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People | 04.04.2019

Das ewige Mädchen

Pippi wird 60. Inger Nilsson machte Legionen von Kindern glücklich: ab 1969 schlüpfte sie in die Rolle des Anarcho-Kids Pippi Langstrumpf. Jetzt feiert sie runden Geburtstag. Das Interview.

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Zeitreise. 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert, liegen zwischen diesen beiden Fotos. Inger Nilsson mit zehn Jahren als Pippi Langstrumpf – einer Rolle, in der sie Generationen von Buben und Mädchen kennen. © picturedesk.com

Auf dem Foto, das ihr Leben verändern sollte, war Inger Nilsson acht Jahre alt. Ein dünnes, blasses Mädchen mit Fieberblase. Als eines von 8.000 Bildern flatterte ihr Porträt 1968 in den Briefkasten einer schwedischen TV-Produktionsfirma. Noch nie hatten sich mehr Kinder auf einen Casting-Aufruf beworben, aber die Rolle, die es zu besetzen galt, war legendär: Die Fernseh-Produzenten suchten eine kleine Darstellerin von Astrid Lindgrens Kinderbuch-Protagonistin Pippi Langstrumpf. Und als Inger Nilsson in der Maske fertig war – mit Sommersprossen, Bräunungscreme und der ­Perücke mit den roten Zöpfen –, da hatten sie Pippi gefunden. Inger Nilssons feierte als freche ­Rebellin Pippi Langstrumpf weltweit Erfolge, sie prägte Generationen und noch heute mögen Kinder die unkonventionelle und kluge Pippi. Ihre Darstellerin Inger Nilsson steht mittlerweile kurz vor ihrem 60. Geburtstag – am 4. Mai begeht sie dieses Jubiläum. Und dennoch begleitet sie das Mädchen von damals auch heute noch jeden Tag.

Es ist knapp 50 Jahre her, dass Sie in Astrid Lindgrens Buch-Verfilmungen vor der Kamera standen. Wie oft läuft Ihnen Pippi Langstrumpf im Alltag über den Weg?

Inger Nilsson: Eigentlich jeden Tag. Gerade gestern hat mich eine junge Mutter in der U-Bahn erkannt. Sie hat mich angestarrt, ich habe so getan, als wäre ich wahnsinnig beschäftigt, und trotzdem ist sie mir beim Aussteigen gefolgt. Ich hatte tatsächlich keine Lust mit ihr zu sprechen – das ist etwas, was die Leute nur sehr schwer verstehen.

 

Die junge Mutter wollte zu ­Hause vermutlich ihre Kinder mit einem Autogramm der „echten“ Pippi Langstrumpf beeindrucken, glauben Sie nicht?

Wenn das so wäre, fände ich es ehrlich gesagt furchtbar. Den Kindern zu sagen, dass Pippi Langstrumpf jetzt eine alte Lady ist? Das ist so, als würde man ihnen sagen, dass der Weihnachtsmann nicht existiert. Sie sollten das nicht tun.

 

Fühlen Sie sich denn als „alte Lady“?

Für mich spielt das Alter keine wahnsinnig wichtige Rolle. Ich fühle mich mit fast 60 viel sicherer als früher, auch wenn es in der Schauspiel-Branche natürlich sehr auf die Optik ankommt und es bestimmt nicht schadet, 22 Jahre alt und gut aussehend zu sein.

 

Welchen Rat würden Sie Ihrem 22-jährigen Ich rückblickend geben?

Ich würde mir empfehlen, ein bisschen tougher zu sein. Den Mund aufzumachen und ganz klar zu sagen: „Das ist es, was ich gerne will!“ Ich bin ein Landmädchen, ganz typisch für die Frauen meiner Generation, zu Bescheidenheit und Rücksicht erzogen. Ich habe sehr viel eingesteckt über die Jahre, aber ich habe meine Lektionen gelernt – ich lerne sie immer noch – und bin heute wesentlich selbstbewusster als früher.

 

 

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Inger Nilsson, wie sie heute – mit knapp 60 – aussieht. © Getty Images

Sie würden sich also empfehlen, ein bisschen mehr zu sein wie Pippi?

(Lacht.) Ja, das wäre wohl ein sehr guter Rat.

 

Wie handhaben Sie das Älterwerden – nehmen Sie Ihren runden Geburtstag zum Anlass, innezuhalten und zu ­reflektieren, was war, oder ist der 60er ein Geburtstag wie jeder andere?

Ich bin grundsätzlich ein sehr optimistischer Mensch, der lieber in die Zukunft schaut anstatt in die Vergangenheit. In meinem Leben gab es – wie bei jedem anderen auch – negative Dinge, aber ich versuche, nicht allzu sehr darüber nachzudenken, weil ich Vergangenes ohnehin nicht ändern kann. Und was die Geburtstage betrifft: Da feiere ich einfach, dass ich noch immer hier bin. Dass ich es noch ein Jahr geschafft habe (lacht).

 

Wissen Sie schon, wie Sie feiern werden?

Ich würde gerne eine große Party machen, nur habe ich im Moment so viel zu tun, dass sich das wahrscheinlich erst im Sommer ausgeht. An meinem Geburtstag selbst werde ich wohl einfach mit Freunden schön essen gehen.

 

Haben Sie besondere Wünsche zu diesem runden Geburtstag?

Ich wünsche mir, weiterhin so tolle Projekte zu bekommen, an denen ich arbeiten darf. Ich kann tun, was ich ­liebe, das empfinde ich als sehr großes Glück. Ich wünsche mir viele schöne Begegnungen mit interessanten Menschen und dass wir alle ein bisschen netter zueinander sind.

 

Es war Ihr Vater, der 1968 Ihr Foto an die Produktionsfirma geschickt und damit Ihr Leben gravierend geprägt hat. Gab es Zeiten, in denen Sie sich wünschten, er hätte das nicht getan?

Pippi zu sein war nicht immer einfach, das stimmt, ich bin sehr oft und viele Jahre lang auf diese Rolle reduziert worden. Für viele war es eine ­lange Reise, zu verstehen, dass Inger Nilsson nicht Pippi Langstrumpf ist, das passierte eigentlich erst, als ich in einem gewissen Alter war. Ein großer Vorteil meiner Falten.


Text Verena Randolf