ebenen: in lauten und leisen Szenen eines jungen Lebens, in kargen Dialogen unter Eishockey-Spielerinnen, in Bildern, deren Ästhetik kitschfrei auskommt, wenn sich das geschwungene Skelett der Eishalle auf dem Spielfeld spiegelt oder Windräder aus Weinbergen sprießen, in stillen Momenten, in denen Blicke das Sprechen übernehmen, oder in der Musik, bei der die Song-Erkennungsapp (noch) versagt, weil viele Nummern eigens für den Film geschaffen wurden. Packend ist „Breaking the Ice“ außerdem, reich an unerwarteten Wendungen – und voller Liebe in all ihren Farben. Zwischen Verliebten und Geschwistern, zu den Eltern und zu einer Sportart, die sich so gut eignen könnte, um Geschlechterklischees aufzubrechen. Eigentlich.

 

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Start. Clara Sterns „Breaking the Ice“ kommt ab 25. November ins Kino (Kamera: Johannes Hoss, Musik: Benedikt Palier, Anna Suk und Clara Stern). © Filmladen Filmverleih

Wir trafen die zwei Hauptdarstellerinnen zum Interview: die Purkersdorferin Alina Schaller und die Salzburgerin Judith Altenberger.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Aufrichtige Gratulation, ihr berührt als Mira und Theresa – und seid überzeugend auf dem Eis. Wie viel Erfahrung hattet ihr vorher mit Eishockey?
Alina Schaller: Keine (lacht). Wir sollten schon 2020 drehen, es war eigentlich ein Glück, dass wir durch Corona und andere Verschiebungen ein ganzes Jahr länger Zeit hatten, um diesen Sport zu lernen. Anfangs war es echt der Horror! (lacht) Ich hatte Angst hinzufallen, aber heute liebe ich es. Eishockey ist großartig, weil es so viel miteinbezieht: Du musst eislaufen können, konzentrierst dich aufs Spiel und bist ein Teamplayer. Den größten Respekt an alle, die das professionell machen.
Judith Altenberger: Ich habe beim Casting behauptet, dass ich gut eislaufen kann. Eine Woche später, beim ersten Shooting habe ich mir gedacht: Oh, das wird eng (lacht). Wir haben gut eineinhalb Jahre quasi das Leben von Leistungssportlerinnen gelebt: Wir sind sechs Mal die Woche zum Training; wir hatten einen Eishockey-, einen Eislauf-, einen Fitness-Trainer und einen Ernährungsplan. Wir haben uns körperlich massiv auf diese Rollen vorbereitet.
Alina: Ich bin froh, dass Judith und ich das zu zweit gemacht haben, so konnten wir uns gegenseitig pushen.

Auch die Tonart in der Umkleide klingt authentisch. Wie gelang das?
Alina: Wir haben sehr oft mit den „Sabres“ trainiert (Eishockeyverein, Anm.), die Hälfte des Teams spielt in der Nationalmannschaft. Sie und ihr Trainer haben uns extrem viel Vertrauen entgegengebracht; wir waren bei ihren Wettkämpfen dabei …
Judith: Du warst sogar bei einem Spiel auf dem Eis.
Alina: Nie wieder! Ich wurde nach 30 Sekunden gerammt und bin sofort wieder auf die Bank (lacht).
Judith: Die Spielerinnen haben uns total herzlich aufgenommen, wir durften mit in die Umkleide und in ihre WGs.
Alina: Wir waren fast täglich mit ihnen unterwegs …
Judith: … wie ein Teil des Teams. Mehrere Spielerinnen sind auch im Film als Darstellerinnen dabei. Es war schön, die Vorbereitung für ihre erste Rolle mit ihnen zu machen.

Weniger Gehalt, weniger Publikum – der Film zeigt auch die Diskrepanz zwischen Männer- und Frauensport …
Alina: Bei vielen Sportarten kriegst du die Ungerechtigkeit plakativ auf die Nase gedrückt: Die Männer haben Whirl­pool, Physiotherapeuten und Masseure, die Frauen dürfen sich zusätzlich im Zweitjob den Arsch abarbeiten, damit sie sich das Spielen überhaupt leisten können. Die „Sabres“ sind das beste Eishockeyteam in Österreich, jetzt müssen sie pausieren, weil kein Geld da ist.
Judith: Grad beim Eishockey, wo mit Ausrüstung alle quasi gleich ausschauen, gibt es sogar bei den Regeln Unterschiede: Bodychecks, die bei Männern total dazugehören, sind nicht erlaubt und Frauen müssen mit Vollvisier spielen. Wir haben die Trainer gefragt, warum das so ist. Die Antwort: „Wir wollen, dass euer Gesicht hübsch bleibt.“ – What?!
Alina: Dazu kommt: Wenn man keine Bodychecks machen darf, wird das Spiel langsamer und weniger interessant fürs Publikum. Arg, wenn Regeln das Publikum vom Kommen abhalten.

Alina, als Mira arbeitest du außerdem im elterlichen Weinbaubetrieb. Wie hast du das erlebt?
Alina: Auch das war neu für mich, und ich muss gestehen: Ich hatte mir die Winzerwelt zu romantisch vorgestellt. Beim Dreh habe ich gelernt, wie hart die Arbeit ist, was es bedeutet, bei jedem Wetter in den Weingarten zu gehen. Der Regisseurin und dem Kameramann war es wichtig, das möglichst realistisch darzustellen, nicht tolle Weinberge bei Sonnenuntergang zu zeigen, sondern ein authentisches Bild von: „Wir oabeitn“.

Worum geht es für euch im Film?
Alina: Eine Review hat es gut auf den Punkt gebracht: „It’s a queer sports drama“. Es geht um eine junge Frau, die aus ihrer Komfortzone ausbricht und lernt, zu sich zu stehen, so zu sein, wie sie ist. Es ist ein bisschen ein Coming-of-identity-Film.

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Authentisch. In „Breaking the Ice“ spielen auch mehrere Profisportlerinnen der Damen-Nationalmannschaft mit. © Johannes Hoss/NGF Geyrhalterfilm

Das Pendant zum kraftvollen Sport sind schöne intime Szenen. Wie ging es euch damit?
Judith: Diese Szenen spiegeln sehr gut Claras (Regisseurin, Anm.) Arbeitsweise wider: Da waren immer so viel Vertrauen und Akzeptanz, dass es gar nicht speziell relevant war, welche Szene wir gedreht haben. Für sie war auch selbstverständlich: Da sind drei junge Personen, und wir haben Sex im Film, dann ist da ein „intimacy coordinator“ dabei.

Ihr habt mit der Intimitätskoordinatorin Cornelia Dworak gearbeitet. Der Beruf ist bei uns noch recht neu, was passiert dabei genau?
Alina: Intime Szenen hat man nicht jeden Tag am Set. Man kann sie mit Stunt-Szenen vergleichen: Wenn jemand den anderen schlägt, ist das nicht echt, und wenn du Sex im Film siehst, auch nicht. Beides muss choreografiert werden. Damit sich niemand weder psychisch noch physisch verletzt, dafür war Cornelia da; mit ihr wird eine Choreografie vereinbart und auch, welche Grenzen es gibt, damit sich alle am Set wohlfühlen. Dazu gehört einerseits, was im Film passiert und andererseits, was im Film gezeigt wird.

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Happy in the City. Schnappschuss vor der Weltpremiere im Big Apple: Tobias Resch, Regisseurin und Drehbuchautorin Clara Stern, Alina Schaller und Judith Altenberger © Johannes Hoss

Ihr habt den Film beim Tribeca Festival präsentiert. Wie war das?
Alina: Es war unglaublich, die Premiere in New York zu feiern …
Judith: What a night! Das gemeinsam mit vielen vom Team zu erleben war total schön. Als ich davor das erste Mal den Film gesehen habe, war ich so aufgeregt, dass ich ihn kaum aufnehmen konnte. Beim zweiten Mal in New York wurde mir klar, wie gut ich ihn finde und wie stolz ich auf diese Geschichte bin.

Wie hat das Publikum reagiert?
Alina: Die Leute waren total berührt, einige haben geweint. Ich freue mich sehr, Teil dieser Empowerment-Story zu sein.
Judith: Es gibt sonst keine Hockeyfilme über Frauen. Es ist so cool, was Clara geschafft hat: diese Frauen im Sport so stark zu zeigen. Es sind Frauen, die Außergewöhnliches leisten.

Wie blickt ihr der Premiere hier entgegen?
Judith: Ich bin aufgeregt und gespannt, wenn Menschen in Österreich und speziell Friends und Family, die wissen, wie viel ich investiert habe, ihn sehen. Ich freue mich auf Meinungen und Gesichter und Emotionen.
Alina: Da sind so viel Herz, Tränen und Schweiß hineingeflossen. Dann im Kino zu sitzen mit so vielen anderen lieben Menschen, Lieblingsmenschen und fremden Menschen und zu wissen, dass man vielleicht ein Stück Geschichte gemacht hat, die man ab jetzt immer erleben kann, ist sehr besonders.

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© Johannes Hoss/NGF Geyrhalterfilm

Alina Schaller, aufgewachsen in Pur­kersdorf, feierte mit dem Kurzfilm „Voltage“ ihr Filmdebüt und wurde u. a. durch die ORF-Serie „Vorstadtweiber“ bekannt. Sie ist Teil der Gruppe „kollekTief“, die sich als künstlerische Antwort auf Covid 2020 beim Litschauer „hin & weg“-Festival für 14 Tage in „Glas-Container“ einschloss. 2017 wurde sie als die bis dahin Jüngste für den Nestroy-Preis nominiert.
Judith Altenberger spielt seit der Kindheit mehrere Instrumente und ist Mitglied der Band „HANV“; sie war zudem Springreiterin und Turnerin. Ihre schauspielerische Laufbahn begann sie in der Offszene. Nach Kurzfilmen, die sie teilweise auch produzierte, ist „Breaking the Ice“ nun ihr Spielfilmdebüt. Judith ist die Schwester von Schauspielerin Verena Altenberger.