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People | 30.12.2015

Ein Gesicht als Geschenk

Unvergessliche Schicksale und strahlende Kinderaugen begleiten den Schönheitschirurgen Harald Kubiena aus Niederösterreich bei seinen Einsätzen in Westafrika. Als Botschafterin der „NOMA Hilfe Österreich“ an seiner Seite: Burgschauspielerin Regina Fritsch.

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ERSTAUNLICHE OFFENHEIT. „Der Vertrauensvorschuss, den uns die Kinder geben, berührt mich jedes Mal“, sagt der Arzt Harald Kubiena. (© Harald Kubiena)

Er hat keine Angst um sein Leben, wenn er den Flieger besteigt. Obwohl sie berechtigt wäre. Die Länder Westafrikas, in die er seit gut zwei Jahren regelmäßig reist, sind voller Spannungen, voller terrorgefährdete Gebiete; die Menschen leben in großer Armut. Und manchmal kollidiert ihre Erwartungshaltung gegenüber Harald Kubiena mit der Realität. „Man muss stets wachsamen Auges sein. Manche erhoffen sich Geld oder Kontakte, um nach Europa zu gelangen.“ Dennoch: Um seine Rückkehr fürchtet der Mediziner nicht. Es sind viel größere, tiefer gehende Gedanken, die ihm im Kopf spuken: „Nichts kaputt machen, es ist schon kaputt genug. Nur nichts schlimmer machen. Hoffentlich geht alles gut.“ Schließlich sind es stundenlange, hochkomplexe Operationen, in denen er mit seinem Team Kindern und Jugendlichen ihr Gesicht wieder gibt. Als dreifacher Vater dabei auf Dis-tanz zu gehen, fällt oft schwer …

 
Ein Gesicht als Geschenk
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ÜBERZEUGENDES TEAM. Für Noma-Kinder (© Harald Kubiena)
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GROSSES UHRWERK. Jede einzelne Feder ist im engagierten Team wichtig, damit hochkomplexe Operationen in Gebieten gelingen, wo Armut und gefährliche Spannungen vorherrschen. (© Harald Kubiena)

Heimtückische Krankheit 

Der Facharzt für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie engagiert sich für die NGO Noma Hilfe Österreich. Noma ist eine schwere bakterielle, lebensbedrohende Krankheit. Begleitet von Fieber, Schmerzen und Durchfall, stirbt das Gewebe von Lippen, Wangen, Augenhöhlen ab. Am stärksten trifft es Kleinkinder in Entwicklungsländern, wenn sie nicht mehr gestillt werden können. „Dieses Gesicht lässt sie nicht an der Gruppe teilhaben; zudem können sie nicht sprechen, kaum essen. Nur zehn Prozent überleben, um dann am Rande der Gesellschaft zu leben“, sagt Harald Kubiena. „Indem wir sie operieren, möchten wir sie ein Stückchen mehr vom Rand ins Zentrum holen. Wir möchten den Zustand des Ausgestoßenseins und der Versehrtheit in ein Gesicht des Aufgenommenseins und der Zugehörigkeit verwandeln.“

Die Kammerschauspielerin Regina Fritsch, gebürtige Niederösterreicherin, ist Botschafterin der Noma Hilfe Österreich: „Der Beruf von Schauspielern lebt von der Intensität der eigenen Vorstellungskraft für die Menschenschicksale, die sie auf der Bühne darstellen. Als ich zum ersten Mal ein durch Noma entstelltes Kindergesicht sah, hat die Vorstellung, was es bedeutet, so leben zu müssen, in meinem Denken keinen distanzierten, sicheren Platz mehr gefunden – die Tatsache allein hat unmittelbar mein Herz zerrissen.“

„Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, so-lange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt.“ 

- Albert Einstein

 

Hilfe zur Selbsthilfe

Einer seiner Mentoren, ein renommierter Plastischer und Rekonstruktiver Chirurg aus Süddeutschland, nahm Harald Kubiena vor gut zwei Jahren zum ersten Noma-Einsatz nach Westafrika mit. „Nach zwei Wochen wusste ich: Genau dafür ist alles medizinisch Handwerkliche, chirurgisch und operativ Gelernte. Ich war fest entschlossen, alles mir Mögliche in Bewegung zu setzen, um auch die Ausbildung der so wenigen Ärzte und Fachkräfte vor Ort zu forcieren“, schildert er. Denn auf lange Sicht ist für den Mediziner klar: „Es ist wichtig, dass wir uns entbehrlich machen. Mit der rechten Hand operiere ich, mit der linken verabschiede ich mich.“ 

Die Einsätze in Westafrika sind jeweils ein großes Unternehmen, das minutiös geplant werden muss. „Ich arbeite mit den besten Leuten, wirklich erfahrenen Anästhesisten; wir haben dort nicht die Möglichkeit, ein Kind im Notfall in eine Zentralklinik zu transportieren. Wir müssen sicherstellen, dass wir keinen Schaden anrichten“, erklärt er. Eine unverzichtbare Feder des großen Uhrwerks sind Bodyguards. Acht Meter breit war zuletzt eine Sandstraße zwischen Arbeits- und Wohnbereich; damit die Sicherheit beim Überqueren gewährleistet war, bedurfte es einer bewaffneten Spezialeinheit. 

Wie seine in Wien und Lilienfeld wartende Frau, eine Zahnärztin, darüber denkt? „,Machen’, sagt sie. Ich habe sie kennengelernt, als sie gerade von einem dreimonatigen Einsatz in einem Urwaldspital heimgekehrt war. Ich habe für mein Tun nicht nur ihre Zustimmung, meine Frau ist diejenige, die mir dort Mut macht, wo er mir fehlt“, sagt Harald Kubiena. „Und auch meine Kinder (sie sind 17, 13 und neun Jahre, Anm.) finden es sehr schön, was ich mache.“

 
 
 
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(© Harald Kubiena)

Lupenbrille statt Mikroskop

Bemerkenswert sei der Vertrauensvorschuss, mit denen die kleinen Pati­entInnen in Westafrika dem medizinischen Team begegnen. Unter ihnen sind viele Opfer von Gewalt. „Ich habe dort ein 15-jähriges Mädchen behandelt, das bereits zwei Kinder hatte. Und dennoch: Sie halten uns sofort ihren Arm her, wenn sie eine Kanüle bekommen. Sie haben eine schwere Krankheit überlebt und begegnen uns mit unglaublicher Offenheit und Mut“, sagt Harald Kubiena, und man spürt, dass er beim Erzählen ihre Gesichter vor Augen hat.

Die Operationen selbst dauern jeweils mehrere Stunden; statt Operations­mikros­kop dient eine Lupenbrille als Unterstützung für die präzise Arbeit. „Die Eingriffe erfordern keine großen technischen appa­rativen Voraussetzungen; es steht die Handarbeit im Mittelpunkt. Wir transplantieren gesundes Gewebe etwa von Oberschenkel, Rücken oder Hals, korrigieren knöcherne Fehlbildungen …“

Die Dankbarkeit der Kinder steckt an. Sie wird zum ständigen Begleiter. „Wenn ich dann heimfliege, verspüre auch ich große Dankbarkeit. Und noch größer ist meine Hoffnung, dass es den Kindern, die ich operiert habe, auch eine Woche später und auch noch viel später gut geht.“

 

Zur Person: Harald Kubiena

Vielleicht wurde Harald Kubiena das handwerkliche Geschick in die Wiege gelegt; sein Großvater beispielsweise sei ein ehrgeiziger Werkzeugmacher gewesen. Das Interesse für die Medizin weckte der Arzt seiner Heimatgemeinde Kaltenleutgeben, Bezirk Mödling. Regelmäßig brachte ihm der väterliche Freund spannende Utensilien aus seiner Ordination mit. Eine solche richtete er sich knapp fünfjährig unterm Schreibtisch ein, um Papa Schlumpf das Leben zu retten. Nach gewissenhafter Rasur und einem sauberen Schnitt, wurde dem kuscheligen Freund eine große Batterie eingesetzt. „Er war in den 70ern vermutlich der erste Papa Schlumpf mit einem Herzschrittmacher“, lacht Harald Kubiena. Jedenfalls habe es für ihn am späteren Studium der Medizin nie einen ernsten Zweifel gegeben.

Noch nicht ganz sicher war er sich seiner Mission 1997, als er einen Flieger in Richtung Thailand bestieg, gesteht er heute: Sechs Monate Bangkok, im Dienste des Spitals Royal Thai Air Force warteten auf ihn. Unvergessen bleiben für immer seine Eindrücke. „Hunderte Meter Menschenschlangen, großes Gebrauchtwerden, große Dankbarkeit und große medizinische Kompetenz“, beschreibt er. „Da waren nicht behandelte Knochenbrüche, nicht behandelte schwere Fehlbildungen bei Kindern, sehr kranke Menschen …“ Der junge Harald Kubiena unterstützte vor allem in der Organisation. „Ich war ein Beobachter und mir wurde schnell klar: Um hier Hilfe anbieten zu können, muss man etwas können.“

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(© Barbara Nidetzky)

Mehr als zehn Jahre lang blieb er schließlich nach seiner Rückkehr an der Uniklinik Wien, machte seine Ausbildung zum Facharzt für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, heiratete und wurde dreifacher Papa. Der Einsatz in Thailand hatte sich aber eingebrannt; der Gedanke, helfen zu wollen, ließ ihn nicht aus. Im Revolutionsjahr 2011 fliegt er mit einer österreichischen Ärztedelegation nach Kairo, um Verletzte und Unterversorgte zu behandeln. Seit rund zwei Jahren engagiert er sich für die Noma Hilfe Österreich.

Harald Kubiena betreibt sowohl in Wien als auch in Mariazell eine Ordination; seit 2011 ist er am Krankenhaus Göttlicher Heiland in Wien mit der Leitung des Schwerpunktes „Integrative Wiederherstellende Chirurgie“ betraut.

Info: www.nomahilfe.at und www.drkubiena.at