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People | 06.03.2019

Kultige Nervensäge

Marie Kondo. Der Hype um die japanische Aufräum-Queen ist ungebrochen. Bestseller, Netflix-Doku-Soap – alle wollen mittels der KonMari-Methode Ordnung ins Leben bringen.

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Marie Kondo. Via Netflix und in ihren Bestsellern gibt die Japanerin Tipps, wie Ordnung in den Haushalt gebracht wird, damit das Glück fließen kann. © picturedesk.com

Legen Sie noch oder falten Sie schon? Sie wissen nicht, wovon die Rede ist? Dann ist auch Marie Kondo, ewig ­lächelnde und gern als Wunderreinigungsmittel betitelte Japanerin, für Sie eine Unbekannte. Und jetzt stellt sich die Frage: ist das gut oder schlecht? Für die einen ist die 34-Jährige, die u. a. dazu rät, T-Shirts nicht zu stapeln, sondern zu falten und zu rollen, die anbetungswürdige Göttin aller picobello aufgeräumten Wohnungen, für die anderen hat die Frau aus ­Tokio die Lizenz zur Nervensäge.

Gleich vorweg: Um die stets an der Grenze zur Pedanterie agierende Marie hat sich ein ordentlicher Hype aufgebaut, Kondo ist Kult. Die kleine Japanerin hat mit ihrer Sortier- und Ausmistwut das große Geld gemacht. Bereits mit fünf Jahren las sie obsessiv Interieur-Magazine. Im Anschluss ans Studium entwickelte sie die sogenannte „KonMari“-Methode, mit der Entrümpeln, Aufräumen und Ordnunghalten zur angeblich einfachsten Sache der Welt wird – wenn man nicht gerade ein psychotischer Messie ist. Marie Kondo verfasste mehrere Bücher über „Magical Cleaning“, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt und mehr als 10 Millionen Mal verkauft wurden. Ab März sind „Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“ und „Das große Magic-Cleaning-Buch: Über das Glück des Aufräumens“ als Taschenbücher erhältlich.

Überdies gibt die japanische Ordnungsdomina auf ihrer Homepage konmari.com sowie auf ihrem unvermeidlichen YouTube-Kanal Tipps zum akkuraten Kleiderfalten und zeigt auf Instagram ihren mehr als 2,3 Millionen Abonnenten Details aus ihrem sauberen Leben. Das Time Magazine reihte sie unter die 100 einflussreichsten Frauen weltweit. Und im Englischen wurde ihr Name gar zum Verb: „to kondo“ ist das Synonym für „radikal aufräumen“.
Klar, dass die cleveren Zeitgeist-­Beobachter von Netflix die Ordnungshüterin vor die Kamera holten. In der Doku-Soap „Aufräumen mit Marie Kondo“ hilft sie US-Paaren bei Entrümpelung und Neuordnung ihrer Haushalte. Ein Bootcamp, in dem sammel­wütige Chaoten zu Minimalisten werden.
So geht’s. Ausmisten und sortieren. Wer ein friedvolles, glückliches Leben führen will, trennt sich von Überflüssigem. Das ist Kondos Kernaussage. „Choose joy!“, flötet sie auf ihrer Homepage. Entscheide dich fürs Glück.

Ballast abwerfen ist also die Devise und nach Kondo sind zwei Drittel (!) der Dinge in einem Haushalt völlig unnötig und können entsorgt werden. Bleiben darf nur, was „Freude bereitet“.

Auf geht’s: Die glücklich machende KonMari-Methode diktiert, dass nicht ein Raum nach dem anderen durchforstet, entrümpelt und neu geordnet wird, sondern Kondo teilt in Kategorien ein: Zuerst geht’s den Klamotten an den Kragen, dann sind die Bücher an der Reihe, danach Papiere, Krimskrams und Erinnerungsstücke. Beispiel Kleidung: Unter den imaginären strengen Augen Marie ondos wird der gesamte Schrankinhalt auf dem Boden ausgebreitet, danach ­jedes Stück einzeln zur Hand genommen und die Frage gestellt: „Macht mich dieses Ding glücklich?“ (Kopf ausschalten und aufs Gefühl „hören“.) Wenn ja, darf es bleiben, wenn nicht, muss es weg.

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Ind tschüss. Kondo (l.) rät, alle Klamotten auf einen Berg zu stapeln und dann jedes Stück in die Hand zu nehmen – nur Dinge, die Freude machen, dürfen bleiben. ©Denise Crew/Neftlix

Dann folgt die Verabschiedung von Kleid, Pulli und/oder Hose – auch von Fehlkäufen, die ihren Zweck in den enthusiastischen Minuten des Kaufs erfüllt haben: „Danke, potthässlich-peinlicher, absurd teurer, von einem mit halluzinogenen Drogen zugedröhnten Designer entworfener Pullover, dass du mir zumindest beim Zahlen einen Adre­nalinschock versetzt hast …“ Vielleicht sollte man dem Pulli dann noch ein ­Abschiedsbussi auf die Schulter geben … davon ist zwar nicht die Rede bei Kondo, aber sie hätte sicher Verständnis, denn die Chef-Aufräumerin bedankt sich täglich bei ihren Schuhen – für die harte Arbeit, die sie leisten.

Zurück zum Ausmisten: Ist einmal Ballast abgeworfen, werden die verbleibenden Teile neu geordnet. Da wird – wie eingangs erwähnt – nach der KonMari-Methode gefaltet und gerollt und in Kisten – Kondo liebt Kisten und Schachteln – verstaut. Geschafft!
Geschafft? Vermutlich geht die ­patente Marie Kondo manchen von uns so furchtbar auf die Nerven, weil sie eine heikle Stelle anrührt. Ja, Ausmisten wäre einfach, könnte man sich locker von all dem Unnötigen trennen, ist es aber meist nicht. Warum auch immer …

Spirituelle Dimension. Dabei ist im aufgeräumten, entrümpelten Zuhause alles herrlich im Fluss (wissen wir ja von Feng-Shui) – Altes wurde losgelassen, Neues kann kommen (aber bitte nicht unbedingt neue Klamotten, Bücher usw.). Denn die KonMari-Methode hat auch eine spirituelle Dimension. Es geht Kondo nicht in erster Linie um Askese und Ästhetik, sondern um Magie. Um die Magie des Loslassens und um die Magie der Ordnung und deren positive Schwingungen: Mehr Platz und mehr Struktur machen frei und glücklich – der Umkehrschluss zum japanischen Sprichwort „Die Unordnung im Zimmer entspricht der Unordnung im Herzen“.
Gern erzählt Kondo diesbezüglich Geschichten von Klienten, die nach Entrümpelung und Neuordnung ihres Daheims „richtiggehend aufblühten“.Vielleicht, weil die Perfektionistin nach getaner Arbeit mit einem Klangstab sanft gegen einen Kristall schlägt – und die freigewordenen Magic Vibes mit flatternden Händen auch über den gefalteten und gerollten Unterhosen verteilt.

Für den Mistkübel. Ganz schön ­abgefahren, dachten sich wohl die Marketingstrategen von Ikea Singapur, in deren Visier die rasend erfolgreiche Japanerin geriet. Sie sprangen auf den Aufräum-Zug auf und werben via ­Social Media mit Kondos Mantra „Wenn es Freude bereitet“ für Aufbewahrungs­boxen. Praktisch, wie Ikea eben ist, steht für Dinge, die’s dort nicht hinein schaffen, Mistkübel „Knodd“ parat …
Für einen Werbespot würde sich wohl auch ein Geständnis der makel­losen Marie eignen. Unlängst verriet sie in einem Interview ihr Laster: „Ich trage gern Hausschuhe, aber ich ziehe sie an den verschiedensten Orten wieder aus – und dann liegen sie irgendwo herum …“
Ob sie sich wegen dieses Chaos bei ihrer Wohnung entschuldigt, hat sie nicht verraten.