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People | 22.11.2022

Lauter leise Geschichten

St. Pölten: Auf Einladung der neuen Nachbarschaftsinitiative ZUKKER erarbeitete die junge Künstlerin Franzi Kreis eine multisinnliche Ausstellung mit Heldinnen und Helden aus Viehofen.

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Gänsehautmomente. „Besonders berührt hat mich die Erzählbereitschaft der Viehofnerinnen und Viehofner“, sagt Franzi Kreis. © Lukas Beck

Doris hebt beim Rückenschwimmen so kraftvoll ihren Arm aus dem Wasser, dass der Viehofner See um sie herum wie ein Whirlpool brodelt. Seit 40 Jahren ist sie bei der Wasserrettung. Barbara fliegt in einer riesigen Seifenblase beinahe davon, sie leitete viele Jahre das Jugendzentrum. Und Sirin erzählt von ihrer nicht ungefährlichen Arbeit in der ehemaligen Viskosefaserfabrik Glanzstoff, während sie mit der Hand über ihren Hund streicht.

Es sind wunderbare Geschichten, die die junge Künstlerin Franzi Kreis im Bezirk Viehofen in St. Pölten fand. Im Grunde fanden die Geschichten sie; die Menschen folgten einem Aufruf, sich am Projekt zu beteiligen. Franzi Kreis besuchte sie, hörte ihnen gerne zu und zückte erst später den Fotoapparat. Einen ganzen Sommer lang hat sie das so gemacht, teilweise begleitet von einem Team, es entstanden auch bewegte Bilder (Kamera: Lukas Beck, Daria Vybornova). „Besonders berührt hat mich die Erzählbereitschaft der Viehofnerinnen und Viehofner. Begonnen mit dem alten Herrenhaus neben der Spitzenfabrik bis hin zur Wasserrettung durfte ich mich auf eine Zeitreise von 1822 bis 2022 begeben. Gänsehaut garantiert“, schildert sie.

Das Resultat ist eine bemerkenswerte Ausstellung namens „Überhaupt kein Lärm“ mit Foto-, Film und Tonaufnahmen von Franzi Kreis, die – kontrastiert mit Archivmaterial – im Stadtmuseum St. Pölten sowie mit einer Projektion an der Fassade der einstigen Fabrik Glanzstoff stattfindet. Der Spaziergang zwischen den beiden Orten ist Teil des multi­sinnlichen Erlebnisses. Das Team be­gleitet bis Ende November noch drei Spaziergänge, im Stadtmuseum hält die Ausstellung bis zum 4. Dezember offen.

 

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Herrenhaus. Mit neun Geschwistern aufgewachsen

 

(c) Franzi Kreis

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Emmausgemeinschaft. Männer in sehr unterschiedlichen Situationen

 

(c) Franzi Kreis

Grätzlprojekt. Beauftragt wurde Franzi Kreis vom Nachbarschaftsprojekt namens „ZUKKER“; der Name steht für „ZUsammen Kunst und Kultur Erleben“. Die Initiative versteht sich als „Grätzlprojekt“, das das nachbarschaftliche Zusammenleben in der Stadt mit künstlerischen und sozialen Programmen fördern möchte. Die Projektleiterinnen sind die Kulturarbeiterin und Greißlerin Lena Weiderbauer und die Dramaturgin und Kuratorin Johanna Figl.

Im Startjahr 2022 luden sie drei Künstlerinnen ein, mit und über Menschen in St. Pölten zu forschen und zu arbeiten; Franzi Kreis‘ Mission war es, unsichtbare Heldinnen und Helden und ihre leisen Geschichten aufzuspüren.

Das tat sie mit großer Hingabe, belohnt wurde sie mit außergewöhnlichen Geschichten wie etwa jener von Franz und Christine (siehe Bild rechts). Das Paar lebt heute in der Living City Viehofen, einem barrierefreien Wohnkonzept für die Generation 50 Plus – gemeinsam mit einem (nicht mehr lebendigen) Reh. Der vierte im Bunde war ihr Schäferhund, als sie zuletzt noch in einem Haus lebten. Eines Tages tauchte in ihrem Garten ein junges Reh auf, und eine ungewöhnliche Freundschaft nahm ihren Anfang. 16 Jahre alt ist ihr geliebter Hund geworden, „und das Reh hat er aufgezogen, die waren immer unzertrennlich“, erzählte das Paar. Jede Geschichte öffnete die Pforten zu einer neuen, „es war ein fiktiver Schlusspunkt, den wir irgendwann gesetzt haben. Es ist ja nie alles erzählt“, sagt sie, die das Zuhören als essenzielle Basis ihrer Arbeiten zelebriert. Das Projekt in Viehofen prägte sie nachhaltig, betont die vielseitige Künstlerin. „Ob Feuerwehr, Wasserrettung, Emmausgemeinschaft oder Living City: Ich habe mir mitgenommen, wie wichtig Freunde, Familie und eine gute Gemeinschaft für ein glückliches Leben sind. Wir sind als Menschen keine Inseln.“

Einen Namen machte sich Franzi Kreis etwa mit den Wanderausstellungen „Finding Motherland“ und „Father Earth“ von Wien bis Sarajevo. Beim nächsten Projekt wirkt sie, ebenso eine renommierte Theaterfotografin, selbst in einer Produktion mit: ab 29. Oktober am Wiener Volkstheater in „Die Scham“ von Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux. Dabei vergrößert sie Fotografien live im Rotlicht auf der zur Dunkelkammer umfunktionierten Bühne.

www.zukker-stp.com
www.franzikreis.com
www.volkstheater.at

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Living City. Das Reh und der Hund des Paares waren wie Freunde.

 

(c) Franzi Kreis

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Feuerwehr. Freiwillige Helferin in Viehofen

 

(c) Franzi Kreis