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People | 15.03.2019

Einsamkeit treibt uns an

Im neuen Kinofilm „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ – nach Motiven der gleichnamigen Erzählung von André Heller – brilliert Karl Markovics in der Rolle des despotischen Vaters.

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"Rebellen sind stets mutig, denn ohne Mut kann man nicht gegen den Strom schwimmen." - Karl Markovics. © Dor Film

Paul, jüngster Sohn des Süßwarenfabrikanten Roman Silberstein, wächst in wohlhabenden, aber sehr lieblosen Familienverhältnissen auf. Der Vater, ein despotischer Patriarch, der u. a. an Morphiumsucht leidet, verbannt seinen Jüngsten, der regelmäßig aufbegehrt, in ein jesuitisches Internat. Dort entdeckt der Zwölfjährige nicht nur die Liebe, sondern auch die Macht der Fantasie. Und als der Vater plötzlich stirbt, kehren für alle Lebensfreude und Glück zurück. – Diese Erzählung mit dem Titel „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ stammt aus der Feder von André Heller. Geht man von Gesprächen aus, die mit dem Künstler im Rahmen von Dokumentationen über seine komplizierten Familienverhältnisse geführt wurden, ist anzunehmen, dass sehr viel Autobiografisches eingeflossen ist. Verfilmt wurde die Geschichte mit Karl Markovics als pathologischem Despoten-Vater – „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist seit Anfang März im Kino zu sehen. „Diese ­Rolle war ein Geschenk“, sagt Markovics, „denn ich habe noch nie einen derart rücksichtslosen Menschen gespielt.“ Auch ein Treffen mit André Heller fand während der Dreharbeiten statt und so nebenbei habe man auch ein wenig über dessen Vater geredet. Aber selbst nach so vielen Jahren und trotz großer Distanz konnte der Universalkünstler wenige sympathische Züge an seinem Vater entdecken. Darüber hinaus hat Markovics gerade seinen dritten Film fertiggestellt: „Nobadi“ (voraussichtlicher Kinostart Herbst/Winter 2019), ein Beziehungsdrama – das Drehbuch hat er wieder selbst verfasst – zwischen einem alten und einem jungen Mann aus gänzlich konträren Kulturkreisen. Derzeit arbeitet der 55-Jährige an einem ORF-Landkrimi, den er auch inszenierte.

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Szenen einer Familie. Roman Silberstein (l., Karl Markovics) bringt seinen jüngsten Sohn Paul (Valentin Hagg) ins Internat, wo man ihm Zucht und Ordnung beibringen soll. © Dor Film

Wie würden Sie Ihre Rolle als Roman Silberstein beschreiben?

Karl Markovics: Er ist, unter Anführungszeichen, eine Bilderbuchfigur. André Heller hat ihn sicherlich bewusst überzeichnet, insofern hat es großen Spaß gemacht, ihn zu spielen. Ich musste mich nicht auf eine biografische Psychologie verlegen, sondern durfte aus dem Vollen schöpfen. Er war ein pathologischer Despot, das hat seine Gründe, was nicht als Entschuldigung zu verstehen ist, aber doch als Erklärung.

 

Welche zum Beispiel?

Er erlitt eine Reihe von schicksalshaften Erlebnissen, die in der traumatischen Erfahrung gipfelten, plötzlich nichts mehr zu gelten und nicht mehr gewollt zu sein. Von den Nazis wurde er aus dem Land vertrieben, für das er vorher im Krieg gekämpft hat und für dessen Einsatz er auch hoch dekoriert wurde. Das muss gerade für einen Egomanen und Machtmenschen, wie er einer war, furchtbar gewesen sein.

 

Zudem war er drogenabhängig ...

Viele waren zu der Zeit Morphinisten, nicht zuletzt auch Sigmund Freud. Die Drogen waren ein Versuch, sein Leben in irgendeine Bahn zu lenken. Letztendlich hat es ihm mehr geschadet und ich kann mir vorstellen, dass diese Abhängigkeit auch seinen Tod mitbegünstigt hat.

 

Alle in dieser Familie ziehen sich in ihre Räumlichkeiten und in ihre eigene Welt zurück; es findet keine Kommunikation statt, nicht einmal beim gemeinsamen Essen an der langen Tafel.

Das ist wahrscheinlich das Bezeichnendste, dass nicht miteinander geredet wird, aber jeder anders darauf reagiert. Der junge Paul Silberstein alias André Heller hat es halt geschafft, in einer kreativ-künstlerischen Form damit umzugehen, was ja meist die heilsamste Weise ist. Drogen oder Gewalt sind selbstzerstörerische Wege, mit der Einsamkeit bzw. mit der inneren Isolation fertig zu werden. Die Einsamkeit ist ja die Triebfeder der menschlichen Existenz.

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Rechts: Keine glückliche Familie: Die Silbersteins führen ein Leben in Wohlstand, doch statt Liebe gibt es für die Kinder Härte und Kälte. Der kleine Paul flüchtet sich in seine Fantasiewelt. © Dor Film

Sie meinen die Angst vor der Einsamkeit?

Ja, natürlich auch, aber im Grunde genommen ist es die Tatsache, dass wir Einsamkeit empfinden. Dass wir einsam in die Welt geworfen werden, bedingt alles. Arthur Schnitzler formulierte es in einem seiner schönsten Zitate im Zusammenhang mit der Liebe. Er sagt in etwa: „Die Einsamkeit begegnet uns in vielerlei Gestalt, eine ihrer undurchschaubarsten Masken heißt Liebe.“ Also auch die Liebe hilft uns, mit dieser existenziellen Einsamkeit umzugehen.

 

Man hört im Film mehrfach jemanden zu Paul sagen: „Du bist ein merkwürdiges Kind.“ Welche Art von Kind waren Sie?

Es ist immer schwierig, sich selbst nachträglich von außen zu betrachten, aber ich war schon ein eigenbrötlerisches Kind, eher ein Einzelgänger und sehr stark – diese Seiten sind mir von Paul vertraut – in sich selbst zurückgezogen. Als Kind hast du ja wenig Freiraum, du bist abhängig von Eltern, Lehrern etc., aber in deiner Innenwelt bist du König und völlig frei.

 

Sind Sie jetzt dort, wo Sie als Kind hinwollten?

Meine Pläne waren nie konkret, ich wusste nur, was ich machen will, und das war spielen. Ich hätte es nicht für mich formulieren können, z. B. ans Burgtheater zu wollen, aber der Wunsch, einen Beruf auszuüben, der mit Spielen zu tun hat und mit der eigenen Vorstellung, war bereits früh da.

 

Heller sagte einmal in einem Interview, man müsse sein inneres Kind beschützen und bewahren. Inwieweit haben Sie sich Ihr inneres Kind bewahrt?

Ich habe ja einen Beruf gewählt, um genau das zu tun. Wenn ein Kind spielt, entwickelt es aus seiner eigenen Vorstellung einen Traum bzw. eine Realität, die es eigentlich nicht gibt. Ich wage zu behaupten, nur Menschen bzw. höhere Lebewesen sind imstande, eine Vorstellung zu entwickeln, die sie von ihrer materiellen Umgebung befreit. Das ist ein unglaublicher Schatz, den ich schon als Kind erlebt und begriffen habe. Und den wollte ich mir mein Leben lang erhalten.

 

Wie macht sich Ihr Kindsein noch bemerkbar? Purzelbäume im Schnee?

Das könnte vorkommen. Vor allem wenn ich allein bin, erzähle ich mir gerne laut Geschichten. Beim Wandern zum Beispiel. Ich finde das etwas sehr Schönes. Zudem bin ich auch sehr neugierig und ich mag es gern planlos. Wie etwa im Ausland einfach in einen Bus zu steigen und zu schauen, wohin er fährt.

 

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"Der kleine Paul geht gestärkt aus seiner schweren Kindheit – das macht ihn so herausragend." - Karl Markovics. © Dor Film

Die kindliche Freude über Kleinigkeiten?

Gerade diese Freude! Als Erwachsener erlebt man viel zu selten Muße und Gelegenheit, aber es gibt Momente beim Wandern oder Laufen, wo es schon reicht, einen bestimmten Geruch zu ­atmen, um vor Lebensfreude zu platzen.

 

Eine Kernaussage des Films lautet „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst.“ Haben Sie das Ihren inzwischen erwachsenen Kindern Leonie und ­Louis auchmitgegeben?

Ich hoffe es! Ich habe es ihnen nicht als Lehrsatz ins Stammbuch geschrieben, aber ich hoffe, dass ich es ihnen durch mein Leben und meine Art, Dinge zu betrachten, vermittelt habe. Vor allem habe ich ihnen gezeigt, wie man mit sich selbst und anderen Menschen auskommt, nämlich mit dem simpelsten Gebot, das gleichzeitig auch das schwierigste ist, nämlich: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“

 

Es heißt, wir können nur weitergeben, was wir selbst bekommen haben. Ein Kind, das verprügelt wurde, prügelt wahrscheinlich später auch die eigenen Kinder.

Die Kindheit ist das prägendste Alter, aber es spielt eine Rolle, ob jemand bereit ist, sich von seiner Vergangenheit zu lösen und von anderen etwas Empathisch-Positives aufzunehmen. Paul Silberstein besitzt Mut, Intelligenz und besondere Fähigkeiten. Und er entscheidet von Anfang an: „Mein Innerstes ist mein Königreich und das verteidige ich.“

 

Es hätte auch schiefgehen können ...

Ja, sicher. Viele zerbrechen daran. Aber dass Paul gestärkt daraus hervorging, zeichnet diesen Menschen auch

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Hintergrund. André Heller, dessen Erzählung Vorlage für den Film ist, mit seiner Mutter Elisabeth bei einer Premiere. © Dor Film