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People | 22.12.2014

Blau ist keine Bubenfarbe

Nichts gegen Rosa – sondern der Versuch eines Plädoyers für mehr Entscheidungsfreiheit. Bei der Wahl der Kleidung, der Weihnachtsgeschenke, der Hobbys, der Zukunftsträume – für Eltern und Kinder.

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SuperheldInnen im Vormarsch (© Shutterstock)

Krise am Morgen. Alma, 3, will partout nicht die blaugeringelten Socken anziehen. „Das ist aber doch eine Bubenfarbe“, sagt sie unter Krokodilstränen. „Was ist denn bitte eine Bubenfarbe?“, fragt ihre Mama, die sich stets bemüht hat, gegen Rollenklischees anzukämpfen.

„Kinder lernen von anderen Kindern“, sagt Elisabeth Cinatl, Psychotherapeutin und Geschäftsleiterin der Beratungsstelle „Wendepunkt“ in Wiener Neustadt. „Die Peer Group hat einen großen Einfluss auf die Kinder und wenn diese eher den ,typischen Mädchen’ entsprechen, werden sich die Mädchen anpassen, um eventuell dazu zu gehören. Außerdem nehmen die Kinder mit dem Alter auch Werbungen und Erzählungen wahr, die meist nicht gegendert sind.“ Es genügt ein Blick in die weihnachtliche Spielwarenabteilung: Dort „spiegeln sich die traditionellen Rollenzuschreibungen wider, von denen wir glaubten, sie in den vergangenen Jahren überwunden zu haben“, schreiben Almut Schnerring und Sascha Verlan in ihrem Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“. Als Mama und Papa von drei Kindern brachten sie darin ein fundiertes wie spannendes Plädoyer „für eine Kindheit ohne Rollenklischees“ zu Papier. Es gehe ihnen nicht um eine Gleichmacherei. „Wir wollen unseren Kindern nicht zwei Alternativen anbieten, sondern tausend.“ Und: „Unsere Kinder sollen unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen Chancen haben, sich zu entwickeln.“ Eben das hat die EU bereits 1997 im Amsterdamer Vertrag unter dem sperrigen Begriff „Gender Mainstreaming“ verankert.

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Wenn Eltern das Geschlecht erfahren, reagieren sie laut Studien bereits unterschiedlich aufs Treten im Babybauch (© Shutterstock)

Manchmal glauben wir, den Sieg bereits in der Tasche zu haben: So werden Rollenstereotypien bereits in Werbungen pointiert aufs Korn genommen. Wie etwa der Spot einer Biermarke, indem Männer – die Frauen imitierend – „kreischend“ ihre Freude über einen Kühlraum kundtun. Aber eigentlich bleibt es wie gehabt: Die Frauen freuen sich über einen begehbaren Kleiderschrank, die Männer über das Bier. Also: Zurück zu den Wurzeln? Von wegen – und jetzt bitte genau lesen: „Die allgemein akzeptierte Regel ist Pink für den Jungen und Blau für das Mädchen. Das liegt daran, dass Pink stärker ist, während Blau feiner und eleganter ist“, schrieb 1918 das amerikanische Frauenmagazin „The Ladys Home“ (aus „Die Rosa-Hellblau-Falle“). Das bedeutet: So wie die Mode, unterliegen auch Rollenbilder dem Wandel der Zeit – wir haben es also in der Hand.

 

Bügeleisen und Wagenheber

Ein Gedankenexperiment nach dem Skript „Laufbahnplanung für Frauen“: „Stellen Sie sich vor, Sie kämen von einem anderen Planeten und würden das Leben auf der Erde untersuchen – und Sie würden zufällig in Österreich beginnen. Bald würden Sie bemerken, dass es nicht egal ist, ob Menschen als Mädchen oder Buben zur Welt kommen. (...) Sie würden sich darüber wundern, dass die männliche Spezies nicht mit einem Bügeleisen umgehen kann, während die weiblichen Menschen scheinbar keinen Wagenheber handhaben können.“ (nach „Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern“, 2010)

„Geschlechterrollen sind soziale und kulturelle Konstrukte. Typisch weiblich und typisch männlich sind zudem mit Bewertungen versehen: Entspricht sie nicht, ist sei eine ,Rabenmutter’ und er ein ,Weichei’“, reflektiert Elisabeth Cinatl.

„Vielen Buben wird bereits im Vorschulalter nicht mehr erlaubt, im gleichen Maß wie die Mädchen mit den Eltern zu kuscheln“, bedauert Gender-Expertin Marietta Schneider, die in NÖ in der Erwachsenenbildung tätig ist. Und während Mädchen zumindest heute schon als cool gelten, wenn sie Fußball spielen, haben es Burschen, die zum Ballett wollen sehr schwer. „Väter verlangen von den Buben signifikant stärker rollenkonformes Verhalten“, weiß Schneider. Und das zeigt freilich auch die Hierarchie in der Bewertung der Geschlechterrollen.

 

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"Vielen Buben wird bereits im Vorschulalter nicht erlaubt, im gleichen Maße wie Mädchen mit den Eltern zu kuscheln", bedauert Gender-Expertin Marietta Schneider (© Shutterstock)

Wie frei können sich Kinder entfalten, wenn schon ein Babybauch schubladisiert wird? Bis heute kursieren Gerüchte, dass etwa ein spitzer Bauch auf einen Buben hinweist, hingegen Mädchen der Mutter die Schönheit rauben. „Es gibt Studien, die zeigen, dass Eltern bereits während der Schwangerschaft, anders auf das Treten des Kindes im Bauch reagieren“, sagt Elisabeth Cinatl. „Anders bewertet wird das Verhalten von Mädchen und Buben sowieso: ,Buben sind halt wild, das gehört dazu’, heißt es. Meine Erfahrung ist aber die, dass Männer und Frauen alle Eigenschaften in sich haben, diese sich aber nur zum Teil leben trauen.“

 

Im Kindergarten

Geschlechtssensible Kindergärten – wie etwa in Wien – gibt es in NÖ vorerst nicht. Doch „Geschlechtssensibilität ist Teil des Bildungsauftrags und somit der täglichen pädagogischen Arbeit im Kindergarten“, betont Marion Gabler-Söllner, Pressesprecherin der Abteilung Schulen und Kindergärten. Eben dies ist im Bildungsplan für Kindergärten in NÖ festgeschrieben: Demnach soll etwa eine geschlechtssensible Sprache angewendet werden („Wer möchte heute Koch oder Köchin sein?“) und es sollen „Kindern unabhängig von ihrem Geschlecht praktische Erfahrungen mit Werkzeugen, Werkmaterialien und technischen Geräten, z. B. mit Haushaltsgeräten“ ermöglicht werden.

„Es braucht vor allem eines: viel mehr Männer im Kindergarten. Mädchen und Buben brauchen lebendige Vorbilder“, unterstreicht Gender-Expertin Marietta Schneider.

 

People | 22.12.2014

Im Interview

Johannes Hackl ist 30 Jahre alt, glücklich verheiratet, Vater zweier Kinder und seit zehn Jahren Kindergartenpädagoge – derzeit im Landeskindergarten Tulbing.

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Johannes Hackl: Einer von derzeit vier männlichen Kindergartenpädagogen in NÖ (© Privat)

Wie sind die Reaktionen der Kinder/der Eltern auf Sie?

Wenn ich neu in eine Kindergartengruppe kam, war meist ein gewisser Überraschungseffekt für einige Eltern da, die interessiert nachfragten. Für die Kinder ist das viel selbstverständlicher. Da konnte ich schon häufig beobachten, dass vor allem viele ältere Burschen schnell Kontakt zu mir aufnahmen, meist sehr schnell gefolgt von gleichaltrigen Mädchen. Wenn ich fix in einer Gruppe bin, ist es nach einiger Zeit ganz normal; sowohl für Kinder als auch Eltern.

 

Wie wirkt sich das auf die Entwicklung von Kindern aus, wenn sie von Frauen und Männern betreut/unterrichtet werden?

Im Prinzip ist nicht das Geschlecht, sondern das pädagogische Verständnis ausschlaggebend. 
Spannend ist für die Kinder vielleicht, dass sie durch männliche Pädagogen eine größere Bandbreite an männlichem Verhalten und Handeln erleben – also verschiedene „Rollen“ kennen lernen.

Ich bin vermutlich nicht so, wie sich viele einen männlichen Pädagogen vorstellen – nämlich Fußball spielend, herum tobend. Ich bin an sich ein eher ruhiger Mensch, gerne in der Natur und finde es wichtig, mir ganz in Ruhe Zeit für einzelne Kinder, ihre Lernprozesse und Entwicklung zu nehmen. Das ist aber kein Widerspruch zum Fußball Spielen und Toben.

 

Welchen Stellenwert hat für Sie geschlechtssensible Pädagogik?

Im Kindergarten lege ich großen Wert darauf, dass die Wahl der Tätigkeit, eine Farbwahl usw. nicht geschlechtsabhängig ist. Es ist aber kaum vorstellbar, wie fest typische Geschlechtsklischees schon in vielen Kinderköpfen verankert sind.

Ich erlebte es schon, dass ich mit einem Schraubenzieher beschäftigt war und ein Mädchen mich fragte ob es helfen darf; da lachte ein Bub und sagte „das dürfen nur Buben“; natürlich durfte das Mädchen mir helfen, und für den Buben war es eine neue Erfahrung. Ebenso machte ich schon die Erfahrung, dass die Lieblingsfarbe eines Buben lila war. Ich hatte dabei alle Hände voll zu tun, dass er sich nicht pausenlos dafür rechtfertigen musste.

 

Was soll das Christkind bringen?

Ich glaube nicht, dass das Christkind die Geschenke bringen muss, aber wenn sich Ihr Mädchen eine Puppe wünscht, soll es eine Puppe bekommen; und wenn sich Ihr Mädchen ein Auto wünscht, soll es ein Auto bekommen. Und das Gleiche gilt für Buben.

People | 22.12.2014

Kurz & prägnant

Praktische Tipps von Psychotherapeutin Elisabeth Cinatl

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(© Michael Hierner)

Kinder kleidet man am besten...

So, wie es die Kinder möchten. Es ist wichtig, sie zu bestärken, ihren Weg zu gehen und dabei einiges aushalten: vor allem dann, wenn die Kinder nicht oder gerade weil sie den klassischen Rollenklischees entsprechen.

 

Der Vierjährige will einen roten Nagellack...

Bestärken, bestärken, bestärken und spüren lassen, dass die Eltern hinter dem Kind stehen. Gleichzeitig vermitteln, dass es vielleicht andere Kinder/Erwachsene gibt, die das „komisch“ finden, „wir als Eltern allerdings finden das gut/toll“.

 

Die Dreijährige will die blaugeringelten Socken nicht mehr und spricht von einer „Bubenfarbe“...

Fragen, woher sie diese Idee hat und auf die Erklärung reagieren. Erklären, dass man als Mädchen alle Farben anziehen darf, die man möchte. Ansonsten es einfach dabei belassen, denn wenn man zu sehr insistiert, kann das gegenteilige Auswirkungen haben.

 

Wie schenkt man richtig zu Weihnachten?

Wir können unsere Kinder nicht vor der Genderfalle bewahren, sondern nur ihre Aufmerksamkeit und ihren Blick für die Vielfalt schulen und ihr Selbstbewusstsein stärken, damit sie ihr Leben so leben, wie es ihnen entspricht – frei von Stereotypien und Vorgaben.